12. Oktober 1963: Interview mit dem Journalisten Erich Wagner für den "General-Anzeiger" (Bonn)
Wir fragten Adenauer: Was werden Sie tun? - "Ich stehe zur Verfügung, wenn man es wünscht"

Frage: In diesem Augenblick, da Sie sich anschicken, Ihr Amt, nicht jedoch die Politik zu verlassen, möchte ich Ihnen, Herr Bundeskanzler, noch einige Fragen stellen dürfen. Sie haben in Ihrem politischen Leben, in den vierzehn Kanzler-Jahren zumal, unzählige Interviews gegeben, und dies hier wird nicht das letzte sein. Ihr Wort behält sein Gewicht, auch wenn es nicht mehr aus dem Palais Schaumburg kommt. Was also haben Sie vor? Was werden Sie tun?

Antwort: Sie wissen, Herr Wagner, dass ich Politiker bin. Ich habe mir vorgenommen, aus meiner Funktion als Abgeordneter heraus und mit meinem Erfahrungsschatz auch der künftigen Bundesregierung zur Verfügung zu stehen, wenn man es von mir wünscht. Ich möchte so auch unserem Volk nützlich sein, so lange es mir vergönnt ist. Natürlich werde ich die politische Entwicklung mit Interesse weiterverfolgen und mir meine politischen Ansichten dazu bilden. Vor Einsamkeit und Arbeitslosigkeit brauche ich mich nicht zu fürchten, denn ich habe auch noch den Plan, meine Erinnerungen zu Papier zu bringen, und möchte noch einige Reisen ins Ausland machen, die schon lange auf meinem Programm stehen.

Frage: Sie waren, bevor Sie 1933 als Oberbürgermeister von Köln vom NS-Regime entlassen wurden, Kommunalpolitiker, eine Zeitlang Präsident des Preußischen Staatsrates, einmal in den zwanziger Jahren designierter Reichskanzler. Aber erst 1945, also mit beinahe 70 Jahren, stiegen Sie in das ein, was man die "große Politik" nennt. Ihr entscheidendes innenpolitisches Verdienst ist - gewiß auch in Ihrer Sicht - die Schaffung einer großen interkonfessionellen Partei, der Christlich Demokratischen Union, gewesen. Hier erhebt sich die historische Frage mit heute lediglich theoretischem Wert: Warum ist 1930, als der Trend auf Hitler schon erkennbar wurde, aber vielleicht noch zu stoppen gewesen wäre, nicht ernsthaft der Versuch unternommen worden, die katholischen und protestantischen liberalen und gemäßigt konservativen Kräfte in der Mitte in einer großen staatstragenden und interkonfessionellen Partei zusammenzufassen, gewissermaßen als Vorwegnahme der CDU? Oder war es einfach "noch zu früh" dazu?

Antwort: Sie greifen hier sehr weit in die Vergangenheit zurück. Sie haben recht, auch ich hatte damals wie viele andere Politiker große Sorge, wie dem Vordringen des Radikalismus auf beiden Flügeln rechts und links, dem sichtbar heraufziehenden Chaos Einhalt geboten werden könnte. Es ist natürlich schwer zu sagen, wo in der damaligen Verwirrung Ansatzpunkte gewesen wären, um staatserhaltende Kräfte unter Verzicht auf parteipolitische Sonderinteressen zu sammeln. Es kam dazu, dass sich die Fronten sehr verstellt hatten, dass die Spannungen immer größer wurden.

Bedenken Sie auch, dass wir damals in Deutschland ein Heer von Arbeitslosen hatten. Unsere Demokratie war durch Schlagworte geistig unterwandert. Es fehlte ihr eine Führung und Sicherungen, wie sie erst 1948/49 im Parlamentarischen Rat beschlossen wurden: klare Mehrheiten, Verhinderung von Splitterparteien, ein differenziertes Wahlrecht. Seit 1933 hat das deutsche Volk für die Versäumnisse der Weimarer Zeit bitter bezahlen müssen.

Ich kann nur hoffen und dringend mahnen, dass diese Lehren nicht vergessen werden. Vor allem müssen unsere Jugend und die heranwachsenden Wählerschichten wissen und überdenken, welche Fehler uns damals in den Abgrund geführt haben und welche Krankheitserscheinungen heute dazu angetan wären, uns auf ähnliche gefährliche Wege zu führen.

Frage: Was sehen Sie, wenn Sie heute die vierzehn Jahre, in denen Sie Bundeskanzler waren, Revue passieren lassen, als Ihren größten außenpolitischen Erfolg an?

Antwort: Wir haben es in jahrelanger, zäher, geduldiger Arbeit erreicht, dass das deutsche Volk in der Welt wieder glaubwürdig und vertrauenswürdig geworden ist. Dieses Vertrauen auf allen Gebieten ist für die deutsche Politik ein großes Kapital. Die Gemeinschaft mit der freien westlichen Welt muß gefestigt und unerschütterlich erhalten werden, auch wenn hie und da natürliche Meinungsverschiedenheiten auftauchen. Nur durch diesen Zusammenhalt sichern wir das Leben und die Freiheit auch des deutschen Volkes und stärken den Frieden in der Welt.

Würde die Bundesrepublik die Einheit der freien Welt gefährden, so wäre auch sie aufs höchste bedroht. Diese bedeutete gleichzeitig eine Erschütterung für das ohnehin zerrissene Europa. Wir müssten die Hoffnung auf Selbstbestimmung und Wiedervereinigung aller Deutschen in einem freiheitlichen, sozialen Rechtsstaat begraben.

Die bisherige Politik der Bundesrepublik an der Seite der westlichen Welt führte dann zu der Versöhnung und Freundschaft mit Frankreich, wozu auch die glückliche Lösung der Saar-Frage beitrug. Diese Freundschaft muß wachsen und sich vertiefen und auf weite Sicht der politischen Einigung Europas den Weg bereiten. Auch auf diesem Gebiet dürfen wir uns durch Aufenthalte oder gar Rückschläge nicht entmutigen lassen. Denn Europa muss ebenso wie Deutschland seine Einheit wiederfinden.

Frage: Glauben Sie, Herr Bundeskanzler, dass in unserem Volk das demokratische Bewusstsein fest verankert bleibt?

Antwort: In dem allgemeinen Streben nach materieller Befriedigung gerät unser Volk in die Gefahr, die inneren Werte und die ideellen Güter zu vergessen. Zu diesen gehört auch - und ich wiederhole nur, was ich schon oft gesagt habe - die Verantwortung und Achtung jedes einzelnen Bürgers gegenüber seinem Staat als dem nun einmal notwendigen Ordnungsschutz, sie ist bei einer freiheitlichen Lebensform absolut notwendig.

Noch immer liegt die Erinnerung an das Hitler-Regime als schwere Last auf unserem Volk. Nach der Pervertierung des Staatsgedankens und der Staatsmacht in dieser Zeit setzen heute viele unserer Bürger die demokratische Lebensform der Schwäche des Staates gleich, jede Mahnung zur Stärkung der Staatsgesinnung sehen sie als verkehrtes obrigkeitliches Denken. Diesem Irrtum muß begegnet werden, und zwar nicht nur in den Unterrichtsstunden auf den Schulen, sondern durch die Bereitschaft der Bürger, selbst auf allen Stufen der demokratischen Ordnung mitzuwirken.

Wir müssen soweit kommen, dass jeder einzelne Bürger, unabhängig von seiner parteipolitischen oder konfessionellen Bindung, sich als verantwortlich für den Staat empfindet. Interessenlosigkeit aber, Mangel an Liebe und Achtung gegenüber Volk, Heimat und Vaterland, Kritik um der Kritik willen, zerstören auf lange Sicht bewusst oder unbewusst die Grundlage einer gewachsenen Einheit von Bürger und Staat und damit die Grundlage einer parlamentarischen Demokratie.

Frage: Die bisherigen Verhandlungen zwischen Bund und Ländern sowie die Beratungen im Bundestag, Bundesrat und Vermittlungsausschuss haben noch nicht geklärt, in welchem Verhältnis Bund und Länder an Einnahmen aus der Einkommen- und Körperschaftssteuer beteiligt werden sollen.

Antwort: Wie Ihnen bekannt ist, sind dem Bund umfangreiche neue Aufgaben übertragen, die vor allem in Zusammenhang mit erhöhten Verteidigungsbeiträgen, mit Problemen der Entwicklungshilfe und Fragen der sozialen Sicherheit und der Landwirtschaft stehen. Sie können vom Bund nur finanziert werden, wenn auch die Bundesländer dazu einen ihrer Leistungsfähigkeit angemessenen Beitrag leisten.

Die Spannungen, die im Zusammenhang mit der von Ihnen angeschnittenen Frage aufgetreten sind, sollten sich durch Rücksichtnahme aller Beteiligten auf das allgemeine Wohl beilegen lassen.

Quelle: General-Anzeiger für Bonn und Umgegend vom 12.10.1963.