15. Oktober 1963: Interview von Bundeskanzler Adenauer mit dem ZDF im Rahmen einer Dokumentation mit dem Titel "Adenauer blickt zurück - Stationen einer vierzehnjährigen Kanzlerschaft"

Sprecher: Die Kanzlerschaft Konrad Adenauers ist zu Ende. Er wird zwar nicht aus dem politischen Leben ausscheiden, er wird im Bundestag bleiben und er wird der Vorsitzende seiner Partei sein. Und außerdem wird er seine Erinnerungen schreiben. Wir wollten nun mit dem folgenden Film uns nicht in die große Reihe der Würdigungen dieser Tage einreihen, sondern versuchen, mit diesem Film den persönlichen Gedanken und Motiven Konrad Adenauers während der vergangenen vierzehn Jahre nachzuspüren. So ist dieser Film zu einem Vorgriff auf seine eigenen Memoiren geworden.

Sein Arbeitszimmer im ersten Stock (des Kanzleramtes), Zentrum der Staatsmacht. Welche Eigenschaften führen einen Politiker hierher? Ist es sein Wissen, der nüchterne Tatsachensinn, die Entschlusskraft? War es bei Adenauer, wie viele glauben, die Intuition? Oder was war es sonst?

Adenauer: Sie werden erstaunt sein über meine Antwort: Das Wichtigste ist der Mut! Meine Herren, der gute Politiker, der muß nicht nur vieles wissen, er muß nicht nur realistisch denken, er muß überlegen können, aber er muß auch Mut haben, dasjenige, was er als richtig erkannt hat, nun anderen zu sagen, zu vermitteln und durchzuführen!

Sprecher: Den größten Mut hat Adenauer wohl bewiesen, als er die Aufstellung einer neuen bewaffneten Macht verlangte und durchsetzte. Die Bundeswehr entstand. Aber es bedurfte harter Kämpfe im Parlament und in der Öffentlichkeit. Schon 1949, kaum ein Vierteljahr nach seiner Wahl, trat er in einer amerikanischen Zeitung zum ersten Mal für einen deutschen Wehrbeitrag ein. Es war ein gewaltiger Schock. Aber er findet auch im Rückblick die Entscheidung richtig.

Adenauer: Der Leitfaden war ja Anschluß an den Westen, und es zeigte sich mir recht bald, daß ein wirklicher Anschluß an den Westen nicht möglich war, wenn wir nicht ähnliche Lasten wie der Westen auf uns nahmen. Die internationale Lage hatte sich im Laufe weniger Wochen verschlimmert und verschlechtert. Es war gar nicht daran zu denken damals, daß nun bald ein Frieden geschlossen würde, so dass also insbesondere die Amerikaner doch in voller Stärke hier in Europa anwesend sein mußten. Und da war es ja eigentlich selbstverständlich, meine Herren, wenn man ernstgenommen werden wollte und der Gleichberechtigung, der Gleichbewertung allmählich näherkommen wollte, dass man dieselben Lasten übernahm, die auch die anderen übernahmen, das heißt, auch die Lasten einer Aufrüstung. Wenn Sie mit einer Anzahl von Leuten am selben Tisch sitzen und wenn Sie dieselben Probleme beraten und die anderen tragen diese Lasten, die sie ja auch nicht gerne getragen haben, und wir, die wir nun doch mindestens zu einem Teile nicht unschuldig waren am Entbrennen dieses Krieges, wir würden dabei gesessen haben und würden gesagt haben, nein, wir wollen aber keine Lasten übernehmen, dann wären wir niemals als gleichwertige Partner angesehen worden.

Sprecher: Aber im deutschen Volke fehlte es damals, wenige Jahre nach dem größten Blutvergießen des Jahrhunderts, an Verständnis für diese Politik. "Ohne mich" hieß eine Parole dieser Tage, und gegen diesen Standpunkt wirkten auch kalte Duschen nicht überzeugend. Entschlossen setzte Adenauer sich darüber hinweg. Als seinen Wehrbeauftragten schickte er einen Gewerkschaftler, Theo Blank, mit den ehemaligen Generalen Heusinger und Speidel zu den Alliierten. Aber es dauerte Jahre, bis endlich ein Vertragswerk fertig war, durch das die Bundesrepublik gleichzeitig souverän wurde und der NATO beitreten konnte. Die Redeschlachten im Bundestag erreichten Höhepunkte in der deutschen Parlamentsgeschichte, die Opposition leistete erbitterten Widerstand. Adenauer aber setzte sich durch. Die Verträge wurden angenommen. Die Aufstellung der Bundeswehr war nur das Ergebnis der Politik Adenauers. Ihr eigentlicher Inhalt war das rückhaltlose Bekenntnis zum Westen, die Absage an jede Form des Neutralismus. Diese Politik hatte schon im November 1949 mit dem Abschluß des Petersberger Abkommens begonnen.

Adenauer: Ich glaube, die Sozialdemokratie war damals nicht gut beraten. Man konnte nicht verlangen und erwarten, daß die früheren Gegner im Kriege uns nun sofort mit allen Ehren und mit Glorien empfingen, sondern wir mußten Schritt für Schritt gehen. Und dieses Petersberger Abkommen war ein solcher Schritt. Wir traten dadurch europäischen Institutionen bei und, was auch von besonderer Bedeutung für uns war, wir konnten dadurch erreichen, daß die ganze Abmontierung unserer Industrie nun gestoppt wurde, damit unser Volk nicht noch tiefer in das Elend hereinkam. Wenn ich nur denke an das Petersberger Abkommen, an jene Nacht im Bundestag, wie man sich über eine Sache, die nach meiner Meinung so einfach und so selbstverständlich war wie etwas, wie man sich darüber derartig ereifern konnte, so daß die Sitzung stundenlang ausgesetzt werden mußte usw., ich will gar nicht die Einzelheiten wiederholen, dann staunt man heutzutage noch, wie sehr damals der eine Teil des Hauses total anderer Meinung sein konnte wie der andere. Nach alledem, was wir gemeinsam erduldet und erfahren hatten unter dem Nationalsozialismus und im Kriege. Und ich erblickte gerade darin auch eine Rechtfertigung meiner Haltung, die kleine Koalition zu schaffen, denn diese Auseinandersetzungen in einer Bundesregierung hätten diese Bundesregierung entweder gesprengt, und das wäre sehr übel geworden, oder völlig lahmgelegt.

Sprecher: Konrad Adenauer selbst nannte diese Entscheidung für die kleine Koalition die grundlegende Entscheidung für seine ganze Regierungszeit.

Adenauer: Die Gründe sind - kurz zusammengefaßt - die folgenden: Einmal die Stellungnahme gegenüber dem Westen. Der zweite Grund war der, daß ja in Frankfurt, in dem Frankfurter Wirtschaftsrat, große Auseinandersetzungen gewesen waren über die Frage der freien Marktwirtschaft oder nicht, und ich wollte diesen Streit nicht von vorneherein wieder entfachen in einer Bundesregierung, und der dritte Grund war der, daß nach meinen Erfahrungen aus der Vergangenheit, aus der Vergangenheit Deutschlands im Reichstag und in der Weimarer Zeit doch es gut ist, wenn eine große Partei führt und wenn nicht zwei große Parteien durch Auseinandersetzungen, interne Auseinandersetzungen ihre Kraft verschleißen im Streit miteinander. Das waren die Gründe.

Sprecher: Nicht von allen politischen Freunden hat Adenauer damals Beifall für seine Haltung geerntet.

Adenauer: Die Herren hatten sich eben in die neue Situation noch nicht hereingefunden. Sie dachten noch, wie man in Situationen der Vergangenheit eventuell denken konnte. Und davon mußte man sie überzeugen, daß nun wirklich jetzt eine neue Epoche der Geschichte, der deutschen Geschichte angebrochen war, daß man sich die Tatsachen ansehen mußte absolut realistisch, wie sie waren, und dementsprechend auch handeln mußte. Und davon ist es mir dann gelungen dank meiner primitiven Redeweise, die große Mehrzahl meiner Parteifreunde zu überzeugen!

Adenauer (zu seinem Verhältnis zu Dr. Schumacher): Ich habe mit Herrn Dr. Schumacher verschiedene sehr intime Gespräche gehabt, bei denen ich ihn kennengelernt hatte als einen sehr klugen Mann, als einen sehr weitblickenden Mann, aber er war nicht dazu zu bekommen, von einer einmal gefaßten Ansicht abzugehen. Das war ihm nicht gegeben. Und damit komme ich auf den Politiker zu sprechen. Er hatte, Sie haben das ja auch bildlich gezeigt und aufgenommen, eine ganz andere Auffassung von der Möglichkeit, Sowjetrußland zu widerstehen.

Adenauer (zu seinem Verhältnis zu Prof. Heuss): Mein persönliches Verhältnis zu Professor Heuss war denkbar gut. Auch persönlich und auch dienstlich, wir hatten ein sehr gutes Verhältnis zueinander, und ich denke sehr gern zurück an Professor Heuss und freue mich, nach den letzten Nachrichten, daß es ihm wirklich besser geht. Ich habe noch vorgestern einen längeren Brief von ihm bekommen, den er nicht selbst geschrieben, aber unterschrieben hat; und ich sehe auch an seinem Brief sein reges politisches Interesse.

Sprecher: Der populärste Minister Adenauers war in all diesen Jahren Ludwig Erhard, aber die Spatzen pfiffen es von den Dächern, daß es im persönlichen Verhältnis der beiden Männer manchmal Ärger gab, der Erhard sehr erregte.

Adenauer: Was immer gesagt wird, ich hätte Erhard immer im Wege gestanden, ist gar kein Wort von wahr, meine Herren. Ich weiß, kenne meine Grenzen meiner Fähigkeit, und ich weiß, daß Erhard ein hervorragender Wirtschaftler war. Ich verstand relativ wenig von Wirtschaft, also warum soll ich einem Minister, der viel versteht von einer Sache, hereinreden, wenn ich weniger verstehe! Da setze ich mich doch nur der Gefahr aus, von ihm widerlegt zu werden! Das ist also überhaupt mein Prinzip, daß die entscheidenden Sachen, die wirklich entscheidenden Sachen, die sich manchmal in ganz wenigen Dingen konzentrieren, daß die vom Chef der Regierung entschieden werden müßten, mit seiner Zustimmung getan werden müssen, daß er aber seinen Mitarbeitern im übrigen möglichst viel Freiheit läßt.

Adenauer (zu seiner ersten Reise in die USA): Nach meiner Meinung kann man diese Reise gar nicht hoch genug bewerten, denn damit war das Tor aufgestoßen. Ich gestehe Ihnen offen, daß ich Sorge gehabt habe, nicht im Jahre 1953, aber früher, wie sich die USA zu den ganzen Verhältnissen auf der Erde verhalten würden und ob die USA, die doch in sehr schneller Zeit zu der größten Macht der Erde emporgestiegen waren, nun sich darüber klar sein würden, welche Verantwortung sie daher trügen. Ich hatte es so nicht erwartet. Das muß ich Ihnen ganz offen gestehen, und ich denke an jene Tage in Amerika auch jetzt noch immer mit einem Gefühl der großen inneren Freude zurück. Es begann schon in New York und setzte sich dann nachher fort durch das ganze Land hindurch, und ich bin Präsident Eisenhower und John Foster Dulles von ganzem Herzen dafür dankbar, daß sie diese Großherzigkeit und Großzügigkeit gefunden haben, wie sie das deutsche Volk, vertreten durch meine Person, damals behandelt haben. Und wenn ich daran denke, wie hinter mir hergetragen wurde so kurze Zeit nach einem so schrecklichen Kriege von einem amerikanischen Offizier eine deutsche Flagge, dann bin ich auch jetzt noch tief bewegt.

Adenauer (zu seinem Verhältnis zu Foster Dulles): Ich kann mich sehr wohl daran erinnern, und was ich eben gesagt habe, möchte ich nochmals wiederholen: Präsident Eisenhower und John Foster Dulles waren immer einer Meinung, und es war für uns Deutsche sehr wertvoll, daß in allen Deutschland und Europa betreffenden Fragen, ich möchte das betonen, Europa betreffenden Fragen sowohl John Foster Dulles wie Eisenhower meinen Rat außerordentlich schätzten und befürworteten.

Adenauer (zu seinem Verhältnis zu Präsident Kennedy): Ich möchte Ihnen folgendes sagen: Präsident Eisenhower kannte Europa aus dem Kriege. Er wußte viel von Europa aus dem Kriege. Präsident Kennedy mußte erst Europa und Deutschland kennenlernen. Sein letzter Besuch in Deutschland hier bei uns und in Berlin hat, glaube ich, ihm manche Vorurteile, die er vielleicht hatte, beseitigt, und ich glaube, er ist mit ganz anderen Eindrücken von Deutschland und von Europa überhaupt - er war ja auch in Italien und er war in England und er war in Irland - weggefahren, als er hierhin gekommen ist.

Adenauer (zu Europa und Frankreich): Man darf ja nie vergessen, meine Herren, wie die Welt im Jahre 1900 aussah! Sehen Sie, im Jahre 1900, da hatte England die größte Flotte der Welt, und diese Flotte war größer als die beiden nächsten Flotten zusammengenommen, und mit der Flotte beherrschte es die Welt, die Weltmeere und damit auch die Welt, weil es noch keine Flugzeuge gab. Wir, die Deutschen, hatten im Jahre 1900 die stärkste Armee der ganzen Welt, allgemein anerkannt als die stärkste Armee. Und schon das Vorhandensein einer solchen Armee schafft politischen Einfluß. Und 1900 war Amerika ein Land, das noch keine Außenpolitik hatte und das aus dem Übergang in eine ganz neue Struktur begriffen war, politische und wirtschaftliche Struktur begriffen war. Also so haben sich die Verhältnisse verändert, und es scheint sich doch auf eine jetzt nicht zu schätzende Zeit herauszustellen, daß hier die USA, hoffentlich später einmal doch Südamerika, auch vereinigt, hier Sowjetrußland und dahinter Rotchina stehen wird, und dieses kleine Europa ist zerstückelt und zerteilt! Es kann nur, ich kann es immer nur wieder betonen, es kann nur wirklich am Leben bleiben auf die Dauer, wenn es sich zusammenschließt, und ein Zusammenschluß von Europa ohne eine Freundschaft zwischen Frankreich und Deutschland ist unmöglich.

Adenauer (zu Robert Schuman und zur Montanunion): Es hatten zwischen Robert Schuman und mir schon eine ganze Reihe von Kontakten stattgefunden, und ich hatte in Robert Schuman einen Mann erkannt, dem wirklich der Friede am Herzen lag. Ihm lag zunächst am Herzen der Friede zwischen Frankreich und Deutschland, und wenn ich jetzt vorgreifen darf, sein Vorschlag der Montanunion war in erster Linie ein politischer Vorschlag. Er hat mir damals, als er den offiziellen Vorschlag herüberschickte, einen Privatbrief geschrieben, in dem er ausgeführt hat, daß die Grundlage des Friedens in Europa ein gutes Verhältnis zwischen Frankreich und Deutschland sein müsse. In Frankreich fürchte man, daß Deutschland eines Tages Revanche nehmen würde für die Niederlage und wir seien vielleicht erschreckt durch das, was nun Frankreich für Leute hinter sich habe. Deswegen hat er, so schrieb er mir, folgenden Gedanken gehabt: Man solle, weil jede Mobilmachung sich zeige zuerst in der erhöhten Produktion von Eisen und Stahl, solle man einen Vertrag schließen, der es ermögliche, dass das französische Volk kontrollieren könnte, was wir auf dem Gebiete von Eisen und Stahl täten, und daß umgekehrt wir kontrollieren könnten, was Frankreich auf dem Gebiete tue. Das war die Grundlage der Montanunion, die also nicht in erster Linie wirtschaftliche Bedeutung hatte, sondern eine eminent politische.

Adenauer (zum Scheitern der EVG): Dieses Scheitern der EVG im französischen Parlament war in meiner ganzen politischen Tätigkeit wohl der härteste Schlag von allen. Und ich erinnere mich noch sehr, wie niedergeschlagen ich war, als ich die Nachricht bekam auf Bühlerhöhe. Ich war wirklich sehr niedergeschlagen, denn das war ein Kernstück der ganzen französisch-europäischen Zusammenarbeit. Aber in der Politik, meine Herren, darf man nicht so lange niedergeschlagen sein; wenn ein Weg sich als nicht gangbar erweist - und der hatte sich als nicht gangbar erwiesen -, muß man einen neuen suchen. Und so haben wir das auch hier getan.

Adenauer (zu den Römischen Verträgen): Der Gedanke an eine europäische Zusammenarbeit und insbesondere an eine Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Frankreich kam mir zu Zeiten des passiven Widerstandes. Cuno war damals Reichskanzler. Er war ein Freund von mir. Ich habe ihn öfter in Berlin besucht. Und wenn man da sah, wie jammervoll verlassen Deutschland war, wie es ganz allein dastand und wie keiner ihm helfen wollte, vielleicht auch keiner helfen konnte, damals entstand bei mir der feste Vorsatz, alles zu tun, was ich könnte, damit etwas Derartiges sich nicht wiederholt.

Sprecher: Die EWG blieb nicht ohne Krisen. Aufregung in Brüssel. Verhandlungen mit Großbritannien sind gescheitert. Hat der französische Staatspräsident de Gaulle diesen Beitritt verhindert?

Adenauer: Den hat er nicht verhindert. Ich war damals in Paris, und es war vorangegangen das Presseinterview de Gaulles vom - ich glaube - 15. oder 14. Januar. Und ich habe mit ihm darüber gesprochen. Und er sagte mir, er habe dieses Presseinterview gegeben, weil der Besuch von Macmillan, der namentlich handelt über nukleare Fragen, ihm die Veranlassung dazu gegeben hat. Dann habe ich Herrn de Gaulle gesagt, bei allem Verständnis, das ich Ihnen entgegenbringe, England kann nicht abgewiesen werden. Und Herr de Gaulle hat mir damals gesagt, das ist auch meine Meinung. Eine Panne, die unbedingt hätte vermieden werden können, hätte vermieden werden müssen. Man muß auch zugeben, daß so unmittelbar nach dem Kriege, der Europa zerfleischt hatte, der Wille, alles zu tun, um eine Wiederkehr solcher Zustände zu verhüten und Europa zusammenzuschließen, naturgemäß stärker war als in der Folge. Aber vielleicht haben wir auch damals die großen inneren Schwierigkeiten etwas zu leicht genommen. Wenn man ruhiger denkt, werden die inneren Schwierigkeiten - bringen die sich mehr zur Geltung. Aber was von Europa bisher geschaffen worden ist, ist so wesentlich für alle, daß ich den Glauben daran, daß die politische Gemeinschaft kommen wird, keineswegs aufgegeben habe, im Gegenteil: Ich bin fest davon überzeugt, daß sie eines Tages kommen wird. Ich habe über diese Frage mit Herrn de Gaulle vor Jahr und Tag gesprochen, als er von einem Besuch aus Checkers zurückgekommen war und mir gesagt hat, daß Macmillan ihm erklärt habe, daß er ernsthaft den Gedanken verwirklichen wolle, in die EWG einzutreten. Sie dürfen nicht vergessen, meine Herren, daß die größten Widerstände zuerst bei England waren und nicht bei uns waren, daß mehrere Versuche unsererseits, England zu uns heranzubekommen, fehlgeschlagen sind, weil der insulare Charakter Englands, der die Menschen geprägt hat, ihm diese Zusammenarbeit mit dem kontinentalen Europa doch außerordentlich schwer macht. Und um nur einen kleinen Beweis dafür zu geben: Wir haben die WEU gar nicht geschlossen, weil damals das noch nicht ging, daß England hereinkam. Nun, lange Jahre hindurch - ich weiß nicht, ob jetzt noch -, die Briefköpfe, die Großbritannien hatte, wenn es als Mitglied der WEU handelte, hatten natürlich das Impressum von Großbritannien, aber die Briefe fingen dann an mit folgendem Satz: "Wir und unsere europäischen kontinentalen Verbündeten ..." Also nicht "wir", sondern "wir und unsere europäischen kontinentalen Verbündeten". Aber damals, als de Gaulle mir das sagte, daß ich mehr an ihn gesagt [!] habe, nun wolle England ernstlich darangehen, waren de Gaulle und ich uns völlig dabei einig, daß ein so großes Land wie Großbritannien, wenn es ernsthaft wolle, nicht zurückgestoßen werden dürfe.

Adenauer (über seine Wirkung als Redner): Ich habe gelernt. Ich erinnere mich noch lebhaft meiner Rede, die ich gehalten habe als Politiker. Das war noch im Museum Koenig, wo im Hintergrund die Giraffen und die Affen ausgestopft standen. Und ich gestehe Ihnen ganz ehrlich und offen, daß ich meine Rede Wort für Wort aufgeschrieben hatte und da verlesen habe und daß ich ein großes Herzklopfen gehabt habe. Aber man gewöhnt sich dran. Und der Redner, der muß selbst wissen und erkennen, ob die Menschen, die ihn hören, ob die ihn verstehen oder ob sie ihn nicht verstehen. Das kann man den Menschen ansehen und dementsprechend muß er sich einrichten. Und das hat dann auch zur Folge gehabt, daß ich später im Großen und Ganzen immer ganz frei gesprochen habe. Übrigens ein Wort zu der primitiven Redeweise: Nicht, daß mich das ärgert, im Gegenteil: Ich finde, daß der Redner, der nun nicht etwa spricht zu einer Zahl von auserwählten Politikern, der zum Volke spricht, zu sehr vielen Leuten, die der Politik gar nicht so nahe stehen, daß dessen Aufgabe ist, die politischen Tatsachen und Wahrheiten so einfach auszusprechen, daß er ihnen folgen kann. Das kann man eben nicht tun, wenn man einen gelehrten Vortrag hält.

Adenauer (zu seiner Entlassung als Oberbürgermeister von Köln): Es war der Traum meines Lebens, daß ich wieder zurückkommen konnte in das zerstörte Köln, und dann Köln wieder aufzubauen. Und Sie wissen, daß man mich ja aus diesem Traum meines Lebens ziemlich jäh herausgerissen hat. Und ich habe später dem englischen General, der mit mir diese Zeremonie da gemacht hat, auch einmal gesagt, als ich ihn wiedertraf: "Sie sind sich doch darüber klar, daß Sie der geistige Vater der CDU sind."

Sprecher: Für seine Partei in den Wahlkampf zu ziehen, war für ihn nach seinen Worten immer ein wahrer Jungbrunnen. Warum?

Adenauer: Weil ich aus dem Büro rauskam. Und weil ich die Verbindung mit der Bevölkerung dadurch bekam.

Adenauer (zu den Karikaturen über ihn): Ich amüsiere mich über die Karikaturen. Und ich bin wirklich da gar nicht empfindlich drin und prüfe, ob der Mann, der die Karikatur gemacht hat, nicht vielleicht doch da einen wunden Punkt berührt hat.

Adenauer (zur Errichtung der Berliner Mauer 1961): Ich wollte mit Johnson nach Berlin fliegen; aber Johnson hat mir erklärt, daß er das nicht wünsche.

Adenauer (zum Wahlkampf 1961): Wir können gegenüber dem riesigen Ansturm, den wir zu überwinden haben, zufrieden sein. Der Ansturm war viel größer, als Sie sich das vorstellen können. Und wir haben ja gekämpft auch gegen einen Teil des Rundfunks und des Fernsehens.

Sprecher: Mit spitzer Feder wurde Adenauer manchmal vorgeworfen, sich weit mehr der Außenpolitik als der weniger geliebten Innenpolitik zu widmen.

Adenauer: Innenpolitik ohne eine Außenpolitik, die uns das Leben doch verbürgt, ist ja überhaupt nicht möglich. Also die Außenpolitik hat den Vorrang, noch auf lange Zeit.

Adenauer (zum Saarstatut): Ich finde, daß die Lösung der Saarfrage viel zu wenig gewürdigt wird in der deutschen Öffentlichkeit. Man sollte sich doch darüber klar werden, wie damals auch die Saarbevölkerung mittendurch geteilt war und daß jahrhundertelang die Saar zwischen Frankreich und Deutschland, dem Deutschen Reich, ein gewisser Gegenstand der Auseinandersetzung gewesen ist. Uns ist damals gelungen, durch die Abstimmung der Saarbevölkerung einen Zustand herbeizuführen, der - wie die Dinge gezeigt haben - von beiden Seiten, auch von der unterlegenen Seite, also hier von Frankreich, akzeptiert worden ist und uns in unseren Beratungen in keiner Weise mehr stört.

Adenauer (zur deutsch-französischen Freundschaft): Ich hatte Herrn de Gaulle ja nicht in Paris aufgesucht. Und ich hatte ihn auch wissen lassen, daß ich als Vertreter einer besiegten Nation ihn nicht in Paris aufsuchen könnte. Und er hat dann vorgeschlagen, daß wir uns in Colombey-les-Deux-Églises, in seinem Privathause, gelegentlich einer Reise von mir einmal aussprechen sollten. Und darin, meine Herren, ich sage das auch aus dem Grunde, bitte ich, zu sehen doch eine Größe der Auffassung bei Herrn de Gaulle, wenn der Vertreter des besiegten Deutschlands sagt, ich kann Sie nicht in Paris aufsuchen, und er ladet ihn dann ein, in sein privates Haus zu kommen in Lothringen, dann ist das [etwas], [dazu] würde nicht mancher fähig gewesen sein. Frankreich und Deutschland bleiben immer Nachbarn. Das wird niemals aus der Welt verschwinden. Und wenn diese Nachbarn in Streit und Hader leben, dann leidet der ganze kleine Erdteil Europa darunter. Wir sind demselben Druck ausgesetzt, und wir wollen beide diesem Druck nicht nachgeben.

Adenauer (zur Person de Gaulles): De Gaulle ist ein sehr weitblickender Mann, und ein sehr realistisch denkender Mann, und ein Mann, der bei dem bleibt, was er nun einmal als richtig erkannt hat. Also wenn wir uns zusammenfinden im Widerstand gegen diesen Druck - wir sind zusammen doch immerhin zwei Länder von 110 Millionen Einwohnern -, dann hat das was zu bedeuten. Und, meine Herren, wenn einmal dieser Druck gewichen sein sollte, was ich hoffe, dann bleibt übrig, daß Europa und die einzelnen europäischen Länder sich nur in dieser Welt behaupten können, wenn sie zusammengeschlossen sind in irgendeiner Form.

Adenauer (zum 17. Juni 1953): Ich habe nie daran gezweifelt, daß die überwiegende Mehrzahl der Deutschen in der Zone das kommunistische Regime ablehnten. Und insofern habe ich begrüßt, dass durch diesen Aufstand nun der ganzen Welt das sichtbar gezeigt wurde. Ich bin nach wie vor davon überzeugt. Gott! Und wer die Zeitungen liest und liest, wie die armen Menschen nun versuchen, hier in die Freiheit zu entkommen, wie sie sich allen möglichen Schwierigkeiten aussetzen, dem Erschießen aussetzen usw., der hat doch jeden Tag doppelt und dreifach den Beweis, dass die Leute ein anderes Regime wollen.

Adenauer (zur Berliner Mauer): Ich glaube, dass der Zustand so ist und dass auch Sowjetrussland auf die Dauer ihn nicht wünscht. Aber, meine Herren, Zeit ist bei uns Westländern etwas anderes wie die in Sowjetrussland. Wir wollen immer sehr schnell alles haben, der Russe hat ein anderes Maß für Zeit.

Sprecher: War die Entscheidung, auch im Rückblick betrachtet, richtig?

Adenauer (zu seiner Moskaureise 1955): Die Entscheidung? - Die deutsche Kommission war nicht einer Meinung, weiter will ich nichts verraten -, die Entscheidung war richtig. Malen Sie sich doch vor, wir hätten das nicht getan. Ich wäre auch nicht weggegangen aus Moskau ohne die Gefangenen. Das war für mich ein ganz wesentlicher Punkt, dieser menschliche Punkt. Ich freue mich jetzt noch immer, wenn jemand auf mich zukommt und mir sagt, eine Frau: Sie haben mir meinen Mann wiedergegeben; ein Mann mir sagt: Ich gehöre zu denen, die da infolge Ihrer Intervention dann frei wurden. Auch dieser Tage war das ganz rührend, so dass ich mich darüber sehr freue. Die Sache ist dann mit den diplomatischen Beziehungen - hat sich nicht so entwickelt, wie ich das gehofft hatte.

Adenauer (zur Person Sorins): Sorin ist ein Mann von Bedeutung und ein Mann, der in Sowjetrussland einen großen Einfluß hat. Den Mann hat man uns damals geschickt. Daß wir nicht sofort ihm um den Hals fielen, das ist ganz klar. Aber man hätte doch nach meiner Meinung diese ganze Zusammenarbeit etwas mehr pflegen sollen, als man es getan hat. Ob dabei viel herausgekommen wäre, kann ich nicht sagen. Aber ich hielt es nicht für richtig.

Sprecher: Hält er Chruschtschow für einen großen Mann?

Adenauer: Das können Sie nun nicht von mir verlangen, daß ich das tue. Wenn Sie mein Urteil über Chruschtschow hören wollen. Ich war ja im Jahre 1955 dort und war sechs Tage, jeden Tag mehrfach, mit ihm zusammen. Nun kann ich Ihnen noch folgendes sagen: Es ist ein kluger Mann, ein Mann von großer Entschlossenheit und Entschiedenheit, ein Mann, der sehr klar sieht, ein Mann, der seine Ziele unentwegt verfolgt. Und das sollten wir Deutsche gerade im gegenwärtigen Augenblick - sollten das klar erkennen. Wenn Sie heute früh die Zeitungen gelesen haben, dann werden Sie gelesen haben, daß Rußland erklärt hat, sein Standpunkt zur Deutschlandfrage bleibe unverändert. Also unverändert trotz der Versuche, eine Entspannung herbeizuführen - unverändert. Aber ich möchte Ihnen doch folgendes sagen, wie von Rußland aus die deutsche Frage betrachtet wird. Es ist lächerlich anzunehmen, daß Rußland mit seinen 225 Millionen Einwohnern, ohne die Satellitenstaaten, etwa fürchtet, daß wir 17 Millionen mehr Einwohner bekämen, d. h. unsere Freunde, unsere Brüder aus der Ostzone. Das ist ja ganz falsch. Hätte ja gar keine Veranlassung, auch deswegen keine Veranlassung, ich habe ja mehrfach öffentlich angeboten, wir wollten auf jeden Zuwachs unserer militärischen Kraft durch die Rückkehr der Zone und Berlins, wollten wir verzichten. Ich habe nicht einmal eine Antwort darauf bekommen. Die Sache liegt viel tiefer. Und ich muß sagen, die deutsche öffentliche Meinung macht sich das gar nicht klar. Es kommt Sowjetrußland an, Westdeutschland zu beherrschen, um dadurch ein wirtschaftliches Potential zu bekommen, was es befähigt, stärker zu sein als die Vereinigten Staaten, und auch gegenüber Rotchina für lange, lange Jahre hinaus eine Position zu haben, die Rotchina, mit der Rotchina nicht fertig wird. Das ist doch der Kern der ganzen Frage. Und im Großen und Ganzen war mir das damals schon klar. Nur bin ich in Gesprächen mit unseren Gastgebern in Sowjetrußland zum ersten Mal hingewiesen worden auf die Bedeutung von Rotchina für Sowjretrußland. Und das werde ich nie vergessen, solange ich lebe. Er hat mir gesagt, daß Rotchina eine ungeheure Gefahr bedeute für Sowjetrußland. Man solle nur daran denken - damals schon 600 Millionen, jedes Jahr eine Million Menschen mehr -, und wo das alles einmal hinführen solle. Er hat das aber weiter ausgeführt, und ich kann Ihnen nur sagen, meine Herren, er hat das ausgeführt in einem solchen Ernst - wir waren im allerkleinsten Kreise -, in einem solchen Ernst, daß diese Worte von ihm sich mir eingeprägt haben, daß ich sie nie vergessen habe bei der ganzen Politik der kommenden Jahre. Und ich glaube fast, daß jetzt der Augenblick da ist, wo diese Frage doch anfängt, für Sowjetrußland so zu werden, daß es mit dem Westen in Frieden, in wirklichen Frieden kommen muß einschließlich der deutschen Frage. Und ich halte es, das sage ich Ihnen, meine Herren, und damit der ganzen Öffentlichkeit, für etwas komisch, wenn man sich überschlägt, um Sowjetrußland Weizen zu liefern. Warum denn? Ich möchte mal gerne wissen, was hat denn Sowjetrußland bisher getan zur Entspannung? Sehen Sie, ich habe eben davon gesprochen, wenn ich heute in der Zeitung lese, daß Sowjetrußland erklärt hat, sein Verhältnis, seine Stellung zu der deutschen Frage sei völlig unverändert, zum Kuckuck zu noch mal, warum läuft man denn dahin und bringt da Hunderttausende Tonnen von Weizen hin? Dann kann man doch von den Russen auch einmal etwas dafür verlangen. Und das ist, was mir Sorge macht. Der Russe ist nur fürs Einnehmen, aber nicht fürs Ausgeben.

Sprecher: Mit den kommunistischen Machthabern in Ostberlin zu sprechen, hat Adenauer immer abgelehnt. Alle Anbiederungsversuche der Pankower Behörden waren vergebens.

Adenauer: Die Leute in Pankow waren doch Marionetten von Moskau. Also wenn ich schon sprechen will mit einer anderen Seite, dann geht es nicht, daß ich zum kleinen Bäckerchen gehe, dann gehe ich zum Bäcker selbst. Nun, ich habe den Versuch gemacht im Jahre 1962. Ich habe damals Herrn Chruschtschow einen Brief geschrieben, an ihn persönlich, und habe ihn gefragt, ob wir nicht einen Burgfrieden für zehn Jahre schließen sollten und nach zehn Jahren dann eine Abstimmung erfolgen könnte; Voraussetzung, daß es auch während der zehn Jahre den Menschen in der Sowjetzone größere Freiheiten - für die größere Freiheiten gäbe als jetzt. Der Brief ist nie beantwortet worden.

Sprecher: Die Regierungszeit Konrad Adenauers ist zu Ende. Vieles ist ihm gelungen. Deutschland genießt wieder Vertrauen in der Welt. Aber noch ist Deutschland, ist Europa gespalten. Man spricht von Entspannung, hofft auf Frieden. Und Adenauer sagt:

Adenauer: Ich wünsche nur sehnlichst das eine, daß die Deutschen, und zwar alle Deutschen, erkennen, wenn die Stunde gekommen ist, wo man mit Sowjetrußland wirklich vernünftig sprechen kann.

Abschluß des Sprechers: Wird er diese Stunde noch erleben? Auch er weiß es nicht. Für ihn ist mitten auf dem Wege der Tag gekommen, an dem die Last der Verantwortung für das Schicksal dieses Volkes von anderen übernommen wird. Wie es vor vierzehn Jahren begann, so endet es. Konrad Adenauer verläßt das Haus, in dem morgen ein anderer Herr sein wird.

(Anmerkung: Historische Filmdokumente und Ausschnitte aus früheren Reden Adenauers und anderer Politiker bleiben in dieser Mitschrift unberücksichtigt.)

Quelle: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, Mitschrift der Rundfunkaufnahme des ZDF vom 15.10.1963.