25. Oktober 1963: Interview von Bundeskanzler Adenauer mit Alfred Wolfmann für die "Allgemeine Wochenzeitung der Juden in Deutschland"

Adenauer dankt den Juden

Dr. Adenauer gewährte dieses Interview kurz vor seinem Rücktritt vom Amt des Bundeskanzlers in der vergangenen Woche.

Frage: Wie sehen Sie die Konsolidierung der jüdischen Gemeinden in der Bundesrepublik in den 14 Jahren, in denen Sie die Regierungsverantwortung trugen, nachdem Sie 1949 in einem Interview mit der "Allgemeinen" Ihre Hoffnung in dieser Frage zum Ausdruck gebracht hatten?

Adenauer: Ich bin zutiefst davon überzeugt, daß sich die Hoffnungen, die ich damals Karl Marx gegenüber in einem Interview für die "Allgemeine Wochenzeitung der Juden" ausgesprochen habe, in dem Maße, in dem das möglich war, erfüllt haben. Ich weiß jedenfalls, daß viele jüdische Mitbürger nach diesem Gespräch wieder Hoffnung geschöpft und sich darauf besonnen haben, daß manche Deutsche mit ihnen unter der Tyrannei jener Tage seelisch und physisch gelitten haben. So darf ich annehmen, daß meine Überzeugung dazu beigetragen hat, die Voraussetzung für einen neuen Anfang jüdischen Lebens in der Bundesrepublik zu legen. Ich danke bei dieser Gelegenheit auch dem Zentralrat der Juden sowie allen jüdischen Mitbürgern, die zum Wiederaufbau und zur Wiedergeburt Deutschlands so tatkräftig beigetragen haben.

Frage: Halten Sie den Prozeß der Demokratisierung in Deutschland für abgeschlossen oder glauben Sie, daß es in dieser Hinsicht noch einiges zu tun gibt?

Adenauer: Das Vertrauen, das die Bundesrepublik in der gesamten freien Welt erworben hat, geht sicherlich nicht nur darauf zurück, daß die Bundesregierung und ihre Außenpolitik von den Verbündeten des Westens sowie von allen freien Nationen in der freien Welt anerkannt wird. Die Politik, die uns im Laufe der letzten 14 Jahre einen guten Teil Vertrauen in aller Welt wiedererrungen hat, wäre nicht denkbar gewesen, wenn sich das deutsche Volk nicht auf die freiheitlichen und humanistischen Traditionen, die Deutschland in seinen besten Zeiten gekennzeichnet haben, wieder besonnen hätte! Dieser Prozeß wird anhalten. Die Politik der Deutschen trägt heute dazu bei, den Frieden in der Welt zu erhalten und die Freiheit zu schützen.

Frage: Glauben Sie, daß die Jugend in Deutschland zum Antisemitismus eine klare ablehnende Haltung einnimmt und in ihrer überwiegenden Mehrheit eine echte Verständigung zwischen Christen und Juden anstrebt?

Adenauer: Ich bin der festen Überzeugung, daß der deutschen Jugend Gefühle der Intoleranz gegenüber anderen Völkern und insbesondere gegenüber den jüdischen Menschen fremd sind. Man muß sich noch einmal Rechenschaft darüber abgeben, daß es in Deutschland nie einen militanten Antisemitismus gegeben hat, bis die Nationalsozialisten die Macht ergriffen. Alle kritischen Besucher aus dem Ausland versichern mir immer wieder, daß sie dieser deutschen Jugend sehr große Hoffnungen entgegenbringen, einer Jugend, die heute auf dem Gebiet der Völkerverständigung mit Leidenschaft und innerster Anteilnahme tätig ist. Die vielen Reisen der deutschen Jugend nach Israel, die Arbeit der christlich-jüdischen Gesellschaften, das Studium der Literatur, die Diskussionen bei Jugendtreffen beweisen, daß es sich nicht um Einzelfälle, sondern um eine allgemeine Tendenz handelt, den guten Weg zu einem toleranten Nebeneinander- und Miteinanderleben aller Menschen guten Willens zu finden.

Frage: Wären das deutsche Volk und insbesondere die deutsche Jugend heute in der Lage, jedem Radikalismus von rechts oder links energisch entgegenzutreten?

Adenauer: Mit beiden Formen des Radikalismus, des Rechts- wie auch des Linksradikalismus, hat das deutsche Volk so bittere und folgenschwere Erfahrungen machen müssen, daß niemand derartige Ausschreitungen begreifen würde. Ich glaube, daß das Gefühl für Freiheit und Recht so gewachsen ist, und dies insbesondere in der Jugend, daß jeder Versuch eines Angriffs auf die freiheitliche Grundordnung von vornherein zum Scheitern verurteilt wäre.

Frage: Die Bundesregierung gewährt vielen afrikanischen und asiatischen Staaten eine beachtliche Entwicklungshilfe. Ist es denkbar, daß nach Beendigung der im Luxemburger Abkommen vorgesehenen Zahlungen auch Israel eine solche Hilfe geleistet wird?

Adenauer: Die Bundesregierung hat bisher keinen freien Staat von ihrer Hilfe ausgeschlossen. Sie trägt im Rahmen ihrer Möglichkeiten zur Entwicklung der Infrastruktur dieser Länder bei.

Frage: Erstrebt Ihre Politik in absehbarer Zeit sowohl mit den arabischen Ländern als auch mit dem Staat Israel nicht nur freundschaftliche Kontakte, sondern auch geordnete Beziehungen zu unterhalten?

Adenauer: Der Gedanke, der die Politik der Bundesregierung am stärksten bestimmt, ist die Erhaltung des Friedens. Daher hofft die Bundesregierung, daß ihre eigenen Probleme ebenso sehr wie die Probleme anderer Völker auf dem friedlichen Wege der Verhandlungen und des Gespräches gelöst werden können. Ich hoffe, daß wir in absehbarer Zeit - wie mit den arabischen Ländern - auch mit Israel diplomatische Beziehungen herstellen.

Quelle: Allgemeine Wochenzeitung der Juden in Deutschland vom 25. Oktober 1963.