9. März 1957: Artikel von Max Schulze-Vorberg: „Der alte Mann und der See“

Konrad Adenauer wippt im Schaukelstuhl, nippt am kühlen roten Landwein und liest auf Seite 496 in Paul Hermanns „Zeigt mir Adams Testament“ die folgenden Sätze: „Ich weiß sehr gut, daß die Reise, die ich unternehmen will, nicht ohne Gefahren ist. Aber ich habe volles Vertrauen in meine eigenen Kräfte. Die Ereignisse werden zeigen, ob ich mich getäuscht habe.“ So schrieb einmal der Sahara-Forscher Duveyrier.

Auch auf die politische Reise nach Persien, in das Land zwischen Sowjetunion und Suez, bereitet Adenauer sich vor in seinem - grundsätzlich unpolitischen - Urlaub in Cadenabbia am Comer See. Die Bücher auf dem Lesetisch beweisen es. Das meiste jedoch ist gedruckte Nervennahrung. „Der gerissene Kerl“ von Edgar Wallace liegt obenauf. Selbst dieses Buch ist steil beschriftet „Adenauer“. Der Kanzler hat Sinn für Ordnung und Eigentum.

Und für seine Familie. Die Töchter Lotte und Libet flankieren den Urlauber auf den Spaziergängen und am Teetisch. Sie sagen „Vater“ zu ihm. Etwa so: „Nun hör schon auf mit deiner ewigen Politik, Vater, hier sollst du dich doch erholen.“

Aber die Probleme bleiben, sogar auf der stillen Bank unter dem Ölbaum. Während drüben über dem See die Schneegipfel der Bergamascer Alpen im Sonnenuntergang lila leuchten, denkt Adenauer an Eisenhower. Der könnte jetzt eine andere amerikanische Politik machen. Er kann als Präsident nicht noch einmal gewählt werden.

Es sind nur Momente

Der Bundeskanzler grübelt wohl auch nach wie vor, ob, wann, wie und wo er Bulganin wiedersehen sollte. Und dann kommt der Gedanke: Wozu das alles?

Die Sonne packt mittags schon mächtig. In der Frühe und am Abend aber ist der Paletot hier nötig. Erste Kamelien blühen, rot und weiß, im berühmten Park der Villa Carlotta, durch den der Gast einsam streift. In einem Monat werden Tausende aus dem nahen Mailand und aus aller Welt die Azaleenhecken und die Wände von Rhododendron bewundern. Ihr Duft wird sich am engen Ufer - auf der römischen Via Regina - mit dem unzähliger Wagen und Mopeds mischen. Dann erst ist hier Saison.

Mit dem Moped fuhr der Mindere Bruder Linus an der Villa Rosa vor. Unter der braunen Kutte sah man seine Sandalen. Er hat viele Jahre in Indien gelebt, kam jetzt aus einem Franziskanerkloster bei Como und brachte dem deutschen Kanzler ein Glas Honig.

Ein Stück Schwarzbrot mit Honig aß Adenauer zum Tee. Er berichtete, was ihm der deutsche Minorit von Indien erzählt hatte. Wissen die Inder eigentlich gar nicht, wie arm sie sind? Wieviel Lebensnotwendiges ihnen fehlt? Fernsehen zum Beispiel und auch Limousinen. Vielen von uns geht es jedenfalls zu gut. Materielle Wünsche sind in sich unstillbar - grübelt Konrad Adenauer.

Auch im Urlaub denkt er oft an Europa, viel an Frankreich. Daß sich der Ministerpräsident Mollet dort so lange hält! Wer will in Paris schließlich schon an die Regierung? Doch: er ist ein tüchtiger Staatsmann und ein Europäer. „Aber er ist Sozialist, Herr Bundeskanzler?“ Adenauer hebt das Glas: „Der Gehalt macht's, das Etikett ist gar nicht wichtig.“

Damit ist ein Stichwort gefallen: Etikette. „Die arme Frau Pappritz.“ Oder sagte er anders? „Am schönsten sind ihre langen Unterhosen.“

Die kräftige Alpenluft weht zum See herunter über Zedern aus dem Libanon und dem Himalaja, über Zypressen, bizarre Nadelbäume. In der Abendkühle greift der hohe Gast zu einer Holzkugel. Beim Piemonteser „Boccia“-Spiel entscheidet nicht die rohe Kraft. Auf Berechnung komme es an - er hat sie - und aufs Maßhalten.

Ein reichliches Maß wird gehalten bei den Spaziergängen. Zweimal zwei Stunden geht es täglich von Griante - in diesem Dorf liegt die Ferienvilla - über die Höhen. Der Lieblingsweg fuhrt an der kleinen Kirche vorbei („Dom d. Martiribus Nabori et Felice“), in den neuangelegten oberen Teil des Carlotta-Parks. Obergärtner Battista - er dekorierte schon bei Kaiser Wilhelm selig im Neuen Palais zu Potsdam - ist voller Bewunderung für den fremden Herrn. Er kenne „tutti i nomi delle piante“. Gärtner Konrad findet hier bestätigt, daß Verpflanzungen nach Süden, in ein milderes Klima, sich bewähren.

Doch davon ist der Bundeskanzler heute schon überzeugt: „Hier in der Provinz Como würde ich mit jroßer Mehrheit jewählt.“ Er entnimmt das nicht nur dem Sympathieklatschen der Dorfschönen von Griante - selbst die Frau des einzigen Kommunisten beteiligt sich daran. Nicht nur die hohe Geistlichkeit begrüßt den Gast huldvoll. Als Deutscher wird man heute in der Provinz Como überall, im Hotel und in der Bahn, angesprochen: „Adenauer ist der größte lebende Europäer, aber er ist schon 81!“ Aber was sagen Zahlen? Immerhin geht Adenauer die 148 Stufen von der Villa zum See runter und rauf, ohne zu schnaufen. Am Comer See würde er bestimmt gewählt werden.

Quelle: „Die Welt“ vom 9. März 1957. - Abgedruckt in: Konrad Adenauer in Cadenabbia. Im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung hg. von Günter Buchstab. 2. Aufl. Bad Honnef-Rhöndorf 2001, S. 37-39.