11. Mai 1958: Artikel von Max Nitzsche: „Zu Besuch in Cadenabbia“

„Sie wollen ihn doch sicher mal sehen“, sagt Konrad Adenauer und gibt dem Diener einen Auftrag. Als der mit dem Pepita-Hütchen zu der Teerunde im Park der Villa Arminio zurückkommt und der Kanzler dieses federleichte Etwas mit schnellem Griff auf seinen Kopf zaubert - da begreift man den Siegeszug, den das Hütchen durch Abertausende von Zeitungen und Illustrierten genommen hat. Auf diesem Kopf, den sich die Karikaturisten am leichtesten im wilden Kriegsschmuck der Indianer vorstellen können, wirkt es wie konzentrierte Sanftmut. Es schwebt, geradezu unverschämt frech, als ein Wesen größter Anpassungsfähigkeit auf Adenauers Kopf - jeder leichte Fingerdruck verwandelt seine Form. Mit einem Satz: Das Hütchen gibt Contra, wo immer es kann, und genau dies ist es, was dem hohen Feriengast an ihm so gefällt.

„Wenn wir dat Ding tragen“

Adenauer hat es von dem New Yorker Bankier Heinemann, einem Jugendfreund, geschickt bekommen, das heißt, die Post brachte gleich zwei Exemplare. Das andere erhielt Sohn Paul, der Kaplan. „Das müßten Sie mal sehen, wenn wir beide dat Ding tragen, in Rhöndorf beim Bocciaspielen. Der lange Paul, 1.90 m groß ...“ So gut hat dem Alten das Ferienfoto mit dem Pepita-Hütchen gefallen, daß er beim Pressereferenten der Kanzlerequipe gleich fünf Abzüge bestellte. „Ich will sie meinen Freunden schicken.“ (Anmerkung für den SPD-Abgeordneten Ritzel, der angekündigt hat, er wolle einen Kriminalroman schreiben: „Der Hut des Kanzlers“.)

Eben ist das erste Wort von Bonn, von der kleinen, großen Politik gefallen, als Konrad Adenauer sich das Hütchen vom Kopf streift. Es ruht in der Tat seit Tagen im Kleiderschrank. Ein Zeichen dafür, daß der Überschuß an Ferienglück im Grunde schon versprüht ist. Die schmalen Ziegenpfade auf den Anhöhen rund um den Comer See spaziert täglich ein Mann entlang, der nur wenige Tage vor dem Beginn seines Urlaubs eine der folgenschwersten Entscheidungen seines langen Lebens getroffen hat. Der Zug, der ihn in das vertraute Cadenabbia brachte, zu den schneebedeckten Zweitausendern, den Pinienhainen, den blühenden Azaleenbüschen und dem tiefblauen Himmel, er hätte schon sonstwohin dampfen können. Keine Strecke wäre weit genug gewesen, den Kanzler nicht auf den Widerhall horchen zu lassen, den sein Beschluß in den Regierungskanzleien aller Hauptstädte findet. So wurde er selbst noch Zeuge eines Vorganges, der Geschichte ist. Der lebende Adenauer tritt ab, um seinem Nachfolger Platz zu machen und ihm vom Präsidentenstuhl aus Rat zu geben. „Wie würde es erst sein, wenn ich wirklich plötzlich von der Bühne des Geschehens gerissen worden wäre“, sagt er leise, nachdenklich auf seine Teetasse blickend, aber doch mit der kühlen Unbeteiligtheit, die Freund und Feind beeindruckt.

Doch auch in der Villa Arminio haben sich viele Politiker angemeldet, ratsuchend, und solche, die dem Kanzler gern einen Rat gegeben hätten. Sie erhielten fast alle einen ablehnenden Bescheid, ganz gleich, ob der Wagen schon fahrbereit in der Nähe vom Comer See stand oder ob es sich nur um eine dezente Andeutung von Bonn handelte. Den nicht weniger ungestümen Journalisten aus aller Herren Länder widerfuhr das gleiche Schicksal. Adenauer brauchte diesen Urlaub, um allein zu sein. Nur Freund Pferdmenges ist täglich Gast in der Villa Arminio. Aber der Draht nach Bonn reißt nicht ab. Selbst in die Gartenstille unserer Teestunde summt unaufhörlich der Fernschreiber. Die Sekretärinnen nehmen täglich über vier Stunden lang Diktat auf.

Quelle: „Die Rheinpfalz“ vom 11. Mai 1958. - Abgedruckt in: Konrad Adenauer in Cadenabbia. Im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung hg. von Günter Buchstab. 2. Aufl. Bad Honnef-Rhöndorf 2001, S. 40f.