14. August 1961: Artikel in der „Frankfurter Rundschau": „Wirtschaftsdruck auf Moskau?"

Kanzler spricht sich im Wahlkampf für Drosselung des Osthandels aus

Lübeck, 13. August. Am Samstagnachmittag - gut zwölf Stunden vor der Abschnürung Ost-Berlins vom Westteil der Stadt - hat Bundeskanzler Adenauer auf dem Marktplatz in Lübeck Wirtschaftssanktionen gegen die Sowjetunion und den Ostblock für den Fall befürwortet, dass Moskau sich bei den zu erwartenden Berlin- und Deutschland-Verhandlungen nicht nachgiebig zeige. Auf dem historischen Marktplatz in Lübeck präzisierte der Kanzler auf einer Wahlkundgebung seiner Partei die Möglichkeit von Wirtschaftssanktionen, die er bereits am Freitagabend in der Kieler Ostseehalle zu bedenken gegeben hatte, ohne dass Bundeswirtschaftsminister Erhard, der fast zur gleichen Stunde in Pinneberg sprach, mit einem Wort auf dieses Thema einging.

Der Kanzler meinte, wenn die westlichen Länder ihre Lieferungen an die Sowjetunion einstellten, würde der wirtschaftliche Aufbau dort sehr viel schwieriger werden. Wenn sich bei den Verhandlungen in einigen Monaten herausstellen sollte, dass Moskau in Berlin nicht nachgiebig ist, müsse man die Frage nach wirtschaftlichen Maßnahmen erheben. Wenn alle NATO-Staaten ein Embargo über den Ostblock verhängen würden, könnte das für die kommunistischen Länder unangenehm werden.

Vorher hatte der Kanzler versichert, dass es zu Verhandlungen mit Sowjetrussland über die Berlin- und Deutschland-Frage vermutlich in der Form einer neuen Gipfelkonferenz kommen werde, ohne dass ein Zeitpunkt schon jetzt genannt werden könne. Für diese Verhandlungen müsse man sich rüsten. Dabei sei wichtig, dass die NATO-Rüstung vervollständigt werde. Wer die Geschichte Russlands kenne, wisse, dass Moskau mit keinem schwachen Land verhandele, sondern nur mit einem, das stark ist, „und das wollen wir sein". In der Bundesrepublik werden die von der NATO geforderten drei Divisionen in harter Ausbildungsarbeit bis zum 1. April 1962 aufgestellt sein.

Der Kanzler berichtete in Kiel und Lübeck über seine Besprechungen mit US-Außenminister Rusk und dem italienischen Ministerpräsidenten Fanfani in Cadenabbia. Er lehnte mit Nachdruck eine Friedenskonferenz mit den 55 ehemaligen Kriegsgegnern Deutschlands ab und meinte: „Auf einer solchen Konferenz würde uns eine Rechnung aufgemacht, dass uns Hören und Sehen vergehen wird."

Der Kanzler hatte am Samstag eine Wahlreise von Eutin nach Lübeck unternommen, wobei er an der Bäderküste der Lübecker Bucht herzlich, in Lübeck, der Geburtsstadt Brandts, jedoch eher kühl und zurückhaltend begrüßt wurde. Der Kanzlerkandidat der Sozialdemokraten und Regierende Bürgermeister von Berlin, Willy Brandt, konnte seine für Sonntag vorgesehene Wahltournee durch Schleswig-Holstein nicht durchführen. Er flog vom Deutschlandkongress der SPD in Nürnberg direkt nach Berlin zurück.

Adenauer und das Staatsgeheimnis

Rund 36 Stunden, bevor die DDR die Berliner Sektorengrenze zur Staatsgrenze erklärte, sprach sich Bundeskanzler Konrad Adenauer in Kiel für eine Wirtschaftsblockade gegen den Ostblock aus. Der Kanzler verriet damit eines der bestgehüteten Geheimnisse der Pariser Außenministerkonferenz, noch bevor irgendein anderer Staatsmann des Westens das Wort hätte ergreifen können und obwohl sein Außenminister dem FDP-Vorsitzenden Mende diese Mitteilung mit der Auflage gemacht hatte, dass kein Wort darüber nach außen dringen dürfe.

Quelle: „Frankfurter Rundschau" vom 14. August 1961.