17. August 1961: Artikel in der „Bonner Rundschau": „Adenauer und Lemmer zur Krise um Berlin"

Bisher die größte Wahlkundgebung in Bonn - „Der Bund wird der Stadt helfen"

Gestern abend sprach Bundeskanzler Adenauer in der Obushalle zu aktuellen politischen Fragen. Da es sich um eine CDU-Wahlkundgebung handelte, setzte er sich auch mit den politischen Gegnern auseinander, und seine Argumente würzte er hin und wieder mit sarkastischem Witz. Anstelle des angekündigten zweiten Redners, Bundesinnenminister Dr. Schröder, ging der Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen, Ernst Lemmer, aufs Podium. Schwerpunkt seiner Ausführungen war die Berlin-Krise. „Es ist die größte politische Kundgebung, die Bonn seit Bestehen der Bundesrepublik bisher erlebt hat", stellte in seinen Begrüßungsworten der Vertreter der Jungen Union, Stv. Klaus Vogel, fest. Die Beethovenhalle habe nicht ausgereicht, um alle Interessierten die Teilnahme an der Kundgebung zu ermöglichen. Die Veranstalter schätzen die Zahl auf 8.000.

Adenauer ging zu Beginn seiner einstündigen Rede unverzüglich auf die Berlin-Krise ein. Die Abschnürung sei außerordentlich schmerzlich, und für viele bringe sie große Sorgen und viele Qualen. „Was wir bis jetzt erlebt haben, ist erst der Anfang."

Sobald die beiden Forderungen Chruschtschows, den gegenwärtigen Status Westberlins aufzuheben und einen Friedensvertrag mit zwei deutschen Staaten abzuschließen, behandelt würden, werde sich erst die wahre Krise zeigen. „Aber ich glaube nicht, dass diese Krise zum Krieg führen wird. Wir werden diese Krise gut überstehen, wenn wir mit unseren Verbündeten völlig einig sind."

Diese Einigkeit sei überhaupt die Voraussetzung für ein Leben der Deutschen in Freiheit und Sicherheit. Die Vorwürfe, die in einem Teil der deutschen Presse gegen die Verbündeten erhoben worden seien, weil sie bislang Entscheidendes angeblich nicht getan hätten, seien nicht begründet, „sie beobachten, und sie sind in jedem Falle darauf vorbereitet", und „ich möchte der deutschen Öffentlichkeit sagen, dass die Einigkeit auch von Deutschen gestört werden kann", wie es in einem Massenblatt geschehen sei.

Gespräch mit Smirnow

Über das Kommuniqué hinaus, das über das Gespräch Adenauer/Smirnow veröffentlicht ist, erklärte der Bundeskanzler, dass die Unterhaltung „sehr sachlich und ohne jede Schärfe" verlaufen sei. Die vielen Fragen, die Smirnow angeschnitten habe, verlangten Zeit, um sie gründlich zu prüfen. Smirnow habe vorgeschlagen, dass eine weitere Unterhaltung nach den Wahlen stattfinden solle.

„Absolute Mehrheit"

Über das Ziel des CDU-Wahlkampfes äußerte sich Konrad Adenauer: „Was wir wollen, ich sage es ganz offen, die absolute Majorität im Bundestag."

Die CDU habe zwölf Jahre hindurch die Geschäfte geführt und die Verantwortung getragen. In allem und jedem „hat uns die Opposition, insbesondere die SPD, bis aufs Blut bekämpft". Die Stellung, die die Bundesrepublik in der Welt habe, sei das Verdienst der CDU. In drei Bundestagswahlen hätten die Wähler in immer steigendem Maße ihr Vertrauen zur CDU bekundet. Diese Stetigkeit, durch welche die CDU-Politik ermöglicht worden sei, habe die Erfolge gebracht. Auf Grund dieser Erfolge, der Erfahrungen und der Kenntnisse, die in zwölf Jahren gesammelt worden seien, könne vom deutschen Volk erwartet werden, dass es auch diesmal der CDU das Vertrauen schenke. Wenn jetzt plötzlich ein Umschwung sichtbar würde, dann würde bei unseren früheren Feinden und jetzigen Freunden eine Furcht vor der Unbeständigkeit der Deutschen wieder wach werden.

Die SPD habe in den zwölf Jahren keine Erfolge aufzuweisen (Zischen, Pfeifen und gleichzeitig lebhafter Beifall): „Ach, meine Freunde von der SPD, hören Sie doch mal ruhig zu, glauben Sie, wenn die Politik der SPD und die von Ihnen erstrebte Neutralität durchgeführt worden wäre, dann gäbe es jetzt überhaupt kein freies Berlin mehr." Die SPD habe sich nicht die Mühe gemacht, „die Konzeption überhaupt zu verstehen".

Adenauer setzte sich ferner mit dem Godesberger Programm der SPD auseinander, mit der SPD-Schwenkung auf dem Parteitag in Hannover. Zum innenpolitischen Programm der SPD sagte er, es sei so umfangreich, „dass es schlicht ausgedrückt zur Infiltration führen müsse".

In Nürnberg habe die SPD ihren Wahlkampf eröffnet, „und da hat sie, an der Spitze der Regierende Bürgermeister von Berlin, Willy Brandt, uns in der übelsten Weise beschimpft". Zum Beweis verlas Adenauer zahlreiche Äußerungen Brandts, und dagegen habe Adenauer sich in seiner Rede in Regensburg zur Wehr gesetzt. Wenn er von Brandt „alias Frahm" gesprochen habe, so habe er nur das gesagt, was Brandt in mehreren eigenen Publikationen selbst geschrieben habe, und wiederum verlas Adenauer zum Beweise Originaltexte.

An die Adresse der FDP gewandt, sagte Adenauer: Wenn die FDP nach der Wahl eine Koalition mit der CDU wünsche, dann möge sie nicht, wie es am 8. August geschehen sei, Differenzen zwischen den USA und der Bundesrepublik konstruieren; ein solches Verhalten der FDP eröffne schlechte Aussichten für eine Koalition.

Hilfe für Großraum Bonn

Adenauer nahm auch zu Bonner kommunalen Fragen Stellung.

„Wir wollen der Hauptstadt Bonn helfen. Das sage ich nicht nur als Ihr Kandidat, sondern als Bundeskanzler und - wie Sie wissen - ehemaliger Vorsitzender des Parlamentarischen Rates, der ja Bonn zur Bundeshauptstadt bestimmt hat. Wir sind uns darüber im klaren, dass wir der Stadt damit eine schwere Last auferlegt haben.

Es ist eine absolute Notwendigkeit, dass der Bund der Stadt Bonn hilft. In den nächsten Tagen kommen Vertreter der Stadt Bonn zu mir, um mir ihre Planung zu zeigen.

Ich bin für ein Zusammenwirken zwischen Bonn und Bad Godesberg und den Herren von der anderen Seite des Rheins. Dabei soll gar nicht von einer Eingemeindung die Rede sein, sondern von einer Zusammenarbeit im Interesse des gesamten Raumes Bonn."

Das Schlusswort sprach Hans Strümpfel, Bundesgeschäftsführer des Evangelischen Arbeitskreises der CDU und Stadtverordneter für den Bezirk Poppelsdorf.

Ernst Lemmer zur Berlin-Krise

„Ich habe den Eindruck aus Berichten gewonnen", sagte Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen Ernst Lemmer auf der CDU-Kundgebung in der Obushalle, „als ob es im Wahlkampf um Bonn oder Berlin gehe. Das ist die falsche Optik. Bonn hilft Berlin und Berlin hilft Bonn." Die Bevölkerung Berlins stehe in vollem Vertrauen zum Bundeskanzler und zu der von ihm vertretenen Regierung.

Irgendwelche Zweifel in die Haltung der Verbündeten teile er keinesfalls. Es sei an die Geduld der Öffentlichkeit zu appellieren im Vertrauen auf die Zuverlässigkeit der Verträge mit den westlichen Verbündeten.

„Ich bin sicher, dass die sowjetische Politik dieses Jahres dazu beiträgt, uns klarzumachen, dass es nicht nur um eine Bewährungsprobe für uns Deutsche und Deutschland geht, sondern für alle Verbündeten, und auch eine Bewährungsprobe für die Sicherheit und die Freiheit und die gesamte Menschenwürde."

Diese Krise, in der wir uns zweifellos befinden, werde die sowjetischen Machthaber zwingen, sich endlich an den Tisch zu setzen, um über Abrüstung, Friede und Gerechtigkeit zu verhandeln, „wenn Chruschtschow nicht eine Wahnsinnstat begeht".

Quelle: „Bonner Rundschau" vom 17. August 1961.