6. April 1962: Artikel von Max Schulze-Vorberg: „Am Kamin von Cadenabbia“

Zumindest das Wetter ist in diesem Jahr anders. Auch am Comer See kommt der Frühling später. Zwar blühen im Park der Villa La Collina ein paar wilde Kirschen, eine einzelne Kamelie, viele gelbe Schlüsselblumen, aber oft hüllte man den Urlauber sorgsam in Decken, damit er - eine Stunde vormittags und eine Stunde nach dem Essen - geschützt vor dem manchmal rauhen Wind auf der Terrasse rasten könne. Des alten Churchill Gesundheitsregel: Besser eine Stunde sitzen als stehen und lieber liegen als sitzen - sie gilt wohl auch für Adenauers Frühjahrsurlaub 1962.

„Was gibt's denn Neues in Bonn?“ Die Frage ist mehr rhetorisch gestellt, denn in einer abgelegenen Kammer der Villa La Collina rattert oft der Fernschreiber. Ein Münchner Monteur ölt und prüft ihn täglich. Und da kommen also Berichte aus aller Welt. „Die vom Herrn von Hase sind ganz ausgezeichnet“, sagt Dr. Adenauer - und gibt seine Weisungen an die Bundeskanzlei. Ein paar Glückwunschtelegramme sind fällig: Betont freundlich an neu ernannte Kirchenfürsten, etwas zurückhaltender das an einen Bundesminister. Die „bisherige gute Zusammenarbeit“ des Entwurfs wurde gestrichen. „Das muß sich erst erweisen.“ Und dann verlangt der Kanzler nach direkter Verbindung: „Jeben Se mir mal den Globke.“ Auch Dr. Schröder wird manchmal angerufen - und Professor Erhard.

Vor zwei Jahren haben Kanzler und Vizekanzler sich hier einmal „versöhnt“. Es muß ein freundliches Gespräch gewesen sein: „Ich habe Ihnen Unrecht getan, Herr Erhard. Sie sind doch ein Politiker.“ Doch gibt es kein Bild von dieser munteren Unterhaltung: Da der eine das Fernsehen nicht dabeihaben wollte, ließ der andere die Fotoreporter nicht zu. Zwei Königskinder?

Diesmal kam Professor Erhard nicht nach Cadenabbia geflogen, sondern ist allein im Fernsehen und im Rundfunk aufgetreten - als Mahner. „Ich hätte mir lieber die Herren mal kommen lassen, die Gewerkschaftler, die von der Industrie, mit Herrn Blessing von der Bundesbank und Dr. Butschkau für die Sparer.“ Wenn der Bundeskanzler die Wirtschaftssorgen teilt - „und nicht nur wegen der Preise, auch was die Qualität angeht, das Ansehen der deutschen Erzeugnisse im Ausland“ -, so würde er wohl anders vorgehen als Professor Erhard. „Minister Lücke und ich, wir waren uns im Januar einig über den Baustopp.“ Doch der kam nicht und kommt kaum noch.

Das „Wohlstandsdenken“, auch der CDU, macht dem Kanzler Kummer. „Ich will nicht der Vorsitzende einer Wirtschaftspartei sein.“ Gerade von evangelischer Seite ist Dr. Adenauer kürzlich gestärkt worden, die CDU/CSU sich als christliche, demokratische und soziale Union besinnen zu lassen.

Gegen diesen Dr. Adenauer konnten die Freien Demokraten 1961 ihren Wahlkampf führen. Aber ob sie auch einmal erfolgreich gegen den liberalen, den Protestanten Ludwig Erhard sind? Nur halb im Scherz sage ich: „Herr Dr. Mende feilt vielleicht schon an dem Schreiben, in dem er Sie bittet, länger, möglichst lang Bundeskanzler zu bleiben.“ Dr. Adenauer lacht laut auf. Dann meint er: „Ich habe da einen Fehler gemacht. Nach dem anstrengenden Wahlkampf hätte ich erst einmal Urlaub nehmen sollen, anstatt mich sofort in die Koalitionsverhandlungen zu stürzen“ - und wirft bedächtig eine neue Kugel.

Eine Partie Boccia wird täglich gespielt, beim achten Urlaub am Comer See wie bei dem ersten vor über fünf Jahren. Ein Besuch auf der gedeckten Bahn im Nachbarort Menaggio - naßkaltes Wetter erzwang ihn in den letzten Märztagen - wird eine Ausnahme bleiben. Das „Boccio-dromo“, in dem das Kugelspiel im Winter „nach internationalen Regeln“ geübt wird, ist eine häßliche Halle. Die Zementbahnen sind durch hohe Drahtgitter getrennt. Aber was will man machen, wenn's Bindfaden regnet? „Grün wirft“, befindet der Südtiroler und italienische Polizist Kofler. Adenauer bekommt eine Kugel gereicht, geht leicht in die Knie, wirft - und beendet das Spiel für heute. „Ich habe kein Glück mehr.“

Ein samtener Rotwein „Chateau-neuf du Pape“ - eigentlich sollte dazu ein Feuer brennen - belebt das Gespräch im kleinen Kaminzimmer der Villa La Collina. „Haben wir es in Bonn richtig gemacht seit den Tagen des Parlamentarischen Rates? Man konnte 1948/49 nicht übersehen, was bei uns, was in der Welt geschehen würde.“ Das war eine der immer noch seltenen rückwärts gerichteten Fragen Konrad Adenauers. Er wünscht, daß einmal gründlich geprüft würde, ob und wo unsere Gesetzgebung Irrwege geht. Kann es vernünftig sein, wenn neben den Bund „die Länder“ treten? Ein Stoßseufzer nach Karlsruhe - und einer nach Mainz.

Dabei beurteilt Dr. Adenauer die Entwicklung zwischen West und Ost zuversichtlich. „Genf brachte zwar keinen klaren Fortschritt, es wurde aber auch nichts verbaut.“ Der Kanzler begrüßt die sachliche und gute Zusammenarbeit mit den Vereinigten Staaten. „Wir müssen, wenn kein großer, so ein verläßlicher Partner sein.“ Und in Europa geht es weiter. Mit General de Gaulle war Dr. Adenauer in Baden-Baden einig, daß die bestehenden Einrichtungen, vor allem die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft - „Professor Hallstein arbeitet hervorragend“ -ungeschmälert bleiben sollen, wenn die sechs und mehr Staaten politisch enger zusammenrücken. Darum hält Konrad Adenauer die Bedenken deutscher Europa-Parlamentarier zumindest für überflüssig. „De Gaulle hat andere und größere Sorgen. Wenn ich vorhin sagte, ich hoffe, er schafft es, so sage ich nun: ich glaube.“

Die Sekretärin kommt diskret, reicht dem Kanzler einen Zettel. „Dies ist ein Störmanöver“, liest Dr. Adenauer seinen beiden Gästen vor. „Wissen Sie, Fräulein Poppinga war drei Jahre lang bei Herrn Botschafter Dr. Kroll im Vorzimmer, und da habe ich gedacht, die hält auch mich aus.“ Der 86jährige Rheinländer kann auch „sich selbst zum besten“ haben.

Wir plaudern dann doch noch eine Weile mit dem Bundeskanzler, der sich in Cadenabbia sichtlich erholt hat. 

Quelle: „Christ und Welt“ vom 6. April 1962. - Abgedruckt in: Konrad Adenauer in Cadenabbia. Im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung hg. von Günter Buchstab. 2. Aufl. Bad Honnef-Rhöndorf 2001, S. 49-51.