18. September 1963: Artikel von Walter Henkels: „Passeggiata Adenauer“

Der Bundeskanzler Adenauer wird keinen Schaden nehmen, wenn hier einiges aufgezeichnet wird, das seine Ferien betrifft, die er seit Anfang der fünfziger Jahre meist im Ausland zubrachte. Er hat seine Schritte immer südwärts gelenkt, ist in seinem ganzen Leben nie gen Norden gefahren, außer bei einer kurzen Reise nach Schweden zur Hochzeit seines jüngsten Sohnes. Das wird man wahrscheinlich mit einem Verstandesargument begründen können, nämlich dem, es ziehe ihn, wie die meisten Mitteleuropäer, dorthin, wo Sonne garantiert wird. Wenn Adenauer ein Bekenntnis ablegte, würde er sagen, der Norden liege ihm nicht. Es sind keine Enthüllungen, wenn man sagt, der herbe Norden ist etwas für herbe Protestanten, der Süden ist als seelische Landschaft mehr etwas für Katholiken.

Konrad Adenauer hat während seiner Amtszeit als Bundeskanzler seinen Urlaub sechsmal in Bühlerhöhe, dreimal auf dem Bürgenstock in der Schweiz je einmal in Mürren und Ascona in der Schweiz, einmal in Vence in Frankreich und zwölfmal in Cadenabbia in Italien verbracht. In Cadenabbia hat er zuerst in der Villa Rosa gewohnt, die einem Mailänder Journalisten gehört, dann in der Villa des Mailänder Wirtschaftsprüfers Pasquale Arminio und seit einigen Jahren in der Villa La Collina; deren Besitzer ist ein in Paris wohnender italienischer Aristokrat.

Die südliche illustre Landschaft des Comer Sees mit dem Alpenpanorama und den vielen Naturreizen ist eine Szenerie, die auf die Gemütslage Adenauers offenbar einen nachhaltigen Eindruck ausübte. Hier fühlte er sich heimisch. In angenehmer Urlaubsfaulheit hätte er das genießen können. Aber Adenauer ist nie ein Mann für die Faulenzerei gewesen; er „regierte“ von Cadenabbia aus am langen Zügel. Frisch aus der Bonner Retorte, mittels Fernschreiber, Telefon und Kurier, bekam er laufend die neuen Nachrichten. Wenn dazu in Bonn der Staatssekretär Globke „regierte“, konnte nichts schiefgehen.

Der Chronist hat den Bundeskanzler in Mürren, Vence und zehnmal im Lauf des letzten Jahrzehnts in Cadenabbia besucht. Adenauer war nicht nur dankbar, sondern er erwartete es sogar, daß man kein Interview von ihm wollte; dann ließ sich leichter und frischer plaudern. Vielen Bonner Politikern hätte es manchmal in den Ohren klingen müssen. Es juckte den Bundeskanzler, es juckte die Journalisten, vor allem Bonner Personalia abzuhandeln. Es gab für keinen Minister, für keinen Junior im Bundestag ein Entrinnen. Plaudereien vom Comer See zu schreiben, müßte noch heute ein Vergnügen sein, obschon die Anwesenheit der Zeitungsschreiber in Cadenabbia nicht überschätzt zu werden braucht.

Fast bei jedem Urlaub wurde den Journalisten der diskrete Hinweis gegeben aus dem Bundeskanzleramt oder aus dem Bundespresseamt: Diesmal möchte der Herr Bundeskanzler nicht gestört sein, diesmal habe ein Besuch in Cadenabbia keinen Zweck, er werde Besuch nicht empfangen. Die Sorge, was der Herr Bundeskanzler den Journalisten wieder erzählen werde, war herzbrechend. Nach der Rückkehr der Besucher aus Cadenabbia brach bei der CDU-Führung meist Empörung los: „Der Fraktion erzählt er nichts, aber den Journalisten!“ Von manchen Ministern kam die besorgte Frage: „Hat der Alte was über mich gesagt?“ In der Tat, er hatte.

Jedesmal, wenn in den Berichten von Herz, Kreislauf und dem Befinden Adenauers diskret die Rede und die Bemerkung hinzugefügt war, der Bundeskanzler werde doch von Jahr zu Jahr ein Jahr älter, erfuhren die Besucher Beschimpfung; das stimme nicht, und der Herr Bundeskanzler werde nicht älter, er sei großartig in Form. Im Frühjahr 1963, beim letzten Besuch in Cadenabbia, als man schrieb, der Bundeskanzler sei zwar ein hochbetagter Mann, aber man weigere sich, ihn einen Greis zu nennen, brach wieder Empörung bei Kapazitäten der CDU los; das sei nicht wahr, der Herr Bundeskanzler sei am Ende. Das Publikum sollte getäuscht werden.

Konrad Adenauer spiegelte sich bei den Besuchen immer wieder in neuen Facetten. Im Alter hat er manche feine Einzelzüge angenommen. Offenbar hatte er nie, wenn das einem Laien festzustellen erlaubt sei, beträchtliche Gemütsschwankungen. Er konnte zwar seinen Zorn über irgendetwas oder irgendwen anbringen, aber richtig donnerwettern hat ihn niemand erlebt und richtig poltern ebenfalls nicht, so drakonisch er auch in der engsten Umgebung und in der Familie befehlen konnte; es mag sein, daß das eine Temperamentsfrage ist.

Menschen beobachten und beurteilen hat er anscheinend sein Leben lang gern getan. Er hielt nicht viel von ihnen. Über die schlichte Ehrlichkeit und politische Treuherzigkeit eines Politikers konnte er sich nur amüsieren. Den prägnanten Zug von Franz Josef Strauß hatte er gut erkannt, nach allen Strauß-Affären, es war im Frühjahr 1963: „Der muß noch viel, viel lernen.“ Das Wirken mancher Politiker aus der eigenen Partei amüsierte ihn, manche erfuhren Zustimmung und Ermunterung. Bei anderen war ihm dieser zu weich, jener zu unerfahren; gegen einen dritten hatte er offensichtlich Vorurteile, der vierte war ihm nicht gerade sympathisch. Aber das drückte er nie aus; man merkte es nur an der gemilderten und verfeinerten Form seiner Aussage über sie.

Selten konnte man sagen, ob das ernste oder das scherzende Wort die Vorhand hatte. Oft beflügelte ein scherzendes Wort das andere. Die Gegend am Comer See ist keine alltägliche Gegend. In den ersten Jahren seines Urlaubs dort wanderte er viel. Die Konturen der Alpenberge und der große See waren da, und das Tal hatte die Farben der Jahreszeiten. Adenauers Urlaube lagen fast alle im Vorfrühling oder im Spätsommer. Kleine Dörfchen, Weg und Flur, hangauf und hangab. Blick auf Wipfel von Zypressen und Pinien, Magnolien, Oliven- und Nußbäumen; unbefangene Italiener, die oft klatschten, wenn er vorüberging. Und oben am Hang, unter einem Olivenbaum - einer der beiden Kriminalbeamten hatte ihm ein kleines Sitzkissen gereicht - saß er manchmal ein halbe Stunde in der Sonne und schaute zum See hinunter. Das Bild, wie der alte Mann aus Bonn dort saß, eine Tochter und eine Sekretärin waren meist mit von der Partie, bedurfte keiner Verklärung; es verklärte sich selbst.

In allen Villen, in denen er den Urlaub zubrachte, wohnte er in etwas altmodischem und steifem Meublement. Wenn man auch alles auf gemütlich getrimmt hatte, so war doch die Wirklichkeit der Räume fremdartig. An den Umzäunungen aller Villen hingen kleine Emailleschildchen „Attenti ai cani“ - Warnung vor den Hunden. Aber es waren gar keine Hunde da, höchstens mehrere Dutzend Carabinieri. Die zivilen Beamten der Sicherungsgruppe trugen keine Tabakpfeifen in ihren Hosentaschen, sondern der Form nach etwas Ähnliches.

Die früher oft kilometerlangen Spaziergänge die Hänge entlang hatte er in den letzten Jahren aufgegeben, man mußte an den Hängen zu sehr kraxeln. Er wanderte zuletzt im Kurschritt die Wege im Park. Das regelmäßige Bocciaspiel wurde betrieben, das ihm viel Bewegung verschaffte. Den gesunden Menschenverstand nahm er als Ergänzung; nicht erst ein Arzt brauchte ihm zu sagen, wie gesund die Bewegung ist. Sonst war der alte Mann, der zeitlebens eine aktive Natur war, im Urlaub auf das ruhige, naive Geschehenlassen und das Genießen eingestellt. Der Sommerurlaub 1963 in Cadenabbia war sein letzter als Bundeskanzler. Aber den Leuten in Cadenabbia hat er beim Abschied gesagt: Auf Wiedersehen.

Zwei neue Marmortafeln hatte die Gemeinde Cadenabbia, die immer auf dem Quivive war, an einer Straße angebracht, auf denen zu lesen steht „Passeggiata Adenauer“. Es ist die erste Straße, die nach seinem Namen benannt ist.

Quelle: „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ vom 18. September 1963. - Abgedruckt in: Konrad Adenauer in Cadenabbia. Im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung hg. von Günter Buchstab. 2. Aufl. Bad Honnef-Rhöndorf 2001, S. 52-54.