15. Oktober 1963: Konrad Adenauer und sein Werk

Am 11. Oktober 1963 überreichte Bundeskanzler Dr. Adenauer dem Bundespräsidenten sein Rücktrittsgesuch. Dieses Gesuch hat folgenden schlichten Wortlaut: "Sehr verehrter Herr Bundespräsident! Hiermit erkläre ich meinen Rücktritt vom Amt des Bundeskanzlers der Bundesrepublik Deutschland mit Ablauf des 15. Oktober 1963. In besonderer Verehrung bin ich Ihr sehr ergebener Adenauer." Bundespräsident Dr. Lübke bat den Kanzler, bis zur Wahl seines Nachfolgers die Geschäfte weiterzuführen. Bundeskanzler Dr. Adenauer wird demnach bis zur Vereidigung des neuen Bundeskanzlers, als den der Vorsitzende der stärksten Fraktion des Deutschen Bundestages, Dr. von Brentano, Vizekanzler und Bundesminister für Wirtschaft Professor Dr. Ludwig Erhard vorgeschlagen hat, im Amt verbleiben. Das wird der 16. Oktober sein. Damit hat eine 14jährige ununterbrochene Regierungszeit des ersten Kanzlers der Bundesrepublik Deutschland ihr Ende gefunden. Kein wesentlicher politischer Fehlschlag, keine grundstürzende politische Krise, keine entscheidende parlamentarische Bekundung des Mißtrauens beendet die Kanzlerschaft Adenauer. Umgekehrt. Konrad Adenauer steht auf der Höhe einer erfolgreichen politischen Arbeit, Freund und Gegner überbieten sich fast in dem Lob für seine ungewöhnlichen Verdienste um das Vaterland, eine bis zum Triumph aufgestiegene Welle der Achtung und Sympathie stellt ihn auf das Piedestal eines der größten Staatsmänner, anerkannt und gefeiert von den angesehensten Politikern und Großen der Welt.

Seit Wochen sind die besten Federn bemüht, in der Journalistik und Publizistik des In- und Auslandes die bisher führende Persönlichkeit eines buchstäblich wie ein Phönix aus der Asche wieder auferstandenen neuen demokratischen Deutschland zu feiern, sein Wesen, seine erregende Art, das Geheimnis seiner politischen Erfolge zu ergründen und es so zum Bewußtsein zu bringen, daß es im Gedächtnis der Völker als großartig bewahrt wird. Im Ausland sind die Stimmen meist noch vorbehaltloser als im Inland, dessen Träger und Gestalter der öffentlichen Meinung Konrad Adenauer im Stillen sicherlich manches abzubitten haben. Haben sie in maßgebenden Teilen der öffentlichen Meinungsbildung dem Bundeskanzler doch seinen politischen Weg nicht gerade durch beständige positive Mitarbeit und durch positives Verständnis immer erleichtert, hat umgekehrt der Kanzler seine Politik gegen Mauern des Übelwollens und einer negativistischen Kritik mit der Hartnäckigkeit seines Charakters und seiner Überzeugungen durchsetzen müssen. Das Bedürfnis nach journalistischer Brillanz durch selbstzufriedenes Hinbreiten dialektisch überspitzter und verwirrender Alternativ-Formeln und Analogien war vielfach stärker als das Verständnis für die wirklichen sachlichen Zusammenhänge und für die gebotenen sachlichen Notwendigkeiten, vor die die Politik des Kanzlers sich gestellt sah. Vielleicht, daß das Scheiden Konrad Adenauers aus dem Kanzleramt und das nun so stark bekundete Gefühl für seine Größe auch manche Besinnung für die nähere und weitere Zukunft darauf mit sich bringt, daß Kritik gerade dort, wo sie das Höchstmaß an Freiheit genießt, innerlich von verantwortungsbereiter und verantwortungsbewußter Sachlichkeit getragen sein muß, die auf gewissenhaft gesuchten und erarbeiteten Kenntnissen beruht.

Die vielen Abschiedsfeiern und Empfänge, die zu Ehren des scheidenden Kanzlers veranstaltet wurden, zeigten ihn selbst als einen Mann, dessen hohes Alter von 87 Jahren ihm kaum Abbruch getan zu haben scheint. Nochmals entfaltete Konrad Adenauer seine gewohnte politische Kraft, seine Vitalität, seine willensstarke Dynamik, so als habe er das Gefühl, in der Stunde des Scheidens von seinem Amt als Bundeskanzler das deutsche Volk, seine politisch verantwortlichen Kräfte und Männer nochmals von seiner hohen Warte aus beschwören zu müssen, den Weg, den er gewiesen hat, folgerichtig weiterzugehen. Gerade die jüngsten Ereignisse, auf die er auf der Kölner Kundgebung seiner Partei vom vergangenen Samstag so eindringlich hingewiesen hat, die Behinderung der Durchfahrt militärischer Einheiten der Amerikaner auf der Interzonenstrecke zwischen Westberlin und der Bundesrepublik durch bewaffneten Druck militärischer Einheiten der Sowjets, gaben seiner Politik wiederum eine Rechtfertigung, deren deutliche Sprache wahrlich nicht zu übersehen ist. Diese Ereignisse unterstrichen nur noch die verschiedenen warnenden Hinweise auf Entwicklungen der internationalen Politik, die unter dem Stichwort "Entspannung" stehen, und die, wie es die amerikanisch-englisch-sowjetischen Besprechungen klar erwiesen haben, bisher keine Änderung der sowjetrussischen Außenpolitik im Sinne einer wirklich konstruktiven gemeinsamen Verständigung ergeben haben, für die eine Lösung auch der deutschen Frage grundlegende Vorbedingung ist.

Was sich auf der Interzonenstrecke begab, war eine erneute Konfrontierung der westlichen Welt mit der Sowjetmacht, die wiederum den äußersten Grad der Möglichkeit eines militärischen Zusammenstoßes annahm. Sie erinnerte an die gleiche Konfrontierung am Checkpoint Charlie in Berlin als Folge der Errichtung der Mauer am 13. August 1961, sie erinnerte auch an Kuba. Nun, die Sowjets sind vor der äußersten Gefahr in jedem dieser Fälle zurückgewichen. Sie sind bis zum äußersten Punkt in der Behauptung bzw. Durchsetzung ihrer Politik mit Bezug auf das sowjetzonale Regime vorgegangen, um dann angesichts der ebenfalls äußersten Entschlossenheit der Amerikaner ihre Pflöcke wieder zurückzustecken. Das zeigt einmal, daß Moskaus Politik von den gleichen Gesetzen diktiert wird wie bisher, und daß ihr nur begegnet werden kann mit den Mitteln und Methoden, die der freie Westen durch den militärischen Zusammenschluß in der NATO aus Gründen der Verteidigung gegen die Auswirkungen dieser Politik aufgebaut hat. Wenn anläßlich der Feldparade der Bundeswehr auf dem Wunstorfer Feld, in sich eine vielsagende Demonstration, der Bundeskanzler erklärte, daß es der Bundeswehr zu verdanken sei, daß Frieden und Freiheit für die Bundesrepublik gewahrt blieben, und wenn er ebenfalls in Köln mit allem Ernst auf die NATO-Verpflichtung im Falle einer Verwicklung um den Zugang nach Berlin aufmerksam machte, so hat die harte Sprache der Tatsachen just in diesen Tagen den besten und überzeugendsten Kommentar sowohl über die Notwendigkeit wie über die Richtigkeit der Politik des Bundeskanzlers Dr. Adenauer geschrieben.

Dr. Adenauer hat dem deutschen Volksschicksal und seiner neuen staatlichen Formung eine Wende gegeben, die in tieferen historischen Schichten lange verborgen lag und auf Grund von zwei verlorenen Weltkriegen, vornehmlich aber nach dem totalen Zusammenbruch im Jahre 1945, ans Licht drängte. "Zeiten einer politischen Katastrophe sind besonders geeignet, etwas Neues zu schaffen." Diesen kühnen Ausspruch tat er bereits kurz nach dem Ende des ersten Weltkrieges. Es ist der Ausspruch eines Mannes, der das starke Selbstvertrauen und die Berufung in sich fühlte, große öffentliche Aufgaben zu übernehmen. Beides sollte sich in seiner Tätigkeit als Oberbürgermeister der Stadt Köln bestätigen. Adenauer war ehrlich erschüttert über das Versagen der alten preußisch-militärischen Führung in den chaotischen Verhältnissen, die die Niederlage mit sich gebracht hatte. So nahm er denn das Schicksal seiner Vaterstadt selbst in die Hand, um durch produktive Aufbauarbeit die Grundlage für ein Aufblühen Kölns zu legen, genau wie er als Bundeskanzler nach 1945 mit der gleichen Methodik die Grundlagen für die Bundesrepublik festigte. "Sich ganz auszuwirken mit den Kräften des Verstandes und der Seele, mit seiner ganzen Persönlichkeit schöpferisch tätig sein zu können, ist der schönste Inhalt menschlichen Lebens." Dieses Bekenntnis am Beginn seines öffentlichen Wirkens ist nicht weniger charakteristisch für einen Mann, der willens und fähig war, seiner Berufung zugleich auch die Erfüllung zu geben. In ihm offenbart sich auch das Kraftgefühl eines rheinischen Demokraten, der sich der großen Traditionen, die sich gerade auch in einer Stadt wie Köln verkörperten, besonders bewußt war. Diese Traditionen gaben der kommunalpolitischen Aufbauarbeit Konrad Adenauers ein Relief, das über die Grenzen der Stadt hinaus wies.

Die Denkmäler christlich-abendländischer Kulturverbundenheit zeugten für eine Völkergemeinschaft, zu der auch das deutsche Volk Jahrhunderte hindurch seinen gewichtigen Beitrag geleistet hatte. In der Wiederbelebung dieser Gemeinschaft sah Konrad Adenauer damals schon eine Gewähr für den Frieden und für die Wohlfahrt seines Vaterlandes. Wie Reichskanzler Dr. Brüning so war auch er von der Überzeugung durchdrungen, daß der neue deutsche demokratische Staat von Weimar mit in den Kreis der großen westlichen Demokratien gehöre, die auf Freiheit und auf die Normen des Rechts gegründet waren, denen die christliche Lebensauffassung zugrunde lag. So war ihm vor allem die Verständigung mit Frankreich eine Herzenssache, weil er in dieser Verständigung den Ausgangspunkt für eine Vereinigung ganz Europas sah. Was damals durch die Krise der Weimarer Demokratie und vollends durch die Herrschaft des Nationalsozialismus verschüttet wurde, brach nach 1945 mit besonderer Macht hervor. Jetzt ergab sich die Möglichkeit, an alte ehrwürdige historische Entwicklungslinien wieder anzuknüpfen und der Zukunft Deutschlands eine Grundlage zu geben, auf der sie gesichert sein und die unser Volk instand setzen könnte, an gemeinsamen internationalen Aufgaben, vor allem an der Begründung und Festigung eines echten Friedens teilzunehmen. Dieser konnte bisher nur mit den freien Völkern des Westens hergestellt werden. Die positiven Leistungen dieser Politik haben uns legitimiert, den Schutz dieser Friedensgemeinschaft in Anspruch nehmen zu können, so weit auch unsere nationalen Lebensrechte in Rede stehen.

Diese Lebensrechte sind und bleiben unmittelbar gefährdet durch jene Macht, die sie von Grund auf um ihrer ideologisch verbrämten Herrschaftsziele willen grundsätzlich verneint, durch Moskau als der Vormacht des Weltkommunismus. Wenn Napoleon einmal sagte, in hundert Jahren würde Europa entweder demokratisch oder moskowitisch sein, so hat er damit die Alternative aufgezeichnet, vor der wir heute noch stehen. Wenn Graf Alexis de Tocqueville in seinen Untersuchungen über die amerikanische Demokratie nur wenig später nachzuweisen suchte, daß die Zukunft durch zwei Mächte bestimmt werde, nämlich Rußland und Amerika, so hat er in der Tat diese Alternative als eine Alternative vorausgeschaut, die sogar universal-weltpolitische Ausmaße angenommen hat. Ebert und Noske mußten die Demokratie schon nach 1918 vor der Überflutung durch den Bolschewismus retten. Konrad Adenauer gab bereits im Jahre 1919, worauf Staatssekretär von Hase anläßlich seiner Verabschiedung als Bundeskanzler in einer Feier des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung hinwies, dem Sonderberichterstatter des Pariser "Journal" ein Interview, in dem die Grundlinien seiner späteren Außenpolitik angesichts der bolschewistischen Gefahr bereits erkennbar sind. Die grundlegende Entscheidung für den Westen, die Konrad Adenauer als Bundeskanzler traf und durch Verträge mit den westlichen alliierten Mächten verbindlich machte, die Entscheidung für demokratische Freiheit und den demokratischen Rechtsstaat, ist so in der historischen Entwicklung zutiefst gerechtfertigt. Sie ist es um so mehr, als die Vereinigten Staaten von Amerika, im Gegensatz zu ihrer Haltung nach dem ersten Weltkrieg, als stärkste Macht der freien Welt bewußt eine Führungsrolle auf sich genommen haben, um Europa im Ringen um seine Selbsterhaltung und damit um Erhaltung und Neuentfaltung seiner tragenden geistigen und moralischen Werte hilfreichen Rückhalt zu geben. Darin drückt sich die weltweite Solidarität aus, die die freien Völker naturnotwendig miteinander verbindet und füreinander verpflichtet.

Wenn die gemeinsame Teilnahme des Bundeskanzlers und des französischen Staatspräsidenten General de Gaulle an einem feierlichen Gottesdienst in der Kathedrale von Reims, dem Nationalheiligtum Frankreichs, als tief beeindruckendes und nachwirkendes Symbol für eine Aussöhnung und Freundschaft zwischen Deutschland und Frankreich angesehen werden muß, so kann ebenso wenig der Tag vom Jahre 1953 vergessen werden, an dem auf dem amerikanischen Heldenfriedhof in Arlington die Flagge des neuen Deutschland gehißt wurde und der Kanzler unter den Klängen des Deutschlandliedes einen Kranz am Denkmal der gefallenen amerikanischen Soldaten niederlegte. Auch dies war ein Akt innerer Versöhnung und ein ergreifender Vertrauensbeweis für das in Bundeskanzler Dr. Adenauer verkörperte Deutschland. Der Kanzler hatte wahrlich keine Mühen und keine Anstrengungen gescheut, um die Welt von der Aufrichtigkeit des neuen demokratischen Deutschland zu überzeugen und um Vertrauen zu seinen Zielen und Absichten zu werben.

Vergessen werden dürfen in diesem Zusammenhang auch nicht die Anstrengungen, um, soweit überhaupt möglich, die Untaten Hitlers und seiner Schergen gegen das jüdische Volk wiedergutzumachen, und auch bei ihm wieder Vertrauen zu begründen gegenüber einem Deutschland, das zu seinen humanen Überlieferungen zurückgekehrt ist, die Kennzeichen auch seiner eigentlichen nationalen Kultur sind. Die ungewöhnlichen Ehrungen, die man in Rom, vornehmlich im Vatikan aber auch im Quirinal, dem deutschen Bundeskanzler anläßlich seines jüngsten Besuches zuteil werden ließ, riefen die Erinnerung an jenen italienischen Staatsmann zurück, der mit Robert Schuman und Konrad Adenauer als Vertreter einer der ehrwürdigsten Kulturnationen Baumeister eines neuen Europa war, an Ministerpräsident Alcide de Gaspery.

Die Oberbürgermeister der westdeutschen Großstädte waren in der Weimarer Republik durchweg hochangesehene Männer und Persönlichkeiten, die auch am politischen Geschehen im Reiche lebhaften Anteil nahmen. Unter ihnen ragte ein Mann wie Konrad Adenauer besonders hervor. Als Präsident des Preußischen Staatsrates gewann er tiefe Einblicke in die allgemeinen politischen Zusammenhänge und war mit eine entscheidende Größe in den Entwicklungen teilweise katastrophaler Zeitumstände. Als ihm bei einer kritischen Verwicklung angetragen wurde, die Regierungsverantwortung zu übernehmen, stellte er für ihn typische Bedingungen. Er war nur bereit, die Kanzlerschaft zu übernehmen, wenn die drei Parteien, die eine parlamentarische Mehrheit der Mitte repräsentierten, sich verpflichteten, für vier Jahre hindurch eine Koalition zu bilden und sich auf ein Programm zu einigen, das für diese vier Jahre Gültigkeit haben müsse. Die Parteien waren aber bereits so zerstritten, daß diese Bedingungen nicht erfüllt wurden. Oberbürgermeister Adenauer gab damit den Versuch der Regierungsbildung auf. Was ihm damals unter den Voraussetzungen der Weimarer Demokratie nicht gelang, konnte er auf einer neuen verfassungsrechtlichen Grundlage nach 1945 verwirklichen. Das im Grundgesetz festgelegte konstruktive Mißtrauensvotum gab dem Bundeskanzler das Mittel in die Hand, für eine lange Zeit beständig zu regieren. Konrad Adenauer wußte es so zu schmieden, daß er sich 14 Jahre hindurch auf eine regierungsfähige Mehrheit stützen konnte. Erstaunlich, wie es ihm gelang, die Träger des demokratisch-parlamentarischen Lebens auf nur wenige große Parteien zu konzentrieren, so daß das Spiel von Regierung und Opposition die ganze Zeit seiner Kanzlerschaft hindurch nach den Normen vorbildlicher alter, vornehmlich der angelsächsischen Demokratien verlaufen konnte.

Mit eiserner Willensstärke und Autorität heischender und begründender Führungskraft schuf Dr. Adenauer sich selbst die größte Partei, die auf Grund der Erlebnisse und Erfahrungen unter dem Hitler-Regime spontan als eine alle Schichten und Stände umfassende christliche Volkspartei entstand. Die Opposition, im wesentlichen die Sozialdemokratische Partei Deutschlands, hat sich ebenfalls je länger je mehr dem Zwang nicht entziehen können, den der fortschreitende innen- und außenpolitische Erfolg des Bundeskanzlers ausübte. Nicht nur, daß er so die zentrifugalen Kräfte seiner eigenen Partei immer wieder auf die großen zielweisenden positiven Aufgaben hin zu richten verstand und damit ihr einen einheitlichen politischen Willen gab, er drückte auch den oppositionellen Kräften weitgehend das Siegel seiner Politik auf und erreichte so nach langem Ringen und oft erbitterten parlamentarischen Auseinandersetzungen ein immer stärker werdendes gemeinsames Bewußtsein für die grundlegenden nationalen Lebensfragen. Das heißt nicht, daß bei der stark weltanschaulich fundierten Tradition des deutschen Parteiwesens auf dem Grunde jene gegensätzlichen Auffassungen nicht beherrschend geblieben wären, die das Wechselspiel von Regierung und Opposition gewährleisten. So wurde das deutsche Volk, wurde die neue deutsche Demokratie auch von innen her ein Faktor, der getrost neben die gesunden parlamentarischen Demokratien der westlichen Welt gestellt werden kann. Auch das ist ein nicht geringes Verdienst des scheidenden Bundeskanzlers, das neben den faktischen großen außenpolitischen Erfolgen die Voraussetzung für eine weitere erfolgreiche Gesamtentwicklung der Bundesrepublik Deutschland gerade auch im Hinblick auf ihre durch die Verfassung verbriefte gesamtdeutsche Aufgabe zu gewährleisten geeignet ist.

Die Resonanz, die das Auftreten des scheidenden Bundeskanzlers in den zahlreichen ihm zu Ehren veranstalteten Abschiedsfeiern im Volke gefunden hat, weist darauf hin, daß Konrad Adenauer auch nach dem Rücktritt als Bundeskanzler weiter eine gewichtige politische Rolle spielen wird. Sein Nachfolger im Kanzleramt, Professor Dr. Ludwig Erhard, hat durch seine Politik der sozialen Marktwirtschaft der großen Politik eines Bundeskanzlers wie Dr. Adenauer mit eine feste Stütze gegeben. Die bisherige Zusammenarbeit beider Männer im Dienste der gleichen politischen Aufbauarbeit gibt die Gewähr, daß das bisherige gemeinsame Werk weiter fortgeführt wird auf den Grundlagen, die Bundeskanzler Dr. Adenauer festgelegt hat. Dr. Adenauer hat in sich auch in diesem Zusammenhang das Beispiel einer Fairness, einer demokratischen Loyalität und einer Selbstüberwindung im Dienste des Allgemeinwohls gegeben, das sicherlich ebenso fruchtbar weiterwirken wird wie die Ergebnisse seiner Politik als Bundeskanzler. Man kann dem deutschen Volke nur wünschen, daß ihm die staatsmännischen Eigenschaften, Erfahrungen und Willenskräfte eines Konrad Adenauer noch lange erhalten bleiben und daß sie sich, wenn auch auf einer anderen Ebene der politischen Verantwortung, zum Segen seines nationalen Wohls und seiner Anstrengungen für einen gerechten Frieden weiter auswirken.

Quelle: Bulletin des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung Nr. 182 vom 15. Oktober 1963, S. 1585-1588.