23. April 1965: Artikel von Heinrich Heinen: „Stippvisite am Comer See“

Nach Regen- und Schneeschauern, die auch Oberitalien vor Ostern nicht verschonten, war am Gründonnerstag die Sonne strahlend wie im Sommer über den Bergen am Comer See erschienen. Rolf Dettmann, Maler aus Kronenburg in der Eifel, und ich konnten hoffen, daß dieses Wetterchen Dr. Konrad Adenauer in seiner Ferienvilla „La Collina“ gut gelaunt machen könnte, wenn wir zum gestern zugesagten Besuch erscheinen würden.

Am späten Vormittag stiegen wir die Gartenserpentinen zur „Collina“ (die Hügelige) hinan und traten durch die etwas vollgestellten Zimmer der memoirentippenden Sekretärinnen auf die große Terrasse, wo uns das Panorama des Comer Sees die Sprache verschlug.

Elastisch und wie immer tadellos in Grau gekleidet, dazu mit Cadenabbia-Hütchen und Sonnenbrille, kam der Altbundeskanzler auf uns zu und konnte angesichts des wundervollen Tages wahrlich nichts Netteres zu uns sagen als: „Meine Herren, Sie haben aber feines Wetter mitgebracht.“

Wir schilderten, wie wir tags zuvor bei Bergamo den Durchzug jener Kaltfront erlebt hatten, der wir nun alle das schöne „Rückseiten“-Wetter zu danken hätten.

Obwohl ich schon vor Erfindung des Adenauerschen Cadenabbia-Hütchens ein Freund des Comer Sees gewesen bin, dieses so liebenswürdig an seinen Ufern durchwohnten einstigen Eiszeitgletschers, mußte ich doch nun im Gespräch die überlegene Ortskenntnis des Altkanzlers anerkennen. Mit Genuß wies er mir nach, daß ich zwar und geradezu wie ein Maler von der grünen Comacina-Insel im Comer See schwärmen könne, daß ich aber die Betonung auf das erste „a“ lege und nicht auf das „i“, wie es richtig ist.

Auch über die näheren Umstände, wie Mussolini und Claretta Petacci vor 20 Jahren nur wenige Kilometer von Cadenabbia entfernt erschossen wurden (28. April), wußte Adenauer gut Bescheid. Dr. Zampa, der Arzt, der Mussolinis Totenschein ausstellte, gehört zu den Honoratioren am See, die Adenauer persönlich kennen.

Dann sprachen wir über die Eifel und über Kronenburg, das Dr. Adenauer aus seiner Studentenzeit in guter Erinnerung hat. „Aber“, so fügte er hinzu, „Cadenabbia ist wohl doch noch schöner als Kronenburg.“

In der Tat, die Lage der Villa „La Collina“ am Comer See ist unvergleichlich. Es mag grandiosere Ausblicke geben, am Niagarafall oder am Bosporus etwa, aber kaum denkbar ist größere Harmonie von Berg, Wiese, Wasser und südlich gemäßigter Natur, wo neben grünen Zypressen, Zedern und Olivenbäumen die Magnolien und Tulpenbäume zu blühen beginnen und wo, nicht weit in der Villa Carlotta, Amor und Psyche von Antonio Canova Sinnbild sind für die Idylle der ganzen Seelandschaft.

Die „La Collina“ hat in diesem Naturtheater den Rang eines fürstlichen Logenplatzes. Sie ist einbezogen in die vielfaltigen Uferkulissen, die an diesem ersten Primaveratag Italiens, zur Eröffnung des Frühlings 1965, gekrönt waren von im Gegenlicht blauenden, mit frischem Schnee überzuckerten Bergkämmen und -spitzen. Ich hätte bei diesem Anblick sicherlich vor Seligkeit geheult, wenn ich schon gewußt hätte, wie gräßlich drei Tage später in Bonn und Köln das Osterwetter sein würde.

Aber so behielten wir Fassung und fragten auch nicht nach dem Mietpreis der Villa, die französischen Erben eines italienischen Marchese (Graf) gehört. Die Besitzer wohnen selten dort. Die Mieteinnahmen sollen möglichst die Unterhaltungskosten der Anlage abdecken.

Die Ruhe auf „La Collina“ ist lobenswert, wenn auch die Diesel der nach Bellagio führenden Autofähre nicht zu überhören sind. Dafür ist das Westufer des Comer Sees eisenbahnfrei.

Unangenehmer war es, als die Besitzer einen Teil des Grundstücks für einen Neubau veräußerten, wodurch der Lieblings-Sitzplatz des Kanzlers seine Uneinsehbarkeit verlor. Er wurde deshalb von der Süd- auf die Nordseite verlegt.

Während Dr. Adenauer auf diesem Platz mit mir über die politischen Tagesereignisse sprach, hatte Rolf Dettmann Gelegenheit, sich über die Haushaltung der Feriengäste auf „La Collina“ zu informieren, zu denen für ein paar Tage auch Adenauer-Tochter Frau Libet Werhahn gehörte. Sie hatte am Tage vorher in der Frühe eine sechsstündige Gipfelwanderung in die zum Luganer See weisenden Berge unternommen, begleitet von Ministerialdirigent Dr. Selbach, dem persönlichen Referenten Adenauers, und einer italienischen Hausangestellten. Vom Rhöndorfer Haushalt ist nur die Köchin in die „Collina“ mitgekommen, wo denn auch gewohnt rheinisch gekocht wird, allerdings mit einer schon viel reichlicheren Frischgemüseauswahl als zu Hause.

Die politischen Bemerkungen an diesem Tage zeigten, daß Adenauer nicht nur bei seinen „Erinnerungen 1945-1954“ verweilt und sinniert, zu deren Fertigstellung er sich jetzt an den Comer See zurückgezogen hat. Und die angenehme Atmosphäre dieses schönen Frühlingstages am Comer See bleibt dennoch für mich ganz geprägt von dem überzeugenden Ernst, mit dem der bescheidene große alte Mann über das Schicksal der Deutschen und die Chancen Deutschlands sprach.

Dr. Adenauer erzählte mir dabei eine Episode aus dem Jahre 1912, als er mit seiner Familie den Odilienberg in den Nordvogesen besuchte. Damals habe er einen Elsässer nach der Uhrzeit gefragt und höflich gegebene Auskunft erhalten. Aber man gab ihm nicht die deutsche, sondern die eine Stunde später liegende französische Zeit. „Selbstverständlich stellen wir privat die französische Zeit ein“, hatte der im Herzen französisch gebliebene Elsässer-Deutsche zu Adenauer gesagt.

Adenauer erzählte diese Begegnung, wie ein Deutscher sie erzählen muß, mit Sorge darüber, daß solche in schlechten Zeiten zu bewährende Treue von den Deutschen in der Geschichte im ganzen wohl erst noch bewiesen werden muß.

Quelle: „Bonner Rundschau“ vom 23. April 1965. - Abgedruckt in: Konrad Adenauer in Cadenabbia. Im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung hg. von Günter Buchstab. 2. Aufl. Bad Honnef-Rhöndorf 2001, S. 55-57.