29. August 1981: Artikel von Bernd J. Schorn: „Auf den Spuren Konrad Adenauers“

Die Einheimischen in Cadenabbia-Griante bezeichnen ihn in Verehrung als den „Löwen vom Rhein“, einige sprechen von einem guten Freund, und junge Erwachsene erinnern sich an einen freundlichen alten Herrn, der sie in ihren Kinderjahren auf seinen Spaziergängen durch die schmalen Straßen des Ortes am Comer See mit Schokolade beschenkte. Für sie alle ist der verstorbene ehemalige Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer, der ab Mitte der 50er Jahre dort im Frühjahr und Herbst 15 Jahre lang seinen Urlaub verbrachte, zu einer legendären Gestalt geworden.

Der Bürgermeister von Griante, Dottore Paolo Roda, erinnert sich, daß Adenauer ihn eines Tages in seinem Dienstzimmer aufgesucht und gebeten habe, ihm doch wegen der neugierig die Villa Arminio umschwärmenden Touristen die Villa La Collina, hoch über Cadenabbia gelegen, zu vermitteln. „Da ich die Besitzerin, eine französische Adelige, gut kannte und das Haus leer stand“, berichtet der Bürgermeister, „konnte ich dem Kanzler seinen Wunsch schnell erfüllen.“ Roda beschreibt den Zustand des Gebäudes zur damaligen Zeit als „nicht sehr einladend“. Um die Räume wohnlich zu gestalten, hätten alle Bediensteten der Gemeinde jeweils zwei Monate vor der Ankunft des hohen Gastes unentgeltlich damit begonnen, Haus und Garten herzurichten.

Die Möbel seien von den Bürgern des Ortes und von einem Hotel zur Verfügung gestellt worden. Adenauer habe sich an der improvisierten Möblierung nie gestört.

Villa La Collina

Später führt uns der Bürgermeister in sein Haus, zeigt auf einen aus dem 19. Jahrhundert stammenden Schreibtisch: Auf dem Boden des Schubfaches, unter Glas befestigt, ein Schriftstück, in welchem Adenauer dokumentiert, daß er an diesem Schreibtisch während seines Urlaubs in der Villa La Collina 1963 und in den beiden folgenden Jahren an seinen Memoiren gearbeitet habe. Roda: „Der Kanzler war wie einer von uns.“ Daß Adenauer Griante einmal als „zweite Heimat“ bezeichnet habe, sei für ihn und die Bürger eine hohe Auszeichnung. Darüber werde auch heute in Griante noch im Schulunterricht gesprochen.

In der Villa La Collina, gegenüber Bellagio gelegen und im Stil der Villen und Landhäuser am Comer See zu Beginn dieses Jahrhunderts erbaut, erinnern an den ehemaligen Feriengast eine Büste in der Eingangshalle und im Kaminzimmer eine Studie zum Adenauer-Portrait von Sutherland. Äußerlich und im Innern wurde das Gebäude verändert, durch einen zwischenzeitlichen Besitzer und später von der Konrad-Adenauer-Stiftung, die das 27.600-Quadratmeter-Anwesen 1977 erwarb. Das Haus mit einem Zusatzgebäude am unteren Hang des Geländes dient jetzt der Stiftung als „Europäisches Internationales Studien- und Begegnungszentrum“.

Man fragt sich, bei all den Veränderungen, ob denn Konrad Adenauer keine Spuren hinterlassen hat. Bei der Suche helfen die Aufzeichnungen von Adenauers Sekretärin Anneliese Poppinga in ihren „Erinnerungen an Konrad Adenauer“. Man findet die steile, 118 Stufen zählende Treppe, die der „Alte“ viermal am Tag vom unteren Teil des Parks bis hinauf zur Villa bestiegen hat. Man findet die steinerne Bank und den steinernen Tisch mit den Löwenköpfen, von wo aus Adenauer an der Nordseite des Parks den Engadin-Blick genoß. Und man findet in dem üppigen exotischen Bewuchs des Parks eine Gruppe von vier Zypressen, die er besonders liebte.

Viele Freunde gewonnen

Weitere Informationen über den Aufenthalt Adenauers in der Villa La Collina erhält der „Spurensucher“ beim Durchblättern eines Fotoalbums, welches im Kaminzimmer der Villa ausliegt. In ihm wurden nicht nur Bilddokumente von Adenauers Begegnungen in der Villa mit europäischen Staatsmännern seiner Zeit wie de Gasperi, Schuman, Spaak, Fanfani, Erhard, von Brentano und den damaligen Oppositionspolitikern Carlo Schmid, Erler, Brandt u.a. zusammengetragen, sondern auch Fotos, auf denen der verstorbene Kanzler als schlichter Urlauber zu sehen ist. Einige gelungene Schnappschüsse des in Mellagio ansässigen Fotografen und Boccia-Meisters Moro zeigen den hohen Feriengast bei seinem geliebten Spiel im Kreise seiner in Cadenabbia beheimateten Freunde. Zu diesen durften sich neben dem Bürgermeister auch der Arzt Giovanni Zampa, der Ortsgeistliche Don Fernando Nani und der Friseur und Sänger Renzo Toscani zählen.

Wie der Bürgermeister waren auch die übrigen Mitglieder des illustren Quartetts gern bereit, über Begegnungen und Gespräche mit Adenauer zu berichten. Dr. Zampa hat Adenauer „nicht als Arzt, sondern als Präsident des örtlichen Fremdenverkehrsverbandes“ kennengelernt. Er sei von ihm als Arzt auch niemals konsultiert worden. Heinrich von Brentano, von dessen Familie ein Zweig aus dem nahen Megrezza stammt, habe Adenauer Cadenabbia als Urlaubsort empfohlen, erläutert Dr. Zampa. Insgesamt sei der Cancelliere dann 15 Jahre lang für einige Monate im Jahr Feriengast gewesen. Der Arzt, nachdenklich lächelnd: „Vielleicht kam er auch wegen des Boccia-Spiels so gerne hierher.“ Die Gemeinde habe auch für ihn privat auf dem Grundstück der Villa Arminio, das an das der Villa La Collina angrenzt, eine Boccia-Bahn gebaut, weil er geäußert habe, daß er sich beim Spiel nicht gerne der Öffentlichkeit präsentiere. „Dr. Adenauer war unser aller Freund, liebenswürdig, bescheiden, aber auch großzügig“, resümiert Dr. Zampa.

Von der Villa aus schlängelt sich die „Passeggiata Adenauer“ durch blühende Gärten zur Dorfkirche hinauf, wo der Kanzler während seines Urlaubsaufenthaltes die sonntäglichen Gottesdienste besuchte, die Don Fernando Nani zelebrierte. Er sei als junger Priester nach Griante gekommen, berichtet der 53jährige. Er erinnere sich, sehr aufgeregt gewesen zu sein, als er die Mitteilung erhalten habe, daß Adenauer zur Meßfeier komme. Doch sein aus Altersgründen ausgeschiedener Vorgänger im Amt, der den Gast schon einige Jahre kannte, habe ihn getröstet, daß nicht der Kanzler, sondern der gläubige Katholik der Messe beiwohne. „Natürlich“, sagt Don Nani, „war es für mich eine Ehre, den Cancelliere an der Pforte der Kirche zu empfangen und ihn zu einer in der Nähe des Altars gerückten, mit einfachen Polstern verkleideten Bank zu geleiten.“

In seinen Gesprächen mit Adenauer im Lauf der Jahre sei ihm dann klar geworden, daß für diesen der Glaube das eine, die Kirche das andere gewesen sei. So habe Adenauer die Aktivitäten Papst Johannes XXIII. kritisch betrachtet und den Beschlüssen des Vatikanischen Konzils ablehnend gegenübergestanden. Auch seine Spenden an die Kirche hätten sich, so Don Nani, im üblichen Rahmen gehalten. Dagegen habe er das am Ort befindliche Kinderheim großzügig unterstützt. Nach seinem Gesamteindruck von Adenauer befragt, antwortet Don Nani, dieser sei zwar ein „kalter Katholik“, aber sicher ein guter Mensch gewesen, kein „von Gott Gesandter“, fügt er lächelnd hinzu. „Er war der richtige Mann am rechten Ort in seiner Zeit, heute würde man ihn wohl nicht mehr verstehen“, meint er schließlich noch.

Zurück zum Fotoalbum im Kaminzimmer der Villa La Collina. Auf einer der Seiten ist eine Konzertszene abgelichtet. Ein Konzert in einem Saal der Villa Carlotta in Tremezzo, zu Ehren Konrad Adenauers. Veranstaltet von seinen Grianter Freunden.

Dialog mit dem Figaro

Inmitten der festlich befrackten Musiker des Mailänder Orchesters mit dem Konzertmeister Zampa, dem Vater des Grianter Dottore, der Sänger Renzo Toscani, im Hauptberuf „Barbier von Cadenabbia“. Toscani, der nach einer Friseurlehre am Mailänder Konservatorium ein Gesangsstudium absolvierte, später aber das Friseurgeschäft des Vaters übernehmen mußte, lernte Adenauer über seine Sängerqualitäten kennen. Eines Tages habe ihn sein Vater - ein Boccia-Partner Adenauers - gebeten, doch den sonntäglichen Gottesdienst, den der Kanzler besuchte, mit Gesangseinlagen zu begleiten.

„Nun, ich singe gern“, sagt Toscani, „habe mit dem Organisten geprobt und dann in dem folgenden Sonntagsgottesdienst für den hohen Feriengast von der Empore der Orgel das 'Agnus Dei' von Bizet, das 'Largo' von Händel und ein 'Ave Maria' gesungen. Ich blickte dabei auf Adenauer, plötzlich wandte er sein Gesicht überrascht zu mir, lächelte kurz und schaute wieder auf seine gefalteten Hände.“

„Natürlich nahm der Kanzler auch meine Dienste als Friseur in Anspruch“, fährt Renzo Toscani fort. „Wenn ich ihm das Haar schnitt, sang ich ein paar Takte, wobei Adenauer die Melodie mitsummte, auch mitsang.“

„Politik ist wie Boccia“

Da Adenauer nur mäßig die italienische Sprache beherrschte, sowohl der Kanzler als auch Toscani aber imstande waren, auf Französisch zu parlieren, funktionierte die Verständigung: Dabei, so versichert der singende Figaro, sei über Politik nur wenig gesprochen worden, vielmehr habe Adenauer ausführlich über die Geschichte und das Leben der Menschen am Comer See informiert werden wollen. Einmal, so erinnert sich Toscani nach längerem Überlegen, sei jedoch der folgende Dialog zustande gekommen: „Der Kanzler: 'Renzo, was halten Sie von der Politik?' Renzo: 'Politik sind ständige Kompromisse.' Der Kanzler: 'Das haben Sie gut gesagt. Politik ist aber auch wie Boccia, man wird immer wieder mit neuen Überraschungen konfrontiert und muß sich was Neues ausdenken. Wen halten Sie denn für den größten Politiker?' Toscani: 'Sie, Herr Bundeskanzler!'“ - Toscani schildert, daß Adenauer darauf nicht antwortete, sondern ihn nur mit großen Augen prüfend ansah, dann aber schmunzelnd nickte.

Doch nicht nur bei den Mitgliedern des ehemaligen Freundeskreises des Kanzlers ist die Erinnerung an ihn in Cadenabbia und Griante noch lebendig. Die meisten Männer und Frauen der einheimischen Bevölkerung sprechen engagiert von Adenauer, wenn man sie nach ihm fragt. Mancher verbindet mit dem Ferienaufenthalt des Kanzlers persönliche Erinnerungen. So auch eine etwa 35jährige Frau, die am Rande des Aufstiegs zur hoch im Berg gelegenen Wallfahrtskirche San Martino Erfrischungen bereithält. „Natürlich erinnere ich mich an Adenauer“, sagt sie, denn sie habe ihn oft auf diesem steilen Weg gesehen. Besonders aber denke sie rückblickend an die schönen und eleganten Carabinieri, die beim Aufenthalt des „Cancelliere“ immer nach Griante gekommen seien: „Für meine Freundinnen und mich immer ein großes Erlebnis. Nun, wir schwärmten, wie 15- oder 16jährige Mädchen eben schwärmen.“

Trotz aller Verehrung für den hohen und beliebten Feriengast wurde ihm an seinem langjährigen Urlaubsort von den Einheimischen kein Denkmal errichtet. Selbst „seine“ Boccia-Bahn ist von Gräsern und Sträuchern überwachsen; lediglich das Straßenschild „Passeggiata Adenauer“ deutet auf sein Verweilen am Ort hin. Gleichwohl wird das Andenken an den ersten Kanzler der Bundesrepublik Deutschland am Comer See repräsentativ durch die Erhaltung der Villa La Collina als politische Begegnungsstätte der Konrad-Adenauer-Stiftung gewahrt.

Quelle: „Badische Neueste Nachrichten“ vom 29. August 1981. - Abgedruckt in: Konrad Adenauer in Cadenabbia. Im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung hg. von Günter Buchstab. 2. Aufl. Bad Honnef-Rhöndorf 2001, S. 58-63.