18. Oktober 1917: Antrittsrede als Oberbürgermeister der Stadt Köln vor der Stadtverordneten-Versammlung

Für die ehrenden Worte, mit denen Sie, sehr verehrter Herr Regierungs-Präsident, mich entsprechend den gesetzlichen Vorschriften in mein Amt als Bürgermeister der Stadt Cöln eingeführt haben, danke ich Ihnen herzlich. Die Einführung durch ein Organ der Staatsregierung soll darauf hinweisen, dass auch die Selbstverwaltung ihre Rechte aus dem Brunnen der staatlichen Macht schöpft, und dass auch die sich selbstverwaltenden Körperschaften Teile des staatlichen Organismus sind. Nehmen Sie meine Versicherung entgegen, dass die Stadt Cöln, die untrennbar mit dem Deutschen Reiche vereinigte Metropole der Rheinlande, dessen immer eingedenk sein und sich stets als Glied des großen deutschen Vaterlandes fühlen wird.

Heute weilen Sie, sehr verehrter Herr Präsident, zum ersten Male in unsrer Mitte. Ich benutze gerne diesen Anlass, um Sie herzlich willkommen zu heißen. Wir sind überzeugt, dass Sie ebenso, wie Ihr hochgeschätzter Herr Vorgänger, die Freiheit der Selbstverwaltung achten und uns dort, wo es not tut, tatkräftig unterstützen werden. Mögen Sie das alte Cöln als Ihre neue Heimat von Herzen lieb gewinnen und sich in unsrer Stadt bald ganz heimisch fühlen.

Meine verehrten Herren Stadtverordneten! Sich ganz auswirken mit den Kräften des Verstandes und der Seele, mit seiner ganzen Persönlichkeit schöpferisch tätig sein zu können, ist der schönste Inhalt menschlichen Lebens. Das Feld hierzu haben Sie, meine verehrten Herren, mir durch die Wahl zum Bürgermeister der Stadt Cöln geöffnet. Dafür danke ich Ihnen von Herzen. Mein Dank ist um so wärmer, als es meine Vaterstadt ist, deren Leitung Sie meiner Hand anvertraut haben, die Stadt, die wegen ihrer Eigenart, ihrer stolzen Vergangenheit, ihres mächtig pulsierenden Gegenwartslebens auch jetzt noch jedem ihrer Kinder „eyn Kroyn boven allen steden schoyn" ist. Das Gefühl des Dankes gegen Sie, meine verehrten Herren, wird mich nicht verlassen. Sie haben, obgleich zwei Parteien angehörend, mich einmütig gewählt. Ob ich meiner Aufgabe gerecht werde, muss die Zukunft zeigen. Das eine aber ist gewiss: Das durch meine einmütige Wahl bekundete Vertrauen in meine Gerechtigkeit und Unparteilichkeit wird Sie nicht täuschen.

Meine verehrten Herren! Der Kriegssturm rast durch die Welt und die von ihm aufgejag­ten schweren Wolken verwehren uns noch mehr als sonst den Blick in die Zukunft. Doch treten von ihren Aufgaben drei schon jetzt als besonders wichtig in ihren Umrissen hervor.

Gesunde Finanzen müssen die Grundlage aller staatlichen und kommunalen Betätigung sein. Die überaus günstige finanzielle Entwicklung unsrer Stadt hat der Krieg, wie Sie wissen, nachteilig beeinflusst. Unsre erste Aufgabe wird sein, unsre Finanzen in Einklang zu bringen mit den durch den Krieg geschaffenen veränderten Verhältnissen. Auf wirtschaftlichem Gebiete hat der Krieg tiefgehende Verheerungen angerichtet. Über die Größe des Schadens dürfen uns die - manchmal ungesunden - Blüten, die daneben in einzelnen Wirtschaftszweigen hervortreten, nicht hinwegtäuschen. Hier werden wir mit starker Hand und - tut es not - mit großen Mitteln eingreifen, bedrohten Existenzen helfen, zerstörte wieder aufrichten müssen. Über das Gebiet der Einzelwirtschaft hinaus wird sich unser Blick auf die gesamte wirtschaftliche Stellung Cölns zu lenken haben. Weiche Umwälzung der Krieg in der wirtschaftlichen Struktur Deutschlands, dessen Wirtschafts­leben so eng mit dem Auslande verbunden war, bringen wird, steht noch dahin. Eifrig darauf zu achten, dass Cöln seine stolze Stellung im deutschen und internationalen Wirtschaftsleben wieder erhält und weiter ausbaut, wird unsere ernste Sorge sein. Sozial bluten wir aus tausend Wunden. Aber der Krieg hat uns auch die Augen für unsre sozialen Pflichten geöffnet. Er hat uns davon überzeugt, dass wir alle Glieder eines Körpers sind, dass das Wohl und Wehe eines Standes letzten Endes auch das des andern ist. Unsre soziale Erkenntnis hat der Krieg erweitert und vertieft: der Hebung aller Klassen, die einer solchen bedürfen, muss unsre soziale Arbeit gelten und sie muss sich erstrecken auf alle Gebiete menschlichen Lebens. Mit warmem Herzen und starkem Willen wollen wir die neuen Wege sozialer Erkenntnis, die ein Geschenk des Krieges ist, gehen. Unsre ganze Arbeit mit sozialem Geiste und Verständnis zu erfüllen und zu durchdringen, wird meine vornehmste und liebste Pflicht sein.

Meine verehrten Herren! Vor mir haben auf diesem Platze gestanden Wilhelm v. Becker und Max Wallraf, Männer, deren große Arbeit und Erfolge uns allen bekannt sind. Das Erbe dieser hervorragenden Männer zu wahren und zu mehren, ist mein fester Wille. Helfen Sie mir dabei; auf Ihre Hilfe bin ich angewiesen. Bewahren Sie mir vor allem das Vertrauen, das mir heute aus Ihren Worten so warm und herzlich entgegen­klingt. Die gleiche Bitte richte ich an Sie, meine verehrten Herren Beigeordneten, an alle, die im Dienste der Stadt tätig sind, an unsre Presse und die ganze Bürgerschaft. Der Krieg hat uns tiefe Wunden geschlagen, und der Friede, der Wiederaufbau wird uns noch schwerere Aufgaben bringen als der Krieg. Und doch blicke ich getrost und frohen Mutes in Cölns Zukunft. Der Geist unsrer Vorfahren, ihr Fleiß, ihre Unterneh­mungslust, ihr Wagemut, der Cöln zur bedeutendsten und reichsten Stadt des deutschen Mittelalters gemacht hat, er weht auch jetzt noch durch unsre Stadt, er wird Cöln einer glücklichen Zukunft entgegen führen.

Meine verehrten Herren! Manches Kriegsgewitter hat Cölns Mauern in den vergangenen zwei Jahrtausenden umtobt. Raub und Mord, Plünderung und Brand, Pest und Hunger haben in ihren Straßen und Gassen gewütet. Wie anders heute: seit drei Jahren rast der furchtbarste Krieg, den die Welt je gesehen, und noch gehen wir hier in der Grenzmark des Reiches ungestört unsrer friedlichen Beschäftigung nach; noch hat kein Feind den Boden unsrer Stadt betreten, noch hat kein Blut die Wellen des Rheins gerötet und unversehrt ragen die Türme des Domes zum Himmel. Das danken wir dem Heldenmut des unter dem kraftvollen Zepter unsers erhabenen Kaisers für immer geeinten deutschen Volkes, des Volkes, das sich gleich groß gezeigt hat im Kampf und Streit wie im Dulden und Ertragen. Mit tiefem Danke wollen vor allem wir am Rheine dessen gedenken, denn dem Rhein und dessen Metropole gilt in erster Linie der Feinde Ansturm und die feindliche Eroberungsgier. Wie könnten wir diese für Köln so bedeutungsvolle Stunde würdiger schließen, als mit dem von heißer Dankbarkeit durchglühten Schwur der Treue zu Kaiser und Reich, dem Rufe: Seine Majestät, unser allergnädigster Kaiser und König, er lebe hoch, hoch, hoch!


Quelle: Verhandlungen der Stadtverordneten-Versammlung zu Cöln, 23. (Außerordentliche) Sit­zung vom 18. Oktober 1917, S. 236f.