11. Dezember 1920: Rede Adenauers nach seiner Wahl zum Vor­sitzenden des Provinzialausschusses vor dem Rheinischen Provinziallandtag in Düsseldorf

Meine verehrten Damen und Herren!

Namens meiner Kollegen im Vorsitz und namens der Herren Schriftführer nehme ich den Dank, den uns der verehrte Herr Abgeordnete Hueck eben ausgesprochen hat, gerne an. Ich darf ihn wohl auch unsererseits zu einem sehr guten Teil weitergeben an die Beamten der Provinzialverwaltung, die vom obersten angefangen bis unten hin durch die aus­gezeichnete Vorbereitung es uns ermöglicht haben, in so verhältnismäßig kurzer Zeit mit einem ausgedehnten Programm fertig zu werden.

(Bravo!)

Den Dank, meine verehrten Damen und Herren, den Herr Hueck uns gezollt hat, muss ich aber eigentlich Ihnen allen weitergeben, denn Sie haben uns die Geschäftsführung außerordentlich leicht und angenehm gemacht. Ich glaube, wir alle können, wenn wir auf die Tagung zurücksehen, nur erfreut darüber sein, dass ein Parlament, das, wie ich im Eingange der Verhandlungen sagte, noch keine Tradition in seiner heutigen Zusammensetzung hat, so reibungslos gear­beitet hat. Wenn hinter den Kulissen auch nicht immer alles so geklappt hat, so ist das ja natürlich; es wird sich aber schon bessern.

(Zuruf links: Wenn Sie sich bessern!)

Das tun wir alle. Nun, meine verehrten Damen und Herren, glaube ich wohl in Ihrer aller Namen zu sprechen, wenn ich mich den Worten, die der Herr Ober-Präsident an die ausscheidenden Mitglieder des Provinzialausschusses und insbesondere an seinen bisherigen Vorsitzenden, Herrn Grafen Beissel, wie ich wohl sagen darf, meinen verehrten Freund, gerichtet hat, aus vollem Herzen anschließe.

(Bravo!)

Meine verehrten Damen und Herren! In den Jahren, in denen ich die Ehre gehabt habe, unter dem Herrn Grafen Beissel arbeiten zu können, habe ich immer wieder seinen Gerechtigkeitssinn, sein goldenes Gemüt, die Hingabe an seine Arbeit und die Liebe zur rheinischen Heimat bewundert. Er mag versichert sein, dass die Zeit, während der er an der Spitze des Provinzialaus­schusses tätig gewesen ist, in der Geschichte der Rheinprovinz unvergessen sein wird, und dass diejenigen, die während dieser Zeit mit ihm in nähere Berührung gekommen sind, auch dem Menschen immer ein treues Gedenken bewahren werden.

(Beifall.)

Ich darf in diesem Zusammenhange, meine verehrten Damen und Herren, wohl auch mit einem Worte des Dankes noch desjenigen Herrn gedenken, der vor mir lange Jahre den Vorsitz im Provinziallandtag geführt hat, des verehrten früheren Oberbürgermeisters der Stadt Bonn, des Herrn Spiritus.

(Bravo!)

Diejenigen von Ihnen, die ihn kennen gelernt haben, wissen, wie auch er sich immer den Pflichten seines Amtes gewidmet hat. Ich glaube, Sie alle werden mit mir darin übereinstimmen, dass in dieser Stunde auch ihm ein Wort des Dankes, nicht an letzter Stelle, gebührt.

Meine verehrten Damen und Herren! Mit diesem 59. Rheinischen Provinziallandtag hat eine neue Epoche in der Geschichte der Vertretung der Rheinpro­vinz eingesetzt. Ich glaube, dass diese neue Epoche der Rheinprovinz zum vollen Segen gereichen wird. Nicht etwa, meine verehrten Damen und Herren, als wenn ich damit auch nur mit einem Gedanken die Arbeiten kritisieren wollte, die in der Zeit vorher geleistet worden sind. Im Gegenteil, diese Arbeiten sprechen für sich selbst. Jeder von Ihnen, der den Haushaltsplan der Rheinprovinz mit Aufmerksamkeit durchgelesen hat, hat dort die Zeugen für die hervorragende Tätigkeit, die auch bis zu diesem Zeitpunkte auf allen Gebieten geleistet worden ist, gefunden. Aber, meine verehrten Damen und Herren, alles zu seiner Zeit. So erfordert unsere Zeit - das ist der Beginn der neuen Epoche in der Geschichte der Rheinischen Provinziallandtage und der Rheinischen Provinzialverwaltung - eine stärkere Teilnahme der Einwohner der Provinz an ihrer Vertretung und Verwaltung.

(Zustimmung.)

Ich glaube - ich sagte es eben schon -, dass diese stärkere Teilnahme der Provinz in vollstem Maße zum Segen gereichen wird. Es werden dadurch, meine Damen und Herren, wertvolle neue Kräfte in den Dienst des Gemeinwohls eingeschaltet. Meine Damen und Herren, die mit dieser grö­ßeren Teilnahme weiterer Bevölkerungskreise und damit mit einem größeren Interesse der Öffentlichkeit verbundene stärkere öffentliche Kritik wirkt - ich erfahre das ja tagtäglich, da ich selbst Leiter eines großen Gemeinwesens bin, an mir selbst - erfrischend auf die gesamte Verwaltung. Diese starke Teilnahme der Öffentlichkeit weckt auch das Gefühl der Verantwortung bei den Einwohnern der Provinz und sie macht die Bevölkerung politisch reifer und sie vereinigt sie wieder stärker mit ihrer rheinischen Heimat.

Die Entwickelung der Selbstverwaltung, meine Damen und Herren, ist ja noch nicht abgeschlossen. Der letzte Beschluss, den wir in dieser Tagung gefasst haben, hat darauf hingewiesen. Bei den Vorberatungen dieses Beschlusses, meine Damen und Herren, ist für mich, und, ich glaube, für jeden, der daran teilnehmen konnte, von besonderer Bedeutung gewesen, dass bei aller Verschiedenheit der Meinungen doch ein Gefühl immer wieder durchdrang, das Gefühl der Liebe zum deutschen Vaterlande und zu unserer rheinischen Heimat.

(Bravo!)

Dieses Gefühl der Liebe zum deutschen Vaterlande und zur rheinischen Heimat, meine Damen und Herren, schließt auch um uns alle, die wir hier im Saale versammelt sind, mögen wir einem Stande, einer Partei, einem Berufe, einer Konfession angehö­ren, welcher wir wollen, ein starkes und unzerreißbares Band.

(Beifall.)

Diesem Gefühl, meine verehrten Damen und Herren, bitte ich jetzt mit mir Ausdruck zu geben, indem Sie mit mir einstimmen in den Ruf: Das deutsche Volk und die rheinische Heimat, sie sollen leben hoch! hoch! hoch!

(Das Haus stimmt in die Hochrufe begeistert ein.)

Quelle: Stenographische Berichte über die Verhandlungen des Rheinischen Provinziallandtags im Ständehaus zu Düsseldorf (Düsseldorf 1920), S. 172-174. Abgedruckt in: Konrad Adenauer 1917-1933. Dokumente aus den Kölner Jahren. Hrsg. v. Günther Schulz. Köln 2007, S. 62-64.