28. August 1922: Eröffnungsrede als Präsident des 62. Deutschen Katholikentages in München

Gelobt sei Jesus Christus! In alle Ewigkeit - Amen.

So recht von Herzen kam uns dieser Gruß, unserer Versammlung Ziel und Richtung weisend. Er erklang wie aus einem Munde, in uns das warme, köstliche Gefühl der Glaubensgemeinschaft erweckend. Er ist wie eine geistige Empfangspforte, hinter der wir für einige Tage alles zurücklassen wollen, was uns sonst beschäftigt und beansprucht, um uns ganz dem hinzugeben, was uns zusammengeführt hat; der Gottesliebe und der Nächstenliebe.

Wir sind zusammengekommen, um öffentlich Zeugnis abzulegen für unseren Glauben, um unsere Treue und Anhänglichkeit an die Kirche zu bekunden, um Stärke und Trost zu suchen im gemeinsamen Bekenntnis, um unsere ganze aus religiösen Tiefen geschöpfte Kraft zur Verfügung zu stellen für unser armes, gequältes deutsches Volk! Jung und alt, hoch und niedrig, aus Nord und Süd, aus Ost und West, viele unter großen persönlichen Opfern, sind wir nach München geeilt, gerne sind wir nach München gekommen. Wir wussten, dass wir willkommen waren, hier, wo gute Katholiken und gute Bayern, hier, wo gute, treue Deutsche wohnen, die eins mit uns, mit allen deutschen Stämmen sind und bleiben wollen, eins mit dem ganzen deutschen Vaterlande.

Dem deutschen Vaterlande, das in bitterster Not und Gefahr ist, gilt unser herzlichster Gruß. Haben wir schon früher treu zu ihm gestanden, jetzt, wo es in Not und Elend ist, stehen wir in doppelter, hingebender Liebe und Treue zu ihm, alle deutschen Gaue, alle deutschen Stämme. So gedrückt und gedemütigt wir sind, niemals werden wir unsere nationale Zusammengehörigkeit, unsere nationale Einheit preisgeben. Man hat das deutsche Volk ausgehungert und zu Boden geworfen. Von dem zusammengebrochenen Volke hat man ein Schuldbekenntnis erpresst, ihm Bedingungen auferlegt, die seine nationale und staatliche Existenz vernichten, seine Wirtschaft zerstören, Millionen einem langsamen Tode preisgeben, den Rest in unerträglicher Knechtschaft und Sklaverei halten. In der europäischen Geschichte des Mittelalters und der Neuzeit gibt es kein Dokument, das so allen menschlichen, allen christlichen Grundsätzen hohnspricht, wie das Diktat von Versailles. Eine furchtbare Schuld, die Verantwortung für ein namenloses, materielles und moralisches Elend haben seine Urheber auf sich geladen. Die Katholiken Amerikas, Belgiens, Englands, die Katholiken der ganzen Welt, alle, die sich noch zum Namen Christi bekennen, bitte und beschwöre ich: Helft! Seid eingedenk eures katholischen Glaubens, eures christlichen Namens! Verhütet das Sterben eines Volkes von 60 Millionen!

An die französischen Katholiken wende ich mich noch ganz besonders: Frankreich martert, Frankreich quält uns, auch uns, eure Glaubensbrüder! Zu Frankreichs Ehre nehmen wir an, es handelt so, weil es glaubt, so handeln zu müssen. Glaubt uns, Frankreich irrt, es gibt andere Wege für Frankreich, um zu dem zu kommen, was ihm gebührt. Kommt zu uns, ihr französischen Katholiken, lasst uns gemeinsam einen Weg suchen, der unseren beiden Ländern hilft!

Mit Neid blicke ich, der ich heute als Ihr Präsident die Ehre habe, zuerst zu Ihnen zu sprechen, auf das zurück, was in besseren Zeiten vor dem Kriege meine Vorgänger bei dieser Gelegenheit sagen konnten, wie sie trotz mancher begründeten Beschwerden über das Verhältnis zwischen Staat und Kirche mit Stolz und Freude hinweisen konnten auf die Lage und Erfolge der deutschen Katholiken.

Ich kann das nicht. Mit Schmerz und mit Trauer muss ich das sagen, aber ich glaube, meine Pflicht gegenüber dem katholischen Volke nicht zu erfüllen, wenn ich anders spräche. Gewiss - mit Bewunderung und Ehrfurcht sage ich das, - wird auch jetzt von Geistlichen und Laien, von den Orden, von Vereinen und Verbänden das menschenmögliche getan. Aber der Strom, gegen den wir ankämpfen, ist zur Flut geworden, zu einer fast übermächtigen Flut: Das ungeheure materielle Elend des deutschen Volkes hat ein ungeheures moralisches Elend geboren! Es ist kein Wunder.

Erst jahrelang die Last und der Hunger des Krieges!

Wir haben alles getragen in der Hoffnung, dass die Last einmal ein Ende nehme. Das Ende des Krieges kam, aber kein Ende der Not und kein Friede. Wir hungern weiter, wir verelenden weiter nun schon wiederum 4 lange Jahre. Tausende und Abertausende sterben schweigend und lautlos dahin. Unsere Kinder welken, wehe ihnen, wenn sie dereinst den Kampf mit dem Leben aufnehmen sollen.

Verzweifelt fragen wir uns jeden Tag: Was soll morgen werden, wie werden wir uns, unsere Kinder sättigen und kleiden? Und unsere Alten! Mit entsetzlicher Sicherheit sehen sie jenen Tag herankommen, an dem ihre, in langer Arbeit erworbenen Ersparnisse vollends wertlos geworden sind und ihnen nichts übrig bleibt, als Hungers zu sterben. Über dies furchtbare Trauerspiel können nicht die blinkenden Reste, kann nicht die Fassade hinwegtäuschen, die uns aus einer besseren Vergangenheit geblieben ist, und hinter der wir unsere Not und unsere Armut zu verbergen suchen.

Dabei keine Hoffnung auf Besserung, keine Aussicht auf eine günstige Wendung! Kann es da wunder nehmen, wenn das Volk in diesem sich täglich wiederholenden aussichtslosen Kampfe zermürbt und unterliegt? Wenn es zuletzt nur noch an das Materielle denkt, wenn es schließlich Vergessen und Betäubung sucht? In diesem physisch und psychisch gemarterten Volke, auf so vorbereitetem Boden muss Materialismus und Mammonismus wachsen, muss der Sinn für das Überirdische und Religiöse schwinden, muss Sittenlosigkeit und Autoritätslosigkeit gedeihen. Materialismus, Unsittlichkeit, Autoritätslosigkeit, das sind die Krankheiten, die unser Volk in größtem Ausmaße befallen haben.

Und wir deutschen Katholiken?

Ich verkenne nicht auf unserer Seite die religiöse Treue, das ernste moralische Streben breiter Volksschichten, das hier und dort neue erwachende religiöse Streben. Aber wenn ich das Ganze überschaue, dann kann ich nur schmerzerfüllt sagen: Auch unter uns wüten die gleichen Krankheiten, weite katholische Kreise sind davon erfasst, die vor dem Kriege treu zu uns standen, haben sich von uns gewandt. Eine traurige, aber beweisende Sprache für die kirchliche Statistik. Sie zeigt uns, dass in vielen Teilen unseres Vaterlandes, ja sogar besonders auf dem Lande, die Zahl der Kommunionen stark abgenommen hat.

Wenn ich mich zu der Lage der deutschen Katholiken im staatlichen Leben wende, kann ich dann so sprechen, wie meine Vorgänger auf diesem Platze? Die Hemmnisse, die unserer religiösen Betätigung früher schmachvoller Weise entgegengesetzt wurden, sind hier gefallen; auch sind Katholiken in hohe und höchste Staatsämter eingerückt. Aber überschätzen wir nicht den Einfluss katholischer, christlicher Überzeugung auf die öffentlichen Dinge!

Einflussreiche Kreise stehen uns, unserer Weltanschauung innerlich feindlich gegenüber, sie ertragen uns zurzeit nur aus dem Gefühle politischer Notwendigkeit heraus; man kann aber nicht das Vertrauen zu ihnen haben, dass sie, allein zur Herrschaft gelangt, in der Praxis tolerant sein würden.

Die innere Lage in Deutschland ist so voll Spannung und Gefahren, dass jeder Augenblick für uns vernichtende Situationen schaffen kann. Aber auch selbst wenn diese nicht eintreten, alles muss doch neu aufgebaut werden, und bei dieser grundlegenden, wichtigen Aufbauarbeit könnte die Vertretung der katholischen Ideale gar nicht breit und einheitlich genug sein. Wie ist es darum bestellt? Wo ist ihre erste Voraussetzung, die Einigkeit der deutschen Katholiken? Immer und immer wieder ist bei früheren Katholikenversammlungen auf diese Einigkeit als die wichtigste und kostbarste Errungenschaft des katholischen Deutschlands hingewiesen worden. Kann auch ich heute mit Stolz auf diese Einigkeit hinweisen? Ich kann es nicht, sie besteht nicht mehr, besteht nicht mehr in einer solchen Zeit! Gott sei's geklagt! Von diesem Platze aus rufe ich im Namen der deutschen Katholiken und mit der ganzen Autorität, die mir dieser Platz verleiht, den Führern und all den Katholiken, die jetzt abseits stehen, zu: Stellt die alte Einigkeit, stellt die alte Einheit wieder her. Sammelt alle wieder um die alte Fahne, die siegreich war in vielen Jahrhunderten, die unsere großen dahingegangenen Führer vorangetragen haben! So ist die jetzige Lage der deutschen Katholiken. Sie anders sehen, heißt sich selbst täuschen.

Was sollen wir deutsche Katholiken in dieser traurigen Lage tun? Vor allem eins: Den Kopf hoch halten, nicht den Mut sinken lassen! Wir haben nicht nötig, kleinmütig zu verzagen; Gott ist mit uns, ist mit uns mit seiner ganzen Kraft, seiner Allmacht, seiner Liebe. Wenn wir weiterarbeiten im rechten Sinne, zäh, geduldig, ausdauernd, so ist ganz sicher der Erfolg unser.

Es wird behauptet, das, was wir erlebt haben und noch erleben, beweise die Wertlosigkeit der christlichen Grundsätze, sei ein Zusammenbruch des Christentums. Das ist eine grobe Geschichtsfälschung. Gerade das Gegenteil ist richtig; was wir erleben, ist der Zusammenbruch des Materialismus, die Götterdämmerung der materialistischen Weltauffassung.

Will ein Mensch behaupten, dass in Deutschland, in Europa in den Jahrzehnten vor dem Kriege oder gar im Kriege christliche, katholische Grundsätze maßgebend gewesen wären? Wie war denn das Verhältnis von Staat und Kirche bei uns in den letzten Jahrzehnten? Lest die Geschichte der Katholikenversammlungen, sie gibt die beste Antwort. Herrschte nicht bis in die letzten Jahre hinein der mehr oder weniger kirchenfeindliche Liberalismus?

Denkt an die Lage unserer Orden! Sie wurden überhaupt nicht zugelassen, oder, wenn sie zugelassen wurden, wie notorische Verbrecher der Polizeiaufsicht unterstellt und in der kleinlichsten, gehässigsten Weise schikaniert. Galt nicht der überzeugte Katholik als staatsgefährlich, wurde er nicht aus hohen Staatsstellen geflissentlich ferngehalten? Wie sah's auf den Universitäten aus? Wie war das Verhältnis zwischen Kirche und Staat in Italien, oder gar erst in Frankreich? Nein, in den letzten 50 Jahren waren im staatlichen und öffentlichen Leben Europas nichtchristliche Grundsätze maßgebend, die letzten Jahrzehnte waren die Zeit der ausgesprochenen Herrschaft des Materialismus. Die Fortschritte, welche die Menschen in der Technik gemacht hatten, die Reichtümer, die nur dadurch zuflössen, hatten ja den Sinn, das Verständnis für die Tradition, für das Geistige, das Übernatürliche genommen; sie glaubte, in der Materie und in der Herrschaft über die Materie den Endzweck alles menschlichen Seins, die Krone alles menschlichen Strebens zu erblicken. Die Saat, die der Materialismus gestreut hat, ist furchtbar aufgegangen. Ihre letzte und scheußlichste Frucht ist der Krieg: die untrennbar mit der materialistischen Weltauffassung verbundene Herrschsucht der Völker haben ihn herbeigeführt. Für den, der aufmerksam die Geschichte der letzten Jahrzehnte verfolgt hat, war es kein Geheimnis, dass die ganze Entwicklung zu einer furchtbaren Katastrophe führen müsse. Der Zusammenbruch Europas ist ein nicht zu widerlegender Beweis für die unerschütterliche Richtigkeit der christlichen Grundsätze; denn das Abweichen von ihnen hat die Menschheit zwangsläufig in dieses Elend, dieses Chaos geführt.

Also nicht den Mut sinken lassen, sondern mit doppelter Kraft den christlichen Grundsätzen wieder zur Anerkennung zu verhelfen suchen, das ist was die Lage von uns fordert. Bei uns selbst wollen wir damit zuerst anfangen, jeder bei sich und seiner Familie. Das ist unsere erste Pflicht. Nur, wenn wir selbst christlich leben und in unseren Familien christliches Leben herrscht, haben wir das Recht dafür einzutreten, dass diese Grundsätze auch im öffentlichen Leben Geltung haben.

Bei sich also fange jeder selber an! Das persönliche Beispiel, das jeder, der die Ehre und die Gnade hat, Katholik zu sein, gibt, bedeutet unendlich viel.

Die christlichen Grundsätze müssen aber auch in den Öffentlichen Dingen wieder maßgebend werden.

Das sind sie jetzt keineswegs mehr wie früher, auch wenn unsere Orden jetzt wieder freie Bahn haben und Katholiken hohe Staatsämter bekleiden. Ich habe schon ausgeführt, dass man das zugelassen hat „der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe", und dass es jeden Augenblick wieder anders kommen kann. Auch jetzt noch ist in Deutschland der antichristliche Geist in den öffentlichen Dingen - das ist ein weiterer Begriff als in „politischen Dingen" - durchaus maßgebend. Ja, er ist seit dem Zusammenbruch noch erheblich stärker geworden. Man geht jetzt noch viel geflissentlicher und zielbewusster darauf aus, die große Masse der Bevölkerung zu entchristlichen. Man sucht ihr eine neue Religion beizubringen, eine sozialistische Religion. Ich weiß, dass das nicht alle Sozialisten wollen. Aber es ist eine eigene Sache um den heutigen Sozialismus in Deutschland. Früher war er, und bei einem Teil seiner Anhänger ist er auch jetzt noch, eine ehrlich gemeinte, aus idealen Gründen hochgehaltene politisch = wirtschaftliche Überzeugung, der man Achtung entgegenbringen muss. Für einen großen Teil seiner Anhänger ist er identisch mit Lohnbewegung. Eine dritte Abart von Sozialisten mengt den politischen und wirtschaftlichen sozialistischen Ansichten allerlei sonstige Fragen der Lebensauffassung, kulturelle Fragen, Fragen der Kunst, ethische Fragen bei und sucht so eine Art nichtchristliche Religion zu schaffen. Täuschen wir uns nicht über die Gefahr, die darin steckt!

Mit einer solchen Diesseits-Religion kann man unser Volk in gefährlicher Weise entchristlichen. Es liegt nur zu nahe, dass Menschen, deren religiöse Überzeugung verschwommen ist, die nur noch aus einem gewissen Beharrungsvermögen heraus und mehr dem Namen nach christlich sind, einer solch geschickt vorgetragenen, den natürlichen Instinkten entgegenkommenden, mit Redensart über Kultur und Schönheit und Kunst verbrämten Diesseitsreligion sich zuwenden und ihr zum Opfer fallen.

Wie setzen wir demgegenüber die Geltung der christlichen Grundsätze in den öffentlichen Dingen durch, wie verhüten wir eine Entchristlichung des Volkes?

Zunächst durch intensive, energische Arbeit im katholischen Lager, insbesondere auch durch eine starke, einheitliche und einige Vertretung der Katholiken. Gerade das möchte ich nochmals mit allem Ernst und mit allem Nachdruck unterstreichen.

Das genügt aber nicht. In Deutschland gibt es ein Drittel Katholiken und zwei Drittel Nichtkatholiken. Wir müssen beim Kampfe für die Geltung der christlichen Grundsätze in den öffentlichen Dingen bei den Nichtkatholiken Bundesgenossen suchen und die Gegnerschaft jener, die wir nicht als Bundesgenossen gewinnen können, möglichst entkräften. Vielleicht oder sogar sicher haben wir uns früher zu sehr für uns von den Nichtkatholiken ferngehalten. Dadurch haben wir die gemeinsamen christlichen Ideale, die auch im evangelischen Lager viele pflegen und hochhalten, nicht gefördert.

Soweit wir das irgendwie können, müssen wir mit Bestrebungen Gleichgesinnter im evangelischen Lager Hand in Hund gehen und suchen, uns gegenseitig zu unterstützen und zu fördern.

Wir brauchen dabei keine Befürchtungen zu haben, unsere besonderen katholischen Grundsätze litten Schaden. Sie sollen und werden davon vollständig unberührt bleiben. Aber, von einem getrennten „Schlagen", sicher erst von einem gegenseitigen Befehden der katholischen und evangelischen Christgläubigen hat nur der gemeinsame Feind, der nichtchristliche Geist, Nutzen.

Unter unseren Gegnern gibt es viele, sehr viele, die nur deshalb unsere Gegner sind, weil sie uns und unsere Arbeit nicht kennen. Man glaubt gar nicht, wie groß auch jetzt noch, selbst bei klugen Leuten, die Unkenntnis in katholischen Dingen ist, wie jene, die kaum jemals einen Katholiken näher kennen gelernt haben, die albernsten und verstiegensten Vorstellungen von einem „waschechten" Katholiken haben. Sie müssen uns und die Werke und Verdienste unserer Religion kennenlernen. Wir müssen unsere bisherige Zurückhaltung auch ihnen gegenüber fahren lassen und suchen, in Berührung und, soweit möglich, in gemeinsame Arbeit mit ihnen zu kommen. Vielfach werden wir durchaus gemeinschaftlich mit ihnen raten und taten können, auf anderen Gebieten wenigstens bis zu einem gewissen Grade. Das ist das beste Mittel, ihnen ihre Vorurteile zu nehmen.

Wir müssen weiter die Welt in viel stärkerem Maße als bisher aufklären über unsere Tätigkeit. Die weitesten Kreise kennen nicht die Verdienste, die sich unsere Kirche um die Menschheit seit mehr denn 1900 Jahren erworben hat. Sie kennen nicht die unzähligen Werke der Barmherzigkeit, die Tag für Tag, Jahr für Jahr, in unseren Klöstern und klösterlichen Anstalten in entsagungsvollster Weise an den Kindern, den Kranken, Schwachen und Armen, den Unmündigen und Gebrechlichen aller Art getan werden und lange getan worden sind, ehe man sozialistische Lehren kannte.

Ich glaube, viele würden das Christentum mit anderen Augen ansehen als bisher, sie würden es festhalten, schätzen und lieben lernen, sicher uns aber in unserer Arbeit gewähren lassen. Ich wünsche, es würde einmal von unserer Seite ziffernmäßig und statistisch dargestellt, was unsere Kirche und die Katholiken für die Volkserziehung, die Volksbildung, die Volksunterhaltung, für die Pflege der Kunst, für caritative Zwecke tut. Man sollte einmal feststellen, welche Summen dafür ausgegeben werden, wie viel Personen ganz oder teilweise in der Kranken- und Armenpflege, in der Erziehung, in der Fürsorge, auf allen sozialen und caritativen Gebieten unserseits tätig sind. Wenn man unsere gesamte Arbeit einmal statistisch aufnähme, wir würden ein Material zusammenbekommen, vor dem auch der schärfste Gegner bekennen müsste, dass die Kirche noch immer jene ist, die sich am allermeisten auf allen Gebieten derer annimmt, die Not leiden.

Die meiste, umfassendste und schlimmste Entchristlichung wird herbeigeführt durch jene moralischen Krankheiten des Volkes, von denen ich schon gesprochen habe. Sie gedeihen am besten und üppigsten in Zeiten allgemeiner wirtschaftlicher und sozialer Not. Wir dürfen daher nicht ermüden in der Arbeit auf sozialem Gebiete, im Gegenteil, wir müssen sie noch verstärken, ausbauen und vor allem religiös vertiefen, nicht nur aus Gründen allgemeiner Nächstenliebe, sondern auch aus rein religiösen Motiven.

Ein soziales Programm müssen wir, muss das deutsche Volk ganz anders in Angriff nehmen als bisher, das ist das Problem der Großstadt, Fürchten Sie nicht, dass ich jetzt als Bürgermeister einer Großstadt und von ihrem Interessenstandpunkt aus spreche. Nein, ich spreche als Sozialpolitiker, dem das Wohl des gesamten Volkes am Herzen liegt, der aber in dem Großstadtproblem das wichtigste der sozialen Probleme Deutschlands, des Landes der Großstädte, erblickt. Die Lösung dieses Problems ist entscheidend für die Zukunft unseres ganzen Volkes. Die Erfahrung der Vergangenheit zeigt, dass die seelischen Volkskrankheiten, jene, von denen ich sprach, und fast alle anderen in den Großstädten entstehen. In ihnen wohnt fast die Hälfte unserer Bevölkerung. Wenn ein so großer Teil seelisch erkrankt, kann der andere nicht gesund bleiben. So sehen wir, dass sich diese Krankheiten von den großen Städten aus mit unheimlicher Schnelligkeit und Kraft auf das Land, das ihnen keinen genügenden Widerstand entgegensetzen kann, verbreiten.

Wohl haben wir versucht, den Gefahren der Großstadt entgegenzuarbeiten. Wir sorgen, so gut wir können, für Volksbildung, Volksunterhaltung, gute Lektüre, wir unterstützen Spiel und Sport, wir versuchen, Theater und Kino zu heben. Aber das sind alles Palliativmittel, wir behandeln nur die Symptome der Großstadtkrankheit, wir gehen nicht an ihre Wurzel. Die eigentliche Großstadtkrankheit ist die Wurzellosigkeit ihrer Bewohner. Sie haben nicht, wie die Bewohner der kleineren Städte oder des Landes, den beruhigenden Ausgleich, die Entspannung und Regenerierung, die der Zusammenhang mit der Erde, der Natur immer wieder gewährt, nicht den Halt, den die Zugehörigkeit zu einer kleineren Gemeinschaft gibt. So muss der Großstadtbewohner wurzellos werden, körperlich und geistig entarten. Seine Entartung wird beschleunigt durch die oft traurigen, allen sittlichen Begriffen hohnsprechenden Wohnungsverhältnisse.

Die Großstadt braucht nicht so zu sein, wie sie ist, sie braucht ihre Bewohner nicht wurzellos zu machen. Man muss die heutige Großstadt in langsamer, weitsichtiger Arbeit umbilden in einen Organismus, der aus einem Geschäftszentrum und in sich gegliederten kleinstädtischen, ja dörflichen Gebilden besteht. So umgestaltet, gewährt auch die Großstadt ihren Bewohnern den Zusammenhang mit Erde und Natur, ja auch das haltgebende Zugehörigkeitsgefühl zu einer kleineren Gemeinschaft. Es handelt sich hier nicht um technische Fragen, nein, um höchste Fragen der Kultur und des sozialen Fortschrittes, der Moral, an denen wir Katholiken auch aus religiösen Gründen intensiv arbeiten müssen. Ich bin überzeigt, wenn heute Bischof von Ketteler oder Kolping mit ihrem tiefen Verständnis für soziale Arbeit unserer Zeit, wenn sie einen Blick in unsere Großstädte würfen, sie würden mit mir darüber einstimmen, dass es die wichtigste soziale Aufgabe ist, unsere großen Städte wieder zu einem der menschlichen Natur angepassten Aufenthalte zu machen. Mehrere Generationen, in den heutigen Großstädten geboren und aufgewachsen, hält das deutsche Volk nicht aus, man mag die Gesetzgebung im übrigen ausbauen, so weit man will und kann.

Noch ein Drittes bleibt uns Katholiken zu tun übrig: Wir müssen die internationalen Beziehungen der Katholiken stärker pflegen und ausbauen, damit auch in den Verhältnissen der Völker zueinander die Grundsätze des Christentums maßgebend werden. Der Krieg und die Jahre nach dem Kriege haben uns in grausamster Weise vor Augen geführt, dass das nicht der Fall ist. Tun wir, was in unseren Kräften steht, damit es anders wird!

Gerade wir Katholiken sind dazu besonders berufen, die Katholiken der verschiedenen Länder müssen sich miteinander verbinden und vereinen, um das zu erreichen. Niemand, dem das Wohl der Menschheit am Herzen liegt, wird uns deshalb des Mangels an Vaterlandsliebe zeihen können. Auf das tatkräftigste und entschiedenste müssen wir alle Bestrebungen des Heiligen Stuhles unterstützen, die dahin gehen, dass die Beziehungen der Völker zueinander nach den christlichen Grundsätzen, nach Recht und Gerechtigkeit geordnet werden.

(Lebhafter Beifall.)

Welche Kräfte der Katholizismus heute nicht nur seinen Anhängern, sondern dem ganzen deutschen Volke, unserem armen Vaterlande schenken kann, das sollen die Vorträge in den öffentlichen Versammlungen im einzelnen darlegen: Kräfte in religiöser Beziehung, der heutige Tag wird diesen Gedanken gewidmet sein.

Kräfte in sozialer Beziehung, dieser Gedanke wird uns morgen beschäftigen.

Kräfte in universaler Beziehung, die Betrachtung darüber wird den dritten Tag ausfüllen. Es ist ein großes, fast übergroßes Arbeitsfeld, das vor uns liegt. Aber nochmals sei es als Gelöbnis wiederholt: Wir verlieren nicht den Mut; denn mit uns ist Gottes Kraft, Gottes Allmacht, Gottes Liebe.

Und nun lassen Sie uns, ehe wir in unsere Verhandlungen eintreten, als treue Kinder unsere Augen und Herzen dem Heiligen Vater zuwenden.

Ist es nicht wunderbar, dass in dieser Zeit der Waffen und der Gewalt eine souveräne Macht besteht, wie das Papsttum, die von weittragendem Einfluss ist auf die Beziehungen der Völker zueinander, und deren Einfluss sich nicht stützt auf Armeen und Flotten und Flugzeuge?

Ist es nicht ein tröstender Gedanke nicht nur für uns Katholiken, nein, für alle Menschen, dass es in dieser Zeit, da die Völker und Staaten kein Recht, keine Gerechtigkeit, keine Liebe mehr kennen, eine Macht gibt, die die Liebe und Gerechtigkeit auch für die Beziehungen der Völker untereinander predigt? Gibt es in dieser Zeit des Zornes und Hasses, in dieser Zeit des Umsturzes und der Autoritätslosigkeit, etwas Notwendigeres und Zeitgemäßeres als das Papsttum?

Wahrhaftig, je mehr die Welt zur Besinnung kommt, je mehr sie sich aus dem furchtbaren Taumel, der sie erfasst hat, wieder auf sich selbst besinnt, desto ehrerbietiger und achtungsvoller wird sie, auch die nichtkatholische, dem Papsttum gegenübertreten müssen.

Wir Katholiken erweisen der Sache der Liebe und Gerechtigkeit unter allen Völkern einen Dienst, wenn wir das Papsttum hochhalten, es durch unsere Treue, Liebe und Anhänglichkeit stützen, durch die öffentliche Bekundung unserer Ergebenheit ehren und feiern. Das wollen wir auch diesmal wieder tun. Von ganzem Herzen und aus vollster Überzeugung wollen wir zum Papsttum halten, zum Papste stehen in fester, nicht wandelbarer Treue!

Einen Kranz der Dankbarkeit und Liebe legen wir heute im Geiste nieder am Grabe Benedikts XV.

Am 22. Januar dieses Jahres hat er seine Augen geschlossen. Sein Pontifikat fiel in die Zeit eines namenlosen Jammers, und als er starb, sah er noch nicht die Morgenröte eines wahren Friedens für die Menschheit. „Wir geben unser Leben gern für den Weltfrieden hin" waren seine letzten Worte. „Die Mission des Friedens und der Liebe, aller Menschen Heil zu wirken", hat er bei Übernahme seines Hirtenamtes als seine Aufgabe in seinem Programm bezeichnet. Diesem Programm ist er treu geblieben, unablässig hat er dafür gewirkt. Sein ernstes Wort an die Katholiken und sein ernstes Wort an die Kriegführenden im September 1914 waren ein Aufruf zum Frieden.

Im Waffenlärm verklangen seine mahnenden Worte ungehört, ungehört blieb auch sein Vorschlag einer Waffenruhe an den ersten Kriegsweihnachten. Im April 1915 forderte er die Vereinigten Staaten auf, die Friedensvermittlung zu übernehmen. Im August 1917 hatte er fast sein Ziel, die Herstellung des Friedens, erreicht. Nicht durch seine Schuld scheiterte sein Werk, als es fast gesichert schien.

Offen und freimütig hat er dann später vor dem Versailler Diktat gewarnt. „Man möge", so sagte er, „von vornherein einsehen, dass die Nationen nicht sterben, und daher möge man absehen von dem gegenseitigen Willen der Vernichtung. Erniedrigt und gedrückt tragen die Nationen mit Widerwillen das aufgezwungene Joch, während der Rachegedanke fortlebt und als schlimmes Erbe des Hasses und der Rachsucht sich von Geschlecht zu Geschlecht fortpflanzt. Warum nicht von nun an mit Gerechtigkeit die Rechte und gerechten Forderungen der Völker prüfen und abwägen?"

Unvergessen bleibt auch, was Benedikt XV. auf caritativem Gebiete gewirkt hat.

Bald nach Kriegsausbruch setzten seine Bemühungen um die Erleichterungen des Loses der Kriegsgefangenen ein. Er erreichte den Austausch der dienstunfähigen Gefangenen, die Internierung der Schwerverwundeten in der Schweiz, den Austausch von Zivilgefangenen, Verbesserungen in der Seelsorge, Besuch der Konzentrations- und Gefangenenlager durch neutrale Abgesandte.

Nach dem Kriege hat er, soweit seine beschränkten Mittel es zuließen, mit vollen Händen für Deutschland gespendet: für die hungernden Kinder, für mittellose und tuberkulöse Studenten, für die erwerbsunfähigen Kleinrentner und Angehörige des Mittelstandes. Wahrhaftig, sein Pontifikat ist die beste Illustration, der beste Beweis der Bedeutung des Papsttums für die ganze, nicht nur für die katholische Welt. Er ist unerwartet früh von uns geschieden. Gesegnet sei sein Andenken, er war in Wahrheit ein „Gesegneter des Herrn".

Auf Benedikt XV. ist Pius XI. gefolgt. Seit vielen Jahrhunderten haben wir keinen Papst mehr gehabt, der die deutsche Sprache, die deutsche Wissenschaft, deutsche Art und deutsches Wesen so gekannt hat, wie unser jetziger Heiliger Vater.

Seiner Zuneigung und Liebe für Deutschland hat er unmittelbar nach seiner Wahl den deutschen Kardinalen gegenüber durch Wort und Tat Ausdruck verliehen. Er hat nach seinen eigenen Worten die Mission Benedikts XV., die Mission des Friedens und der Liebe, aufgenommen und uns, die Gedrückten und Gedemütigten, die Armen und Notleidenden, besonders in sein Herz geschlossen. Wir begrüßen ihn heute mit Dankbarkeit und Ehrfurcht, wir scharen uns um ihn in christlicher Liebe, wir geloben ihm unerschütterliche Treue. Mit diesem Gelöbnis lassen Sie mich schließen.

Quelle: Die Reden gehalten in den öffentlichen und geschlossenen Versammlungen der 62. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands zu München 27. bis 30. August 1922. Würzburg 1923, S. 43-53.