25. März 1957: Ansprache vor der Unterzeichnung der „Römischen Verträge“

Meine Herren! Unsere heutige Sitzung gilt der Unterzeichnung zweier Verträge, deren Bedeutung weit über das Maß gewöhnlicher Verträge hinausgeht.

Ich möchte zunächst Worte des Dankes sagen. Danken möchte ich der italienischen Regierung, der Stadt Rom und ihren Bürgern für die großherzige Gastfreundschaft, die sie uns gewähren. Europa hätte keinen bedeutsameren Rahmen für diese Konferenz finden können als diese seine ehrwürdigste Stadt. Wenn wir jetzt versuchen, für die gemeinsame Zukunft Europas die Grundlagen herzustellen, so ist uns das große gemeinsame Erbe, für das Rom immerwährendes Zeugnis ablegt, zugleich Mahnung und Hoffnung. Danken möchte ich sodann allen denen, die an der Herstellung der beiden Verträge mitgewirkt haben: den Delegationen der sechs Staaten und besonders den Delegationsleitern, den Sachverständigen, die in Brüssel und in jedem Mitgliedstaat an der Ausarbeitung der Verträge beteiligt waren, dem Generalsekretär der Konferenz und seinen Mitarbeitern. Sie alle haben viele Monate lang ihre besten Kräfte eingesetzt, um das große, ihnen gesteckte Ziel zu erreichen.

Danken möchte ich schließlich und vor allem dem Manne, der diese Verträge zur Unterzeichnung vorgelegt hat: Herrn Präsident Paul Henri Spaak. Ohne seine unermüdliche Schaffenskraft, ohne seine mitreißende Arbeitsweise, ohne seine Fähigkeit, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu trennen, ohne seine Gabe, zur rechten Zeit das rechte Wort zu finden, wäre das Werk nicht gelungen. Die Brüsseler Regierungskonferenz trug während ihrer ganzen Dauer den Stempel seiner dynamischen Persönlichkeit. Ihm war der Erfolg beschieden, den er verdient hat. Dafür schulden ihm die europäischen Staatsmänner, dafür schuldet ihm ganz Europa Dank. Wenn ich die ehrwürdig schlichte Formel anwenden darf, mit der das alte Rom die höchste Ehrung seiner Konsuln aussprach, so möchte ich sagen: Der Staatsmann Paul Henri Spaak hat sich um Europa wohlverdient gemacht.

Nunmehr liegen uns die Verträge vor. Sie bedürfen noch der Bestätigung durch unsere Parlamente, aber wir hoffen zuversichtlich, dass diese ihre Zustimmung geben werden.

Diese Unterzeichnung bedeutet einen geschichtlichen Augenblick. Wir wollen uns sicherlich nicht Vorschusslorbeeren winden. Allzu viel an Aufgaben liegt noch vor uns. Aber der Freude darüber, dass es uns vergönnt ist, den großen Schritt der Einigung Europas zu tun, der in der Unterzeichnung der beiden Verträge liegt - dieser Freude möchte ich doch Ausdruck geben, denn diese Freude wird von Millionen und Millionen unserer Völker geteilt, die in diesem Augenblick im Geiste bei uns sind.

Noch vor kurzem schien die Einigung, die wir jetzt vertraglich festlegen, vielen nicht wahrscheinlich. Nach dem großen Anfang, der für immer mit den Namen der Präsidenten Schuman und de Gasperi verbunden ist, schien der Einigungswille Europas geschwächt. Noch die Brüsseler Verhandlungen wurden vielfach mit Zweifeln begleitet. Aber die Optimisten, nicht die Pessimisten, haben Recht behalten. In Verfolgung des Ziels, das schon der Vorspruch des Vertrags über die Kohle- und Stahlgemeinschaft bewiesen hatte, wird nunmehr für unsere sechs Staaten eine Europäische Wirtschaftsgemeinschaft und eine Europäische Atomgemeinschaft geschaffen. Damit entsteht auf allen wesentlichen Gebieten des sozialen und wirtschaftlichen Lebens und auf dem zukunftsträchtigen Gebiet der menschlichen Entwicklung, dem Atom-Gebiet, über die bloße Zusammenarbeit hinaus ein echter europäischer Zusammenschluss, der die Gewähr der Dauer in sich trägt.

Die Verträge sind umfangreich und verwickelt; die Fülle des modernen wirtschaftlichen und technischen Lebens hat das notwendig gemacht. Nicht alle Einzelheiten dieser umfangreichen Regelung, über die sich sechs Staaten einigen mussten, haben überall einstimmigen Beifall gefunden; das ist selbstverständlich. Wir dürfen nicht vor lauter Einzelheiten das wahrhaft Große des erreichten Fortschritts übersehen: Nur ein immer festerer Zusammenhalt unserer sechs Staaten gewährleistet uns allen die Sicherung unserer freiheitlichen Entwicklung und unseres sozialen Fortschritts.

Natürlich genügt dazu nicht der Buchstabe von Verträgen. Sie müssen mit Leben erfüllt werden. An diese Aufgaben gehen wir mit Kraft und Vertrauen heran. Wir wissen dabei um den Ernst unserer Lage, aus der nur die europäische Einigung hinausführt. Wir wissen weiter, dass unsere Pläne nicht eigensüchtiger Natur sind, sondern das Wohl der ganzen Welt fördern

Die europäische Gemeinschaft verfolgt nur friedliche Zwecke. Sie richtet sich gegen niemand. Sie ist gegenüber jedem Staat zur Zusammenarbeit bereit. Der Beitritt steht allen europäischen Staaten offen. Wenn ein Staat sich zum vollen Beitritt nicht in der Lage glaubt, so haben wir vorgesehen, mit ihm - insbesondere durch die Schaffung der Freihandelszone - auf andere Weise enge Zusammenarbeit herzustellen. Und mit allen Staaten der Welt wollen wir in der Gemeinschaft den freien Austausch der Güter pflegen und steigern, der der Tradition unserer Staaten entspricht. Der friedliche Fortschritt im Zusammenwirken mit allen ist unser Ziel.

In der Überzeugung, dass wir dieses Ziel erreichen werden, liegt für uns Deutsche noch Anlass zu einer besonderen Hoffnung. Ein Tag wie der heutige lässt uns schmerzlich empfinden, dass es uns noch versagt ist, an dem vereinigten Europa als vereinigtes Deutschland teilzunehmen. Aber unsere Hoffnung ist ungebrochen. Auch die 17 Millionen, die gewaltsam von uns getrennt sind, gehören nach Abstammung, Kultur und Selbstbestimmung zu unserem Europa. Wir vertrauen darauf, dass die Stimme des Rechts und der Freiheit und ihr Widerhall bei den freien Völkern sich im einigen Europa noch verstärken werden.

So steht auch hier, wie überall, die europäische Einigung im Einklang und Zusammenhang mit den umfassenderen Zielen einer friedlichen und guten Entwicklung. Indem Europa sich einigt, dient es nicht nur sich und seinen Staaten, es dient der ganzen Welt.

In diesem Sinne unterschreiben wir die Verträge. In diesem Sinne werden wir an ihre Ausführung gehen.

Quelle: Konrad Adenauer: Fünfzig Jahre Römische Verträge. „Europa muss geschaffen werden“ - Konrad Adenauer zur Einigung Europas (Rhöndorfer Hefte 12). Bad Honnef 2007, S. 51-53.