8. Juli 1962: Tischrede in der Präfektur von Reims beim Staatsbesuch in Frankreich

Herr Staatspräsident! Meine Damen und Herren!

Fast eine Woche, Tage, erfüllt mit Beratungen, Besprechungen. Alles das galt den schwebenden Problemen, die die politische Lage in der Welt für unsere beiden Völker, für Europa, für die atlantischen Länder, für ihr Bündnis geschaffen hat. Wir sind überzeugt davon, dass die Gefahren, die diese Lage in der Welt mit sich bringt, nur dann überwunden werden können, wenn die freien Völker einig und geschlossen sind. Das gilt in besonderem Maße von den beiden Völkern, die als Nachbarn im Herzen Europas liegen, von Frankreich und Deutschland. Aber diese beiden Länder haben in Gegensätzen, in Uneinigkeit, in Streit, in bitterer Fehde gelebt. In den letzten hundert Jahren haben Millionen und Abermillionen von Franzosen und Deutschen in schweren Kämpfen ihr Blut vergossen, ihr Leben verloren, um dieser Gegensätze willen, die immer wieder zwischen ihren beiden Völkern herrschten.

Ich habe am Grabe des „Unbekannten Soldaten" am Arc de Triomphe in Paris gestanden, ich habe an den zahllosen Gräbern deutscher und französischer Soldaten in Versailles gestanden. Meine Gedanken gingen zurück in jene schrecklichen Zeiten, da sie für uns starben. Immer wieder bekräftigen sich in mir die Gedanken des Friedens, der Entschluss, auch die letzte Kraft einzusetzen für den Frieden, insbesondere für den Frieden zwischen unseren beiden Völkern. Wenn unsere beiden Völker, das französische und das deutsche Volk, nicht zusammenarbeiten, wenn sie nicht zusammenarbeiten in enger Gemeinschaft, in vollem Vertrauen zueinander, in Verbundenheit und Freundschaft, wird es keinen Frieden geben, weder für Frankreich und Deutschland, noch für Europa, noch für die Welt. Wir werden, in dieser engen Freundschaft verbunden, allen unseren Partnern der Atlantischen Gemeinschaft die Kraft und die Stärke geben, die wir besitzen.

Aber ach, welche Berge von Schutt, welche Opfer, welches Leid hatten die vergangenen Jahre zwischen uns aufgehäuft. Wir haben diese Hügel abgetragen, wir haben die Gräben zugeworfen, wir haben das Gelände geebnet. Und auf diesem Gelände haben wir den Baum des Friedens und der Freundschaft zwischen dem französischen und deutschen Volk errichtet. Im Schatten dieses Baumes, der seine Äste und Zweige weit hinausstreckt, werden wir, das französische und das deutsche Volk, fortan leben. Ich kehre heute tief beglückt in meine Heimat zurück. Ich habe - Ihr Präsident hat es eben geschildert - an den Straßen und Wegen, über die ich in diesen Tagen gefahren bin, in Paris, in Rouen, in Bordeaux, in Reims Tausende und Abertausende von frohen Menschen gesehen, von Franzosen und Französinnen, von Männern, Frauen und Kindern, die dem deutschen Bundeskanzler zuwinkten, zujubelten, wie einem Freunde. Diese enge Freundschaft, diese enge Verbundenheit des französischen und des deutschen Volkes, die sich gegen niemanden richtet, die den Frieden will und nur den Frieden, ist, wie Sie, Herr Staatspräsident, vor kurzem sagten, ein Wunder des Himmels. Es ist in Wahrheit eine Schenkung des Himmels. Das, was der Himmel unseren Völkern geschenkt hat, wollen wir ehrfürchtig und dankbar pflegen und erhalten.

Die beiden Völker, in allen Schichten und Berufen, in allen Ständen, in allen Altersgruppen, Männer und Frauen und Kinder, müssen das tun. Vor allem aber muss es die Jugend, die junge Generation beider Völker tun, und wir wollen ihr dabei helfen. In ihre Hände wird dereinst die Verantwortung und die Macht gelegt sein; sie soll vorbereitet sein, die Verantwortung zu tragen. Sie soll vorbereitet sein, dieses Werk, das wir begonnen haben, weiterzuführen. Wir waren heute morgen auf einer Parade französischer und deutscher Truppen. Wir wollen, wie Sie, Herr Staatspräsident, mit Recht in Ihrer Ansprache hervorgehoben haben, insbesondere zwischen unseren beiden Armeen, die so oft gegeneinander gekämpft haben, ein gutes und enges Verhältnis herstellen. Wir haben dann dem feierlichen Gottesdienst in einer der schönsten und ehrwürdigsten Kathedralen Frankreichs beigewohnt. Jetzt haben wir uns versammelt, um der historischen Bedeutung unseres Austausches entsprechend uns zu verabschieden, in Freundschaft und Brüderlichkeit zwischen unseren Staaten, der freien Welt zu beiden Ufern des Atlantiks. An dem Werk der Versöhnung und der Freundschaft zwischen Frankreich und Deutschland haben wir lange Jahre gearbeitet. Sie, Herr Staatspräsident, haben in der Ihnen eigenen Weisheit und Kraft das Werk vollendet. Das ganze Deutschland dankt Ihnen dafür. Sie kennen, Herr Staatspräsident, alle die guten Wünsche, die ich für Sie und das französische Volk hege.

Ich erhebe mein Glas und bitte Sie, Ihre Gläser zu erheben auf das Wohl des Staatspräsidenten Charles de Gaulle.

Quelle: Bulletin des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung Nr. 123, 10. Juli 1962.