21. Januar 1963: Tischreden von Bundeskanzler Adenauer und Staatspräsident de Gaulle bei einem Abendessen im Elysée-Palast

Anläßlich des Abendessens hielt Präsident de Gaulle eine Tischrede, in der er darauf hinwies, daß man dabei sei, ein großes Gebäude zu errichten, das sich in zwei Bauphasen vollziehe und sich dadurch dokumentiere, daß es die Aussöhnung der beiden Völker sowie ihre Zusammenarbeit enthalte. Bei beiden Phasen sei der Bundeskanzler der Bauherr, der den Plan entwarf, der den Bau erstellte und ihn dann auch zur Vollendung führte. Staatspräsident de Gaulle rief dann in die Erinnerung zurück, wie Deutschland ausgesehen habe, als der Bundeskanzler die Führung übernommen habe. Und wenn nun beobachtet werde, wie weit Bundeskanzler Dr. Adenauer sein Land gebracht habe, so könne man sich nur vor einem großen nationalen Erfolg verneigen. Wenn man miteinander vergleiche, wie die beiden Völker zueinander standen, als Bundeskanzler Dr. Adenauer die Leitung der Bundesrepublik übernommen habe, und wie die beiden Völker heute zueinander stünden, dann seien sie voller Dank und Bewunderung für dieses historische, internationale Werk. Staatspräsident de Gaulle beschloß seine Tischrede mit folgendem Trinkspruch: "Aus diesem doppelten Grunde erhebe ich mein Glas aus vollem Herzen zu Ihren Ehren, zur Ehre Deutschlands und auf die Freundschaft, die heute zwischen unseren beiden Völkern besteht, und auf die enge Zusammenarbeit zwischen Frankreich und Deutschland, die morgen sein wird."

Bundeskanzler Dr. Adenauer begann seine Erwiderung, indem er seinen ersten Besuch in Colombey-les-deux-Églises erwähnte. Die anderthalb Tage in Colombey-les-deux-Églises hätten auf ihn einen sehr großen, unvergeßlichen Eindruck gemacht. Er habe die Gelegenheit gehabt, General de Gaulle in sehr persönlicher Weise kennenzulernen. In den damaligen vielen Gesprächen sei ihm der Gedanke gekommen, daß die Ideen, die er immer schon gehabt hätte, wonach eine enge Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Frankreich eine notwendige Voraussetzung für Europa gewesen sei, vorwärtsgetrieben werden müßten. Diese Erfahrungen hätten ihm den Mut gegeben, das Werk dieser Zusammenarbeit anzufangen. Wir haben heute einen ausgezeichneten Tag gehabt, führte der Kanzler weiter aus, ganz anders wie die sonst üblichen Tage politischer Verhandlungen. Ich hoffe, daß er Früchte tragen wird. Ich bin sehr glücklich, bei Ihnen zu sein. Sie wissen, wie sehr ich Sie schätze und verehre. Wenn es gelungen sei, zwischen den zwei Nachbarvölkern eine Atmosphäre zu beseitigen, die vierhundert Jahre lang bestanden habe, so sei dies weitgehend das Verdienst General de Gaulles. Nur er hätte es wagen können, seinem Volk vorzuschlagen, mit dem Feind von gestern zu arbeiten. Bundeskanzler Dr. Adenauer beendete seine Tischrede, indem er Staatspräsident de Gaulle noch lange Jahre fruchtbarer Arbeit wünschte für Frankreich und für den Frieden der Welt.

Eine gemeinsame Erklärung

Die Beratungen im Elysée-Palast wurden am Dienstagvormittag fortgesetzt. Nach einer Mitteilung von Staatssekretär von Hase wurde beschlossen, eine von Präsident de Gaulle und Bundeskanzler Dr. Adenauer unterschriebene gemeinsame Erklärung zu veröffentlichen. Das Abkommen, das am Dienstagabend der Öffentlichkeit übergeben wurde und das sechs Schreibmaschinenseiten umfaßt, erhält von beiden Seiten die offizielle Bezeichnung "Vertrag". Dieser Vertrag tritt in Kraft, sobald die beiderseitigen innerstaatlichen verfassungsmäßigen Voraussetzungen erfüllt sind.

Für Deutschland bedeutet dies die Zustimmung des Bundestags und die Unterzeichnung durch den Bundespräsidenten. Staatssekretär von Hase bestätigte, daß das Vertragswerk folgende Punkte umfaßt:

1. Die Organisation der Zusammenarbeit;
2. Die Rolle der Außenminister;
3. Die Aufgaben der interministeriellen Kommissionen;
4. Die sachlichen Ziele, nämlich Außenpolitik, Verteidigung, Information, Familien- und Jugendfragen.

Quelle: Bulletin des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung Nr. 14 vom 23. Januar 1963, S. 110.