22. Juni 1963: Fernsehansprache von Bundeskanzler Konrad Adenauer zum bevorstehenden Besuch des amerikanischen Präsidenten Kennedy

Wenn Präsident Kennedy am Sonntagvormittag auf dem Flugplatz in Wahn eintrifft, kann er des herzlichsten Willkommens aller Deutschen gewiß sein.

Die Vereinigten Staaten, deren Geschick er jetzt leitet, waren das erste Volk, das bei unserem Zusammenbruch, als wir in bitterster Not waren, uns geholfen hat. Kaum war der Lärm der Waffen verstummt, da haben Tausende amerikanischer Bürger und Bürgerinnen uns mit dem Allernotwendigsten, was wir brauchten, versorgt, mit Nahrungsmitteln und mit Kleidung. Dann haben die Vereinigten Staaten uns durch den Marshall-Plan die Möglichkeit gegeben, uns wieder zu erholen von dem tiefen Fall, wieder aufzubauen alles das, was zerstört worden ist. Und als der Druck aus dem Osten stärker wurde, der Druck, der die Freiheit von uns und die Freiheit von Westeuropa bedrohte, da waren es die Vereinigten Staaten, die uns geholfen haben, dass wir eintreten konnten in die Atlantische Gemeinschaft, in die Gemeinschaft aller freien Völker.

Das wird bei uns niemals vergessen werden, und in Momenten, wie denjenigen, die jetzt am Sonntagmorgen sein werden, da der Präsident der Vereinigten Staaten hier landet, ist die Erinnerung an alles das, was die Vereinigten Staaten uns geschenkt haben, ist die Dankbarkeit für alles das besonders stark und besonders herzlich.

Der Präsident der Vereinigten Staaten trägt eine sehr große Verantwortung. Wir wollen, im Einvernehmen mit ihm und den Völkern der atlantischen Gemeinschaft, alles tun, was wir können, ihm diese Verantwortung zu erleichtern. Präsident Kennedy geht auch nach Berlin, der Hauptstadt Deutschlands. Er geht nach Berlin, für das gerade die Vereinigten Staaten eine besondere Verantwortung übernommen haben. Er geht dorthin, um diese Verantwortung der ganzen Welt durch den Besuch in Berlin sichtbar zu machen. Ich weiß, dass gerade die Berliner, aber nicht nur die Berliner allein, ich weiß, dass alle Deutschen ihm dafür besonders dankbar sind, und sein Besuch in Berlin wird den Berlinern neuen Trost und neue Stärke geben, weiter auszuharren.

Der Präsident der Vereinigten Staaten möge davon überzeugt sein, dass wir Deutsche die Hilfe Amerikas schätzen und immer schätzen werden. Er möge davon überzeugt sein, dass wir davon ganz tief durchdrungen sind, dass nur die Führung durch die Vereinigten Staaten die freie Welt und damit auch uns vor der Sklaverei schützen kann. Wir fühlen uns im Innersten mit dem amerikanischen Volke, mit seinem Empfinden, mit seinem heißen Wollen zur Freiheit aufs engste verbunden. Ich weiß, daß er, wenn er nun kommt, nicht nur politische Probleme mit uns erörtern will, er will auch das neue Deutschland sehen, und er will viele, möglichst viele Deutsche kennenlernen. Er wird die Gelegenheit dazu bekommen, und ich bin fest überzeugt davon, er wird mit dem Eindruck uns verlassen, dass zwischen Deutschland und Amerika enge Bande der Freundschaft bestehen, Bande, die jeder Bedrohung der Freiheit trotzen werden.

Quelle: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, Mitschrift einer Aufnahme der "Tagesschau" vom 22.06.1963.