24. Juni 1963: Tischrede von Bundeskanzler Adenauer bei einem Essen zu Ehren von Präsident Kennedy im Embassy-Club in Bad Godesberg

Antwort auf die Ansprache von Präsident Kennedy

Meine verehrten Herren!

Ich bin sehr bewegt durch das, was eben Herr Präsident Kennedy gesagt hat. Ich bin deshalb sehr bewegt, weil nach meiner Meinung in der Tat die Vereinigten Staaten, zunächst Acheson und Truman und dann Dulles und Eisenhower, uns Deutschen geholfen haben, einem besiegten Volke, einem Volke, das völlig am Boden lag. Meine Herren, ich neige nicht dazu, Bekenntnisse auszusprechen, wenn es nicht absolut notwendig ist; aber die historische Wahrheit verlangt doch von uns, daß wir sagen, der Krieg, durch den Deutschland zerschmettert worden ist, war von Deutschen provoziert worden. Daß damals die Vereinigten Staaten diese Größe, nicht nur Klugheit, sondern diese innere Größe gezeigt haben, dem Gegner, der am Boden lag, zu helfen - das ist in Wahrheit meine Meinung seit vielen Jahren -, das war eine Tat, wie sie in der Menschheitsgeschichte nur sehr selten zu verzeichnen war.

Sie, Herr Präsident, sind seit gestern bei uns, aber wir haben seit Ihrer Ankunft auf dem Flugplatz so viel durchlebt, so viel in uns an Eindrücken aufgenommen - wenigstens geht es mir so -, daß diese Tage eine ganze Fülle, fast eine Epoche sind. Herr Präsident, Sie haben gestern gesehen - genauso, wie wir alle es gesehen haben, wie diejenigen Damen und Herren es unmittelbar gehört haben, die in den Wagen saßen, die uns folgten -, aus den Augen der Menschen auf den Straßen und Plätzen eine wirkliche, echte Dankbarkeit gesehen. Dankbarkeit ist eine sehr seltene Tugend der Menschen, ungewöhnlich selten, insbesondere im politischen Leben ist sie fast nie zu sehen. Aber hier, Herr Präsident, glaube ich, haben Sie wahrgenommen, Sie haben es unmittelbar gesehen, daß diese große Zahl von Menschen, die an den Straßen standen, die sich in Köln vor der Kathedrale versammelt hatten, die in Bonn auf dem Marktplatz standen, durchdrungen waren, Ihnen als dem Repräsentanten der Vereinigten Staaten zu zeigen, wie dankbar sie für alles das sind, was die Vereinigten Staaten im Laufe dieser Jahre insbesondere für uns getan haben, meine Freunde aus Deutschland.

Ich glaube, Herr Präsident, daß gerade auch diese Eindrücke vielleicht dann und wann in schweren Momenten und vor schweren Entscheidungen, die Sie ganz sicher im Laufe der nächsten Jahre zu treffen haben, vor Ihrem geistigen Auge wieder erstehen. Wenn dann die Erinnerung daran Ihnen helfen würde, die Kraft und die Klarheit anzuwenden, die der Staatsmann haben muß, dann wäre das die schönste Frucht dieser Tage, die Sie bei uns verbringen.

Lassen Sie mich Ihnen für die Deutschen von ganzem Herzen und sehr unterstrichen sagen, daß zwischen den Vereinigten Staaten und uns nach dem, was hinter uns liegt, niemals irgendeine Trennung oder Spaltung - oder mag man es nennen, wie man will - sein wird. Wir wissen, daß die Führung Ihnen zusteht. Sie steht Ihnen nicht nur zu wegen Ihrer überragenden Stärke an nuklearen Waffen, sie steht Ihnen auch zu wegen Ihrer großen politischen Einsicht und wegen der moralischen Stärke, die Sie gezeigt haben, als Sie als Siegervolk dem Besiegten die Hand gaben. Das ist das Schönste, meine Herren, was ich mir vorstellen kann, was überhaupt ein Volk tun kann.

Möge die Erinnerung an diese Tage in Ihnen und in Ihren Herzen wach und lebendig bleiben. Möge der Dank, den Sie aus tausenden und abertausenden von Menschen, aus ihren Gesichtern, aus ihren Augen und aus ihrem Munde gehört und gesehen haben, etwas dazu beitragen, daß die Entscheidungen, die Sie treffen müssen, von demselben Geiste getragen werden, der die Vereinigten Staaten bisher erfüllt hat und der Ihnen in der Geschichte für immer ein goldenes Blatt sichert.

Ich bitte Sie, meine Herren, mit mir Ihr Glas zu erheben zu Ehren des Präsidenten der Vereinigten Staaten.

Quelle: Bulletin des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung Nr. 109 vom 26. Juni 1963, S. 974f.