7. Oktober 1963: Ansprache von Bundeskanzler Adenauer anlässlich seines Abschiedsbesuchs im Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

Meine verehrten Damen und Herren, ich bin durch das, was ich gehört habe, und durch das, was ich in Ihren Augen sehe, sowie durch das Ganze doch gepackt, und wenn ich auch in diesen Tagen oder Wochen, wo ein Einschnitt gemacht wird, immer ein möglichst freundliches Gesicht dabei mache - ob ich im Inneren genau so denke wie ich aussehe, das, meine Damen und Herren, ist eine Frage für sich. Denn es ist ja doch wohl ohne weiteres klar, daß jeder Mensch, der sich seiner Arbeit einer Reihe von Jahren hingegeben hat, der das getan hat, was er tun konnte, nicht gern von dieser Arbeit scheidet. Aber Sie, meine verehrten Damen und Herren, haben mir den Abschied doch etwas verschönt. [...] Sie, Herr von Hase, haben mich reich beschenkt, indem Sie die Erinnerung wachgerufen haben an das Jahr 1948 und an das Jahr 1949. Wenn ich an das Jahr 1949 und an das Jahr 1950 zurückdenke, wo wir doch alle miteinander so ganz klein anfingen, meine Damen und Herren, dann schweben mir manchmal zwei Vorgänge vor Augen. Einmal, die Journalisten, die einen Fotoapparat mit herübergerettet hatten, waren erheblich besser gekleidet als diejenigen Journalisten, die keinen Fotoapparat hatten, woraus zu schließen war, daß die Fotographien doch besseren Ertrag brachten als das geschriebene Wort.

Ein zweiter Vorgang, den ich sehr gern einmal für die gesamte Öffentlichkeit, nicht nur für Sie, erzählen möchte: Meine Fraktion, die CDU/CSU-Fraktion des Bundestages, hatte, als ich hier im Palais Schaumburg meine Zelte aufgeschlagen hatte, eine kleine Kommission gewählt, die das Haus von oben bis unten daraufhin besichtigen sollte, ob es nicht zu üppig ausgestattet war. Nun, die Herren - ob Damen dabei waren, erinnere ich mich nicht mehr -, und ich weiß genau, wer der Wortführer war, gingen über die ganzen Treppen und in das ganze Haus. Sie hatten nachher nur eines festzustellen: Der Läufer auf der Treppe hätte etwas schmaler sein können!

Warum ich das aber sage, meine Damen und Herren? Das sage ich, damit Sie den Unterschied gegen heutzutage ermessen können. Das war damals Pflicht dieser Herren, und sie meinten es ernst. Wir sind im Laufe der Jahre in eine andere Sphäre hineingewachsen. Vielleicht geben wir etwas zu schnell das Geld aus, so z. B. - und da finde ich sicher auch Ihren Beifall - wenn ich sage, daß die Kredite für unsere Botschaften draußen für Telegramme auf die Hälfte gekürzt werden sollen. Ich bin überzeugt, wenn alle Botschafter oder ihre Vertreter die Telegramme selbst mit eigener Hand schreiben müßten, dann würde das viel kürzer werden. Jetzt kann man die Kürzung nur dadurch erzwingen, daß man ihnen weniger Geld zur Verfügung stellt, mit dem sie dann auskommen müssen.

Ich möchte jetzt übergehen zu einer Entwicklung vom Journalisten angefangen zum Rundfunk und zum Fernsehen. Wohin das alles führen wird, das ist mir noch vollkommen unklar. Ich habe mir noch keine Gewißheit darüber bilden können, wie das Fernsehen auf die einzelnen Menschen, die nun dem Apparat huldigen, wirkt. Beim Rundfunk war es so: Wenn man nachher fragte, hast du das gehört und kannst du mir sagen, was du gehört hast, daß der Betreffende das in der Regel gar nicht sagen könnte; er hatte es schon wieder vergessen. Das wird beim Fernsehen etwas anders sein. Das Visuelle prägt sich wahrscheinlich dem Gedächtnis stärker ein. Ob das gut ist, das weiß ich auch nicht. Was ich so in den letzten Tagen oder Wochen erlebt habe und wovon damals die Zeitungen erfüllt gewesen sind, vor allem das Fernsehen - meine Damen und Herren, die Zeit hätte nach meiner Meinung sehr gut für bessere Dinge verbraucht werden können.

Ihre Tätigkeit, die Tätigkeit des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung, ist von so großer Bedeutung, daß eigentlich, Herr von Hase, Ihr Wort, Sie seien Ohr und Mund der Bundesregierung, zu schwach ist. Ich frage mich: Kann man auch sagen: Gehirn und Herz? Man kann etwas vom Gehirn und vom Herzen zu dem Ohr und Mund hinzunehmen. Denn das Ohr und auch der Mund kann ja nicht funktionieren ohne das Gehirn und auch ohne das Herz. So möchte ich nicht sagen, daß Sie nur seien Ohr und Mund, sondern ich möchte sagen, daß Sie viel wichtiger sind, als Ohr und Mund sind, daß durch Ihre Arbeit auch ein großer Teil der Bildung der öffentlichen Meinung bestimmt wird. Das ist etwas sehr Wichtiges, etwas sehr Wertvolles und etwas sehr Verantwortungsvolles, dessen man sich bei seiner Arbeit immer eingedenk sein muß.

Sie haben mir hier Geschenke gemacht, die mich außerordentlich interessieren. Was Sie mir da vorgelesen haben über das Interview, das ich im Jahre 1919 dem französischen Berichterstatter gewährt habe, das könnte heutzutage genauso gesagt werden, wie es damals gesagt worden ist: Die Gefahr, daß wir von Sowjetrußland eines Tages überwältigt werden, ist und bleibt noch immer in der Welt, und es ist fast ein Wunder, das das deutsche Volk seiner Arbeit zuschreiben kann, daß das bisher dem Russen nicht gelungen ist. Wenn nach diesem völligen Zusammenbruch das deutsche Volk sich nicht auf sich selbst besonnen hätte und gearbeitet und geschafft hätte und gebaut hätte und geschneidert und gearbeitet hätte, wo irgendwelche Arbeit war - wer weiß, wie groß der Prozentsatz der Deutschen gewesen wäre, der, wenn er in dem Elend geblieben wäre, dem Kommunismus anheimgefallen wäre. Deswegen glaube ich, man sollte die Zeit von damals immer unter dem Gesichtspunkt betrachten, daß sie letzten Endes dem Schutz vor dem Kommunismus gegolten hat.

Wenn dann auch bei der Arbeit vielleicht hier oder da etwas anders gemacht worden ist, als man es heute machen würde - nun, hinterher und wenn man ruhiger ist und wenn die Zeiten ruhiger sind, läßt sich sehr leicht überlegen, was man hätte besser machen können. Ich möchte denjenigen sehen, sei er Politiker, sei er Nichtpolitiker, sei er Mann, sei er Frau, der stolz und mit Recht von sich sagen könnte: alles, was ich getan habe, war immer richtig und war immer das beste, was überhaupt geschehen konnte. Wenn er das sagen würde, würde er eine glatte Unwahrheit sagen und man braucht ihm nicht zu glauben.

Aber, meine Damen und Herren, wenn Sie diese Zeit und alles, was da niedergeschrieben ist und was aufgenommen ist und auf Bänder aufgenommen ist, wenn Sie das unter dem Gesichtspunkt betrachten, daß die Jahre von 1949 bis jetzt uns geschützt haben vor dem Kommunismus, und mit uns unsere Kinder und Kindeskinder, und daß sie für unsere Kinder und Kindeskinder die Freiheit - ohne die ja doch der Mensch wirklich nicht glücklich sein kann - gerettet und bewahrt haben, dann können wir alle - Sie, meine Damen und Herren, und der Bundestag und die Bundesregierung -, die an dem Werk gearbeitet haben, zufrieden und stolz darauf sein, daß es uns vergönnt gewesen ist, an diesem großen Werk für die Zukunft mitarbeiten zu können.

Ihre Gaben und das, was ich durch Rundfunk höre und was ich sonst über Fernschreiber von Ihnen bekommen werde, alles das wird mich höchstwahrscheinlich noch eine ganze Reihe von Jahren - wenn ich das so überlege, was ich in diesen Wochen leisten muß, dann gebe ich mir tatsächlich noch eine ganze Reihe von Jahren Lebenszeit - wenn auch nicht verfolgen, aber begleiten. Damit möchte ich Ihnen auch gleichzeitig meinen Dank aussprechen. Ihre Arbeit soll mich auch in Zukunft begleiten, und ich werde an der Stelle, an der ich stehe, für das deutsche Volk das tun, was ich tun kann.

Quelle: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, Mitschrift der Rede vom 07.10.1963. Druck: Bulletin des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung Nr. 179 vom 9. Oktober 1963, S. 1558.