10. Oktober 1963: Dankesrede des Bundeskanzlers anlässlich der Verleihung der Ehrenbürgerwürde der Stadt Berlin

Herr Präsident, Herr Regierender Bürgermeister, meine verehrten Damen und Herren!

Ehrenbürger von Berlin zu sein, schätze ich als eine hohe Ehre. Ich schätze diese Ehre umso höher, als es sich um dieses Berlin handelt, das seit dem Zusammenbruch unseres Landes so tapfer und treu zur Freiheit gestanden hat. Und darum nehme ich diese Ehrung mit sehr großer Bewegung und mit herzlichem Dank entgegen.

Ich danke auch den deutschen Städten, für die Sie, Herr Regierender Bürgermeister, gesprochen haben. Sie wissen alle, daß in der kommunalen Arbeit mein Glück lag, und daß in ihr ich auch die Erfahrung gesammelt habe, die ich nachher dann an einer anderen Stelle verwerten konnte, nachdem mir die Nazis 12 Jahre Pause gegönnt hatten.

Meine verehrten Herren, von Jahr zu Jahr, wenn ich nach Berlin komme, habe ich die Freude, durch ihren Bausenator geführt, eine Rundfahrt durch Berlin zu machen. Und er macht mich aufmerksam auf das, was neu entstanden ist, er macht mich aufmerksam auf das, was gewollt ist. Und ich komme eben von einer solchen Fahrt und bin wie immer außerordentlich gepackt von der Kühnheit und dem Weitblick, der aus Ihrer ganzen Arbeit hier in Berlin spricht. Ich wünsche Ihnen von Herzen Glück dazu. Und ich bin überzeugt, daß, wenn wir wieder in Frieden vereint sind und Sie die Hauptstadt dann sind, ich bin überzeugt, meine Damen und Herren, daß sich das, was voraussehend von Ihnen hier gebaut und geplant worden ist, reichlich belohnt machen wird.

Ich denke zurück heute auch an jenen Tag im Sommer, als der Präsident der Vereinigten Staaten hier war. Und ich habe mir aus der Rede, die er damals vom Balkon dieses Rathauses gehalten hat, einen Passus mitgebracht, den ich wieder in unser aller Gedächtnis und in das Gedächtnis der ganzen Welt zurückrufen möchte. Er hat gesagt: "Wenn es in der Welt Menschen geben sollte, die nicht verstehen oder die nicht zu verstehen vorgeben, worum es heute in der Auseinandersetzung zwischen der freien Welt und dem Kommunismus geht, dann können wir ihnen nur sagen, sie sollten nach Berlin kommen. Es gibt Leute, die sagen, dem Kommunismus gehört die Zukunft. Sie sollen nach Berlin kommen. Und es gibt wieder andere in Europa und in anderen Teilen, die behaupten, man könne mit den Kommunisten zusammenarbeiten. Auch sie sollen nach Berlin kommen. Und es gibt auch einige wenige, die sagen, es treffe zwar zu, daß der Kommunismus ein böses und ein schlechtes System sei, aber er gestatte es ihnen, wirtschaftlichen Fortschritt zu erreichen. Aber laßt auch sie nach Berlin kommen."

Das sind die Worte von Präsident Kennedy, die er hier gesprochen hat vor wenigen Monaten. Und ich glaube, diese ehernen Worte gelten nach wie vor, für die ganze Welt, für uns in Deutschland insbesondere und für Berlin. Und darum wird in Berlin bleiben, davon bin ich überzeugt, derjenige, der an der vordersten Linie kämpft und Widerstand leistet gegenüber dem alle Freiheit vernichtenden Kommunismus und der dadurch in Wahrheit dem Fortschritt einen Weg und eine Möglichkeit bahnt.

Ehrenbürger einer Stadt zu sein, die diese besondere Aufgabe hat - ich habe es eben schon gesagt -, ist mir eine ganz große Ehre und eine ganz große Freude. Und es war mir auch eine große Freude, meine Damen und Herren, als eben auf der Fahrt hierhin das Volk von Berlin Ihren Beschluß bestätigt hat durch den großen Beifall, den es mir allenthalben gezollt hat.

Es sind hier Andeutungen gefallen von Konflikten - mir ist von Konflikten nichts mehr bekannt, meine Damen und Herren -, aber selbstverständlich gibt es Konflikte in der Welt. Der Regierende Bürgermeister hat ja sogar gesagt, daß es hier bei Ihnen Konflikte gegeben habe. Die Konflikte sind vorbei. Sie liegen hinter Ihnen. Und ich glaube, die Partei, die Konflikte ja in sich gehabt hat, ist deswegen nach wie vor eine sehr starke Partei geblieben. Und so, meine Damen und Herren, habe ich es in meinem ganzen Leben gehalten, insbesondere in meinem politischen Leben. Derjenige, der nie einen Konflikt gehabt hat, meine verehrten Damen und Herren, der taugt auch nicht viel.

Nun, man muß Konflikte haben, man muß sie ausfechten. Wenn sie ausgefochten sind, gehören sie der Vergangenheit an. Und warum sollen sie einen auch weiterhin in gemeinsamer Arbeit irgendwie behelligen? Das ist mein Standpunkt immer gewesen und ist nach wie vor mein Standpunkt und ist, glaube ich, auch der einzige Standpunkt, der wirklichen politischen Fortschritt gewährleistet.

Meine Damen und Herren, ich habe während der Reden einige Notizen gemacht. Und ich habe sehr schlecht geschrieben, so daß ich es kaum mehr lesen kann und ich deswegen das, was ich Ihnen antworten wollte, wesentlich kürzer fassen muß, als ich es vielleicht sonst getan hätte. Die Konflikte habe ich erledigt, meine Damen und Herren. Also da sprechen wir überhaupt nicht mehr davon.

Aber von etwas anderem möchte ich sprechen. Und das habe ich mir nicht notiert hier, sondern das hat sich eben in mein Herz notiert: Auf der Fahrt hierhin habe ich so viele Kinder gesehen, frische Kinder, ich habe so viel junge Menschen gesehen, junge Männer, junge Mädchen, und alle, meine Damen und Herren, mit so strahlenden Gesichtern und so mutig in die Welt hineinsehend, daß ich tief die Verpflichtung gefühlt habe - und die werden Sie auch fühlen, so weit sie nicht mehr der ersten Jugend angehören, meine Damen und Herren -, daß wir verpflichtet sind, für unsere Kinder und unsere Enkelkinder die Freiheit zu bewahren und zu sichern, weil nur ein freies Volk ein wirklich lebenswürdiges Leben führen kann. Und ich habe mir eben bei dieser Fahrt gesagt, daß ich höchstwahrscheinlich auch in Zukunft noch hier und da politisch irgendwas tun werde. Aber, meine Damen und Herren, einmal werde ich nur politisch in die Arena gehen, wenn ich darum ersucht werde, und zweitens werde ich in die Arena gehen, meine verehrte Versammlung, wenn es sich darum handelt, dieser Jugend die Freiheit zu sichern. Das halte ich als einen Lebenszweck, der wirklich ein Leben erfüllen kann, denjenigen, die nach uns kommen, eine bessere Zeit zu sichern, als wir sie erleben mußten. Und ich glaube, darin sind wir alle einig, daß wir das alle tun wollen, jeder an seiner Stelle, jeder auf seine Weise, aber jeder mit dem gleichen Ziel, mit dem Ziel, einig wieder zu werden in Deutschland, ein einiges Volk, nicht zerrissen, nicht getrennt, und ein freies Volk, meine Damen und Herren. Freiheit ist doch dasjenige, was das Leben am meisten verschönt. Und ich kann mir nichts Grausameres, nichts Schrecklicheres denken - und wir haben es doch zum Teil erlebt an uns selbst - als ein Leben in der Diktatur und in der Sklaverei. Und das soll niemals wieder vorkommen, auch nicht eine Diktatur und eine Sklaverei, die vom Osten herkommen sollte. Und darum leben wir für unsere Kinder und für unsere Kindeskinder und für die Freiheit unseres Landes, für die Freiheit dieser Stadt und dafür, daß sie bald wieder Hauptstadt eines wiedervereinigten Deutschlands werden möge.

Quelle: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, Mitschrift der Rede vom 10.10.1963. Druck: Bulletin des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung Nr. 182 vom 15. Oktober 1963, S. 1590f.