12. Oktober 1963: Rede von Bundeskanzler Adenauer auf der Veranstaltung "Deutschland dankt Adenauer" in der Messehalle Köln

Herr Präsident Johnen! Meine lieben Parteifreunde!

Heute Mittag war ich in Wunstorf bei Hannover. Wunstorf ist ein sehr großer Truppenübungsplatz. Dort wurde mir zu Ehren eine Feldparade veranstaltet, bei der sämtliche Truppenteile ihr Bestes zeigten. Es waren nicht nur die Menschen, die gezeigt wurden, es war auch das ungeheure Gerät, das eine moderne Armee haben muß, wenn sie gegen einen feindlichen Angriff bestehen will. Nach Schätzungen der Polizei waren etwa 100.000 Zuschauer anwesend. Nachdem die Parade vorbei war und Herr Verteidigungsminister von Hassel und ich in unseren Wagen das große Feld verlassen wollten, durchbrach die Volksmenge alle Absperrungen. Wir hatten Gott gedankt, daß weder uns noch den Leuten aus der Volksmenge etwas passiert ist.

(Heiterkeit.)

Aber ich versichere Ihnen, in all den Jahren, in denen ich seit dem Jahre 1945 am öffentlichen Leben teilnehme, habe ich noch niemals eine solche Begeisterung gesehen wie heute Mittag.

(Beifall.)

Was mir besonders auffiel, war, daß die Mehrzahl der Menschen, die so jubelten und so zustimmten, junge Männer waren.

(Beifall.)

Es kamen mir, während die Parade stattfand, andere Gedanken. Ich war in der vergangenen Woche zwei Tage in Berlin. Während ich in Berlin war, fing die Sache auf der Zufahrtsstraße nach Berlin an, die die Russen dort inszeniert haben. Ich habe bei meinen Fahrten durch Berlin auch viele, sehr viele Menschen gesehen, die mir zujubelten. Aber, meine verehrten Freunde, ich habe auch viele Frauen gesehen, die weinten; und sie weinten aus Sorge.

Diese beiden Gegensätze in einer Woche - heute in Wunstorf die Gesichter der Leute, wie sie voll Begeisterung vor Freude waren, und die Gesichter der Menschen in Berlin, die sehr dankbar waren für alles, was für sie geschah, aber denen zum Teil auch die hellen Tränen herunterliefen - haben mich auch tief ergriffen. Ich habe mir gesagt: Wenn wir nicht die Bundeswehr geschaffen hätten, ich bin überzeugt, daß wir dann schon lange keinen Frieden mehr hätten und zerrissen worden wären.

(Beifall.)

Wenn Sie einige Jahre zurückdenken, bis in die Jahre 1955, 1956, dann wissen Sie, daß die Wiederbewaffnung Deutschlands damals im Bundestag schwer umkämpft wurde und daß es nur mit aller Kraft gelungen ist, die nötige Zweidrittelmehrheit heranzubringen. Sie wissen, daß unser Eintritt in die NATO genauso bekämpft worden ist. Nun, ich wünsche, alle diejenigen, die damals anders gedacht haben als wir, sie hätten diese Tage erleben können, einmal die Tage in Berlin und dann den Tag heute in Wunstorf.

Unsere Bundeswehr machte einen so ausgezeichneten Eindruck. Ich bin kein Militär,

(Heiterkeit.)

aber, meine Damen und Herren, ich sehe doch, was Ordnung ist und was Disziplin ist und wie die Leute aussehen und wie sie einem ins Auge sehen.

(Beifall.)

So war heute diese Feldparade für mich und die Herren, die bei mir waren, eine große Genugtuung und ein großer Erfolg für sehr harte Arbeit, die wir in den vergangenen Jahren innerhalb unserer Partei geleistet haben.

(Beifall.)

Wir konnten durch unseren Eintritt in die NATO an dem Ausbau der NATO mitwirken, mitarbeiten. Wir konnten dafür sorgen, daß auch unser Land - zuerst war die Verteidigungslinie nicht etwa am Rhein. Wir konnten daran mitwirken, daß die Verteidigung gegen einen Angriff aus dem Osten immer weiter nach Osten verschoben worden ist. Vor allem aber, meine Damen und meine Herren, das Vorhandensein einer solchen Macht, wie sie das deutsche Volk da geschaffen hat, ist in einer Zeit wie der unsrigen, die so voll Gefahren ist, der beste Bürge des Friedens.

(Beifall.)

Meine Freunde, ich habe über die Gespanntheit unserer Lage gesprochen. Lassen Sie doch nur die letzten 14 Tage einmal an sich vorübergehen. Zuerst war alles voll von Gerede von - na, wie haben wir es genannt, meine Damen und Herren, dieses Gerede von der -

(Zurufe: Entspannung!)

Ich will das Wort gar nicht mehr hören!

(Heiterkeit und lebhafter Beifall.)

Was geschah dann? Rußland wurden große Mengen Getreide zugesagt. Es muß sie mit Gold und Devisen bezahlen. Demjenigen, der - wie ich - einmal wagte, dagegen zu sprechen, kam man: das ist inhuman, wenn man das Getreide nicht verkauft. Meine verehrten Freunde, dann ist jeder Getreidehändler an sich schon ein humaner Mensch,

(Beifall und Heiterkeit.)

denn er sammelt Getreide und verkauft es mit gutem Nutzen.

(Erneute Heiterkeit.)

Dann ist schließlich sogar jeder Landwirt ein humaner Mensch.

(Heiterkeit.)

Dann gibt es viele humane Menschen, weil sie Getreide anbauen und Getreide ernten, aber aus anderem Grund. - Aber nun hieß es: Die Entspannung ist da. Man muß das Wort doch einmal aussprechen.

(Heiterkeit.)

Die Entspannung ist da. Was machen nunmehr die Russen? Die Geschichte auf der Autobahn, die eine sehr häßliche Angelegenheit war und zweimal 24 Stunden gedauert hat und die sehr leicht zu sehr bösen Folgen hätte führen können. Ich verrate kein Geheimnis, wenn ich Ihnen sage, daß natürlich von der westlichen Seite alle Vorbereitungen getroffen waren, um eventuell Gewalt anzuwenden, auch bei unseren Truppen; denn wir sind dann als NATO-Truppen verpflichtet, mitzuarbeiten. Wenn Sie das dann in so kurzer Zeit erleben, dieses Entspannungsgerede und diese Sache da in Berlin, dann, glaube ich, braucht man gar nicht mehr listenreich zu sein, wie man es sagt,

(Beifall und Heiterkeit.)

dann braucht man nur eine gute Portion Vorsicht zu besitzen und sich immer das alte schöne Sprichwort vor Augen halten: Trau, schau wem!

(Befall und Heiterkeit.)

Meine verehrten Damen und Herren, die zahlreichen Freunde, die ich habe, die werden jetzt wieder sagen: Welch primitive Sprache!

(Heiterkeit.)

Ja, sehen Sie mal, der Kauf von Getreide ist schließlich auch etwas Primitives!

(Heiterkeit.)

Und Autos zu stoppen ist auch etwas Primitives. Aber man muß doch sehen, was hinter all dem steckt. Ich bin der letzte, der sagt: Man soll Rußland nicht helfen, wenn es durch Tatsachen und nicht durch Worte einen Beweis dafür gegeben hat, daß es eine andere Politik führen will.

(Lebhafter, anhaltender Beifall und Zurufe: Sehr richtig!)

Aber ich halte es für ungemein gefährlich für die ganze Welt, wenn man Rußland zur Unzeit hilft. Erst muß Rußland, das nach meiner Überzeugung in Schwierigkeiten ist, wahrscheinlich sogar in großen Schwierigkeiten, erst muß es - ich kann das nicht laut genug sagen - durch Tatsachen und nicht durch Worte bewiesen haben, daß es in Zukunft eine andere Politik üben will als bisher.

(Lebhafter Beifall.)

Aber, meine Freunde, hat nicht Sowjetrußland sofort, nachdem von amerikanischer Seite erklärt worden ist, es würde ihm Weizen geliefert werden, mit Nachdruck erklärt, an der deutschen Frage ändere sich dadurch nichts. Das war die Antwort darauf, und die zweite Antwort war ja zwischen Berlin und Marienborn. Deswegen glaube und hoffe ich - ich werde jedenfalls nicht still sein darin, sondern meine Meinung weiter sagen -, daß man -

(Lebhafter Beifall.)

Lassen Sie mich eine Zwischenbemerkung machen. Das ist nicht so ganz leicht, sich gegen alle anderen zu stellen.

(Heiterkeit.)

Natürlich, wenn man geht, wie ich demnächst gehen werde, dann werden einem viele schöne Worte gesagt. Aber ob nicht auch ein Seufzer der Erleichterung hier und da,

(Heiterkeit.)

wenn auch mehr oder weniger versteckt oder unsichtbar, kommt, das will ich mal dahingestellt sein lassen.

(Erneute Heiterkeit.)

Ich glaube in der Tat, meine Damen und Herren, daß, wenn der Westen einig und geschlossen ist - das ist die Voraussetzung - und eine kluge und vorsichtige Politik macht, eine vorsichtige, die erst von dem Russen haben will, daß er jetzt wirklich anders ist als vorher, wir dann zu einer Lösung der russischen Frage im Laufe der nächsten Jahre ohne einen Krieg kommen werden.

(Beifall.)

Aber, meine Freunde, derjenige, der glaubt, man muß dem Russen, wenn er notleidend ist, sofort etwas geben, ja, meine Damen und Herren, der beschwört die Gefahr des Fortdauerns der Spannungen und schließlich der Kriege geradezu hervor.

(Beifall.)

Glauben Sie doch nicht, daß der Russe seine Gegner nicht richtig einschätzt. Meinen Sie, daß ihm das alles sehr imponiert, wie der Westen so jubelt, daß er ihm Getreide liefern darf.

(Heiterkeit.)

Dann hätte er die Sache auf der Autobahn nicht gemacht, die beinahe zu einer Explosion geführt hätte. So gehen wir nach wie vor Zeiten entgegen, in denen äußerste Wachsamkeit und äußerste Vorsicht von allen auf der westlichen Seite bewiesen und gezeigt werden muß.

(Beifall.)

Nun, meine Freunde, sind die Zeiten unruhig. Sie wissen, daß in Großbritannien vor Ablauf von 12 Monaten Neuwahlen des Parlaments stattfinden müssen. Wir wissen nicht, wie die Wahlen ausfallen werden.

Wenn auch in den Vereinigten Staaten anzunehmen ist - ich begrüße das -, daß Präsident Kennedy wiedergewählt wird, so werden auf alle Fälle die Auseinandersetzungen zwischen der Republikanischen Partei und der anderen, der Demokratischen Partei, die ja nicht von der Wahl getrennt werden können, für die Entwicklung einer durchsichtigen, klaren und guten Selbstpolitik schwierig sein.

Unsere Wahl wird auch in zwei Jahren sein. Wenn Sie daran denken, wie es in der Welt und in Deutschland nach menschlichem Ermessen jetzt ausgesehen hätte, wenn wir in den fünfziger Jahren nicht die absolute Mehrheit gehabt hätten, dann, meine ich, meine Damen und Herren, muß jeder von uns die Hand zum Schwur erheben und sagen: Wir wollen alles tun, damit wir in der Wahl 1965 die absolute Mehrheit bekommen.

(Lebhafter Beifall.)

Dafür ist vor allem Einheit und Geschlossenheit unserer Partei nötig

(Beifall.)

und sogar - ich wage das hier auszusprechen unter dem Vorsitz von Herrn Johnen - Geschlossenheit zwischen den Landesparteien und der Bundespartei.

(Beifall.)

Meine Damen und Herren, wie notwendig die Einheit und Geschlossenheit ist, kann ich Ihnen gerade am Fall Nordrhein-Westfalen und Bund sehr klar demonstrieren.

(Heiterkeit.)

Wenn wir die Bundestagswahl im Jahre 1965 verlieren, dann wird die CDU in Nordrhein-Westfalen ebenfalls die Wahl im Jahre 1966 verlieren.

(Vereinzelter Beifall. - Heiterkeit.)

Daher hat auch Nordrhein-Westfalen alle Veranlassung, mitzuwirken, nicht nur daß der Bund stark ist, sondern auch, daß es mit dem Bund einig und geschlossen ist.

(Beifall.)

Meine Freunde, wir haben viele und große Sorgen, und wir müssen in notwendigen Gesetzen sozialer Natur, die jetzt schon seit Jahr und Tag verhandelt werden, auch mit tunlichster Schnelligkeit zu einem positiven Ergebnis kommen.

(Beifall.)

Diese Mahnung richte ich an unsere CDU/CSU-Fraktion im Bundestag, genauso wie an die Koalitionsfraktion, die FDP im Bundestag.

(Beifall.)

Wohin kommen wir allmählich? Es gibt Fälle, in denen wirklich geholfen werden muß. Sie wissen, daß ich nicht übertreibe. Aber es gibt solche Fälle. Es gibt Notstände, die durch Gesetze geändert werden müssen. Und was erleben wir nun? Gerade bei der Auseinandersetzung um die sozialen Gesetze verläßt die Sozialdemokratische Partei unter Protest die Sitzung der Kommission, die die Gesetze berät.

(Vereinzelte Pfui-Rufe.)

Das nenne ich in keiner Weise demokratisch. Meine Freunde, das ist in höchstem Maße undemokratisch.

(Beifall.)

Bei der Sozialdemokratischen Partei müssen wir uns außerordentlich vorsehen,

(Heiterkeit und Beifall.)

gerade in dieser Lage im Hinblick auf das, was in Essen gesprochen worden ist. Ich habe einem führenden Mann der Sozialdemokratie gesagt - ich will den Namen nicht nennen; Sie können ihn auch gar nicht raten -,

(Heiterkeit.)

wenn Sie so fortfahren, dann zwingen Sie mich, eine Partei links von der Sozialdemokratie zu gründen.

(Beifall und Heiterkeit.)

Ich glaube, meine Damen und Herren, der Wähler, dessen Stunde ja näherkommt, jeden Tag um 24 Stunden näher,

(Heiterkeit.)

sollte sich etwas in allen Parteien um das bekümmern, was in Parlamenten vor sich geht, und nicht nur schimpfen und nachher bei der Wahl Geschichten machen und alles durcheinanderbringen.

(Heiterkeit.)

Glauben Sie nicht, daß ich alles und jedes kritisiere. Ich denke nicht daran, meine Damen und Herren. Aber manchmal packt es mich derartig, dann muß ich meinem Herzen mal Luft machen.

(Beifall.)

Der Kampf gegen den Kommunismus - lassen wir uns das doch immer wieder sagen - ist und bleibt für die nächsten Jahre - und wer weiß, wie lange die dauern werden! - das erste Erfordernis für unsere Partei. Gegen den Kommunismus und den ihm verbundenen Materialismus kann nur eine Partei auftreten, die auf christlichen Grundsätzen basiert wie wir.

(Beifall.)

Aber die christlichen Grundsätze müssen manchmal doch etwas früher hervorgeholt werden.

(Beifall und Bravo-Rufe.)

Es ist das ein sehr schwieriges Gebiet und ich will nicht weiter darauf eingehen. Aber ich richte jetzt auch die Worte an den Klerus. Auch der Klerus, der Klerus der beiden Kirchen, muß wissen, welche Partei seinem Christentum am nächsten steht.

(Lebhafter Beifall und Bravo-Rufe.)

Meine Freunde, Sie haben mir eben gedankt. Ich war von den Worten des Kollegen Dufhues, von den Worten des Herrn Johnen, von Ihrem Beifall, den Sie zollten, und von der ganzen Gesinnung, die Sie gegen mich zeigten, sehr ergriffen und danke Ihnen von ganzem Herzen dafür. Ich bin mir in Wahrheit nur bewußt, meine Pflicht getan zu haben, mehr nicht, aber die Pflicht bis zum letzten getan zu haben. Und das ist das Entscheidende in der ganzen Politik, nicht immer hin und her, sondern das, was man als richtig erkannt hat, immer wieder weiter betonen und verfolgen. Und das gilt auch für die Partei.

(Beifall.)

Meine Freunde, unsere Partei - ich unterstreiche das Wort: unsere Partei - ist es doch, die seit dem Zusammenbruch Deutschlands im Jahre 1945 aufgebaut hat und das erreicht hat, was erreicht worden ist.

(Lebhafter Beifall.)

Aber, meine Freunde, wenn man etwas erreicht hat, dann muß man auch das Erreichte verteidigen,

(Beifall.)

und man muß jeden Tag das Erreichte verteidigen und immer wieder verteidigen. Man darf sich niemals damit zufrieden geben, daß man etwas erreicht hat.

(Beifall.)

So richte ich die dringende Bitte an Sie, gerade jetzt in diesen Tagen, da ich kurz vor meinem Rücktritt als Bundeskanzler stehe: Schlafen Sie nicht auf Ihren Lorbeeren! Es ist eine sehr schlechte Unterlage, meine Damen und Herren.

(Heiterkeit.)

Arbeiten Sie! Arbeiten Sie für die Partei! Denken Sie daran, daß unsere Partei, seitdem sie besteht, doch in den großen Zügen immer die richtige Politik verfolgt hat,

(Beifall.)

und helfen Sie, daß unsere Partei durch den Ausfall der Wahlen in die Lage gesetzt wird, diese Politik, die uns dort hingeführt hat, wo wir stehen, auch weiter fortzusetzen.

(Lebhafter, lang anhaltender Beifall. - Dem Bundeskanzler werden Blumen überreicht.)

Quelle: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, unkorrigiertes Manuskript nach einer stenographischen Nachschrift.