14. Oktober 1963: Ansprache von Bundeskanzler Adenauer beim Abschiedsempfang der Bundespressekonferenz in Bad Godesberg

"Ich gehe nicht leichten Herzens"

Meine Damen und Herren!

Zunächst auch ein Wort der Entschuldigung, weil ich nicht pünktlich gekommen bin. Im letzten Augenblick kam Herr Bott mit dem Gruß und einem Buch von Präsident Heuss. - Also einen Montblanc! Mein erster Füllfederhalter, den ich mir kaufte, war aus derselben Firma; damals war ich Oberbürgermeister der Stadt Köln.

Nun, meine Damen und Herren, ich habe mir schon gedacht, daß ich auch so etwas die Leviten gelesen bekommen würde. Deswegen ließ ich mir den Zettel geben mit den Zahlen aus einer Rede von neulich. Ich habe also von Beginn meiner Amtszeit an bis zum 1. September 1963 93 Pressekonferenzen abgehalten, 450 Informationsgespräche und Interviews gegeben, 152 Aufsätze und Namensartikel geschrieben, 69 Regierungserklärungen abgegeben und 647 öffentliche Reden gehalten, d.h. also, daß ich 1411 mal persönlich und direkt zur Öffentlichkeit gesprochen habe.

Nun haben Sie in der Zwischenzeit allerhand Konkurrenz bekommen im Rundfunk und Fernsehen, eine nicht unerhebliche Konkurrenz, und es ist klar, daß man dadurch auch in Anspruch genommen wird. Wenn ich auch gegenüber der Bundespressekonferenz meine Pflicht nicht vollkommen erfüllt haben sollte, der Öffentlichkeit gegenüber habe ich sie sicher erfüllt.

Nun zur Tonart. Sie haben unterschieden: "wohlwollend" und "kritisch". Es gibt noch eins dazwischen; man muß unterscheiden zwischen wohlwollender und böser Kritik - ich will nicht sagen bösartig. Ich habe Gott sei Dank die Gabe mitbekommen, gegenüber Kritik nicht unaufnahmefähig zu sein. Ich bemühe mich immer, und das ist in der Tat so, auch aus kritischen Artikeln herauszufinden, was der Schreiber meint und was er nicht sagt. Was er selbst schreibt, oder was er hinzufügt, und da ich mich nicht für ohne Fehler halte - mancher Journalist hält sich für unfehlerhaft -, so glaube ich, daß ich mich der Kritik gegenüber doch normal und einwandfrei verhalten habe.

Aber vor allem glaube ich, und das möchte ich bei der Gelegenheit einmal aussprechen und der Öffentlichkeit gegenüber sagen: Wenn Sie einmal zurückdenken an das Jahr 1949 - es wäre nicht möglich gewesen, der Bundesrepublik, dem deutschen Volke das jetzige Ansehen in der Welt wiederzugewinnen, wenn da nicht die Presse gewesen wäre, wenn ich nicht mit Hilfe der Presse zur ganzen Welt hätte sprechen können. Das gilt sowohl für die Inlandspresse wie für die Auslandspresse. Und dafür möchte ich Ihnen von Herzen danken. Sie waren mir, aufs Ganze gesehen - das gilt namentlich für die ersten Jahre meiner Tätigkeit -, eine ungemein wertvolle Hilfe mit allem, was Sie geschrieben haben - auch wenn Sie mal etwas Staub machten -, aber Sie waren mir eine sehr wertvolle Hilfe, so daß mein Gefühl gegenüber der Presse das Gefühl einer großen Dankbarkeit ist.

Ich bin nur immer etwas bange, meine Herren, wenn ich den Stapel bekomme, nicht wegen dessen, was darin steht, sondern wegen des Durchlesens. Ich habe mich nie damit abfinden können, daß ich vom Presse- und Informationsamt Waschzettel bekommen habe, das habe ich nicht gern. Jeder beurteilt auf seine Art, und ich wollte meine Art dabei wahren.

Wenn ich nun gehe, meine Damen und Herren, dann gehe ich - es wäre Unsinn und falsch von mir, wenn ich das leugne - nicht mit frohem und leichtem Herzen. Ich würde mit frohem und leichtem Herzen gehen, wenn z. B. das eingetreten wäre, was Sie eben erwähnt haben, und wenn etwa für den Weizenverkauf an Sowjetrußland die Mauer gefallen wäre in Berlin. Das wäre das sichtbare Zeichen dafür gewesen, daß Sowjetrußland wirklich eine andere Politik einschlagen will als bisher. Jetzt habe ich das Gefühl, daß Rußland in sehr geschickter Weise uns traktiert in der öffentlichen Meinung der Welt, daß nur noch übrigbleibt der Gegensatz zwischen Sowjetrußland und uns und daß die anderen Gegensätze, die ja zwischen Sowjetrußland und anderen Ländern vorhanden sind, mehr oder weniger von den Russen überdeckt werden.

Ich glaube, auf diese Situation muß die deutsche Öffentlichkeit beizeiten hingewiesen werden. In Wirklichkeit kann der große Streit in der Welt, die große Spannung, nur dann als aus der Welt geschaffen angesehen werden, wenn die Spannung, was die deutsche Frage betrifft, aus der Welt ist. Wenn Sie sich vorstellen, wie es mit den Spannungen in der Welt aussehen würde, wenn die deutsche Spannung bleibt, dann werden Sie mit mir darin übereinstimmen, daß man von einer gesunden Entspannung in der Welt nicht sprechen kann. Ich habe manchmal mit meinem verstorbenen Freund Foster Dulles darüber gesprochen, daß, wenn West-Europa in den russischen Kreis kommt - er sagte sogar, wenn Deutschland in den russischen Kreis kommt -, daß dann die Spannung zwischen den Vereinigten Staaten und dem so erstarkten Rußland ganz außerordentlich groß sein würde. Das war seine Auffassung, die ich immer für absolut richtig gehalten habe.

Man kann eben, wie das Rußland jetzt versucht, nicht die Spannungen in der Welt wegschaffen, ohne auch die deutsche Spannung dabei zu berücksichtigen. Denn von da gehen Spannungen größten Ausmaßes aus, insofern, als es sich dann eventuell darum handeln wird, wer stärker ist, dieses Rußland, das um Westeuropa oder um Deutschlands Kraft verstärkt worden ist; oder die Vereinigten Staaten. Ich bitte Sie, daran immer zu denken und alles, was geschieht, auch unter diesem Gesichtswinkel zu prüfen. Das ist in Wahrheit entscheidend.

Ich war, wie Sie wissen, am Samstag in Wunstorf bei Hannover, und dort war diese Feldparade. Meine Damen und Herren, ich habe da auch gesprochen und gesagt, daß diese Macht, die da aufgebaut worden ist, ein Hort des Friedens ist. Wenn Sie sich in Ihrer Phantasie vorstellen, diese Bundeswehr existierte nicht, wie anders würde dann auch das politische Bild in der Welt aussehen. Ich habe alle die Männer, die in den fast sieben Jahren - Anfang 1956 haben wir die ersten Freiwilligen eingestellt - das Instrument aufgebaut haben, aufrichtig bewundert und ihnen auch aufrichtig gedankt, und ich glaube, daß das ganze deutsche Volk auch verpflichtet ist, jedem einzelnen Soldaten dafür zu danken. Denn auch die verschiedenen Zusammenkünfte und Begegnungen, die ich mit einfachen Soldaten gehabt habe, und der Eindruck, den die Leute auf mich machten, war ausgezeichnet. Ich war am Ende der Parade sehr überrascht, als Herr von Hassel und ich wegfahren wollten, wie plötzlich alle Dämme durchbrachen und die ganze Volksmenge auf meinen Wagen zustürzte, um zu danken und ihr Einverständnis auszusprechen mit dem, was wir da getan haben, und ich war glücklich darüber, zu sehen, wie namentlich die vielen, vielen jungen Männer, die da waren, mit freudigen Augen das bejahten, was sie gesehen haben. Das war eine Rechtfertigung der Politik durch das Volk, meine Damen und Herren, wie ich es in keiner Weise erwartet habe, die aber jeden mit Ruhe für die weitere Entwicklung erfüllen kann. Ich wünschte, Sie wären alle dabei gewesen; einige von Ihnen werden dagewesen sein, aber daß es möglich war - wir haben ja nur einen relativ kleinen Teil der Bundeswehr und des Gerätes gesehen -, daß es möglich war, in den kaum sieben Jahren etwas derartiges aufzubauen, hat mich mit großem Respekt gegenüber allen denjenigen erfüllt, die daran gearbeitet haben.

Ich möchte gerade Ihnen auch noch einmal sagen: In der Tat, in einer Welt, wie der unsrigen, in dieser Spannung, bei dieser Getrenntheit, mit der sich die verschiedenen Lager gegenüberstehen, ist es ein beruhigendes Gefühl für mich, wenn ich weggehe, zu wissen, daß die Bundeswehr da ist, die nach menschlichem Ermessen alles tun wird, damit nichts passieren kann.

Meine Damen und Herren, das wollte ich Ihnen heute auch noch einmal sagen, so daß dieser Samstag für mich wirklich ein Friedenstag, ein Freudentag gewesen ist. Und nun behalten Sie mich in gutem Andenken, meine Herren. Ich trinke auf die Presse und trinke darauf, daß die Presse sich mit Erfolg des Fernsehens erwehren möge.

Quelle: Bulletin des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung Nr. 184 vom 17. Oktober 1963, S. 1609f.