15. Oktober 1963: Abschiedsrede Konrad Adenauers als Bundeskanzler in der 86. Sitzung des Deutschen Bundestages

Herr Bundespräsident! Meine Damen und Herren!

Ich bin Ihnen, Herr Bundestagspräsident, von Herzen dankbar für Ihre Worte, und ich bin Ihnen, meine verehrten Mitglieder, Kolleginnen und Kollegen im Bundestag, von Herzen dankbar dafür, dass Sie die Schlussworte des Herrn Bundestagspräsidenten in dieser markanten Weise durch ihr Aufstehen gutgeheißen und unterstrichen haben. Wenn ich am heutigen Tage zu Ihnen spreche, dann bin auch ich von Dank erfüllt, von Dank für das deutsche Volk. Sicher, meine verehrten Damen und Herren, wenn wir an das Jahr 1949 zurückdenken, wenn wir von den Trümmerfeldern hören, von denen der Herr Präsident soeben gesprochen hat, dann wollen wir auch den Blick noch hinausgehen lassen über die Grenzen unseres Landes und wollen daran denken, wie der deutsche Name damals in der Welt gewertet wurde und wie es heute anders geworden ist. Wenn wir vieles, nicht alles, wiederaufgebaut haben und wenn der deutsche Name im Ausland wieder seinen Klang hat, dann, meine Damen und Herren, wäre das nicht möglich gewesen ohne das deutsche Volk selbst.

(Beifall im ganzen Haus.)

Es ist wahr, meine Damen und Herren: Jedes Volk bedarf einer Staatsform und bedarf auch innerhalb dieser Staatsform einer gewissen Lenkung. Aber wir sind uns doch gerade in diesen Zeiten der Not, die hinter uns liegen, darüber klar geworden, dass ohne das Mitgehen des Volkes, ohne dass das Volk mit handelt, ohne dass das Volk mit die Last auf sich nimmt, ohne dass das Volk sich müht weiterzukommen, der Erfolg für jedes Parlament und für jede Regierung versagt bleibt. Und darum bin ich stolz auf das deutsche Volk – ich darf das wohl auch mit dem Blick über unsere Grenze hinaus sagen –: ich bin stolz auf das, was das deutsche Volk in dieser verhältnismäßig kurzen Spanne Zeit geleistet hat. Wir Deutschen dürfen unser Haupt wieder aufrecht tragen, denn wir sind eingetreten in den Bund der freien Nationen und sind im Bund der freien Nationen ein willkommenes Mitglied geworden.

(Beifall bei den Regierungsparteien.)

Es ist wahr, Herr Präsident, wir haben nicht alles erreicht. Ich würde sogar noch weitergehen und würde sagen: Wir haben vieles noch nicht erreicht. Wir müssen uns doch immer klar bleiben darüber, dass das ständig flutende Leben immer neue Aspekte gibt, immer neue Forderungen hervorruft, aber auch dem Menschen immer neue Lasten auferlegt. Deswegen muss man Tag für Tag daran denken, bemüht zu sein, dem Volke in seiner Allgemeinheit zu helfen weiterzukommen, aber auch die Last, die der moderne Fortschritt auf den Menschen legt, zu erleichtern. Lassen Sie mich einige Worte sagen über unser Verhältnis zum Ausland. Der Herr Präsident hat es schon gekennzeichnet, und ich möchte es wiederholen: Wir haben die Wiedervereinigung noch nicht erreicht, obgleich ich glaube, dass wir am Horizont Möglichkeiten einer Wiedervereinigung kommen sehen, wenn wir achtsam und vorsichtig und geduldig sind, bis der Tag gekommen ist. Ich bin fest davonüberzeugt, dass dieser Tag einmal da sein wird. Denn man kann einem Volke wie dem deutschen Volke nicht widersprechen und man kann ihm keinen Widerstand leisten, wenn es in Frieden seine Einheit wiederherstellen will.

(Beifall bei den Regierungsparteien und bei der SPD.)

Aber, meine Damen und Herren, seien wir uns auch darüber klar, dass die Bundesrepublik heute ein wertvolleres Land für den Gegner vom Osten ist als vor zwanzig Jahren dank unseres wirtschaftlichen Emporsteigens, dank auch der ganzen Kraft, die das deutsche Volk durch den Wiederaufbau gezeigt hat. Und über eines seien wir uns klar: Mehr denn je zuvor ist Deutschland ein Angelpunkt der weltpolitischen Spannungen, die über die Kontinente hinweggehen. Daher dürfen wir nicht etwa glauben, diese unsere Last der Trennung werde von uns genommen werden, ohne dass gleichzeitig die Last der Spannungen auch von den anderen Völkern genommen wird. Das erfordert von uns um so größere Achtsamkeit, um so größere Sorge und um so größere Geduld. Vergessen wir doch nicht, meine Damen und Herren, was Herr Präsident Gerstenmaier soeben gesagt hat: Eine Lösung der deutschen Frage ist nicht möglich allein zwischen uns und dem Gegner, der uns bedrückt; eine Lösung dieser Frage ist nur möglich mit Hilfe unserer Freunde. Und wir danken Gott, dass wir wieder Freunde in der Welt gefunden haben.

(Beifall bei der CDU/CSU und bei den Abgeordneten der FDP und der SPD.)

Wenn Sie sich vorstellen, meine Damen und Herren, wir hätten diese Freunde nicht wieder gefunden; was wäre in der Zwischenzeit aus Deutschland geworden oder was würde jetzt aus Deutschland! Gerade diese Freundschaft in Europa, außerhalb Europas, mit den Vereinigten Staaten, mit allen freien Völkern der Welt gibt uns erst ein Recht, mit Sicherheit zu erwarten, dass eines Tages auch die Wiedervereinigung in Freiheit erfolgen wird.

(Beifall bei der CDU/CSU und bei den Abgeordneten der FDP.)

Meine Damen und Herren, es sind für mich bewegte Tage, und ich möchte danken. Ich möchte Ihnen danken, Herr Präsident, für Ihre Worte; ich möchte denjenigen Mitgliedern dieses Hauses, die mit mir gearbeitet haben, dafür danken, dass sie die ganzen 14 Jahre hindurch mit mir gearbeitet haben, und ich möchte auch der Opposition dafür danken, dass sie da war und die Pflicht einer parlamentarischen Opposition erfüllt hat.

(Beifall bei den Regierungsparteien.)

Diese Opposition in parlamentarisch regierten Staaten, diese Pflicht der Opposition ist notwendig für das Parlament, für das Volk und für dessen Regierung. Wir brauchen alle eine Kontrolle, eine Kontrolle, ob wir auf dem richtigen Wege sind. Und es ist wirklich nicht so – das darf ich in diesem Augenblick sagen –, als ob ich allen und jeden Satz, der von der linken Seite des Hauses gekommen ist, ohne weiteres beiseite geschoben hätte.

(Heiterkeit.)

Keineswegs, meine Damen und Herren! Erstens ist das Dasein der Opposition prophylaktisch.

(Heiterkeit.)

Dieses prophylaktische Wirken der Opposition wird leider in der Öffentlichkeit zu wenig veranschlagt. Aber es ist da. Das Vorhandensein einer Opposition äußert sich nicht nur in Zeitungsartikeln oder etwa in Reden hier im Parlament, sondern jeder Regierungschef, der ein Volk führen will, muss sowohl darauf achten, dass er eine Mehrheit hat, wie auch darauf, dass er eine Opposition hat.

(Heiterkeit.)

Meine verehrten Damen und Herren, es wird in diesen Tagen so viel vom konstruktiven Misstrauensvotum gesprochen. Dieses konstruktive Misstrauen ist allerdings eine der wertvollsten Errungenschaften unseres Grundgesetzes. Es ist nicht jedem von uns bekannt, dass das Wort von den Richtlinien der Politik – wer sie bestimmt – wörtlich aus der Weimarer Verfassung abgeschrieben ist. Aber nicht aus der Weimarer Verfassung abgeschrieben ist das Wort über das konstruktive Misstrauen. Die Kollegen, die mit mir zusammen im Parlamentarischen Rat tätig gewesen sind, möchte ich hier besonders bitten, daran zu denken, dass sich unser so früh verstorbener Kollege Katz gerade um das konstruktive Misstrauen besonders bemüht hat. Gerade für ein geschlagenes Volk, wie wir es waren, nach einem Krieg, der von Deutschen vom Zaun gebrochen war, ist die Stetigkeit in der Politik eine Grundbedingung. Nichts, meine Damen und Herren, ist dem Ansehen eines Volkes und namentlich unserem Volke nach alledem, was hinter uns liegt, abträglicher als der Ruf der Unstetigkeit. Die Stetigkeit in der Politik ist die Voraussetzung für das Ansehen eines Volkes.

(Beifall bei der CDU/CSU.)

Ein gut Teil des Erfolges ist auch darauf zurückzuführen, dass die Opposition milder geworden ist -

(Heiterkeit)

auch das, meine Damen und Herren, ist ein Erfolg des Parlaments – und dass sich die Parlamentsmehrheit auch daran gewöhnt hat, zuzuhören, wenn die Opposition spricht.

(Erneute Heiterkeit.)

Denn nur vom Sprechen und vom Zuhören kann etwas Gutes werden, nicht vom Sprechen allein; das Zuhören gehört dazu.

(Beifall.)

Ich werde ja wieder in Ihre Reihen zurückkehren – da ist mein Platz –, und ich werde zuhören. Ich hoffe, wenig zu sprechen.

(Abg. Dr. Mommer: Na, na! – Heiterkeit.)

Ja, meine Herren, wenn Sie mich auffordern,

(erneute Heiterkeit)

dann werde ich sprechen; hoffentlich gut sprechen. Meine Damen und Herren, man soll nicht zuviel sprechen. Wer immer spricht, dessen Wort wird wenig geachtet.

(Sehr gut! Bei der SPD.)

Man soll nur dann sprechen, wenn es absolut notwendig ist und wenn man glaubt, man müsste es tun. Ich werde dort auf diesen Platz zurückkehren und bin dann von manchen Fesseln frei, die ich jetzt habe,

(Heiterkeit.)

denn der Platz da oben fesselt auch, der gestattet einem nicht immer, freien Schrittes zu gehen und frei zu sprechen. Aber wenn ich zu Ihnen zurückkehre, dann – lassen Sie mich das wiederholen – werde ich mich befleißigen, gut zuzuhören. Nun, meine verehrten Damen und Herren, möchte ich Ihnen nochmals danken, wie ich das zu Eingang meiner Ausführungen getan habe, Ihnen allen ausnahmslos, dem einen mehr und dem anderen weniger natürlich.

(Heiterkeit.)

Ich möchte Ihnen allen danken. Vor allem aber wollen wir unserem deutschen Volke dankbar sein. Ich sage bewusst und gewollt nicht: dem deutschen Volke, sondern: unserem deutschen Volke.

(Beifall auf allen Seiten des Hauses. – Die Abgeordneten erheben sich. Bundeskanzler Dr. Adenauer begibt sich auf seinen Abgeordnetenplatz.)

Quelle: 4. Deutscher Bundestag. Stenographisches Protokoll der 86. Sitzung, Dienstag den 15. Oktober 1963, S. 4165-4167.