25. Dezember 1951: Rundfunkansprache über alle deutschen Rundfunksender


Heiligabend 1951! Es war stille geworden im Hause. Die Kerzen am Christbaum waren verlöscht bis auf wenige, die mit ihrem Schein alles, den Christbaum, die Krippe, den Gabentisch, geheimnisvoll erhellten. Ein tiefes Nachdenken überkam mich, die Erinnerung an vergangene Weihnachten. Ich sah mich wieder als Kind mit meinen drei Geschwistern im Elternhause. Wie hatte man sich wochenlang auf den Heiligen Abend gefreut, gespart, Groschen um Groschen, um auch den Eltern etwas schenken zu können. Es war alles einfach, und der Gabentisch war bescheiden, es gab etwas Spekulatius und Printen und, und das war das Schönste von allem - ich wusste nie vorher, ob ich es auch wirklich bekam -, ein Buch von Wörishöffer. Das war die Erfüllung meiner kühnsten Wünsche. Man gedachte des Christkinds, der Engel und Hirten, der herrlichen Weihnachtsgottesdienste. Man war so glücklich.

Dann zogen die Weihnachten an meinem Auge vorüber, die ich meinen Kindern, als die noch klein waren, bereitet hatte. Die Briefe an das Christkind, die sie wochenlang vorher geschrieben und auf die Fensterbank legten, damit das Christkind sie über Nacht holte, enthielten allerlei Wünsche, kleine und große, dass es für die Eltern köstlich war, sie zu lesen. Ich dachte daran, wie ich meinen Kindern eine Krippe kaufte. Es ist lange her. Bei einem Althändler fand ich sie, verstaubt in einer Ecke stehend. Sie stammte aus der Barockzeit. Es waren viele Figuren und ein Stall, alles war von bäuerlicher Hand in der Rhön geschnitzt und einmalig, keine große Kunst. Sie war offenbar das Werk mancher Jahre; manche Hände hatten daran gearbeitet. Vielleicht hatte ein Hirt sie gearbeitet, denn die Hirten auf dem Felde, der Engel, der ihnen erschien, um die frohe Botschaft zu verkünden, die vielen Tiere waren am besten geraten. Da waren Maria und Josef, Joachim und Anna, die Heiligen Drei Könige; ja, wie ich schon sagte, es waren keine Kunstwerke. Trotzdem sprachen sie schlicht und einfach und frommbesinnlich zum Beschauer. Jahr um Jahr nun, schon manches Jahrzehnt hindurch, wird die Krippe Weihnachten aufgebaut. Meine Kinder, denen sie so viel Freude machte, sind nun erwachsen und haben selbst Kinder. Auch sie erfreuten sich an der Krippe. Ich möchte, dass es so weitergeht, Jahrzehnt um Jahrzehnt, Generation um Generation, dass diese Krippe noch lange Kindern erzählen möge von dem Wunder der Menschwerdung, dass sie erinnern möge an die Generationen, die sich schon an ihr erfreut haben, von deren leuchtenden Augen etwas Schimmer an ihr zu haften scheint.

Ein Weihnachtsfest vor allem kommt mir wieder in den Sinn. Es war ein Weihnachtsfest in der nationalsozialistischen Zeit, als ich aus meiner Heimatstadt vertrieben und verjagt und von einem Jugendfreund, dem Abt des Klosters Maria Laach, aufgenommen war. Ich weiß nicht, ob das nicht das schönste meiner Weihnachtsfeste war. Meine Frau und meine Kinder waren gekommen. Der Christbaum war klein, in einem Hotelzimmer aufgebaut. Es gab nur wenige Geschenke, aber wir, die wir getrennt waren, freuten uns des Zusammenseins, und der Gottesdienst war so ergreifend schön. Er begann am Heiligen Abend, zehn Uhr, in der herrlichen Basilika. Er dauerte bis zwei Uhr nachts. Die alten Metten und Lesungen wurden gesungen und unsere schönen deutschen Weihnachtslieder. Die Kirche war übervoll, und aus dem fernen Industriegebiet waren die Menschen gekommen. Alle waren hingegeben dem großen Geheimnis, das gefeiert wurde. Draußen lag Schnee. Es funkelten die Sterne. Eine große, wunderbare Stille lag auf Berg und See.

Und nun Weihnachten 1951! Was ist alles über uns dahingegangen? Wie viel Not, wie viel Elend herrscht in der Welt, herrscht bei uns? Unsere Gedanken verweilen bei denen, die früher mit uns Weihnachten gefeiert haben, die hinübergegangen sind in die Ewigkeit. Sie verweilen bei denen, die aus ihrer Heimat vertrieben sind und von denen noch so viele keine neue Heimat gefunden haben. Sie verweilen bei denen, die der Krieg zu Witwen und Waisen gemacht hat, bei all denen, die diese Tage einsam und verlassen verbringen. Wenn wir an all das denken, dann wollen wir dankbar sein, wenn wir immer noch das heilige Weihnachtsfest mit unseren Lieben in der Heimat begehen können. Wir wollen aber auch daran denken, dass es die reinste und schönste Freude ist, anderen eine Freude zu bereiten, nicht nur den Angehörigen der eigenen Familie. Die Zahl unserer Mitbrüder und Mitschwestern, die unserer Liebe und Teilnahme harren, ist groß. Wir wollen ihnen zeigen, dass sie nicht verlassen sind, dass wir mit ihnen fühlen, dass wir versuchen, ihnen zu helfen, so viel und so gut wir können.

Wir wollen auch daran denken, dass wir nicht nur am Heiligen Abend, nicht nur am Weihnachtsfest unseren Mitmenschen Freude bereiten, dass vielmehr während des ganzen Jahres unsere Sorge und Arbeit ihnen gelten muss. Auch während des Jahres, wenn Weihnachten 1951 vergangen ist, wollen wir der Vertriebenen gedenken, auf dass sie eine neue Heimat finden, wollen wir der Arbeitslosen gedenken und sehen, dass sie Arbeit und Brot bekommen, wollen wir der Verstümmelten und Gefangenen, der Alten und Verlassenen gedenken. Wir gedenken besonders unserer Brüder und Schwestern im Osten. Trotz allem Kampf, trotz allem Hader sind wir ja doch eine Gemeinschaft. Das Geschick eines jeden von uns ist fest und unlösbar mit dem Geschick aller verbunden. Das wollen wir uns vor Augen halten. Noch auf ein anderes wollen wir uns besinnen: Feiern wir wirkliche Weihnacht? Ist es eine geweihte Nacht, die wir begehen, ein Fest, erfüllt von Weihe, von Stille, von Besinnlichkeit? Ist es wirklich ein Fest, an dem wir anderen eine Freude bereiten wollen, so wie uns einst Freude bereitet worden ist? Oder ist nicht Weihnachten dem Fluch unserer Zeit, der Rastlosigkeit, der Unruhe, der Äußerlichkeit verfallen? Ich fürchte, es ist so! Dann wollen wir uns besinnen. Wir wollen daran denken, dass wir das Fest der Geburt des Heilandes begehen, des Sohnes Gottes, der in die Welt kam, um den armen und gehetzten Menschen den Frieden zu bringen. Wir wollen versuchen, in diesen Tagen alte Quellen in uns neu zu erschließen, Quellen, die unter dem Gestrüppe des Alltages, unter dem Schutt der Kriegsereignisse, unter dem Triebsand des modernen Lebens, seiner Hast und Hetze, seiner Äußerlichkeit und Genusssucht, seinem entsetzlichen Betrieb doch noch vorhanden sind. Wir müssen sie befreien von all dem Schutt und Gestein, das diese Jahre auf sie gehäuft haben. Sie werden dann wieder lebendig werden und uns wieder Leben spenden. Ich fürchte, es wird keinen Frieden, keine Ruhe, keine Freude für die Menschheit geben, wenn wir nicht zurückfinden zu den ewigen, unvergänglichen Gütern, auf denen allein das Glück der Menschen aufgerichtet werden kann. Schrankenlose, hemmungslose Ichsucht, Sucht nach Betrieb und Genuss bringen kein Glück. Verinnerlichung, Besinnung auf sich selbst, Arbeit und Sorge für andere und für das Gemeinsame, das ist, was uns Not tut und was uns glücklich macht. Der Krieg zerstörte alle menschlichen Werte, nur der Friede entwickelte sie.

Weihnachten denkt man ganz von selbst an das kommende Jahr. Was wird das Jahr 1952 uns, Europa, der Menschheit bringen? Werden wir endlich Frieden bekommen? Das sind die Fragen, die am Feste des Friedens sicher jeden erfüllen. Man kann nicht prophezeien. Sicher kann man das nicht in Zeiten wie den unseren, in denen diese schreckliche Unruhe und Zwietracht die ganze Menschheit ergriffen hat. Aber das kann ich doch sagen: Weihnachten 1950 war der Friede der Welt gefährdeter, viel gefährdeter als Weihnachten 1951. So dürfen wir mit Recht hoffen, dass die gute Entwicklung des Jahres 1951 weitergeht im Jahre 1952.

Zwischen Weihnachten und Neujahr werden die Außenminister Deutschlands, Frankreichs, Italiens, Belgiens, Hollands und Luxemburgs für mehrere Tage in Paris zusammenkommen, um ein Werk des Friedens zum vorläufigen Abschluss zu bringen. Die europäische Verteidigungsgemeinschaft, die sie beraten werden, ist ein Werk des Friedens. Ihr Zustandekommen ist nach meiner Überzeugung die erste Voraussetzung für die Befriedung der Welt. Ich weiß, dass sie, diese Außenminister, bei ihren Beratungen auch an die Friedensbotschaft des Weihnachtsfestes denken werden, dass der Geist und der Sinn des Weihnachtsfestes sie bewegen wird.

Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden, die guten Willens sind. Diese Botschaft der Engel bei der Geburt Christi sei uns ein Trost, eine Freude, eine Hoffnung.

Quelle: Konrad Adenauer: Nachdenken über die Werte. Weihnachtsansprachen. Buxheim/Allgäu o.J. (1976).