19. und 20. August 1961: Besuch von Lyndon B. Johnson, Vizepräsident der Vereinigten Staaten, in Berlin

Der Empfang von Vizepräsident Johnson und seiner Be­gleitung, unter der General Clay als der Organisator der Luftbrücke in den Jahren 1948 und 1949 den Berlinern in be­sonderer Erinnerung geblieben ist, nahm triumphale Formen an. Vizepräsident Johnson konnte so vor 250.000 Berlinern auf dem Platz vor dem Schöneberger Rathaus sprechen. Seine Fahrt an die Sektorengrenze und durch West-Berlin war um­säumt von etwa 500.000 jubelnden und grüßenden Berlinern, denen der Besuch des amerikanischen Vizepräsidenten sicht­bar die Befreiung von einer drückenden Last und die neu­belebte Gewißheit bedeutete, daß die Freiheit West-Berlins, ja die Freiheit des ganzen deutschen Volkes das große Grundanliegen nicht nur der Vereinigten Staaten von Ame­rika, sondern unter ihrer Führung der ganzen freien Welt geblieben ist. Senat und Abgeordnetenhaus begrüßten den Vertreter des Präsidenten Kennedy in einer Sondersitzung, in der der Bundesminister des Auswärtigen im Namen der Bundesregierung nochmals unterstrich, daß das deutsche Volk seinen Platz an der Seite der freien Völker gewählt habe und diesen Platz ein für allemal auch weiter behaupten werde. Vizepräsident Johnson richtete eine Ansprache an das ver­sammelte Haus, die immer wieder durch starke Beifallskund­gebungen unterbrochen wurde.

Die Ansprache

Die Rede hatte folgenden Wortlaut:

Herr Präsident, verehrte Freunde!

Wenn ich in dieser Stunde in einen parlamentarischen Raum in meinem eigenen Lande eintrete, könnte ich mit gutem Ge­wissen sagen, daß ich zu dem Ort der Erinnerungen meiner Kindheit zurückkehre, über ein Vierteljahrhundert habe ich im Repräsentantenhaus und im Senat meines Landes gedient und vor mir mein Vater und Großvater desgleichen. Daher ist es für mich eine große Freude und Ehre, heute die Ge­legenheit zu haben, Ihnen hier in die Augen zu schauen und durch die reine Tatsache meiner Gegenwart hier in Berlin mehr zu sagen, als es ein ganzes Buch voll Worte, eine Rede einer ganzen Stunde tun könnte. Ich bin hergekommen in einem Augenblick der Spannung und der Gefahr in Ihrem Leben, in dem Leben meiner Landsleute und überhaupt im Leben der ganzen freien Welt. Dem Überleben und der schöpferischen Zukunft dieser Stadt haben wir Amerikaner sozusagen das verpfändet, was unsere Vorfahren bei der Gründung der Vereinigten Staaten gelobt haben, und zwar unser Leben, unser Gut und unsere heilige Ehre.

Eine Barriere des Stacheldrahts ist quer durch Ihre Stadt gezogen worden; sie hat für Sie, und was noch wichtiger ist, für Ihre Brüder im Osten lebenswichtige Bande unter den Menschen und innerhalb der Gemeinschaft zerrissen. Bande, die in die Geschichte von Generationen, von Freunden und Verwandten im Leben dieser großen Stadt zurückreichen. Ich verstehe den Schmerz und die Empörung, die Sie empfinden, ich verstehe den Zorn, den Sie empfinden, wenn Sie sehen, wie die kommunistischen Behörden und ihre Söldner sich selbst dazu gratulieren, daß sie den Strom der Männer, Frauen und Kinder abgedrosselt haben, die es einfach nicht länger aushalten konnten, und die nach dem Westen kamen selbst um den Preis der Aufgabe ihres Heims, alles dessen, womit sie vertraut sind, und was sie geschafft hatten. Was für einen Sieg behaupten sie errungen zu haben? Was für einen Fehlschlag stellen sie in Wirklichkeit nur unter Beweis? Ich sage Ihnen: Die Kommunisten haben sich selber viel zu früh gra­tuliert.

Überlegen wir uns einen Augenblick, wie es zu dieser Krise gekommen ist. Diese Krise ist entstanden wegen einer massi­ven historischen Tatsache. Die freien Menschen in Deutsch­land, sowohl hier wie in Westdeutschland, haben erfolgreich in den Jahren seit dem Ende des Krieges eine Aufbauarbeit geleistet, die über unsere optimistischsten Erwartungen hinaus­ging. Ich beziehe mich dabei nicht nur auf den wirtschaftlichen Erfolg, den die ganze Welt kennt und bewundert. Diese Men­schen haben in einer noch viel wichtigeren Beziehung einen großen Erfolg erzielt. Sie haben eine lebenskräftige Demo­kratie aufgebaut. Sie haben mit bewundernswerter Selbst­disziplin Beschränkungen ihrer militärischen Ausstattung auf sich genommen, sie haben eine große konstruktive Rolle in der Schöpfung eines vereinten Europas gespielt, und sie sind jetzt dabei, eine der Hauptrollen auf der weltweiten Arena von Indien bis Bolivien zu spielen.

Inzwischen ist in Ostdeutschland ein schrecklicher und tragi­scher Fehlschlag zu verzeichnen. Trotz jeden verfügbaren Instruments der Macht und der Propaganda, trotz aller Plus­punkte deutscher Geschicklichkeit und Kraftquellen haben die Kommunisten nicht ein Leben schaffen können, dem die Men­schen ihre Talente, ihren Glauben und die Zukunft ihrer Kin­der verpflichten könnten. Möge darüber kein Irrtum entste­hen. Diese historische Tatsache ist im Kreml wohl bekannt. Was man dort jetzt versucht, ist Stacheldraht, Bajonette und Panzer gegen die Kräfte der Geschichte aufzurichten. Kurz­fristig gesehen ist der Stacheldraht zwar da, und er wird nicht durch eine Handbewegung verschwinden. Aber auf lange Frist gesehen wird dieser unsinnige Versuch mißlingen. Erheben Sie Ihre Augen von diesen Barrieren und fragen Sie sich selbst: Kann wirklich jemand ernstlich glauben, daß die Geschichte Deutschland und Berlin ihre nationale Einheit versagen wird? Könnte wirklich jemand glauben, daß das deutsche Volk den Kommunismus wählen würde nach alledem, was es auf deut­schem Boden gesehen hat?

Wir müssen verstehen, daß jetzt der Zeitpunkt gekommen ist für Glauben, für Glauben in sich selbst. Es ist auch der Zeitpunkt für Vertrauen in Ihre Alliierten überall in der Welt. Diese Insel steht nicht allein. Sie sind ein lebenswich­tiger Teil der Gesamtgemeinschaft der freien Menschen. Sie, Berliner, verknüpfen nicht nur enge Bande mit den Menschen in Hamburg, Bonn und Frankfurt, sondern auch mit allen Menschen, die irgendwo in Westeuropa, in Kanada, in den Vereinigten Staaten leben, und mit denen, die auf jedem Kon­tinent in Freiheit leben und sowohl entschlossen wie darauf vorbereitet sind, für ihre Freiheit zu kämpfen. Ich wieder­hole: es ist jetzt die Zeit für Zuversicht, für Haltung und für Glauben, Eigenschaften, die von einem Ende der Welt zum anderen seit 1945 mit dem Begriff Ihrer Stadt verbunden werden.

Unser Präsident Kennedy ist kaum mehr als sechs Monate im Amt. In dieser Zeit hat er wesentlich das Budget der Vereinigten Staaten für die wissenschaftliche Forschung, für die Armee, für die Flotte, für die Luftwaffe erhöht. Er hat mehr Schiffe auf das Meer und unter der Oberfläche des Meeres in Dienst gestellt und mehr Flugzeuge in der Luft. Er hat von unseren jungen Männern gefordert, daß sie länger im Militär­dienst bleiben. Er hat die Nationalgarde und Reserven aufge­rufen. Unser Präsident Kennedy will und wird nicht provokativ handeln, aber er will gut vorbereitet sein. Wir in den Vereinigten Staaten und unsere Verbündeten haben nicht die Absicht, uns kriegerisch zu gebärden, aber wir lassen uns auch nicht herumschubsen. Was Präsident Kennedy am 25. Juli zu seinen Landsleuten gesagt hat, möchte ich hier noch einmal wiederholen: Mit Ihrer Hilfe und mit der Hilfe anderer freier Menschen kann diese Krise überwunden werden. Die Freiheit kann die Oberhand behalten, und der Friede kann fortdauern.

Wir müssen voranschreiten mit Mut, mit Zuversicht in uns selber, wir müssen kühl bleiben und uns den gemeinsamen Aufgaben widmen und müssen entschlossen bleiben. Wir wol­len keine Furcht zeigen und haben, aber wir wollen immer für den Frieden eintreten und bereit sein, wenn nötig, für ihn zu kämpfen. Ich bin gestern Nacht über den Ozean geflogen, um Ihrem Kanzler und dem Regierenden Bürgermeister zu sagen, daß wir in Amerika unsere Verpflichtungen kennen, und daß wir entschlossen sind, alle unsere Pflichten zu er­füllen. Zu der Stunde, in der General Clay und Botschafter Bohlen und ich mit Ihnen zusammentreffen, wird in Washing­ton vom amerikanischen Steuerzahler gefordert, daß er zu­sätzliche fünf Mrd. Dollar verfügbar machen soll, damit wir die Kraftquellen haben, um notleidenden Menschen und Völ­kern in der ganzen Welt zu helfen, und daß wir die Kraft­quellen haben, um die Freiheit überall zu schützen. Und alles, was wir fordern, ist, daß Sie uns zur Seite stehen, daß wir gemeinsam alle Opfer bringen, daß Ihre Zuversicht und unsere Zuversicht gleich groß ist; und daß wir in diesem gemein­samen Bemühen nicht nachlassen, zusammen die Freiheit zu sichern.

Präsident Kennedy würde es sicher gerne sehen, wenn ich Sie daran erinnere, welche Erfahrungen wir in den früheren 30er Jahren in den Vereinigten Staaten gemacht haben. Da­mals waren unsere Kriegsveteranen hungrig und führten einen Marsch auf das Kapitol in Washington durch. Damals gab es lange sogenannte Suppenlinien. Damals gab es viele geschlossene Bauernhöfe. Die Armut zog durch das große Land der Vereinigten Staaten. Und damals kam ein großer junger Präsident ans Ruder, der das Volk wieder aus seinen Schwierigkeiten herausführte, genau so wie wir heute einen neuen, jungen, tatkräftigen Präsidenten haben. Und dieser damalige Präsident äußerte diese Worte in dieser Notzeit, die auch heute ihre Gültigkeit haben: Das einzige, vor dem wir Angst zu haben brauchen, ist die Angst selber!

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Willy Brandt, erwiderte mit einer Ansprache, in der der Dank und die Genugtuung der Berliner Bevölkerung über den Besuch des Vertreters des amerikanischen Volkes in besonderer Weise zum Ausdruck kam.

 

Vor den Truppen - Eine Schlußerklärung

Vizepräsident Johnson hatte seinen Besuch in Berlin ver­längert, um 1.500 amerikanische Soldaten zu begrüßen, die zur Verstärkung der westalliierten Garnison nach sechsstündiger Fahrt durch die Sowjetzone von Mannheim aus in Berlin eingetroffen waren. Neben dieser Verstärkung durch ameri­kanische Truppen hat auch Großbritannien Panzerfahrzeuge nach Berlin geschickt; Frankreich will ebenfalls bald eine Verstärkung seiner Garnison in Berlin vornehmen.

Vor den Truppen erklärte Vizepräsident Johnson: „Noch nie in den vergangenen Jahren hat auf den amerikanischen Streit­kräften eine so große Verantwortung gelastet wie jetzt in Berlin. Ich bin sicher, daß die neuen Truppen dazu beitragen werden, neue Sicherungen für Frieden und Freiheit zu schaf­fen." Die Partnerschaft zwischen Berlin und den USA werde nicht gestört werden; es würden keine Zweifel an der Stärke des Westens aufkommen können. Über die Schließung der Sektorengrenze sagte Vizepräsident Johnson: „Die Ereignisse der letzten Tage sind ein Teil einer Kette von Aktionen, die uns angreifen, irritieren und stören sollen, die aber mit Festigkeit angepackt werden." Niemals seien die Allianz und die Partnerschaft zwischen Berlin, Amerika und den anderen Alliierten so stark und eng gewesen wie jetzt.

Vor dem amerikanischen Hauptquartier in Berlin nahm Vizepräsident Johnson eine Parade der amerikanischen Ein­heiten ab, die wiederum von Hunderttausenden von Berlinern stürmisch umjubelt wurden. Vorher hatte er das Flüchtlings­lager Marienfelde besucht. Es spielten sich dabei ergreifende Szenen ab, die Ausdruck des Glücksgefühls der Menschen waren, die die Freiheit gefunden haben.

Zum Abschluß seines zweitägigen Berlin-Besuchs gab Vize­präsident Johnson folgende Erklärung ab:

Ich werde dem Präsidenten und dem amerikanischen Volk sagen, daß die Westmächte, die Vereinigten Staaten, Frank­reich und Großbritannien niemals bessere und treuere Alliierte hatten wie die Bürger dieser Stadt. Viele Jahre lang hat diese Stadt, die ihre Leiden wie einen Glorienschein trug, unsere Bewunderung gefunden. Lassen Sie mich Ihnen in dieser Botschaft der Dankbarkeit und des Abschieds sagen, was für immer in meinen Gedanken mit Berlin verbunden sein wird und was ich meinen Mitbürgern in Amerika mit­teilen will.

Als ich in die Gesichter und die Herzen von so vielen Tausenden von Berlinern sah, konnte ich nur tief gerührt sein von der Wärme und von dem Mut, die ich überall um mich herum sah. Eine Stadt, die in einer Zeit der Bedrängnis solchen Geist zeigt, kann niemals zur Preisgabe ihrer Freiheit gezwungen werden. Natürlich sah ich auch Augen, in denen Tränen standen; aber das waren edle Tränen: denn ich be­merkte diesen Ausdruck tiefer Rührung immer dann, wenn die Berliner mit Dankbarkeit von der amerikanischen Freund­schaft mit Deutschland oder mit Entrüstung von den Leiden ihrer Brüder in Mitteldeutschland sprachen. Eine Stadt, die in einer Stunde der Gefahr guten Herzens sein kann und die nur über die Sorgen ihrer Brüder und Nachbarn klagt, kann niemals durch die Grausamkeit kommunistischer Gewalt gebrochen werden.

Ich werde den Amerikanern sagen, daß ich in West-Berlin und in Bonn die Früchte der Demokratie gesehen habe. Denn ich habe die Bevölkerung gesehen, zu zahllosen Tausenden, die ihren Tribut für die Freiheit leisten, und ich habe zu freigewählten Mitgliedern einer parlamentarischen Versammlung gesprochen. In Ost-Berlin hat der Kommunismus zu Leiden und Knechtschaft geführt. In West-Berlin hat die Kraft der Freiheit zu großer Hoffnung geführt. Jetzt kehre ich in mein eigenes Land mit seiner freiheitlichen Tradition zurück und ich grüße mit Hochachtung und Dankbarkeit die großherzige Bevölkerung von West-Berlin, der Stadt der unbesiegbaren Freiheit.

Vizepräsident Johnson flog am Montag früh um 4 Uhr vom Berliner Flugplatz Tegel ohne Zwischenlandung auf deutschem Boden direkt in die USA zurück. Ein amerikanischer Sprecher teilte mit, daß Johnson Präsident Kennedy sofort in Washing­ton über die Gespräche in Bonn und Berlin berichten werde. Kennedy hat am Sonntag überraschend seine Wochenendpläne geändert und kehrt nun schon am Montag von Hyannisport nach Washington zurück. Kennedy hatte seinen Wochenend­urlaub erst angetreten, nachdem die amerikanische Kampf­truppe ohne Zwischenfälle in Berlin eingetroffen war. Er hatte sich ständig über den Fortgang des Transports unterrichten lassen. Quellen aus dem Weißen Haus berichteten, Kennedy sei erfreut über den warmherzigen Empfang, den die West­deutschen und die West-Berliner Johnson bereitet haben. Regierungsbeamte in Washington sind der Meinung, daß die Reise des Vizepräsidenten und die Verstärkung der West-Berliner Garnison sehr nützliche Maßnahmen zu diesem Zeit­punkt gewesen sind.

Quelle: Bulletin des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung Nr. 155 vom 22. August 1961, S. 1495f.