22. August 1961: Besuch des Bundeskanzlers in Berlin

Freundlicher Empfang durch die Bevölkerung - Grüße von jenseits der Sperrmauer

Am 22. August 1961 hat Bundeskanzler Dr. Adenauer West-Berlin einen Besuch abgestattet. Nach seiner Landung in Berlin-Tempelhof, wo er von dem Regierenden Bürgermeister empfangen wurde, hielt der Bundeskanzler folgende Ansprache:

Ich danke Ihnen sehr, Herr Regierender Bürgermeister, für die Worte, die Sie namens des Senats und der Bevölkerung von Berlin an mich gerichtet haben. Der 13. August und die folgenden Tage haben an die Nerven und an die Herzen der Bewohner Berlins schwere Anforderungen gestellt. Am schwersten betroffen sind die Deutschen im Ostsektor von Berlin und in der Zone. Über RIAS habe ich ihnen an jenem Sonntag mein und aller Deutschen tiefes Mitgefühl ausgesprochen. Die Deutschen in der Zone und im Ostsektor von Berlin hatten bis jetzt noch immer die Hoffnung, wenn der Druck zu stark würde, durch die Flucht ihm entgehen zu können. Diese Möglichkeit ist ihnen jetzt genommen. Sie dürfen aber versichert sein, daß sie bei uns nicht abgeschrieben sind.

Alle Deutschen werden unserer Verpflichtung für sie immer eingedenk bleiben. Wir wollen mit ihnen in enger Verbindung bleiben. Meine Überzeugung, daß der Tag der Wiedervereinigung in Frieden und in Freiheit kommen wird, daß die Stadt Berlin wieder die Hauptstadt des wiedervereinigten Deutschlands sein wird, hat sich durch die Ereignisse des 13. August nicht geändert. Diese Betonmauer und der Stacheldrahtverhau mitten durch Berlin sind ein Mahnmal für alle Deutschen, die Wiedervereinigung nicht zu vergessen, sich mit aller Kraft für sie einzusetzen.

Die Bewohner West-Berlins haben die Errichtung dieser Schandmauer miterlebt. Sie hat sie und uns alle tief aufgewühlt. Sie und wir alle wissen, daß demnächst verhandelt werden wird. Aber die Bewohner West-Berlins dürfen versichert sein: die Bundesrepublik wird ihre ganze politische und moralische Kraft in der Welt dafür einsetzen, daß ihnen die Freiheit, die freie Verbindung mit der Welt, die freie Verbindung mit uns, unsere brüderliche Hilfe in vollem Umfange erhalten bleibt, bis der Tag der Wiedervereinigung kommt. Zu unserer großen Genugtuung haben wir erlebt, daß insbesondere die führende Macht des freien Westens, die Vereinigten Staaten, hinter dem deutschen Volke steht. Ich weiß, ich darf Ihnen das gleiche für alle NATO-Staaten erklären.

Es liegen, Herr Regierender Bürgermeister, schwere Wochen und Monate vor uns, Wochen und Monate, die starke Anforderungen an uns alle stellen werden. Aber wir werden alle Widerwärtigkeiten meistern, wenn wir ein warmes Herz und einen kühlen Kopf behalten.

Der weitere Verlauf des Besuches:

Schon bei der Abfahrt vom Flughafen zeigte sich die trotz eines regnerischen Werktages über Erwarten starke Beteiligung der Bevölkerung, die in den Straßen Spalier bildete, sehr freundlich. Sie winkte dem Bundeskanzler zu und ließ an Zurufen erkennen, daß man seine Anwesenheit dankbar begrüßte. Inmitten dieses erstaunlich starken Spaliers kamen drei Transparente auf der Strecke zwischen dem Flugplatz und dem Notaufnahmelager kaum zur Geltung. Sie wirkten mit ihrer wenig geistvollen Aufschrift sehr verloren.

Im Notaufnahmelager, das der Kanzler zunächst besuchte, war der Empfang so stürmisch, daß jede Absperrung überrannt wurde von den Flüchtlingen, die den Kanzler sehen wollten. Die annähernd 2000 Flüchtlinge, die auf eine Abfertigung im Lager warteten, drängten alles beiseite. In einer kurzen Unterhaltung mit Flüchtlingen erkundigte sich der Bundeskanzler nach dem Woher und Wohin der Flüchtlinge. Auch seine Abfahrt war wiederum von einer ungewohnten Anteilnahme gerade der Menschen begleitet, die voller Verzweiflung geflüchtet waren und nun auf eine bessere Welt warten.

Auf der langen Fahrt vom Flüchtlingslager Marienfelde durch Hauptgeschäftsstraßen West-Berlins zum Potsdamer Platz reagierten die Menschen ebenso freundlich, als sie die Kanzler-Kolonne vorbeifahren sahen. Es war in diesen Straßen nichts organisiert, es war also eine Fahrt durch Berlin an einem normalen Arbeitstag und gerade deswegen so aufschlußreich. Am Potsdamer Platz traf der Bundeskanzler und seine Begleitung zum erstenmal auf die Betonmauer, die die beiden Hälften Berlins hermetisch abriegelt. Der Bundeskanzler verließ den Wagen und ging bis unmittelbar an die Sperrmauer, die quer über den Potsdamer Platz verläuft. Auf der Mauer und hinter der Mauer hatten Volkspolizei und Betriebskampfgruppen zahlreiche Posten aufgestellt. Journalisten der Ostseite waren auf die Mauer gestiegen, um Aufnahmen von dem Kanzler-Besuch an der Sektoren-Grenze zu machen. Untermalt wurde dieses makabre Bild von Liedern, die aus einem aufgestellten Lautsprecherwagen tönten. Zwischendurch hörte man abschätzige Bemerkungen des SED-Propagandisten Eisler, dessen hetzerische Tätigkeit allzu bekannt ist.

Der nächste Punkt an der Sektoren-Grenze, den der Bundeskanzler aufsuchte, war das Brandenburger Tor. Auch hier das gleiche Bild wie am Potsdamer Platz. Starke Absperrungskräfte auf der Ostseite, nur durchsetzt von ein paar Zivilisten, die wohl in die Gruppe östlicher Agitatoren gehörten. Sofort, nachdem der Kanzler den Wagen verlassen hatte und zu Fuß an die Absperrung ging, setzte aus einem Lautsprecherwagen eine "Begrüßung" des Bundeskanzlers ein, der ihn an diesem Punkt "herzlich" ansprach. Der erste Begrüßungssatz schlug dann sofort in Schmähungen und Beleidigungen des Bundeskanzlers um. Durch das Brandenburger Tor hindurch sah man in einer Entfernung von etwa 200 m Ost-Berliner Bevölkerung stehen.

Der dritte und wohl eindrucksvollste Abschnitt seiner Sektorenfahrt war im Norden der Stadt im Bezirk Wedding. Hier führte der Besuch durch die Straßen, die selbst Sektorengrenze darstellen und in denen die eine Häuserfront und die gesamte Straße zum Westen gehören, die andere Straßenseite aber schon Teil des Ostsektors ist. Die Sektoren-Grenze fällt mit der Baufluchtlinie der Häuser zusammen. Der Schritt aus der Haustür würde den Schritt in die Freiheit bedeuten. Um das zu verhindern, waren sämtliche Hauseingänge und Ladengeschäfte zugemauert worden. Die Parterrewohnungen mußten zum größten Teil geräumt werden oder wurden von der Volkspolizei und Betriebskampfgruppen besetzt. Aus den darüberliegenden Wohnungen schauten die Menschen heraus, und man sah ihren Gesichtern an, wie ihnen zumute war, als sie die lange Kanzler-Kolonne langsam an ihren Häusernvorbeifahren sah. Ein großer Teil dieser eingemauerten Bewohner weinte. Als der Bundeskanzler zu sehen war, ließen sie sich auch nicht durch Furcht vor nachträglichen Schikanen davon abhalten, weinenden Auges mit ihren Taschentüchern zu winken. Jeder Zuruf aber unterblieb.

Eine im Zuge dieser Straßenfront liegende Kirche war ebenso wie Häuser mit einer vier Meter hohen Mauer zugemauert. Stellenweise konnte man beobachten, wie Volksarmisten damit beschäftigt waren, auf diesen aus Zementplatten und Blocksteinen errichteten Mauern Glasscherben einzuzementieren, um das Übersteigen unmöglich zu machen. Alle Querstraßen der Bernauer Straße waren ebenfalls zugemauert und von starken bewaffneten Kräften besetzt, die zwar neugierig der vorbeifahrenden Kolonne nachsahen, aber keine Bemerkungen machten. Im Hintergrund sah man aufgefahrene Panzer. Lediglich der offizielle Übergang in der Bernauer Straße war nur durch Stahlplanken gegen das Durchfahren abgeschützt. An dieser Stelle müssen die Autos Zick-Zack-Kurven fahren und sind dadurch nicht in der Lage, etwa gewaltsam durchzubrechen. Im Hintergrund in einer Entfernung von 200-300 Metern erkannte man eine Menschenmenge, aus der heftig mit Taschentüchern gewinkt wurde. Die daneben stehende Volkspolizei blieb uninteressiert und schritt auch nicht ein.

Aus einem etwas zurückliegenden Fabrikgebäude auf der östlichen Seite der Straße winkten Arbeiterinnen in Arbeitskitteln der Kanzler-Kolonne aus den offenen Fenstern zu. Man konnte beobachten, wie plötzlich sämtliche Fenster geschlossen wurden. Wahrscheinlich sind die Winkenden zurückgepfiffen worden. Ein anderes Zeichen der Anteilnahme der Ost-Berliner Bevölkerung an dem hohen Besuch aus Bonn war an einer anderen Stelle zu sehen und zwang ein Lächeln über die Findigkeit der Berliner ab. Es gab sonst aber nichts zu lächeln auf dieser erschütternden Fahrt. In einem Laden-Geschäft hatte man das Schaufenster von innen zugemauert. Bevor die letzten Steine eingefügt waren, hatte man ein großes Stück Papier zwischen Scheibe und Mauer geklemmt, auf dem zu lesen war "Herzlich willkommen".

Noch ein Wort zur Bevölkerung in der Bernauer Straße. Der Stadtteil Wedding ist ein ausgesprochener Wohnbezirk der arbeitenden Bevölkerung. Noch zahlreicher als auf den übrigen West-Berliner Straßen war hier die Menschenmenge, noch herzlicher war ihre Begrüßung. An einer Stelle wurde die Wagenkolonne einfach angehalten; der Bundeskanzler mußte aussteigen und der Menge sich in seiner ganzen Gestalt zeigen. Gerade auf diesem Abschnitt mehrten sich Zurufe aus der Menschenmenge, die den Regierenden Bürgermeister in der Begleitung vermißten und der Kolonne zuriefen: "Wo ist denn Willy?" Noch Stunden nachher stand der Bundeskanzler unter dem nachhaltigen Eindruck der Sektorengrenzfahrt. Dies zeigte sich besonders deutlich auf der Pressekonferenz, die den Abschluß seines Besuches bildete.

Am Nachmittag hatte der Bundeskanzler an einer Sondersitzung des Berliner Senats teilgenommen, auf der natürlich das Thema Berlin zur Debatte stand, über deren Verlauf aber nichts gesagt wurde. Auf der Pressekonferenz kam neben vielen anderen Fragen über die Haltung des Westens auch die Frage seines angeblich verspäteten Besuches in Berlin auf. Hierauf antwortete der Kanzler mit einer Auslassung über die Arbeitsweise einer modernen Regierung in einem modernen Staat, die in wichtigen Fragen nicht losgelöst werden könne von der komplizierten technischen Apparatur einer Regierung und von den unmittelbaren Verbindungsmöglichkeiten zum eigenen Parlament, zu den eigenen Botschaftern und auch den akkreditierten Botschaftern des Auslandes am Regierungssitz. Diese kurze Lektion hinterließ bei den Journalisten den Eindruck, daß die Debatte um den Kanzlerbesuch in Berlin wohl manchmal mit zu billigen Argumenten geführt worden ist. Die Kontroverse scheint nach dem Besuch Adenauers in Berlin in ruhigere Bahnen eingeschwenkt zu sein, während andererseits der Bundeskanzler aus seinem Berlin-Besuch mit starken Eindrücken in sein Amt zurückkehrt, die nützlich sein werden, weil sie einen sehr starken menschlichen Zug vermittelt haben.

Quelle: Bulletin des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung Nr. 157 vom 24. August 1961, S. 1513f.