9. September 1962: Ansprache von Bundespräsident Lübke bei der Kundgebung vor der deutschen Jugend in Schloss Ludwigsburg

Meine lieben jungen Freunde aus Frankreich und Deutschland!

Der offizielle Besuch, den das französische Staatsoberhaupt unserem Lande in diesen Tagen abstattete, geht nun heute seinem Ende zu. Für alle, die diese Tage aus nächster Nähe erlebten, bleiben sie ihrer hohen Bedeutung wegen unvergessen. Die ungewöhnlich herzliche, ja stürmische Anteilnahme, mit der unser Volk die Reisen und vor allem die Ansprachen begleitete, machte die Fahrt des Generals de Gaulle zu einem Triumphzug. Jeder, der die Möglichkeit hatte, die Freude und Begeisterung der Massen zu beobachten, sah, daß im Verhältnis Deutschlands zu Frankreich eine neue Zeit angebrochen ist.

Sie alle, die Sie hier vor uns stehen, junge Menschen aus Frankreich und Deutschland, aus allen Schichten und Berufen, sind in einer Zeit aufgewachsen, in der die Grenze zwischen Deutschland und Frankreich noch eine harte Trennungslinie war, an der sich die Gefühle und die Interessen der beiden Völker schieden. Heute bedeutet diese Grenze mit ihren offenen Übergängen die Naht, an der Deutsche und Franzosen sich als Freunde begegnen. Über sie hinweg entfalten sich ungehindert politische, kulturelle, wirtschaftliche und vor allem menschliche Beziehungen, die nun Ihrer Generation zur Selbstverständlichkeit werden, uns aber vor 15 Jahren noch fast unerreichbar schienen. Stellen Sie sich vor: Zwei Völker, hervorgegangen aus dem Reiche Karls des Großen, die Hunderte von Jahren so zerstritten waren, daß man von „Erbfeinden" sprach, haben einen Strich unter die Vergangenheit gezogen, um miteinander eine friedliche und glückliche Zukunft zu schaffen.

Unsere junge Freundschaft braucht aber ein festes Fundament, auf dem weitergebaut werden kann. Deshalb werden Sie auch den Wunsch des französischen Staatspräsidenten verstehen, sich besonders an die deutsche Jugend zu wenden. Er will Sie ermuntern, an dieser großen Aufgabe mitzuwirken. Er will Sie hinweisen auf Ihre Mitverantwortung für die Weiterführung des begonnenen Werkes. Das, was sich in diesen Tagen ereignet, ist von geschichtlicher Bedeutung. Umso einleuchtender wird es Ihnen sein, daß Sie selbst es sind, die die nun begonnene deutsch-französische Zusammenarbeit weiterzuführen haben.

Manche von Ihnen werden fragen, was Sie denn als junge Menschen dafür tun können während der Zeit, da Sie sich auf Ihr Leben in Beruf, Gesellschaft und Staat vorbereiten. Denken Sie zunächst daran, daß Sie, an welcher Stelle es auch sei, Ihrer eigenen Zukunft und dem Staat am meisten dadurch nützen, daß Sie sich eine erstklassige Ausbildung verschaffen. Je erfolgreicher jeder arbeitet, also je mehr Schönes, Gutes und Nützliches wir hervorbringen, umso mehr wächst das Ansehen unseres Volkes. Je verständnisvoller Sie und wir alle neben den eigenen die Interessen unserer Nachbarn berücksichtigen und alle Regeln eines guten Zusammenlebens mit ihnen beachten, umso größerer Sympathie wird sich unser Volk erfreuen. In den Partnerschaften von Städten und Schulen, in den Begegnungen der Jugendverbände, im Austausch von Facharbeitern, Ingenieuren, Lehrern und Gelehrten, Bauern, Unternehmern, Kaufleuten usw. werden menschliche Beziehungen zwischen unseren Völkern begründet, die gegenseitige Achtung, Vertrauen und Freundschaft schaffen. Hier zeigt sich, daß die Gemeinschaftsaufgaben erkannt und bereits begonnen wurden.

Vergessen Sie nicht, daß nur der Brücken zu anderen Ufern schlagen kann, der selbst auf einem festgegründeten Fundament steht. Der Sinn aller unserer gemeinsamen Anstrengungen liegt darin, daß wir einander nach Kräften fördern. Dabei soll jeder einzelne die Möglichkeit zur Entfaltung behalten, um das zu werden, was seine Anlagen verheißen. Freunde können wir nur erwerben und Freundschaften nur erhalten, wenn wir mit den seelischen und geistigen Kräften wie auch mit den materiellen Gütern, die wir uns erwerben, unseren Beitrag leisten zum gegenseitigen Fortschritt.

Wer von Euch nach Frankreich geht, der wird gewahr werden, wie reich das französische Volk an kulturellen und materiellen Gütern ist. Je höher das geistige Niveau, die persönliche Kultur des einzelnen und der materielle Wohlstand in einem Volke sind, umso nützlicher kann es dem Brudervolk sein. Früher in Zeiten nationalistischen Denkens glaubte man, der Schaden des Nachbarn bewirke den eigenen Nutzen. Das Gegenteil ist der Fall. Machen wir uns also bereit, dem anderen unser Bestes zu bieten.

Deutschland und Frankreich haben der Welt ein Beispiel gegeben. Ohne ihre Verständigung und ohne ihre Freundschaft gäbe es keine Hoffnung auf ein gemeinsames Europa, das die Bedrohung unserer Zeit zu überdauern vermag. Unsere Sicherheit wird wachsen in dem Maße, in dem die europäischen Völker durch die Zusammenfassung aller ihrer Kräfte wieder Vertrauen fassen zu sich selbst. Dann wird sich die Idee der Freiheit stärker erweisen als alle Versuche der Unterdrückung.

Wir wissen, daß unsere Bemühungen um die deutsch-französische Freundschaft, um die europäische Einigung verstanden und mitgetragen werden von den 17 Millionen unserer Landsleute in der sowjetisch besetzten Zone und in Ost-Berlin. Auch in ihnen hat dieser Staatsbesuch des Präsidenten der Französischen Republik die Hoffnung auf die Anwendung des Selbstbestimmungsrechtes gestärkt. Dafür möchte ich Herrn General de Gaulle und dem französischen Volk herzlich danken.

Meine lieben jungen Freunde!

Nun spricht zu Ihnen das französische Staatsoberhaupt, der Soldat zweier Weltkriege, in denen er gegen Deutschland für sein Vaterland kämpfte, der Staatsmann, der in ausweglos erscheinender Situation an die Spitze des französischen Volkes berufen wurde, der Europäer, der am Einigungswerk der freien Völker entscheidenden Anteil hat.

Er bezeugt uns die Freundschaft der französischen Nation, das gleiche tat ich bei meinem offiziellen Besuch in Paris für die deutsche Nation.

Möge diese Stunde uns alle in der Gewißheit stärken, dass Freiheit und Menschenwürde nicht untergehen, solange wir bereit sind, alles dafür einzusetzen.

Quelle: Bulletin des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung Nr. 168 vom 11. September 1962, S. 1425f.