19. Januar 1963: Deutschland - Frankreich - Europa

Der Paris-Besuch des Bundeskanzlers

Am Sonntag, den 20. Januar 1963, begibt sich Bundeskanzler Dr. Adenauer am Nachmittag nach Paris zu Besprechungen mit Staatspräsident General de Gaulle. Dieser Paris-Besuch des Bundeskanzlers erstreckt sich bis zum 23. Januar. In Begleitung des Bundeskanzlers befinden sich der Bundesminister des Auswärtigen, Dr. Schröder, der Bundesminister der Verteidigung, von Hassel, der Bundesminister für Familien- und Jugendfragen, Dr. Heck, sowie der Leiter des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung, Staatssekretär von Hase. Weiter begleiten den Kanzler aus dem Auswärtigen Amt Staatssekretär Professor Carstens, die Ministerialdirektoren Jansen und Sattler sowie Botschafter Prof. Dr. Ophüls. Die Besprechungen mit Präsident de Gaulle beginnen am Montag im Elysée-Palast, während gleichzeitig Besprechungen der begleitenden Minister mit ihren französischen Kollegen stattfinden. Nach einem Frühstück im kleinen Kreise werden am Nachmittag die Besprechungen in erweitertem Kreise fortgesetzt. Ein Abendessen im Elysée, das Präsident de Gaulle zu Ehren des Bundeskanzlers gibt, beschließt den ersten Tag des Besuches. Der Dienstag beginnt wieder mit einer Besprechung zwischen dem Bundeskanzler und Präsident de Gaulle. Nach einem vom Bundeskanzler zu Ehren von Ministerpräsident Pompidou in der Residenz des deutschen Botschafters gegebenen Frühstück finden wieder Besprechungen in erweitertem Kreise statt. Am Abend gibt Bundeskanzler Dr. Adenauer für französische Kabinettsmitglieder und Abgeordnete einen Empfang in der Residenz des Botschafters. Eine Abschlußbesprechung zwischen dem Bundeskanzler und Präsident de Gaulle, die dann in erweitertem Kreise fortgesetzt wird, beschließt den Paris-Besuch am Mittwoch Vormittag, den 23. Januar.

Der neue Paris-Besuch des Bundeskanzlers dient einer Verstärkung und Intensivierung der deutsch-französischen Zusammenarbeit in allen Bereichen des öffentlichen Lebens. Er ist nicht nur aufs beste vorbereitet durch die bisherige Entwicklung, die das deutsch-französische Verhältnis tief begründet und fortschreitend ausgeweitet hat. Dieses Verhältnis ist darüber hinaus in besonderer Weise dokumentiert worden durch den Staatsbesuch von Bundespräsident Dr. Lübke, durch den Besuch des Bundeskanzlers in Paris und in der französischen Provinz sowie insbesondere auch durch den Empfang von Präsident de Gaulle in Deutschland. Dieser Empfang offenbarte, daß die deutsch-französische Freundschaft zugleich auf einer inneren Zuneigung der beiden Völker beruht. Sie kam bei den Besuchen der leitenden Staatsmänner in überzeugender Form zum Ausdruck. Echte Völkerfreundschaft ist nicht nur bedingt durch eine wenn auch sehr positive Abstimmung und Zusammenarbeit der leitenden politischen Persönlichkeiten, sondern auch durch ein echtes inneres Zusammenwachsen und Zusammenwirken, das künftighin die gestellten praktischen Aufgaben gemeinsamen Lösungen entgegenführen muß. Die Fragen, die dabei zur Rede stehen, sind durch ein Memorandum der französischen Regierung umrissen und durch ein ergänzendes deutsches Memorandum vervollständigt worden. Ein Gespräch von Außenminister Dr. Schröder mit dem französischen Außenminister Couve de Murville, das in Paris geführt wurde, sowie eine Kontaktnahme der Vorsitzenden der in jedem Land eingerichteten interministeriellen Ausschüsse hat den jetzigen Paris-Besuch weiter vorbereitet. Dieser ist dazu bestimmt, den so erarbeiteten Ergebnissen einen Abschluß zu geben.

Es ist von historischer Bedeutung, daß gerade Deutschland und Frankreich sich zu einer gemeinschaftlichen Arbeit zusammengefunden haben. Damit wird ein politisches Kapitel abgeschlossen, das so entscheidend für das Schicksal Gesamteuropas gewesen ist. Während der deutsch-französische Gegensatz Jahrhunderte hindurch Europa nicht zur Ruhe kommen ließ und sich in zahlreichen Kriegen entlud, die den Kontinent schließlich an den Abgrund brachten, verknüpft sich mit der Überwindung dieses Gegensatzes und mit seiner Wandlung zu echter Freundschaft die Hoffnung, daß Europa einer neuen gesicherten Zukunft entgegengeht. Die deutsch-französische Aussöhnung ist die natürliche Voraussetzung einer über das deutsch-französische Verhältnis hinausgehenden gesamteuropäischen Zusammenarbeit, wie sie in den europäischen Gemeinschaften bereits einen so starken Ausdruck gefunden hat. Je fester, zuverlässiger und ertragreicher diese Versöhnung wird, um so größer auch ihre Wirkung im Sinne einer Fortführung des gesamteuropäischen Zusammenschlusses. Die deutsch-französische Zusammenarbeit ist so ihrem ganzen Wesen nach nicht nur nicht gegen andere gerichtet, sondern ein Motor, dessen antreibende Kraft sich für Gesamteuropa nur segensreich auswirken kann.

Dies liegt auch im Interesse der Welt der freien Völker, die sich insgesamt einer Herausforderung gegenübersieht, die sie gemeinsam bedroht. Aber auch ohne eine solche Herausforderung sind den freien Völkern Probleme und Aufgaben gestellt, die sie auf Grund einer neuen säkularen technisch-wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung nur gemeinsam bewältigen und lösen können. Sie sind miteinander verbunden durch gemeinsame große geistig-kulturelle Traditionen und Werte sowie durch zivilisatorische Leistungen, die auf gemeinsame Wurzelgründe einer gemeinsamen Lebensauffassung zurückgehen. Diese gilt es in den Bedingungen des modernen Lebens wieder schöpferisch fruchtbar zu machen. Dazu ist und bleibt jedes Volk aufgerufen, das sich zu ihnen bekennt. Dabei ist es nur allzu natürlich, daß die gewachsene Geschichte jedes Volkes und die damit verbundenen realen Lebensinteressen sich zur Geltung bringen und auch offen miteinander ringen. Auch das ist ein Kennzeichen der freien Welt, daß alle diese Kräfte in einem echten Wettstreit aneinander sich entfalten und so an einem Ganzen dienstbar werden können. Je gesunder und kräftiger jedes einzelne Volk aus seinen Lebensbedingungen heraus gemeinschaftlichen Aufgaben zu dienen fähig ist, um so größer der Nutzen für alle. Europa verkörpert ein Potential geistiger, wirtschaftlicher und sozialer Kraft, das, je mehr es seiner bewußt wird, allen Anstrengungen mit einen Rückhalt geben muß, internationalen Frieden und internationale Sicherheit zu gewährleisten und so zugleich den großen Wandlungen gewachsen zu bleiben, die sich in der ganzen Welt vollziehen.

Wir hoffen und wünschen, daß dabei die deutsch-französische Zusammenarbeit auch in ihrem universalen Wert verstanden und so begrüßt wird von allen Völkern, die sich einer solchen Zusammenarbeit verpflichtet fühlen. Sicherlich wird der bevorstehende Paris-Besuch des Bundeskanzlers dieser Zusammenarbeit einen weiteren Markstein setzen.

Quelle: Bulletin des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung Nr. 12 vom 19. Januar 1963, S. 95.