22. Januar 1963: Interview des Bundesministers der Verteidigung, Kai Uwe von Hassel, mit dem Deutschen Fernsehen über die militärische Zusammenarbeit mit Frankreich

Frage: Auf welchen Gebieten, Herr Minister, gibt es schon eine militärische Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Frankreich, und wie kann sie verstärkt werden?

Antwort: Wir sind auf dem Kontinent zwischen Deutschland und Frankreich auf eine enge Zusammenarbeit angewiesen. Deutschland ist sicher für Frankreich das Vorfeld; aber für Deutschland ist Frankreich der ganze rückwärtige Raum, in dem unsere Depots liegen, die Versorgungslinien liegen, in dem die Ausbildungsplätze, die Ausbildungsmöglichkeiten verstärkt werden. Wir sind also auf eine ganz enge Zusammenarbeit angewiesen, und diese Zusammenarbeit gibt es schon seit geraumer Zeit. Sie muß aber sehr verstärkt werden auf allen möglichen Gebieten des ständigen Kontaktes zwischen unseren Führungsstäben der Bundeswehr und den Franzosen, also der Soldaten. Sie wird verstärkt werden auch auf dem Gebiete der Rüstung. Darüber gibt es schon seit langem gewisse Vereinbarungen, die aber ausgebaut werden. Wir haben also bereits eine gute Verbindung; aber diese Verbindung wird wesentlich verstärkt.

Frage: Wie ist das nun mit der weiteren größeren Partnerschaft innerhalb der NATO zu vereinbaren?

Antwort: Ich glaube, daß jeder in Deutschland weiß, daß wir eine unteilbare Verteidigung der westlichen Welt haben, daß wir also darauf angewiesen sind, zwischen Europa und den Vereinigten Staaten oder zwischen England und dem Kontinent ein ganz enges Verhältnis zu haben. Ich bin persönlich absolut überzeugt, daß diese große Gemeinschaft, die NATO, dadurch nur gestärkt werden kann, daß an dem exponierten Punkt in Europa, so zwischen Deutschland und Frankreich im Herzen Europas, dieses Verhältnis noch enger gefaßt wird. Es dient nicht der Schwächung der NATO, sondern der Stärkung der NATO.

Frage: Eine persönliche Frage, Herr Minister: Dies ist Ihr erster Auslandsbesuch als Bundesverteidigungsminister. Er gilt der besonders engen Zusammenarbeit mit einem alten Kriegsgegner; wie war der erste Kontakt?

Antwort: Ich bin sehr angenehm überrascht von der Art dieser ersten Begegnung. Sowohl mit meinem französischen Kollegen Messmer als auch in einem größeren Kreis mit seinen leitenden Herren und unseren leitenden Herren. Diese erste Begegnung ist ausgesprochen positiv gewesen, und ich bin sehr froh, daß ich meinen ersten Besuch bei ihm, meinem französischen Kollegen, als, ich möchte einmal sagen, den Repräsentanten eines alten Kriegsgegners gemacht habe. Dieser Besuch ist wirklich erfreulich, ausgesprochen positiv, und die enge Verbindung zwischen uns wird fortgesetzt werden.

Frage: Und noch eine letzte Frage: Wie sprechen Sie mit Herrn Messmer, wenn Sie unter vier Augen sprechen?

Antwort: Es ist für mich nicht ganz einfach, französisch zu sprechen. Ich gebe zu, daß ich weithin meine alten französischen Kenntnisse vergessen habe. Das Englische beherrsche ich, und die Sprache unter vier Augen ist Englisch.

Frage: Aber es ist unter vier Augen, ohne Dolmetscher?

Antwort: Ohne Dolmetscher, ja.

Quelle: Bulletin des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung Nr. 15 vom 24. Januar 1963, S. 120.