23. Juni 1963: Ansprache von Präsident Kennedy bei seiner Ankunft auf dem Flughafen Köln-Wahn

Antwort auf die Begrüßungsansprache von Bundeskanzler Adenauer

Herr Bundeskanzler! Meine Herren Minister!

Ich danke Ihnen für Ihr Willkommen und für Ihre Einladung, hierher zu kommen.

Ich bin in einem entscheidenden Augenblick in der Entwicklung unseres großen Bündnisses über dreitausend Meilen über den Atlantik gekommen. Unsere Einheit ist in der Stunde der Gefahr geschmiedet worden. In einem Abschnitt relativer Ruhe sollte sie nachdrücklich gestärkt werden. Unser Bündnis wurde geschaffen, um einen neuen Krieg zu verhindern. Aber wir müssen genauso eng in der Sache des Weltfriedens zusammenarbeiten.

Unsere Strategie entstand in einem geteilten Europa. Nun muß sie auf das Ziel der europäischen Einheit und der Beendigung der Spaltung von Völkern und Ländern hinarbeiten.

Unser Bündnis befindet sich in einem Übergangsstadium, und das ist recht so. Westeuropa ist nicht mehr durch die Auswirkungen eines Weltkonflikts geschwächt, sondern wird rasch zu einem vollwertigen Partner in Wohlstand und Sicherheit. Westeuropa ist nicht mehr die Quelle weltweiter Kriege, sondern ein Träger der Einheit und ein Beispiel der Versöhnung. Und schließlich ist Westeuropa nicht mehr ein Hilfeempfänger, sondern kann seinerseits eine Quelle der Stärke für alle Kräfte der Freiheit sein.

Ich bin in dieses, das am dichtesten bevölkerte Land Westeuropas ebenfalls gekommen, um die Wertschätzung des amerikanischen Volkes für das deutsche Volk zum Ausdruck zu bringen, die amerikanische Wertschätzung seines Fleißes, seiner Initiative, Kultur und Beherztheit. Hier in der Bundesrepublik haben Sie eine solide Grundlage der Freiheit geschaffen sowie ein wahres Wunder wirtschaftlichen Wiederaufbaus und die Voraussetzungen, um Ihre neuen politischen Ideale in Europa und sonstwo in der Welt in die Tat umzusetzen.

Die Bevölkerung der Bundesrepublik hat sich von den Mächten der Tyrannei und Aggression befreit, während das amerikanische Volk die Bande eines engen Isolationismus abgestreift hat. Zusammen blicken wir in eine neue Zukunft. Die Feinde von einst sind loyale Freunde geworden. Völker, die sich einst in bitterer Feindschaft gegenüberstanden, sind enge Verbündete geworden, die gemeinsame Werte und Gefühle teilen und gemeinsame Interessen innerhalb einer wachsenden Partnerschaft Gleichgestellter haben. Zusammen arbeiten wir als Verbündete zur Förderung des Friedens, der gemeinsamen Verteidigung, an der Lösung der Probleme des Handels und der Währungspolitik, bei der Hilfeleistung an die Entwicklungsländer und am Ausbau westlicher Einheit. Vor allem aber sind wir uns in der Erkenntnis der Pflicht einig, daß wir die jahrhundertealte westliche Tradition verteidigen und fördern müssen, die unser gemeinsames Erbe ist. In wirtschaftlichen, militärischen und politischen Belangen sind unsere beiden Nationen, wie überhaupt alle Nationen unseres großen Bündnisses, in der Lage, wo jeder sich auf den anderen stützen und verlassen können muß. Wir sind verbündet in dem einzigen Krieg, den wir wünschen: den Krieg gegen Armut, Hunger, Unwissenheit und Krankheit in unseren eigenen Ländern und in der ganzen Welt. Wir wissen wohl, was Freiheit bedeutet, und unsere Völker sind entschlossen, sie mit allen Mitteln zu erhalten und zu fördern.

Mein Besuch in Ihrem Lande ist leider nur sehr kurz. Aber in einem tieferen Sinne werden die Vereinigten Staaten hier dauernd bleiben. Solange unsere Anwesenheit erwünscht und benötigt ist, bleiben unsere Streitkräfte hier und unsere Verpflichtungen aufrecht, sowohl für Ihre Sicherheit als auch die unsere, für Ihre Freiheit wie auch für unsere Freiheit, und jeder Angriff auf Ihr Gebiet gilt als ein Angriff auf unseres. Aus der Notwendigkeit wie aus eigener Überzeugung heraus, im Verhältnis zum Frieden wie zum Kriege, sind wir in dieser Schicksalsgemeinschaft verbunden. Letztlich bin ich nach Deutschland gekommen, um einem großen europäischen Staatsmann meine Hochachtung zu erweisen, einem Schöpfer der Einheit, Vorkämpfer der Freiheit und Freund des amerikanischen Volkes: Bundeskanzler Konrad Adenauer. Schon heute ragt er empor in der Geschichte, zu deren Entwicklung er so maßgeblich beigetragen hat. Ich freue mich auf diesen Besuch mit Bundeskanzler Adenauer, und die Herzlichkeit Ihres Empfangs gehört bereits zu meinen schönen Erinnerungen.

Quelle: Bulletin des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung Nr. 108 vom 25. Juni 1963, S. 957f.