24. Juni 1963: Tischrede von Präsident John F. Kennedy bei einem Essen im Embassy-Club in Bad Godesberg

Ich habe soeben folgende Meldung bekommen: „Moskau (TASS) 24. Juni 1963 - darf nicht in der Presse vor dem 25.6. veröffentlicht und nicht über Rundfunk übertragen werden, bevor die Morgenzeitungen des 25. Juni erscheinen: Im Zusammenhang mit dem 70. Geburtstag von Genossen Walter Ulbricht am 30. Juni 1963, des 1. Sekretärs des Zentralkomitees der Kommunistischen Einheitspartei Deutschlands, wird der Vorsitzende des Staatsrats der UdSSR, Genosse Nikita S. Chruschtschew, gleichzeitig 1. Sekretär des Zentralkomitees der KPdSU, einen Freundschaftsbesuch in der Deutschen Demokratischen Republik abstatten." - Es freut mich, ihn hier auf dieser Tour mit begrüßen zu können.

Wie dem auch sei, ob wir durch unseren Besuch diesen angekündigten Besuch von Herrn Chruschtschew hervorgerufen haben oder nicht, so möchte ich diese Gelegenheit benutzen, um Ihnen noch einmal zu sagen, daß alle, die mit mir aus den Vereinigten Staaten hierhergekommen sind, sich außerordentlich über den großartigen Empfang gefreut haben. Wir alle haben in diesen Tagen unvergeßliche Eindrücke erhalten. Wie hoch wir auch immer die Presse einschätzen, es gibt doch keinen Ersatz für den persönlichen Augenschein durch persönlichen Besuch. Wie Ihr Bundeskanzler so oft nach Amerika gekommen ist, so freut es mich, daß wir nun die Gelegenheit haben, uns mit eigenen Augen ein Bild von Deutschland zu machen, durch diesen Besuch und durch diese direkten Eindrücke, wenn man sich persönlich gegenübersteht.

Viele von Ihnen werden mit mir ja auch noch am Mittwoch in Berlin sein, aber nicht alle. Darum möchte ich diese Gelegenheit benutzen, um Ihnen allen meinen Dank und meine Anerkennung auszusprechen für die Eindrücke, die unser Besuch uns bisher schon vermittelt hat. Dieser Besuch ist für mich ein wirklich glückliches Erlebnis.

Ich möchte diese Gelegenheit auch benutzen, um Ihrem Bundeskanzler meine besondere Anerkennung zu zollen. Wie ich schon gestern sagte, haben nach meiner Meinung meine Vorgänger in den Vereinigten Staaten und Ihr Bundeskanzler in Deutschland die wirklich grundlegenden und wichtigen historischen Entscheidungen getroffen. Ihr Bundeskanzler hat mir bereits beim Essen gesagt, daß die Vereinigten Staaten in den späten 40er Jahren den Weitblick gehabt hätten; aber ich möchte betonen, daß auch Ihr Bundeskanzler diesen Weitblick gehabt hat und daß ihm in der Geschichte ein wirklich entscheidender Weitblick eingeräumt werden wird. Denn ich glaube, man kann ohne Übertreibung sagen, daß wir in einer so kritischen Zeit stehen, daß in diesen Tagen wirkliche Entscheidungen gefällt werden, die von hoher Bedeutung sind. Wir alle müssen fast jedes Jahr Entscheidungen treffen, die darüber befinden, ob die Welt überleben wird oder nicht, und es ist wohl zu fürchten, daß diese Frage, die jedes Jahr vor uns tritt, uns auch weiterhin beschäftigen wird. Ihr Bundeskanzler Adenauer hat die wirklich korrekte Entscheidung getroffen. Er ist bereits zu einer historischen Gestalt geworden, zu der alle von uns, die fest an die Freiheit glauben, gerne kommen, um ihm unsere Achtung zu erweisen.

Ich möchte darum mit Ihnen mein Glas erheben auf das Wohl eines großen Staatsmannes nicht nur Deutschlands, sondern des ganzen Westens.

Antwort von Bundeskanzler Adenauer

Quelle: Bulletin des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung Nr. 109 vom 26. Juni 1963, S. 974.