1970: Erinnerungen von Anneliese Poppinga an Konrad Adenauers Aufenthalte in Cadenabbia

Im Frühjahr 1957 hatte Konrad Adenauer das erste Mal einen Urlaub in Cadenabbia am Comer See verbracht, in der Villa Rosa, inmitten des Ortes. Dort hatte er das Boccia-Spiel gelernt und von dort aus viele reizvolle Spazierwege entdeckt. Im folgenden Jahr kehrte er nach Cadenabbia zurück, und seit der Zeit besuchte er es fast regelmäßig zweimal im Jahr. Er bewohnte die Villa Arminio und seit dem Herbst 1959 die Villa La Collina. Beide Villen lagen fernab vom Verkehr, nicht gestört von dem in Italien so sehr gepflegten Autohupen und - insbesondere die Villa La Collina - geschützt vor neugierigen Touristen.

Er war fasziniert von der Atmosphäre, von der Landschaft des Comer Sees. Düstere, blaugrüne Zypressen, dunkle Schatten vergangenen Lebens, bestimmten das Bild, knorrige Ölbäume, die in den Parks und an den Berghängen stehen, und die spiegelblanken dunkelgrünen Blätter der Lorbeerbäume. Wenn man im Frühjahr kommt, sind die Ufer des Sees bei Cadenabbia gesäumt von tiefroter Oleanderblüte. Der Bundeskanzler hat viele Spaziergänge gemacht, vorbei an den gelben Häusern mit ihren bunten Heiligenfresken, mit den kunstvollen schmiedeeisernen Gittern der Balkone, von denen zartviolette Blütentrauben von Glyzinien herabhingen, vorbei an gepflegten Villen mit prachtvollen Parkanlagen und an bescheidenen Häusern an der Straße.

Am Comer See gibt es viel kleinbäuerlichen Besitz. Frühmorgens hört man Hähne krähen, man hört Kühe, Ziegen und Schafe. Gleich hinter dem Boccia-Platz der Villa Arminio - durch das freundliche Entgegenkommen ihrer Bewohner durfte der Bundeskanzler hier all die Jahre dem von ihm so sehr geliebten Sport nachgehen - erhebt sich ein stattlicher Berg, der Monte Crocione, mit sorgfältig angelegten Terrassen für Weinstöcke an seinem unteren Hang. Über den Reben weiter hinauf liegen dann zunächst grüne Felder. Viel Mais wird hier angepflanzt und Gemüse, wo der Boden es erlaubt, und überall gibt es Obstbäume. Dann geht der Blick über graues und braunes Gestein auf den Gipfel des Monte Crocione.

Den Monte Crocione bestieg der Bundeskanzler nicht, aber manchen unwegsamen Hang. Besonders liebte er ein kleines schmales Tal, eine gute halbe Stunde Weges von der Villa La Collina entfernt. Es ging dorthin bergauf und bergab, der Weg überwuchert von Unkraut und Gras, links und rechts hohes Gestrüpp und plötzlich glühendrote Rhododendron-Blüten, hohe Rhododendron-Bäume, Bäume, zu denen der Rhododendron sich nur hier in diesem müden Klima auswachsen kann.

Der Weg lohnte sich immer wieder. Das Tal und die Wege dorthin waren stets von neuem reizvoll. Im Frühjahr war es einfach zauberhaft dort.

Aprikosen- und Kirschbäume in ihrer rosa-roten Blüte, kaum ein Laut unserer technisierten Welt. Ab und zu erinnerte das weiße Band eines Düsenflugzeuges, das das Blau des Himmels durchzog, an die Zeit, in der wir leben. Es war friedlich hier, eine wohltuende Ruhe, verwunschen und verträumt. Der Bundeskanzler saß dann auf einem Stein - das Kissen, das seine Begleitung für ihn mit sich trug, verschmähte er meistens -, er spielte mit einem Grashalm, seinen kleinen kuriosen Pepita-Hut im Nacken, und sprach über die gegenwärtige Politik oder über die Vergangenheit, die bewegte Vergangenheit, die dieses Stück Erde hier am Comer See durchlebt hatte.

Die geschichtliche Atmosphäre hatte ihn stark beeindruckt, die bewegte Vergangenheit dieses Gebietes ihn oft beschäftigt. Das Gebiet des Comer Sees scheint schon zu allen Zeiten einen starken geistigen Einfluß ausgeübt zu haben. Vergil hat den Comer See in seinen Oden besungen. Und auch Plinius der Ältere und Plinius der Jüngere haben das Leben hier beschrieben und die Schönheit der Umgebung. Es heißt, Plinius der Jüngere hätte am gegenüberliegenden Ufer von Cadenabbia, in Bellagio, eine Villa gehabt. Bellagio - heute ein kleines verträumtes Städtchen, geprägt vom Charakter des 19. Jahrhunderts, mit verstaubten Hotelpalästen, reich an vergangener Pracht. Auch Leonardo da Vinci soll einst in Bellagio sich aufgehalten haben. Die Zahl berühmter Persönlichkeiten ist groß, die an den Ufern des Comer Sees gelebt haben.

Der Bundeskanzler hat sich manches Mal mit der Geschichte des Comer Sees befaßt. Während er auf einem Stein in dem stillen Tälchen saß, über die rosa Kirschblüten hinweg das Spiel der Wolken beobachtete und einen Grashalm in seinen Händen drehte, kamen plötzlich Fragen wie: „Wissen Sie, daß hier am Comer See die letzten Kämpfe zwischen den Langobarden und dem Exarchat von Ravenna waren?“ Oder aber: „Ist Ihnen bekannt, daß hier entlang dem Comer See Barbarossa im Jahre 1176 versuchte, nach der verlorenen Schlacht bei Legnano seinen Verfolgern zu entfliehen? Beinahe hätte man ihn gefaßt!“ Oder: „Wissen Sie eigentlich, warum die Kimbern nicht ganz Italien erobert haben?“ Und er belehrte seine Zuhörer, sie hätten im Delta des Po ihre Lager aufgeschlagen, und dort sei Typhus ausgebrochen. Dieser habe sie praktisch vernichtet.

Die Villa La Collina ist, wie der Name andeutet, auf einem Hügel erbaut, umgeben von einem prachtvollen Park mit kostbaren alten Zedern und Kiefern, mit Kastanienbäumen und einer breit ausladenden Rotbuche, deren Zweige den Boden berühren; mit schlanken hohen Zypressen am Hang zum See.

Es gab zahlreiche Spaziermöglichkeiten in der ausgedehnten, stimmungsvollen Parkanlage der Villa. Der Bundeskanzler meinte, wenn man all die verwinkelten Wege gehen würde, wäre man wohl fast eine Stunde unterwegs. Der Hang zum See war recht steil, mit kunstvoll angelegten Terrassen, abgestützt durch Mauern, eine von ihnen fast drei Meter hoch, aus grauem Granitgestein, mit bogenförmig gewölbten Nischen; sie war eine Zierde des Parks und bestimmte wesentlich das Bild. In ihrem Schutze wuchsen Pfirsich- und Zitronen-, Apfel- und Birnbäume. Weiter den Hang hinab standen Bananenstauden, und versteckt unter Zweigen von Nußbäumen, abgeschirmt durch hohes Bambusreet, hatte Andrea, der Gärtner, ein Gewächshaus. Serpentinenwege schlängelten sich den Hang hinauf und herab, vorbei an einem alten Kakibaum mit dürren Ästen, vorbei an japanischem Ahorn und Rosenbüschen. Durch das dichte Grün der Sträucher und Bäume fiel der Blick auf den See. Von der Straße und den am Ufer stehenden Hotels sah man nichts, man schaute direkt auf das Blau des Wassers.

Jenseits des Sees erhebt sich eine Bergkette, ihr höchster Gipfel, die Grigna, ragt über 2.000 Meter hoch, sie war meistens schneebedeckt bei unseren Aufenthalten dort im Frühjahr und im Herbst, allerdings nicht jetzt im August. Und im Norden, am äußersten Ende des Sees, schaut man ins Engadin, auf seine gewaltigen Bergriesen. Es gibt eine Stelle im Park, von der aus man eine herrliche Aussicht auf sie hat. Nicht unweit von dem von ihm so sehr geliebten Platz stand eine steinerne Bank mit barocken Formen, davor ein runder Steintisch mit Löwenköpfen, Bank und Tisch mit schwarzgrünem Moos überwachsen. Der Blick ins Engadin und der Blick auf San Marino, eine Kapelle, hoch und einsam über dem See, war durch eine Birke verdeckt.

Komfortabel war sie nicht, die Villa La Collina, aber erfüllt von verträumtem, verstaubtem und gediegenem Charme, so auch in ganz besonderer Weise der Salon. Er hatte wahrscheinlich einen eigenen Charakter. Seine Decke war durchzogen, jeweils im Abstand von etwa einem halben Meter, von dicken braunen, gut furnierten Balken, zwischen ihnen der Stuck abwechselnd blau und gold überstrichen. Der grüne steinerne Fliesenboden, mit einem abgetretenen Perser belegt, dem man die Kostbarkeit ansah. Eine Sitzgruppe vor einem Kamin, dieser mit ordentlich gestapelten Holzscheiten. Aber er trat nie in Funktion, der Kamin. Ein verstimmter schwarzer Bechsteinflügel, auch er trat nicht in Funktion, und das war wohl gut so. Er war bedeckt mit einer verblichenen Brokatdecke; darauf zwei Porzellanpekinesen mit verkniffenen Gesichtern und häßlichen Augen, eingebildet und unsympathisch standen sie neben einer dicken Vase, die stets gefüllt war mit üppiger Blumenpracht. Rechts neben dem Bechsteinflügel ein eleganter kleiner Mahagonitisch, ein blauseiden-bezogenes Damensofa und zierliche Sessel; diese Gruppe stand vor einer Fensterreihe, durch die auch tatsächlich Licht hereinfiel, es war aber zu wenig. Die Sonne gelangte kaum in den Raum, und er wurde kurz „die Gruft“ genannt. Und dabei war „die Gruft“ von Fenstern umgeben, nur zogen sich vor ihnen überdachte Terrassen hin, die eine mit dem Blick auf den Monte Crocione, die andere mit dem Blick auf den See. Und diese letztere Terrasse war der vom Bundeskanzler bevorzugte Ort, wohin er sich zum Nachmittagstee oder nach dem Abendessen gerne zurückzog. Wie oft hat er hier gesessen, die Nachmittagsstunde genossen und am Abend nach einem heißen Tag die kühle Luft.

Am Spätnachmittag wurde regelmäßig Boccia gespielt. Der Bundeskanzler war kaum zu schlagen. Er spielte konzentriert und mit Schwung, war dabei fast fröhlich.

Wenn er zur gewohnten Zeit das Grundstück der Villa La Collina durch ein Nebentor auf dem Weg zum Boccia-Platz verließ, erwartete ihn dort stets eine dicke Traube von Menschen: Engländer, Franzosen, Italiener. Und viele, viele Deutsche, die ihren Konrad Adenauer sehen wollten, ihren „Alten“, der sie aus dem Dreck herausgezogen, der die Deutschen wieder zu Ansehen und Würde gebracht hatte. Es konnte dann passieren, daß plötzlich eine Frau hervortrat, nach seiner Hand griff, sie festhielt und sagte: „Ich möchte Ihnen danken, Herr Bundeskanzler, ich möchte Ihnen danken, daß Sie meinen Mann aus Rußland heimgebracht haben.“ Oder aber ein Mann: „Dank, Herr Dr. Adenauer, Dank ... Ich war in russischer Gefangenschaft.“ Oder aber nur: „Dank, Dank für alles, was Sie für uns Deutsche getan haben.“ Das packte den Bundeskanzler. Sein Gesicht wurde still, es wurde weich. Auf dem Weg dann wieder in die Collina, viel später: „Wenn man so etwas hört, daß einem so etwas gesagt wird. Das ist doch etwas ...“

Quelle: Anneliese Poppinga, Meine Erinnerungen an Konrad Adenauer. Stuttgart 1970. - Abgedruckt in: Konrad Adenauer in Cadenabbia. Im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung hg. von Günter Buchstab. 2. Aufl. Bad Honnef-Rhöndorf 2001, S. 15-19.