19. April 1967: Gedenkrede Dr. Rainer Barzels, Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, zum Tode von Konrad Adenauer auf der Sondersitzung der CDU/CSU-Bundestagsfraktion

 

Wir trauern um Konrad Adenauer.

Er war der Erste von uns allen. An ihm und seinem Vorbild hat sich ein ganzes Volk Kraft geholt, auch die, die ihn politisch bekämpften. An ihm und seinem Vorbild hat sich die Welt ihr Bild vom neuen Deutschland geformt. Wie keiner sonst hat er dieses Bild und die deutsche Wirklichkeit verändert. An ihm und seinem Vorbild haben wir alle an Stetigkeit, an Einsicht; an Mut wie an Richtung gewonnen. Wer wollte es wagen, jetzt seine Verdienste zu beschreiben und unseren Dank Worte zu fassen. Sein Werk spricht für sich. Und unser Dank wird allein durch stete, dauerhafte Tat den rechten Ausdruck erst noch finden müssen.

 

Wer wollte leugnen, daß ein Schock uns alle ergriffen hat. Wie still es wurde, als ich am letzten Mittwoch das erste ärztliche Bulletin in, der sonstigen Betriebsamkeit unserer Fraktionssitzung verlaß, wird wohl keiner je vergessen. Wie ein Lauffeuer ging es durch unser Land: Unser Bundeskanzler Konrad Adenauer stirbt. Die Spontaneität der Anteilnahme drückte das direkte Mitbetroffen sein der Allermeisten in unserem Volk aus. Unser Land hielt den Atem an. Wir alle hofften, er werde es wieder schaffen. Gott hat es anders gewollt. So bleiben uns Gebet, Dank, Ehrfurcht und Verpflichtung. Nun sind wir ohne ihn. Wer von uns fühlte sich nicht mehr allein als vor diesem Tode? Sicher, wir haben auch seine Unbeugsamkeit, seine Härte, seine Kampfeslust erfahren. Aber was zählt das schon selbst für die, welche Narben davontrugen, gegenüber dem, was er uns gab. Wer wollte sagen, er hätte nicht von ihm gelernt, auf ihn geschaut und sich dabei geborgen, ganz einfach sicherer, wohlgeführt und gut beraten gefühlt, solange er da war?

 

Die Wechselhaftigkeit persönlichen und politischen Schicksale hat er in einem erfüllten, über allem hervorragend doch dienenden Leben erfahren wie die der öffentlichen Gunst. Das Schwanken von Freunden wie von Feinden hat ihm nur noch mehr Beständigkeit gegeben. Diese unbeugsame Stetigkeit galt der Sache, die er verfolgte. Seine Haltung zu Personen wurde davon bestimmt. Ich weiß nicht, was dem Menschen Konrad Adenauer als der höchste, was ihm als der tiefste Punkt seines Lebens erschienen ist.

 

Dem Staatsmann Adenauer war, so glaube ich, von ihm zu wissen, die schwerste Stunde, - sie erfüllte ihn mit Gedanken des Verzagens, - das Scheitern der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft, die Schönsten, die von Arlington, von Friedland, von Reims und die erste mit Ben Gurion. Wie immer, dieser Mann, sein Name schon wurde zu Symbol und Programm. Dies wird so  bleiben. Mehr 'noch als dem Lebenden werden wir dem Toten zu beweisen haben, daß wir dessen würdig sind und bleiben. Sein Vorbild als Familienvater, seine unbestechliche Sachlichkeit, seine Gelassenheit sein Humor und seine Heiterkeit, die von Innen kamen, sein Charme wie seine schlichte, selbstverständliche Gläubigkeit ließen ihn zum Vater des Vaterlandes werden. Die Zahl der Anekdoten um ihn, die Vielartigkeit der Bilder, die man sich von ihm macht, drückten nur aus, daß er groß und, wie er einmal als Alterspräsident des Deutschen Bundestages sich versprechend selber sagte, einzig war.

 

In unserem Volk leben viele Adenauer Bilder. Dieses ist allen gemeinsam: Wie er stehend und ungebrochen des Präsidenten Abschiedsrede vom Kanzler Adenauer vor  dem deutschen Bundestag anhörte und dann vom Stuhl des Kanz1auf den des Abgeordneten schritt, auch dies in Würde, gelassen, ohne Zaudern und stetig. Er war weise geworden und gütig. Viele von uns haben dies sehr persönlich erfahren dürfen. er war, was er sein wollte, ein Christ und ein Demokrat. Er war der Erste von uns. Er wird der Erste von uns bleiben.

 

Er starb mit Sorgen. Seine Unruhe für Europa trieb ihn bis zuletzt.

In seiner steilen Handschrift hatte er diese Sätze seinem Manuskript der Rede für den Parteitag in Hannover, dem ersten nach dem Kanzlerwechsel, auch damals fiebrig beigefügt, und er meinte dies, wie er Freunde wissen ließ, als sein Vermächtnis. Er sagte: "Jedes menschliche Zusammenleben setzt besondere Normen voraus. Der Kommunismus geht davon aus, daß der Staat und seine Organe alle Gewalt haben, daß der einzelne Mensch gegenüber dem Staat keine Macht besitzt. Wie der kommunistische Staat kein vom Staat unabhängiges Recht seiner Untertanen anerkennt, so erkennt er auch nicht die Rechte anderer Völker an.

 

Unsere, die christliche Weltanschauung, auf der unsere Partei beruht, ist anders. Sie geht davon aus, daß jeder einzelne Mensch von Gott stammend, im Naturrecht begründete Rechte gegenüber jedem, auch gegenüber seinem Staat und seinem Volk hat. Wir sind des Glaubens, daß die Würde und die Freiheit des einzelnen Menschen geachtet werden müssen und von niemandem verletzt werden dürfen. Nach unserer Überzeugung dürfen auch Freiheit und Würde eines Volkes durch kein anderes Volk angetastet werden. Daraus leiten wir unabdingbare Rechte der Selbstbestimmung für jedes Volk ab. Die Zerstückelung Deutschlands ist ein Verstoß gegen dieses Recht des Deutschen Volkes. Dae Recht auf Wiedervereinigung in Frieden und Freiheit kann ihm von niemanden in der Welt genommen werden.

 

Diese Weltanschauung über Freiheit und Würde des Menschen hat sich im Laufe der Jahrhunderte auf christlichem Boden entwickelt. Sie ist gemeinsames Gut der beiden großen christlichen Konfessionen. Unsere Partei, ich wiederhole es, steht fest und unverbrüchlich auf dem Boden dieser der christlichen Weltanschauung, daß es für den Menschen Normen gibt, die aus dem Wesen und Sein Gottes selber fließen. Und daher unverbrüchlich sind und nicht angetastet werden dürfen. Wenn man das Bestehen solcher Normen nicht anerkennt, dann gleitet ein Volk abwärts in Diktatur und in Gewalt.

 

In einer Zeit wie der unsrigen, die Veränderungen und Entwicklungen jeder Art zum Guten und zum Schlechten in rasendem Tempo bringt, braucht jeder Einzelne feste, unabdingbare Normen für sein Leben, damit er Herr seiner selbst bleibt und nicht abgleitet. Ich vermag in dieser Stunde weder unseren Verlust noch unsere Trauer auszudrücken. Ich weiß nur, dass unser Dank bleibend sein sollte. Und allein so, wie er es verstand, durch Arbeit danken wir ihm und bitten wir für ihn.

Er bleibt der Erste von uns allen.

Quelle: Bundespresseamt, Abt. Nachrichten. Rundfunkaufnahme des WDR, 19.04.1967.