19. April 1967: Nachruf von Prof. Ludwig Erhard, Vorsitzender der CDU, auf Konrad Adenauer

 

Deutsche Mitbürger und Mitbürgerinnen!

Konrad Adenauer hat uns verlassen! Das deutsche Volk hat einen großen Sohn verloren. Mit seinem Namen und seiner Person ist der Wiederaufstieg der Bundesrepublik Deutschland untrennbar verbunden. Als er 1963 aus dem Amt schied, waren wir wieder ein Land, auf das die Gemeinschaft der freien Völker zählen kann, und das in der Welt wieder Vertrauen und Ansehen erlangt hat. Konrad Adenauers Leben um spannt fast ein Jahrhundert.

 

Als er 30 war, wurde er Beigeordneter in seiner Vaterstadt und begann seine Laufbahn als  Kommunalpolitiker. Was er als Oberbürgermeister schuf, hat das Gesicht dieser seiner Stadt entscheidend geprägt und seinen Namen weit über die deutschen Grenzen  bekanntgemacht. Als er 60 Jahre zählte, stand er den nationalsozialistischen Machthabern im Wege. Er musste alle seine Ämter niederlegen und wurde entmachtet. Seine politische Laufbahn schien beendet sein Lebenswerk abgeschlossen. Als er 90 Jahre war, konnte er den Dank des deutschen Volkes für eine geschichtliche Leistung entgegennehmen, die in ihrer Größe und Bedeutung fortwirken wird. Unter Konrad Adenauers Führung war uns allen nach dem totalen Zusammenbruch Deutschlands eine Aufgabe gestellt, wie sie die Geschichte der Völker nur selten kennt.

 

Wir mussten, sollte das Werk gelingen, zuerst einmal aus dem Chaos heraus zu einer politischen Stabilität finden und dabei innerhalb demokratischer Formen gleichwohl Autorität erlangen. Wir mussten dabei aber auch dessen eingedenk bleiben, dass diese zweite deutsche Republik nur einen Teil des deutschen Volkes in ihren Grenzen vereinte. Konrad Adenauers unbeirrbare feste Haltung und sein mannhaftes Eintreten für die Freiheit sowohl in der Politik und der Wirtschaft wie in allen menschlichen Lebensbereichen schufen wieder Vertrauen in die Treue und Zuverlässigkeit der Deutschen. Was uns zusammenführte und zusammenstehen ließ, war unsere auf ein gemeinsames Ziel ausgerichtete Arbeit, dem Wohl des deutschen Volkes zu dienen, seine Sicherheit zu gewährleisten und ihm den Frieden zu erhalten. Zu Beginn seiner Regierungszeit sagte Konrad Adenauer einmal, beinahe nebensächlich, über sich selbst: ich habe den Wunsch, dass später ich einmal, wenn die Menschen über den Nebel und Staub dieser Zeit hinwegsehen, von mir gesagt werden kann, dass ich meine Pflicht getan habe.

 

Konrad Adenauer hat mehr als seine Pflicht getan. Das weise unser Volk und das wissen vor allem diejenigen, die in nächster Nähe mit ihm für Deutschlands Wiederaufstieg und den Frieden in Europa und in der Welt arbeiten durften. Erschüttert stehen wir nun vor dem großen Deutschen. Sein ganzes Leben war ein Dienst am deutschen Volk Die CDU dankt dem Menschen und dem Staatsmann, dem großen Deutschen und

dem großen Europäer!

Quelle: Deutsches Monatsblatt für Politik - Wirtschaft - Kultur. Christlich Demokratische Union Deutschlands, Jg. 14, Nr. 5, Mai 1967.