19. April 1967: Nachruf von Franz-Josef Strauß , Vorsitzender der CSU, auf Konrad Adenauer

 

Konrad Adenauer ist heimgegangen. Er ist nicht mehr unter uns. Als wir heute Mittag diese Nachricht erhielten, stockte unser Herz, obwohl wir seit Tagen Stunde für Stunde mit dem Eintritt dieses Ereignisses rechnen mußten. Aber nicht nur wir, seine Freunde, seine langjährigen Mitarbeiter, Weggefährten und Mitstreiter haben Grund zur Trauer. Grund zur Trauer hat das ganze deutsche Volk, diesseits und jenseits der Zonengrenze. Grund zur Trauer haben alle Europäer, zu deren Größten er gehörte. Grund zur Trauer hat die gesamte Freie Welt.

 

Ich habe bewußt vermieden, von einer Partei zu sprechen. Konrad Adenauer hat euch alle Gründer der Christlich Demokratischen Union, als Freund der Christlich Sozialen Union große Verdienste erworben. Er war viele Jahre hindurch erster Vorsitzender der CDU, bis zur letzten Minute Ehrenvorsitzender dieser großen Partei, aber er war mehr als ein großer Parteiführer, er war mehr als ein Politiker im üblichen Sinn des Wortes - er war ein Staatsmann von geschichtlichem Format und er gehörte nicht nur einer Partei, er gehörte dem ganzen deutschen Volke, das jetzt, nach seinem Tode, um ihn trauert.

 

Es fällt mir schwer, unter dem niederschmetternden Eindruck dieses Ereignisses die Worte zu finden, die dem Wirken und der Persönlichkeit des Toten gerecht werden. Das wird in den nächsten Tagen und noch lange Zeit hinweg an anderer Stelle geschehen. Es ist vielleicht auch heute, da wir noch in großer zeitlicher Nähe sind, gar nicht möglich, das politische Wirken und die geschichtlichen Folgen des Wirkens der Persönlichkeit des Staatsmannes Konrad Adenauer voll zu überblicken. Erst die Geschichtsschreibung wird eines Tages feststellen, was Konrad Adenauer für Deutschland, für Europa, für die Freie Welt geleistet hat. Unweit von hier, drüben auf dem rechten Rheinufer, in Rhöndorf, wo jetzt alles in Frühjahrsblüte steht, ist vor wenigen Stunden ein Leben erloschen, das beinahe ein Jahrhundert, mehr als neun Jahrzehnte überspannt hat: die Periode von 1876 bis 1967. Wir Jüngeren kennen nur den letzten Teil dieser Periode, dieses Säkulums.

 

Konrad Adenauer hat in seinem langen Leben alles und das Gegenteil von alle kennengelernt. Er hat Glanz und Elend der deutschen Geschichte erlebt, Aufstieg und Fall, Blüte und Niedergang. Konrad Adenauer stand in der ganzen Zeit seines wirkungskräftigen Lebens in der Öffentlichkeit, aber er hat maßgebend ein Stück dieses Weges von fast hundert Jahren gestaltet, und zwar das Stück, das nach unsäglichem Leid für den dreien Teil Deutschlands den Wiederaufstieg, Achtung und Anerkennung in der Welt, materielle Sicherheit, sozialen Fortschritt erreicht hat, das Stück Weges, das man eines Tages wohl als die Adenauer-Ära der deutschen Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg nennen wird.

 

Ich glaube, daß in dieser Stunde nicht nur die Menschen hier bei uns in der Bundesrepublik, sondern besonders drüben in der Zone von tiefer Trauer erfaßt sind, denn Konrad Adenauer war· nicht nur ein nüchterner und pragmatischer Oberbürgermeister und Staatsmann, er war ein großer Vorkämpfer für die Freiheit aller Deutschen, für die Freiheit aller Europäer, für die Freiheit aller Menschen.

 

Konrad Adenauer ist von uns gegangen. Dieser Satz umschließt alles, was wir in dieser Stunde ausdrücken wollen und ausdrücken müssen. Von uns gegangen ist der erste Kanzler des neuen Deutschlands. Er war sein bekanntester Repräsentant, ein Staatsmann von geschichtlichem Format und von geschichtsschaffenden Wirken. Von uns gegangen ist ein großer Deutscher, ein Europäer indes Wortes bestem Sinne. Wir haben einen Mann von einmaliger Größe verloren, ich persönlich einen väterlichen Freund. Wir hoffen gerade in dieser Stunde, daß das deutsche Volk ihm über seinen Tod hinaus die Dankbarkeit bezeugen wird, die er verdient hat. Dankbarkeit ist in der Politik eine seltene Eigenschaft und ein seltenes Ereignis. Konrad Adenauer steht in der Reihe der großen Deutschen; die geschichtliche Bedeutung seines Wirkens unter den Umständen der Zeit nach dem Zweiten Weltkriege muß genau so gewürdigt werden wie das Wirken des ersten großen Reichskanzlers des Deutschen Reiches, der eine glanzvolle Periode gestalten konnte.

 

Konrad Adenauer mußte durch seine politische Arbeit, durch die Gradlinigkeit seines Weges, die Zähigkeit und Energie mit der er diesen verfolgt hat, die Festigkeit seiner Grundsätze und die Unverrückbarkeit seiner Ziele: Ein Volk aus der tiefsten Erniedrigung, aus dem größten Elend und aus einer unsäglichen Verzweiflung wieder herausführen. Konrad Adenauer hat in den Jahren s Einer Kanzlerschaft dieses Werk vollbracht. Wir danken ihm in dieser Stunde und wir gedenken Deiner in tiefer Trauer.

 

Quelle: Bundespresseamt, Abt. Nachrichten. Rundfunkaufnahme des ZDF, 19.04.1967.