25. April 1967: Predigt von Josef Kardinal Frings beim Pontifikalrequiem im Hohen Dom zu Köln anlässlich der Beisetzung von Dr. Konrad Adenauer

Im Hohen Dom zu Köln zelebrierte am 25. April um 14.00 Uhr Josef Kardinal Frings das Pontifikalrequiem. Kardinal Döpfner, Vorsitzender der Fuldaer Bischofskonferenz, sprach am Sarg das Absolutionsgebet. Das Requiem wurde in Latein gehalten. Die Lesungen, Epistel und Evangelium wurden deutsch gelesen. Danach nahm der Trauerkondukt den Weg vom Dom an den Rhein, wo der Sarg von einem Boot der Bundesmarine für die letzte Fahrt nach Rhöndorf übernommen wurde.

Herr Bundespräsident!
Herr Präsident der Französischen Republik!
Herr Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika!
Verehrte Trauergemeinde!
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Die Verdienste des großen Toten, dem wir das letzte Geleit geben, die Verdienste um seine Vaterstadt Köln, um sein Vaterland Deutschland, um Europa, um die Versöhnung der Völker und den Frieden in der Welt, alle diese Verdienste sind so offenkundig und sind in den letzten Tagen aus beredtem Munde so laut besungen worden, daß ich dem nichts hinzuzufügen brauche.

Wir waren darauf gefaßt, daß die Nachricht vom Tode Konrad Adenauers ein weites Echo im Inland und im Ausland finden werde. Aber daß das Volk in solchen Scharen an seiner Leiche vorbeidefilieren würde, daß eine halbe Welt in Bewegung geriet und ihre führenden Männer hierher nach Bonn und Köln sandte, um dem Toten die letzte Ehre zu erweisen und teilzunehmen an unserer Trauer - denn wir trauern um ihn wie um einen Vater -, darauf waren wir nicht gefaßt.

Diese Ihre Anteilnahme ist ein großer Trost für uns, und wir danken Ihnen dafür.

Meine Aufgabe wird es sein, die religiöse Seite dieses Sterbens und auch des Sterbens von uns allen ein wenig zu beleuchten. Beim Propheten Habakuk steht ein Gotteswort geschrieben, das lautet: "Der Gerechte lebt aus dem Glauben", und der heilige Paulus hielt dieses Wort für so wichtig, daß er es an verschiedenen Stellen zitiert hat. Ich glaube, wir können von Konrad Adenauer sagen, daß er ein Mann des Glaubens war, daß er sein Leben aus seinem Glauben heraus gestaltet hat.

Nach der Lehre des II. Vatikanischen Konzils ist der Glaube die freie und gänzliche Selbsthingabe des Menschen an Gott. Er leistet dem sich offenbarenden Gott völligen Gehorsam des Verstandes und des Willens. Das bedeutet seine Zustimmung zu jenen Wahrheiten, die Gott selbst als ewige und unumstößliche Wahrheiten uns kundgetan hat; so den Glauben, daß es einen Gott gibt im Himmel, der Himmel und Erde erschaffen hat, in dessen festen und gütigen Händen unser aller Geschick ruht, in guten wie in bösen Tagen; den Glauben an den einen wesensgleichen Sohn des Vaters, der aus unendlichem Erbarmen mit uns unser Bruder wurde und Mensch wie wir ward; den Glauben an seinen Opfertod für die Erlösung der ganzen Welt und an seine glorreiche Auferstehung; den Glauben an das Gericht, an die ewige Vergeltung und an die Auferstehung des Fleisches.

All das war Konrad Adenauers feststehende, und fast möchte man sagen, selbstverständliche Tatsache. Aus diesem Glauben heraus hat er sein Leben gestaltet. Aus diesem Glauben heraus ergab sich sein vorbildliches Familienleben. Aus diesem Glauben heraus ergab sich seine Gewohnheit, an allen Sonn- und Festtagen der Feier der heiligen Eucharistie, des Gedächtnisses des Todes Christi, beizuwohnen, sei es, daß er an seinem Wohnort Rhöndorf weilte oder in seinem Ferienort Cadenabbia, oder daß er in hoher politischer Mission in Paris, in Moskau oder wo immer weilte. Stets, wo immer es möglich war, besuchte er am Sonntag die heilige Messe, und die letzte Photographie, die wir von ihm haben, wurde aufgenommen bei seinem Kirchgang in Rhöndorf am Ostermontag dieses Jahres. Aus diesem seinem Glauben heraus ergab es sich, daß er zeitweise täglich den Leib des Herrn mit großer Andacht empfing. Aus diesem Glauben heraus ist letztlich auch seine politische Tätigkeit geflossen. Er sah darin einen Dienst am Gemeinwohl seines Volkes und am Wohl der ganzen Menschheit. Am klarsten ist das wohl zum Ausdruck gekommen, als er im Jahre 1955 nach Moskau reiste und in hartem, zähem, erfolgreichem Ringen die Befreiung von etwa 30.000 Deutschen erreichte, die sehnlichst die Rückkehr in die Heimat verlangten.

Vieles, was das II. Vatikanische Konzil erst ins helle Licht gerückt hat, hat Adenauer vorhergesehen und vorweggenommen. Er erkannte die christliche Bedeutung der politischen Tätigkeit. Er erkannte die Notwendigkeit, mit den nichtkatholischen Christen in Freundschaft und Eintracht zusammenzuarbeiten auf vielen Gebieten. Er erzeigte Hochachtung und eine große Geneigtheit wiedergutzumachen gegenüber dem Volk und Land Israel. Ja, er bekannte sich zu der eigenen Verantwortung des Laien in seinem Beruf und Stand. Er hatte viele und schwere Verantwortungen zu tragen. Er wartete nicht auf Weisungen von irgendwoher, sondern selbständig trug er die Verantwortung, und wenn er den Weg ganz allein und einsam gehen mußte, er ging ihn, geleitet von seinem Gewissen.

An seinem 70. Geburtstag, am 5. Januar 1946, als er gerade in den Privatstand wieder hatte zurücktreten müssen, hielt er im Kreise seiner engeren Familie in Rhöndorf eine kleine, aber sehr bedeutsame Ansprache, in der er sagte, er habe in seinem Leben sich immer nach seinem Gewissen gerichtet, und er beschwor seine Kinder, von dieser seiner Maxime niemals abzulassen.

Als die letzte Krankheit ihn auf das Lager niederwarf, bat er selbst schon in den ersten Tagen der Krankheit, deren Schwere er erkannt hatte, um die heiligen Sterbesakramente, auch um die Letzte Ölung, und so verschied er im Frieden Christi.

Wo ist er nun, Geliebte, der große Tote, dessen sterbliche Hülle in unserer Mitte hier im Hohen Dom ruht? Er ist eingeschlafen, im Herrn entschlafen. Er ist vor den Richterstuhl des allwissenden Herrn getreten und hat Rechenschaft über all sein Tun und Lassen abgelegt. Wir hoffen zuversichtlich, daß er dieses Gericht gut bestanden hat und daß wir auf ihn die Worte des Evangeliums anwenden können: Wer an mich, den Herrn, glaubt, der wird leben, wenn er auch gestorben ist, und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tage.

Geliebte, denselben Weg des Sterbens und des Herantretens vor den Richterstuhl Jesu Christi werden wir alle gehen müssen. Wohl uns, wenn man auch von uns wird sagen können: Er war ein Mann des Glaubens, er hat aus seinem Glauben heraus sein Leben gestaltet. Wohl uns, wenn auch wir im letzten Augenblick mit dem sterbenden Herrn sagen können: Vater, in Deine Hände empfehle ich meine Seele. Wohl uns, wenn auch über uns ein gnädiges Gericht ergehen wird.

Geliebte, unsere heilige Kirche hat seit uralter Zeit die Auffassung, daß die meisten Menschen nach ihrem Sterben zuerst eine Läuterung durchmachen müssen, ehe sie vor das Angesicht Gottes treten und ihn schauen von Angesicht zu Angesicht. Wir kennen ja nicht die Maßstäbe der göttlichen Gerechtigkeit, auch nicht die Maßstäbe seiner unendlichen Barmherzigkeit. Darum hat unsere Mutter Kirche stets für ihre verstorbenen Kinder gebetet und für sie das heilige Meßopfer aufgeopfert.

So wollen auch wir es halten. Wir bringen dieses heilige Meßopfer dar für die Seelenruhe von Konrad Adenauer und verbinden damit unser Gebet, das nun vom Altare aus wird angestimmt werden.

Quelle: Konrad Adenauer - Würdigung und Abschied. + 19. April 1967. Stuttgart 1967, S. 35-38.