Kathrin Zehender

Konrad Adenauer gehörte nicht zu den Gründern der CDU. Dennoch prägte er die Partei wie kein anderer Vorsitzender nach ihm. Durch seinen Integrationskurs wurde die CDU zur großen Volkspartei, die die Spaltung des bürgerlichen Lagers in verschiedene Strömungen überwand und in der Regierung die wesentlichen Grundlagen legte, auf denen die Bundesrepublik noch heute aufbauen kann.

 



 

CDU oder Zentrum?

Im Frühjahr 1945 schlossen sich in ganz Deutschland ehemalige Anhänger der katholischen Deutschen Zentrumspartei, der Bayerischen Volkspartei (BVP) sowie der bürgerlich-protestantischen Parteien der Weimarer Republik, wie der Deutschen Volkspartei (DVP), der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) und der Deutschen Demokratische Partei (DDP) zusammen. Die Träger dieser Initiativen hatten alle das gleiche Ziel: eine Zusammenfassung christlicher, liberaler, konservativer und teilweise nationaler Kräfte in einer großen demokratischen Volkspartei. Berlin, Köln und Frankfurt wurden zu Zentren dieser Bewegung, gleichwohl mit unterschiedlichen programmatischen Ausrichtungen. Während es nur in den ehemaligen rheinischen Zentrumshochburgen Bestrebungen gab, die 1933 aufgelöste Partei des politischen Katholizismus wiederzubeleben, überwog in ganz Deutschland die Idee einer interkonfessionellen Partei.

Zu diesem Ziel bekannte sich auch Konrad Adenauer: „Wir brauchten aber gerade in der damaligen Lage Deutschlands eine große Partei, die in gleicher Weise evangelische wie katholische Christen umfasste“, schrieb er später in seinen Erinnerungen. 1922 hatte er bereits als Präsident des Katholikentags in München erklärt, dass die Basis für eine christliche Partei nicht groß genug sein könne und die Katholiken sich in der Vergangenheit zu sehr von den Nicht-Katholiken abgegrenzt hätten. Stattdessen, so Adenauer damals, müssten die Katholiken mit den Gleichgesinnten im evangelischen Raum zusammenarbeiten.

Im Kampf gegen den Nationalsozialismus hätten alle alten Parteien versagt, bekannte er rückblickend in seinen Erinnerungen. Materialismus und der Abfall vom Christentum hätten schließlich zur nationalsozialistischen Tyrannei geführt. Nach den gemeinsamen Erfahrungen unter der Gewaltherrschaft hätten 1945 die meisten Anhänger des früheren Zentrums, der Rechtsparteien und der Parteien der Mitte die Notwendigkeit erkannt, „daß wir alle zusammenfinden mußten, um eine neue, auf ethischen Grundsätzen beruhende Partei zu schaffen“. Adenauer war davon überzeugt, dass es eine neue Partei brauche, die auf festen ethischen Grundlagen stehe, in der christlich-abendländischen Weltanschauung wurzele und sich auf alle Bevölkerungsschichten stützen könne. Nur eine solche Partei sei in der Lage, Deutschland aus seiner Not wieder aufzurichten, vor übertriebenem Materialismus zu schützen und einen festen Damm gegen die von Osten her drohende Gefahr der kommunistischen Tyrannei zu bilden.

Verspätetes Bekenntnis zur CDU?

Trotz dieser klaren Positionen hielt sich Adenauer in den ersten Monaten nach Kriegsende auffallend zurück und beobachtete die ersten Initiativen zur Parteigründung aus der Ferne. Stattdessen konzentrierte er sich ganz auf seine Arbeit als Kölner Oberbürgermeister. Dieses Amt hatte ihm die amerikanische Besatzungsmacht im März 1945 nach Besetzung des Rheinlands angeboten, das Adenauer nach einigem Zögern im Mai schließlich annahm. Die Vorbereitungen zur Parteigründung schritten damit ohne Adenauer voran, der die Entwicklung einer neuen interkonfessionellen Partei von Rhöndorf aus verfolgte und dabei Kontakte und Netzwerke knüpfte.

Am 17. Juni fand eine erste Versammlung im Kölner Kolpinghaus statt, an der in erster Linie frühere Mitglieder der christlichen Gewerkschaftsbewegung und des Windthorstbundes, der früheren Jugendorganisation des Zentrums, teilnahmen. Wenige Tage später begannen die Beratungen für ein Programm im Dominikanerkloster Walberberg in der Nähe von Bonn, die am 1. Juli zur Verabschiedung der Kölner Leitsätze führten. Verschiedene Entwürfe waren auch Adenauer zur Information zugeleitet worden. Als Vertreter des Kölner Gründungskreises ihn Ende Juli abermals aufsuchten, blieb er jedoch weiter bei seiner zurückhaltenden Position, bot sich aber an, im Norden der britischen Zone Erkundigungen einzuholen, wie man dort – vor allem bei den evangelischen Freunden – zur Parteigründung stehe. Ergebnis seiner Erkundigungen war, dass man im Norden noch nicht bereit sei und mit der Gründung noch gewartet werden solle. Die Kölner Gründer ließen sich von Adenauers Vorsicht aber nicht abhalten und gründeten am 19. August die Christlich-Demokratische Partei Kölns. Auch in anderen deutschen Städten gingen die Parteigründungen voran.

Wenngleich Adenauer nicht zu den Kölner Gründern zählte und deren Vorgehen für verfrüht hielt, hatte er in diesen Wochen bereits beschlossen, sich der neuen Partei anzuschließen. Gleichwohl hatte er weiterhin auch gegen die inhaltliche Ausrichtung der Kölner Gründer Vorbehalte und erteilte ihnen erneut eine Absage, als er gebeten wurde, am 2. September an der Gründung der rheinischen Landespartei teilzunehmen. Unterstützung erhielt Adenauer indessen aus Wuppertal und Düsseldorf. Auch hier stand man dem Kölner Gründungskreis teilweise skeptisch gegenüber, stattdessen setzten sie sich dafür ein, dass Adenauer eine Schlüsselrolle in der rheinischen Partei übernehmen sollte. So wurde Adenauer am 2. September schließlich in Abwesenheit in den Vorstand der rheinischen Christlich-Demokratischen Partei gewählt, während Leo Schwering den Vorsitz übernahm.

Politischer Aufstieg

Im Oktober hatten ihn die Briten, die mittlerweile das Rheinland verwalteten, wegen angeblicher „Unfähigkeit“ aus dem Amt des Oberbürgermeisters entlassen und ihn mit einem politischen Betätigungsverbot belegt. Zudem wurde ihm untersagt, Köln zu betreten. Während er mit den Amerikanern gut ausgekommen war, führte Adenauer die Probleme mit den Briten darauf zurück, dass in London nun eine Labour-Regierung an der Macht war, die die Gründung der CDU nicht unterstützte. Auch wenn er nur wenige Wochen später von den Briten rehabilitiert wurde, traf ihn diese zweite Absetzung aus dem Amt schwer. Hans-Peter Schwarz vermutet hingegen, dass Adenauer nichts Besseres hätte passieren können, da er schon weit über Köln hinaus gedacht habe.

Trotz des Verbots blieb Adenauer nämlich nicht untätig. Die ihm nun zur Verfügung stehende Zeit nutzte er, um ein eigenes Parteiprogramm zu erarbeiten. Zudem pflegte er weiter seine politischen Kontakte und empfing seine Besucher in seinem Wohnhaus in Rhöndorf. Nachdem das Betätigungsverbot im Dezember aufgehoben worden war, konnte er auch am ersten Reichstreffen der neugegründeten Partei vom 14. bis 16. Dezember in Bad Godesberg teilnehmen. Es war die erste große Parteiversammlung, der er beiwohnte. Obwohl Adenauer aber auch hier noch nicht als Hauptredner auftrat, wurde er in diesen Wochen zunehmend als Führungsperson gehandelt. So schrieb am 28. Dezember 1945 der Schweizer Generalkonsul Franz-Rudolf von Weiss, dass Adenauer zur bedeutendsten Persönlichkeit weit über das Kölner Gebiet hinaus geworden sei und man damit rechne, dass er die CDU in der britischen Zone führen werde. Und so kam es auch: Am 22. Januar wurde Adenauer auf der ersten Tagung des neugegründeten Zonenausschusses der CDU zum vorläufigen Vorsitzenden der CDU in der britischen Zone gewählt und am 1. März in diesem Amt bestätigt. Zwischenzeitlich übernahm er darüber hinaus den Vorsitz der rheinischen CDU von Leo Schwering und manövrierte ihn damit ins Abseits.

In den folgenden Monaten gelang es Adenauer, seine Position weiter auszubauen und sich auch gegenüber dem Führungsanspruch der Berliner CDU um Andreas Hermes und Jakob Kaiser durchzusetzen, die von Anfang an versuchten, von Berlin aus eine in allen Zonen vertretene CDU aufzubauen. Dagegen wandte sich Adenauer entschieden. Zum einen gab es auch in Berlin eine starke Tendenz zu sozialistischen Ideen. Zum anderen sah Adenauer schon früher als viele andere die Politik und damit auch den Parteibildungsprozess im Zeichen des heraufziehenden Ost-West-Konflikts. Vor diesem Hintergrund betrachtete er den möglichen Einfluss der Sowjets auf die Berliner mit großer Sorge, der sich bei einer Führungsrolle der Berliner auch auf die Westzonen ausdehnen könnte. Auch deren deutschlandpolitischen Ideen standen Adenauers Vorstellungen diametral entgegen. Während die Berliner die deutsche Einheit um nahezu jeden Preis gewahrt wissen wollten, war Adenauer nicht bereit, die Freiheit für die Einheit zu opfern. In Konflikt geriet Adenauer dabei insbesondere mit Jakob Kaiser, der mit seinem „Brücke-Konzept“, nach dem Deutschland als blockfreies Land als Mittler zwischen Ost und West fungieren sollte, die sich anbahnende deutsche Teilung verhindern wollte.

Aus Adenauers Sicht sollten die Berliner zwar nicht ausgeschlossen werden, die Führungsrolle konnten sie unter diesen Umständen aber auf keinen Fall übernehmen. Für diesen Kurs gewann er nach und nach auch die CDU-Verbände im Süden und Norden Deutschlands. Die CDU in der britischen Zone mit Adenauer an der Spitze entwickelte sich mehr und mehr zum Mittelpunkt der jungen Partei.

Programmatische Differenzen

Dass Adenauer trotz seines zunächst abwartenden Kurses innerhalb weniger Wochen die Führung der Partei in der britischen Zone übernehmen konnte, hatte verschiedene Gründe. Zum einen hatte er in den vergangenen Monaten immer wieder signalisiert, dass er für Führungsposten grundsätzlich zur Verfügung stehen würde. Sein hohes Alter war dabei kein Hinderungsgrund, sondern sogar ein Vorteil. Er stellte sich selbst als Übergangskandidaten dar, wodurch bei etwaigen Konkurrenten der Eindruck entstand, dass sie ihre Chancen für einen späteren Zeitpunkt wahren konnten. So hatte er auch die Führung des Zonenausschusses in der ersten Sitzung als Alterspräsident übernommen, bevor er in diesem Amt bestätigt wurde. Bekannt wurde sein Ausspruch vom Oktober 1945: „Sehen se, ich bin ’ne alte Mann, ich habe jar keine politische Ehrjeiz mehr.“

Viel wichtiger war aber Adenauers Position in der Partei, in der die programmatischen Vorstellungen über die künftige Ausrichtung mitunter weit auseinandergingen – je nachdem, welche regionale politische Tradition vorherrschend war. Einig waren sich die Gründer im gemeinsamen Wertefundament, auf dem die neue Partei aufgebaut werden sollte: die Rückbesinnung auf christliche Werte und die christlich-abendländische Kultur, Frieden, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, die Würde und Freiheit des Menschen und die Bedeutung der Familie. Umstritten waren aber zum einen kulturpolitische Fragen. So hatte die Bekenntnisschule für weite Kreise zentrale Bedeutung, während andere sich für die christliche Gemeinschaftsschule einsetzten. Auch die Frage, welche Rolle das „C“ spielen sollte, war umstritten. Insbesondere von protestantisch-konservativen und liberalen Gründern wurde das „C“ im Namen häufig sogar abgelehnt.

Am stärksten kamen die unterschiedlichen Vorstellungen aber in den jeweiligen Ideen zur künftigen Wirtschaftspolitik zum Ausdruck, was auch in den verschiedenen Gründungsdokumenten deutlich wurde. So forderten die Kölner und auch die Frankfurter Gründer einen „christlichen Sozialismus“. Dazu gehörten die Verstaatlichung von Schlüsselindustrien, die Kontrolle der Banken und Versicherungen sowie die Zerschlagung der Großkonzerne. Der Berliner Gründungskreis um Andreas Hermes und Jakob Kaiser mied zwar den Begriff „Sozialismus“, forderte aber ebenfalls Verstaatlichungen. Diese Ideen waren nicht nur aufgrund der Nachkriegsnot weit verbreitet, sondern insbesondere auf die starke Tradition der christlichen Gewerkschafter zurückzuführen. Ein „christlicher Sozialismus“ wurde von den protestantisch-konservativen und liberalen Gründern, vor allem in Norddeutschland, hingegen scharf abgelehnt. Hier standen wirtschaftsliberale Traditionen und der Schutz des Privateigentums im Vordergrund.

Die Auseinandersetzung um den christlichen Sozialismus wurde zur zentralen Frage, an der sich aus Adenauers Sicht auch der Erfolg der CDU entscheiden würde. Seine Position war klar: Er lehnte die sozialistischen Strömungen in der CDU ab und fürchtete, dass die CDU – würde sie sich hier nicht eindeutig abgrenzen – in den Sog der SPD geraten könnte. Um den konfessionellen Gegensatz glaubwürdig und dauerhaft zu überwinden, war es seiner Ansicht nach zudem entscheidend, verstärkt gemäßigte evangelische Deutschnationale und Liberale zur CDU zu bringen und einzubinden. Gerade auf diese Gruppen wirkte der Begriff „Sozialismus“ aber abschreckend. Aus diesem Grund sollte die CDU auch ihr christliches Fundament und ihre Bindung an die Kirche nicht zu stark in den Mittelpunkt stellen. Auf der anderen Seite durften aber auch den Katholiken in der CDU, die lange Zeit die große Mehrheit in der CDU stellten, nicht zu viele Opfer abverlangt werden. So stellte Adenauer sich gegen Forderungen, das „C“ aus dem Namen zu streichen und die CDU als „Rechtspartei“ zu verstehen, wie es sich manche Norddeutsche wie Hans Schlange-Schöningen vorstellten.

Adenauers große Leistung war es, diese ganz unterschiedlichen Strömungen und Ideen zu einem tragfähigen Kompromiss zusammenzuführen, der keinen Flügel ausschloss. So vermied er Begriffe wie „christlicher Sozialismus“ und „Sozialisierung“ und stellte sich ebenso gegen Attribute wie „rechts“ oder „konservativ“. Stattdessen setzte er sich immer wieder für ausgleichende Formulierungen ein und positionierte die CDU als Partei der „Mitte“. Dies wurde auch in der programmatischen Entwicklung deutlich, die Adenauer maßgeblich mitgestaltete: Während die Idee des christlichen Sozialismus in vielen Gründungsdokumenten vertreten wurde und auch beim ersten Reichstreffen im Dezember 1945 in Bad Godesberg in die gemeinsame Resolution Eingang fand, gelang es Adenauer im Frühjahr 1946 in Neheim-Hüsten bei den Beratungen für ein Programm der CDU in der britischen Zone, statt „Sozialismus“ von „Bedarfsdeckung“ zu sprechen und die Freiheit der Person und das Recht auf Privateigentum in den Mittelpunkt zu stellen.

Lediglich für den ohnehin unter Zwangsverwaltung stehenden Bergbau wurde eine Sozialisierung nicht ausgeschlossen. Auch das 1947 verabschiedete Ahlener Programm ist von diesem Kompromiss geprägt. Liberale Grundsätze standen hier neben solchen des christlichen Sozialismus, ohne dass der Begriff „Sozialismus“ verwendet wurde. Mit der Sozialen Marktwirtschaft, die 1949 mit den Düsseldorfer Leitsätzen zum Markenkern der CDU wurde, war schließlich ein wirtschafts- und gesellschaftspolitisches Konzept gefunden, das die verschiedenen Strömungen integrieren konnte. Neben dem gemeinsamen Wertefundament wurde zudem der Antikommunismus zu einer wichtigen weltanschaulichen Brücke, die einerseits die verschiedenen Strömungen in der CDU einte und andererseits eine scharfe Abgrenzung zur SPD ermöglichte.

Dass Adenauer seinen auf Ausgleich bedachten Kurs glaubhaft und erfolgreich umsetzen konnte, lag nicht zuletzt auch daran, dass er ihn selbst verkörperte: Er galt nicht als Vertreter eines bestimmten Flügels, war zwar Katholik und kam aus der Zentrumspartei, für die Protestanten war er dennoch nicht „zu“ katholisch und somit für die verschiedenen Flügel innerhalb der CDU als Führungsperson akzeptabel. Damit wurde er zur treibenden Kraft für die interkonfessionelle Sammlung und konnte auf der personellen wie auf der programmatischen Ebene den Ausgleich zwischen Protestanten und Katholiken vorantreiben. Die CDU trug damit bereits während der Parteigründung den Stempel von Adenauers Kompromissbewusstsein. Gleichzeitig gelang es ihm so, seine politischen Positionen innerhalb der Partei durchzusetzen und die verschiedenen Flügel dafür zu gewinnen.

Koalitionen, Bündnisse, Sammlung

Aus Adenauers programmatischen Zielen ergab sich, dass er sich schon früh für ein bürgerliches Bündnis mit der Freien Demokratischen Partei (FDP) und der Deutschen Partei (DP) einsetzte. Unterstützt wurde dieser Kurs insbesondere von norddeutschen, protestantisch geprägten CDU-Verbänden, die auch Adenauers Wirtschaftspolitik maßgeblich unterstützten. Der gewerkschaftlich orientierte und katholische Flügel plädierte hingegen für eine große Koalition mit der SPD, wie sie in vielen Ländern bereits existierten. Nicht nur wirtschaftspolitische Gründe waren dafür ausschlaggebend, sondern auch kulturpolitisch stand man den bürgerlichen Parteien rechts der CDU kritisch gegenüber.

Da 1949 eine Bundes-CDU noch nicht existierte, hatte Adenauer als Vorsitzender der CDU in der britischen Zone und Präsident des Parlamentarischen Rates erheblichen Einfluss auf die Ausrichtung des ersten Bundestagswahlkampfs. So wurde die Kampagne ganz auf die Wirtschaftspolitik und die Alternative „Zwangswirtschaft oder soziale Marktwirtschaft“ ausgerichtet. Mit Ludwig Erhard, der bereits im Frankfurter Wirtschaftsrat eng mit der FDP zusammengearbeitet hatte und innerhalb der CDU das Konzept der Sozialen Marktwirtschaft durchsetzte, versuchte Adenauer, eine Brücke zu den bürgerlichen Parteien zu schlagen. Den knappen Sieg der Union bei der Bundestagswahl 1949 interpretierte Adenauer als Absage an den »Sozialismus in allen seinen Schattierungen«. Nach der Wahl lud er zu einem informellen Treffen nach Rhöndorf ein, um den Kurs der CDU festzuzurren. Auch Fürsprecher einer großen Koalition waren unter den Gästen, doch verstand es Adenauer, diese geschickt auszumanövrieren und die CDU auf eine Koalition mit FDP und DP einzustimmen. Bei der später als „Rhöndorfer Konferenz“ bekannt gewordenen Zusammenkunft fiel zudem die Vorentscheidung, ihn zum Kanzlerkandidaten der CDU/CSU-Fraktion zu küren. Um seinen Kurs durchzusetzen, griff Adenauer immer wieder in die Politik der einzelnen Landesverbände ein und versuchte, auch dort Koalitionen nach dem Bonner Muster zu etablieren – gleichwohl gelang ihm dies nicht immer, so zum Beispiel nicht in Nordrhein-Westfalen, wo Karl Arnold, der zum linken Flügel der CDU, der katholisch geprägten Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA), zählte, eine Große Koalition mit der SPD bildete.

Am 15. September 1949 wurde Adenauer mit Stimmen von CDU und CSU, FDP und DP zum ersten Mal zum Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland gewählt. In den folgenden Wochen bildete er sein erstes Kabinett. Dabei wurde bereits eine Strategie deutlich, die er auch in den folgenden Jahren verfolgen würde: Er zeigte sich gegenüber den kleineren Koalitionspartnern großzügig und band sie damit eng an die CDU. Zum einen sicherte er sich so eine breite Basis für seine Politik: Soziale Marktwirtschaft, Westbindung, Europäische Einigung. Auch in Bezug auf die Deutschlandpolitik waren die Schnittstellen groß. Zum anderen zielte Adenauer durch die enge Anbindung darauf, alle Parteien rechts der SPD zu sammeln. In den folgenden Jahren wurden die kleinen bürgerlichen Konkurrenzparteien gezielt gespalten, aufgesogen und deren Spitzenpolitiker abgeworben. Die CDU konnte so deren Erbe antreten und damit auch deren Wählerschaft übernehmen. Allein der FDP gelang es, sich diesen Umarmungsversuchen zu entziehen.

Gleichwohl blieb dieser Kurs innerhalb der CDU nicht unumstritten. Besonders die CDA hatte beispielsweise Bedenken, den rechten Rand einzubinden. Dies galt insbesondere für die Einbeziehung des GB/BHE, dessen Anhängerschaft nicht nur Vertriebene, sondern teilweise auch ehemalige Nationalsozialisten umfasste. Adenauer aber war überzeugt, dass nur durch ihre Einbindung eine starke nationalistische Oppositionspartei verhindert werden könne.

Adenauers Kurs erwies sich schließlich als erfolgreich: Bis zum Ende der 1950er Jahre vereinte die CDU nahezu das gesamte bürgerliche Lager in einer großen, breiten Volkspartei. Das Parteiensystem wurde stabiler, und die Entstehung einer starken Rechtspartei konnte verhindert werden. Doch auch die CDU selbst veränderte sich: Durch die Integration der kleineren Parteien wurde sie protestantischer und konservativer.

Kanzlerwahlverein?

In der Literatur sind vielfach kritische Urteile über Adenauers Rolle als Parteivorsitzender zu finden: Er habe sich für die Partei und deren Programmatik nicht interessiert und den Aufbau einer straffen Organisation verhindert. Die CDU sei dadurch nicht mehr als ein „Kanzlerwahlverein“ gewesen. Diese und ähnliche Urteile wurden in den vergangenen Jahren differenziert und revidiert. Adenauer wird heute als engagierter Parteivorsitzender gesehen, der für einen funktionstüchtigen, integrativen Parteiaufbau sorgte.

Die CDU Deutschlands wurde allerdings erst 1950 auf Bundesebene gegründet. Zum einen war sie nach wie vor eine Partei, die durch die lokalen und regionalen Gründungen stark föderal geprägt war. Gegen eine zu starke Zentralisierung stellten sich insbesondere die Vorsitzenden der einzelnen Landesverbände, die zudem programmatisch und strukturell äußerst heterogen waren. Zum anderen hatte aber auch Adenauer Bedenken, dass ein zu früher Zusammenschluss die Integration der unterschiedlichen Strömungen erschweren könnte. Auch sorgte er sich, dass – wenn die CDU noch nicht ausreichend programmatisch konsolidiert war – der aus seiner Sicht „falsche“ Flügel die Führungsrolle übernehmen könnte. Dabei dachte er insbesondere an die nach wie vor bestehenden sozialistischen Strömungen in der CDU sowie den Führungsanspruch der Berliner.

Mit der Bundestagswahl 1949 stabilisierte sich die CDU weiter – programmatisch und personell. Durch die Koalition mit FDP und DP wurde der Kurs der CDU hin zur Sozialen Marktwirtschaft gefestigt, und seine Wahl zum Bundeskanzler verlieh Adenauers bundespolitischem Führungsanspruch weiter Geltung. Nun strebte er auch die Gründung der Bundes-CDU gezielt an, um der Partei mehr Schlagkraft und eine feste Organisation zu geben. Auf dem ersten Bundesparteitag vom 20. bis 22. Oktober 1950 in Goslar wurde die CDU Deutschlands gegründet.

Die „verspätete“ Gründung war dabei kein Nachteil, sondern ermöglichte die Integration der verschiedenen Flügel in der CDU. Gleichwohl blieb die CDU auch weiter durch ihre föderale Struktur und die unterschiedlichen Strömungen, die sie in sich vereinigte, geprägt. Gleichzeitig vertrat Adenauer als Parteivorsitzender die Position, dass die Souveränität der Landesverbände nicht grenzenlos sein könne, da sonst die Einheit der Partei und ihre Wahlerfolge gefährdet würden. So versuchte Adenauer, die Parteiorganisation zu straffen und zu zentralisieren, scheiterte aber teilweise am Widerstand der Landesverbände. Nicht durchsetzen konnte er sich zum Beispiel 1950 mit seinem Vorhaben, Kurt Georg Kiesinger als Generalsekretär einzusetzen. Die CDU in der britischen Zone, deren Vorsitzender Adenauer noch bis Februar 1951 war, hatte indessen eine schlagkräftige Organisation aufgebaut und war damit den anderen Landesverbänden weit überlegen.

Mit Verabschiedung der ersten Satzung 1950 in Goslar etablierten sich mit dem Bundesparteitag, dem Bundesparteiausschuss und dem Bundesvorstand drei zentrale Organe. In den Parteigremien erwies sich Adenauer als starker und geschickter Diskussionsleiter. Er verstand es, seine Positionen durchzusetzen und gleichzeitig den innerparteilichen Kompromiss zu wahren. Zentrale Bedeutung hatten für ihn dabei der konfessionelle Ausgleich und die paritätische Besetzung von Führungsämtern. Nicht zuletzt für den dauerhaften Erfolg der CDU und die Verankerung der lange Zeit vorwiegend katholisch geprägten Partei im protestantischen Bürgertum war der konfessionelle Ausgleich von Bedeutung. So galt das ungeschriebene Gesetz, dass die stellvertretenden CDU-Vorsitzenden paritätisch besetzt sein sollten, und da Adenauer selbst als Bundeskanzler katholisch war, sollte der Bundespräsident evangelisch sein. Die innerparteiliche Einigung wurde zudem durch die verschiedenen Vereinigungen und Sonderorganisationen ermöglicht, die sich nach und nach gründeten: die Junge Union, die Frauenausschüsse, die Kommunalpolitische Vereinigung, die Mittelstandsvereinigung und die Christlich-Demokratische Arbeitnehmerschaft. Als Interessenvertretung der Protestanten in der CDU wurde 1952 zudem der Evangelische Arbeitskreis gegründet. Adenauer hatte auch diese Initiative unterstützt.

Da die Organe der Bundespartei erst ein Jahr nach der Bundestagswahl gebildet wurden, spielten für Adenauer von Anfang an auch informelle Beratungsrunden und Treffen eine zentrale Rolle. So kam Adenauer in unterschiedlichen Konstellationen mit den für ihn wichtigen Persönlichkeiten zusammen, um den Kurs festzustecken: für seine politischen Entscheidungen, für Parteifragen, für Wahlkämpfe. Diese Taktik verfolgte er bereits in den Jahren vor Gründung der Bundesrepublik, als es darum ging, in Abstimmung mit den westdeutschen Landesverbänden die Führungsrolle der Berliner CDU zu verhindern, und auch die Rhöndorfer Konferenz ist ein Beispiel dafür. Auch als Bundeskanzler lenkte Adenauer die Partei stark über informelle Berater. Dazu gehörten Hans Globke, der nicht nur im Kanzleramt eine wichtige Rolle einnahm, aber auch Heinrich Krone, Felix von Eckardt oder Otto Lenz.

Die – ungeachtet der Bedeutung der in der Satzung verankerten Organe – lockere, informelle Parteiführung kann dabei in keiner Weise als Schwäche oder Desinteresse an Organisationsfragen interpretiert werden. Vielmehr gelang es Adenauer so, die wichtigsten Personen aus Partei, Kanzleramt und Fraktion je nach Aufgabe und Notwendigkeit zusammenzubringen. Vor allem aber war es möglich, die unterschiedlichen Interessen zu integrieren und nicht zuletzt den konfessionellen Ausgleich zu steuern.

Das Ende der Ära Adenauer

In Folge einer Serie von politischen Pannen wurde Adenauers bis dahin ungebrochener Führungsanspruch Anfang der 1960er Jahre zunehmend in Frage gestellt. Auch mit Blick auf sein hohes Alter kamen Diskussionen um seine Nachfolge nicht mehr zur Ruhe. Hinzu kamen vermehrt Forderungen nach innerparteilichen Reformen. War die CDU in den vergangenen Jahren stark auf die informelle Führung Adenauers ausgerichtet gewesen, galt es nun, die Partei organisatorisch auf die Zeit danach vorzubereiten.

Nach ersten Satzungsänderungen 1956 und 1960 wurde 1962 das Präsidium als zusätzliches Organ geschaffen und Josef Hermann Dufhues zum ersten geschäftsführenden Vorsitzenden gewählt. Die Parteiführung erhielt damit bereits am Ende der Ära Adenauer straffere Züge. Besonders das Präsidium sollte schrittweise die informellen Runden ersetzen und gegenüber dem Bundeskanzleramt an Entscheidungskompetenz gewinnen. Ersetzte in den 1950er Jahren die Regierungspolitik ein umfassendes Parteiprogramm, begann die CDU nun, sich intensiver mit ihrer eigenen Programmatik auseinanderzusetzen.

Die Frage der Nachfolge war für Adenauer am schwierigsten zu lösen. Verschiedene Optionen, die er erwog, ließen sich nicht verwirklichen, während es in der Partei, vor allem in der Bundestagsfraktion, eine starke Mehrheit für Ludwig Erhard gab. Obwohl Adenauer und Erhard aber gerade in den ersten Jahren nach der Bundestagswahl als Tandem gut funktionierten, kühlte sich das Verhältnis zunehmend ab. Nun sorgte sich Adenauer um sein politisches Erbe, insbesondere um die Entwicklung der deutsch-französischen Beziehungen, die für Erhard nicht die gleiche Bedeutung hatten wie für Adenauer.

Im Nachgang der „Spiegel-Affäre“ kündigte Adenauer im Dezember 1962 widerwillig seinen Rücktritt vom Amt des Bundeskanzlers an. Ein Jahr später, am 16. Oktober 1963, wurde Ludwig Erhard als sein Nachfolger vereidigt. Trotz der Debatten, auch an der Parteispitze den Führungswechsel zu vollziehen, ließ Adenauer sich 1964 erneut zum Bundesvorsitzenden wählen und überließ Erhard erst zwei Jahre später den Parteivorsitz. Auch nach seinen Rücktritten blieb Adenauer weiterhin aktiv und mischte sich in die Tagespolitik ein, zum Leidwesen seines Nachfolgers Erhard. 1966 wurde Adenauer Ehrenvorsitzender der CDU. 

Was bleibt?

14 Jahre war Adenauer Vorsitzender der CDU. Auch wenn er nicht zu den Gründern der ersten Stunde zählt, prägte er die Partei wie kein anderer Vorsitzender. Durch Adenauers Kurs gelang es, über Konfessionen, politische Traditionen und soziale Schichten hinweg eine gemeinsame Partei aufzubauen. Dabei war die CDU eine völlig neue Partei, für deren Struktur es kein Muster gab. Sein programmatisch wie personell ausgleichender Kurs ermöglichte es, die heterogenen Interessen zu integrieren und die anfangs stark katholisch geprägte Partei auch im protestantischen Bürgertum zu verankern.

Dazu trug auch seine Strategie bei, die Partei durch informelle Gremien zu lenken und so Konflikte frühzeitig auszugleichen. Gleichzeitig schaffte er es, als starker Vorsitzender und geschickter Stratege seinen politischen Kurs durchzusetzen und mit der Sozialen Marktwirtschaft, der Westbindung und der Europäischen Einigung die Grundlagen zu schaffen, auf den die Bundesrepublik bis heute ruht. Durch seinen Sammlungskurs wurden nach und nach auch die übrigen Kleinparteien und deren Wählerschaft – mit Ausnahme der FDP – aufgesogen und integriert. Dadurch wurde das Parteiensystem stabilisiert und die Entstehung einer starken Rechtspartei verhindert. Nicht zuletzt sicherte Adenauers integrativer Kurs der CDU ihre Wahlerfolge.

 

Literatur

Adenauer, Konrad: Erinnerungen 1945–1953, Stuttgart 1965.

Bösch, Frank: Die Adenauer-CDU. Gründung, Aufstieg und Krise einer Erfolgspartei 1945–1969, Stuttgart 2001.

Bösch, Frank: Macht und Machtverlust. Die Geschichte der CDU, Stuttgart, München 2002.

Geppert, Dominik: Die Ära Adenauer, Darmstadt 2012.

Heitzer, Horstwalter: Die CDU in der britischen Zone 1945–1949, Düsseldorf 1988.

Kleinmann, Hans-Otto: Geschichte der CDU 1945–1982, Stuttgart 1993.

Schwarz, Hans-Peter: Adenauer. Der Aufstieg: 1876–1952, Stuttgart 1986.

Schwarz, Hans-Peter: Der Staatsmann: 1952–1967, Stuttgart 1991.