4. Januar 1961: Interview des Bundeskanzler Dr. Adenauer anlässlich seines 85. Geburtstages mit Nico van Vliet, Radio Hilversum

„Wenn Sie glauben, dass Sie den Bundeskanzler interviewen können, muss ich Sie leider enttäuschen", sagte ein hoher Beamter in Bonn. „Sie verstehen doch, Dr. Adenauer ist eben erst ernstlich krank gewesen, und er geht an seinem 85. Geburtstag aufregenden Tagen entgegen. Sie können ihm deshalb zwar gratulieren, aber ein Interview wird dabei nicht herauskommen."

Später standen im Bundeskanzleramt die Kameraleute, Tontechniker und Ihr nervöser Reporter und warteten darauf, dass Dr. Adenauer hereinkommen sollte. Hofft man auf ein Interview, dann ist es nicht viel, wenn man nur seine Glückwünsche aussprechen darf.

Da war er. Eine kerzengerade Erscheinung, eine Persönlichkeit. Und nicht nur das, eine ehrfurchtgebietende Erscheinung, ein Mann, vor dem ich mir sehr klein vorkam. Wir hatten ihm, der, wie Sie wissen, ein großer Blumenfreund ist, aus Holland Tulpen mitgebracht. Natürlich konnten wir ihm nur wenige Fragen stellen, über die Zukunft der europäischen Gemeinschaft und über die deutsch-niederländischen Beziehungen. Vor allem letztere scheinen ihm sehr am Herzen zu liegen.

[Das Interview wurde in deutscher Sprache gebracht.]

Van Vliet: Herr Bundeskanzler, wir haben einige Tulpen mitgenommen aus Holland für Ihren Geburtstag, und wir hoffen, dass dieser Tag für Sie recht glücklich sein werde.

Adenauer: Ich danke Ihnen sehr für diese prachtvollen Tulpen. Es sind natürlich noch Treibhaustulpen, aber sie sind herrlich, sehr schön. Ich danke Ihnen.

Van Vliet: Ich gratuliere Ihnen herzlich.

Adenauer: Ich danke Ihnen sehr!

Van Vliet: Vielleicht gestatten Sie, Herr Bundeskanzler, dass ich Ihnen einige Fragen vorlege. Wir haben gehört, dass Sie krank gewesen sind, und wie fühlen Sie sich jetzt?

Adenauer: Wie vorher, wie vor der Krankheit. Also ich fühle mich gut, ja.

Van Vliet: Und, wenn ich noch eine andere Frage stellen darf: Wie beurteilen Sie die Aussichten für die weitere Entwicklung der europäischen Gemeinschaft?

Adenauer: Die Aussichten halte ich für gut, aber man muss Geduld haben. Es ist ein sehr großes Werk. Es kommt bald hier, bald dort eine Schwierigkeit, aber wenn wir Geduld haben, werden wir diese Schwierigkeiten überwinden.

Van Vliet: Und schließlich, Herr Bundeskanzler, glauben Sie, dass die deutsch-niederländischen Verträge zwischen beiden Ländern eine günstige Wendung erfahren haben?

Adenauer: Ich war glücklich, als diese Verträge vollzogen waren, weil gerade die Spannungen zwischen Ihrem Lande und meinem Lande ein großer Kummer für mich waren. Und ich bin überzeugt davon, dass durch diese Verträge die Beziehungen sehr nachhaltig gefördert werden.

Van Vliet: Herr Bundeskanzler, ich danke Ihnen recht herzlich für Ihren Empfang, und ich möchte Ihnen ein recht gutes und glückliches neues Lebensjahr zuwünschen.

Adenauer: Das ist sehr freundlich von Ihnen, ich danke Ihnen dafür. Ich möchte Ihnen aber auch danken für manche gute Darbietung des Senders von Hilversum.

Sie werden in diesem Interview die Frage vermisst haben, wann die Konferenz mit de Gaulle stattfinden werde. Diese Konferenz war, wie Sie wissen, verschoben worden infolge von Adenauers Krankheit. Aber das vorgeschlagene vorläufige Datum wurde noch nicht von allen deutschen Ländern gebilligt, und deshalb konnte der Bundeskanzler nichts darüber sagen. Dass Adenauer die deutsch-niederländischen Beziehungen für wichtig hält, zeigt sich wohl auch darin, dass wir aus Holland die einzigen waren, denen er dieses Rundfunk- und Fernsehinterview gewährte. Es waren keine Franzosen und keine Engländer anwesend. Selbst das deutsche Fernsehen wurde nicht zugelassen, wenn auch die Kameraleute und Tontechniker des Westdeutschen Rundfunks, der uns durch seine Mitarbeit in jeder Weise half, unser Gespräch aufnahmen.

Heute ist der 85-jährige Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer der Mittelpunkt vieler Festlichkeiten und Ehrungen gewesen. 85 Jahre, man muss das einmal bedenken! Kein Spazierstock, kein gebeugter Rücken, vital, kerzengerade und dann - eine so große internationale Persönlichkeit.

Quelle: Pressearchiv des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung, 022-4/0.