21. März 1922: Artikel in der "Frankfurter Zeitung": "Die Adenauerschen Pläne für Köln"

Köln, 17. März. Die von der Stadtverordnetenversammlung in ihrer gestrigen Sitzung definitiv genehmigten Pläne zur Anlegung eines neuen Handelshafens und eines Industriegeländes am linken Rheinufer unterhalb der Stadt sowie einer Gürtelbahn, die beide Anlagen miteinander und mit dem übrigen Eisenbahnen­netz verbinden soll, bilden nur einen Teil der Unternehmungen, durch die Köln seine wirtschaftliche Zukunft zu sichern und seine städtebauliche Entwicklung in gute Bahnen zu lenken beabsichtigt. Vor wenigen Monaten erst sind die hiesigen Handelskreise mit dem Projekt eines Kaufmanns- und Börsenhauses größten Stils an die Öffentlichkeit getreten; ungefähr zur gleichen Zeit wurde der Bau eines Hochhauses auf dem Heumarkt beschlossen; einige Wochen ist es her, dass die Stadtvertretung die Kosten für die sofort in Angriff zu nehmende Errichtung umfangreicher Messe- und Ausstellungsgebäude bewilligte; jetzt sind die gestern gefassten Beschlüsse gefolgt, die das Kernstück der gesamten Unternehmungen betreffen, und dies wiederum steht in nächstem Zusammenhang mit den auf weite Sicht angelegten städtebaulichen Entwürfen des Professors Schumacher, die die Erschließung zweier, in engerem und weiterem Ringe um die Stadt herum führender Rayongelände sowie des soeben eingemeindeten Worringen unter Ausnutzung aller dabei gegebenen wirtschaftlichen, hygienischen und künst­lerischen Möglichkeiten zum Gegenstande haben.

Den Skeptikern, denen die Fülle dieser Projekte und ihr Tempo, zumal angesichts der allgemeinen Lage Deutschlands, zu amerikanisch vorkam, hat der Oberbürgermeister Adenauer immer entgegengehalten, dass die ganz eigenartige Situation Kölns, wie sie durch den plötzlichen Fortfall des Festungspanzers und durch die Verschiebung des wirtschaftlichen Schwergewichts Europas nach Westen gegeben sei, Anstren­gungen besonderer Art rechtfertige und notwendig mache. Er hat ferner, um allen Bedenken die Spitze abzubrechen, speziell für die Hafen- und Industrieanlagen die Zusage gemacht, dass ihre Ausführung in Etappen, und zwar immer nur in dem Umfange, in dem die Bedürfnisfrage geklärt sei, erfolgen solle, und er ist demgemäß mit dem Vorschlage, an den ersten Bauabschnitt heranzugehen, erst dann hervorgetreten, als er Verträge mit mehreren Firmen abgeschlossen hatte, die sich im Industriegelände und am Hafen niederlassen wollen.

Die Linke-Hofmann-Werke haben im Industriegelände 53 Hektar erworben, das Ölwerk Stern-Sonneborn 5 Hektar; im Handelshafen ist starke Nachfrage nach einer leistungsfähigen Kipperanlage; von einer Reederei wird ein großer Lagerplatz für Massenumschlagsverkehr begehrt; außerdem beabsichtigt eine hiesige Unternehmung, den Umschlag von Sand und Kies im neuen Hafen vorzu­nehmen. Demgemäß ist für den ersten Bauabschnitt die Herrichtung der Teile des Industriegeländes, in denen die beiden genannten Firmen sich ansiedeln wollen, in Aussicht genommen, außerdem der Bau eines Teiles des Hafenvorbeckens (mit Kipper- und Kranlagen), sowie der notwendigen Bahnanlagen. Vom Industriege­lände, dessen Gesamtumfang 460 Hektar betragen soll, wird der zunächst in Angriff zu nehmende Bauteil etwa ein Siebentel des Ganzen ausmachen: von der 33,5 Hektar großen Wasserfläche, die dem Hafen mit seinen fünf Becken insgesamt zugedacht sind, sollen zunächst 8,3 Hektar geschaffen werden. Die Kosten der ersten Bauetappe sind nach dem Preisstande von Mitte Februar auf 225 Millionen Mark veranschlagt. Für den Vorschlag, jetzt mit der Ausführung dieser Anlagen zu beginnen, führt Adenauer aber noch ein weiteres Moment an, nämlich die Hafenpläne anderer Städte (Karlsruhe, Mannheim, Speyer, Frankfurt, Mainz, Düsseldorf, Neuß), angesichts deren Köln nicht länger zögern dürfe.

Es ist den sachlichen Gründen und dem hervorragenden taktischen Geschick des Oberbürgermeisters tatsächlich gelungen, die beträchtlichen Widerstände, die sich noch im Sommer 1920 seinen Plänen entgegenstellten, fast restlos zum Schweigen zu bringen; der Einstimmigkeit des gestrigen Beschlusses entspricht die widerspruchslose Billigung, die die zum Teil umgearbeiteten Projekte diesmal bei den Vertretern des Wirtschaftslebens und in der Kölner Presse gefunden haben.

Quelle: „Frankfurter Zeitung" vom 21. März 1922. Abgedruckt in: Konrad Adenauer 1917-1933. Dokumente aus den Kölner Jahren. Hrsg. v. Günther Schulz. Köln 2007, S. 71f.