20. Juni 1925: Artikel der „Kölnischen Volkszeitung": „Der Ruf vom Rhein. Oberbürgermeister Dr. Adenauer: Schmiedet freiwillig keine neuen Ketten!"

Im Anschluss an den erhebenden Festakt in der großen Halle des Rheinparks fand im großen Gürzenichsaale, der in lockendstem Blumenschmuck sich darbot, ein Festmahl statt. Als erster Redner ergriff das Wort zu nachstehenden eindrucks­vollen Ausführungen Oberbürgermeister Dr. Adenauer:

Schier überwältigend sind die Eindrücke, die auf uns Rheinländer in diesen Wochen nach all der Not und Bedrängnis der vergangenen Jahre hereinströmen. Ein heiliger Strom der Heimatliebe, ein mächtiger Strom heiliger Vaterlandsliebe fließt frei und mächtig durch das rheinische Land. Wenn ich des gestrigen Tages gedenke, wenn ich des heutigen Tages gedenke, wenn ich diese Versammlung sehe, wenn ich sehe wie hier aus dem ganzen weiten deutschen Vaterlande alles vertreten ist, was Rang und Klang hat, dann jubelt mein kölnisches, jubelt mein rheinisches Herz. Deutschland hat seinen heiligen Strom wiedergefunden,

(Lebhaftes Bravo!)

es hat ihn wiedergefunden, nachdem sein Glanz verblasst war vor dem Kriege; es hat ihn wiedergefunden als Symbol seiner Kultur, als Symbol seiner politischen Einheit.

(Beifall.)

Nach Begrüßung der Vertreter der Reichsregierung, der Minister Frenken und Brauns, fuhr Dr. Adenauer fort: Wenn auch dieser Tag und diese Stunde unsere Zugehörigkeit zum ganzen deutschen Vaterlande gewidmet sind, so wäre es doch unrichtig, wenn wir nicht auch in dieser Stunde den Vertretern der preußischen Staatsregierung sagen, dass wir wohl die Wohltaten zu schätzen wissen, wie sie die Zugehörigkeit zu einem großen und gefestigten Staatswesen während der letzten hundert Jahre uns gebracht hat.

(Lebhafter Beifall.)

Nach Begrüßung der offiziellen Vertretungen des Reichstages und des Preußischen Landtages entbot Dr. Adenauer besonders dankbaren Willkommensgruß den Staatspräsidenten und Ministerpräsidenten einer Reihe deutscher Länder sowie dem vollzählig erschienenen Rheinischen Provinziallandtag, den Oberpräsidenten und Landes­hauptleuten der preußischen Provinzen, insbesondere den Vertretern unserer teuren Nachbarprovinz Westfalen.

(Bravo!)

Dann entbot er noch einen herzlichen Dank den Vertretern der verschiedenen Religionsgesellschaften, insbesondere aber ein Wort besonders herzlichen Dankes dem Herrn Kardinal und Erzbischof von Köln, Se. Eminenz Schulte.

(Bravo!)

Durch sein Entgegenkommen und seine Förderung, fuhr Dr. Adenauer fort, ist es wesentlich mitgelungen, dass die kostba­ren und wundervollen Schätze, die drüben in der Jahrtausendausstellung vereinigt sind, ihrem eigentlichen Zwecke für diese Monate entzogen wurden, um dort Hunderttausenden Zeugnis abzulegen von der großen rheinischen Kultur der vergangenen Jahrhunderte.

(Bravo!)

Dankbar und mit Trauer möchte ich auch jener Deutsch-Amerikaner gedenken, die auf dem Wege zu ihrem Stammeslande, auf dem Wege zur Stadt Köln, zur Ausstellung der Rheinlande, von einem jähen Tode ereilt worden sind.

Unsere Jahrtausendfeier ist ein Fest eines der edelsten und reinsten Gefühle im menschlichen Leben, eines Gefühls der Heimatliebe und der Vaterlandslie­be. Nur der, der wie wir es in den vergangenen Jahren erfahren hat, was es heißt, um Heimat, um Vaterland zittern zu müssen, nur der kann ganz begreifen, mit welch' tiefer Inbrunst wir dieses Fest feiern.

(Beifall)

Wenn dabei die Töne und die Akkorde vielleicht voller und rauschender erklingen, wie das in anderen Kreisen unseres Vaterlandes der Fall sein würde, wer will uns deshalb tadeln!

(Sehr richtig!)

Aber niemals vergessen wir Rheinländer auch in den Stunden der Begeisterung und Freude des Ernstes unserer Lage. Seien Sie, aus dem unbesetz­ten Deutschland, dessen gewiss: Wir Rheinländer - und das sage ich voll Stolz - haben in den Jahren, die hinter uns liegen, unsere Vaterlandsliebe im Feuer erprobt. Wie unsere Traube gekeltert wird und wie sie in der Gärung die unreinen Bestandteile ausstößt, um dann zu dem köstlichen Gold heranzuwachsen, das die Strahlen der Sonne in sich aufgenommen hat, so ist es uns Rheinländern gegangen. Auch wir haben die Kelter durchgemacht in den vergangenen Jahren, auch wir haben in unserer Gärung alle unreinen Elemente ausgestoßen.

(Beifall.)

Wir sind stolz darauf, denn ich weiß mich mit allen Rheinländern eins, dass wir Rheinländer ein selbstsicheres und freies Volk geworden sind, innerlich frei und wenn wir äußerlich noch so unfrei waren.

(Starker Beifall!)

Unsere Feier fällt in eine Zeit außenpolitischer Spannung, die, für mein Emp­finden, so stark ist wie zur Zeit nach dem Zusammenbruch. Es wäre nicht richtig, die Schwierigkeiten der Situation durch öffentliche Besprechung aller dieser Fragen, die sich aus dem gegenwärtigen Notenwechsel ergeben, zu stören, ehe das Reichskabinett und die verantwortlichen Vertreter des deutschen Volkes dazu Stellung genommen haben. Ein Wort aber muss ich heute doch dazu sagen, da wir die Ehre haben, die Vertreter verschiedener Länderregierungen und die Vertreter des Reichstages unter uns zu sehen. Wir Rheinländer tragen Ketten; wir in der Kölner Zone tragen diese Ketten nach unserer ehrlichen Überzeugung zu Unrecht.

(Stürmisches sehr richtig!)

Sie, die Sie verantwortlich für die Ent­scheidungen sind, die jetzt getroffen werden - das eine rufe ich Ihnen zu, und ich weiß mich darin einig mit dem überwältigenden Teil meiner engeren Landsleute -, schmieden Sie keine neuen Ketten freiwillig für Deutschland.

(Bravo! Anhalten­der starker Beifall.)

Lieber wollen wir die Ketten, die wir jetzt tragen, noch lange weiter tragen, bis Recht und Gerechtigkeit, auf deren Sieg wir unerschütterlich bauen, uns diese Ketten abnimmt.

(Bravo!)

Sie wissen, dass ich immer ein Freund einer Verständigung in Europa gewesen bin. Aber es muss wirklich eine Verständigung sein, eine Verständigung setze ich voraus, dass diejenigen, die sich verständigen, gleichberechtigt einander gegen­überstehen.

(Sehr richtig!)

Wenn das alternde Europa wirklich sich so in die Atmosphäre des Hasses, des Unfriedens und der gegenseitigen Beargwöhnung verrannt hat - trotzdem ich hoffe, dass doch einmal Gott das Recht wieder zum Siege führen wird -, so hoffe ich, dass schließlich das junge Volk jenseits des Oze­ans, das in diesem Kriege eingegriffen hat, sich auch der Verantwortung wieder bewusst wird und den Mut dazu findet, in Europa den Geist des wahren Friedens wieder herzustellen.

(Bravo!)

Ganz Deutschland hat an unserem Fest teilgenommen. Soll diese tausendjährige Gedenkfeier, ohne ein sicheres Zeichen für die kommenden Jahrzehnte und Jahrhunderte zu hinterlassen, vorübergehen? Nach meiner Überzeugung nein. Deutschland hat bisher kein Nationaldenkmal für die im Weltkrieg Gefalle­nen. Die Siegerstaaten haben diese Denkmäler errichtet. Sie haben sie in einer Form errichtet, die dem menschlichen Empfinden unserer Tage angepasst ist, in dem sie die Reste eines unbekannten Soldaten an feierlicher Stätte und in feierlicher Weise beigesetzt haben. Wenn auch die früheren Feindstaaten zuerst auf diesen Gedanken gekommen sind - warum soll Deutschland sich nicht die­sen Gedanken auch zu eigen machen? Er ist schöner und seelenvoller als ein Auftürmen von Steinen und von Erz.

(Sehr richtig!)

Viele Hunderttausende von Witwen und von Kindern, deren Gatte und Vater draußen in feindlicher Erde an unbekannter Stelle ruht, werden in Gedanken sich an das Grab des unbekannten Soldaten wenden und dort auch für die Seelenruhe ihres Dahingeschiedenen beten. Wo aber gehört ein solches Denkmal eher hin, als an den deutschen Rhein.

(Sehr richtig!)

Der Rhein ist doch das Ziel des ganzen Kampfes gewesen. Hier herüber ist der Donner der Geschütze geklungen. Hier ist die deutsche Armee aufmarschiert, um den Rhein hat es gegangen, und an den Rhein gehört auch dieses Nationaldenkmal. Es gehört nicht in die Einsamkeit des Waldes, nicht auf die Einsamkeit des Berges, es gehört mitten hinein in das brausende Leben des Tages, damit es unsere Generation immer wieder daran erinnert, dass die Vielen, Vielen für uns gestorben sind, und damit es auch kommenden Geschlechtern zum Zeugnis wird.

Es gehört an den Rhein, es gehört an den Kölner Dom. Der Kölner Dom ist das Sinnbild der Einheit der deutschen Stämme. Alle Konfessionen und alle Stände haben gewetteifert, um dieses erhabenste Denkmal deutschen Geistes zur Vollendung zu bringen. Darum deucht mir, dass an die Südseite des Kölner Doms das Denkmal des unbekannten Soldaten gehört. Damit wird das Gedächt­nis unserer teuren Gefallenen den kommenden Geschlechtern in der würdigsten Weise überliefert.

(Bravo!)

Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland! Das sind die schönen Worte unserer Nationalhymne. Recht und Freiheit - niemand schenkt sie uns. Wir müssen sie uns erarbeiten. Wir Deutsche stehen allein in der Welt. Der Schwache hat keinen Freund. Sorgen wir, dass wir einig sind. Aus dem besetz­ten Gebiet können wir nicht oft und nicht laut genug und nicht dringend genug den Ruf hinaustönen lassen in das unbesetzte Gebiet: Seid einig, einig, einig!

(Bravo!)

Dann werden wir wieder frei werden und dann werden wir ein mächti­ges deutsches Volk werden, ein Volk, das für ganz Europa segenbringend und segenspendend sein soll. Gott schütze das Rheinland, Gott schütze das deutsche Vaterland!

In heller Begeisterung erhebt sich die Versammlung und singt stehend das Deutschlandlied. Danach brach eine langanhaltende Beifallskundgebung aus als wuchtiger Beweis, wie sehr Oberbürgermeister Dr. Adenauer mit seinen Ausfüh­rungen der Herzensstimmung aller Teilnehmer Ausdruck verliehen hatte.

Quelle: „Kölnische Volkszeitung" Nr. 448, 20. Juni 1925. Abgedruckt in: Konrad Adenauer 1917-1933. Dokumente aus den Kölner Jahren. Hrsg. v. Günther Schulz. Köln 2007, S. 281-284.