18. Oktober 1949: Bericht des Journalisten Schulze-Vorberg über die Ausführungen des Bundeskanzlers, Adenauer, vor der Bundespressekonferenz in Bonn (Auszug)

Auf der ersten Bundespressekonferenz, auf der die Tradition der Pressekonferenzen der Reichsregierung von vor 1930 und 1933 fortgeführt werden soll, sprachen heute Bu[ndes]kanzler Dr. Adenauer und Bu[ndes]wirtschaftsmin[ister] Prof. Erhard.

Dr. Adenauer erklärte, daß heute fast alle deutschen politischen Fragen durch Marshallplan, Ruhrstatut und Hohe Kommissare in die Außenpolitik verstrickt seien und darum besonders vorsichtig behandelt werden müßten. Der Bu[ndes]kanzler betonte sein Bestreben, alle diese Dinge jeweils auf einen möglichst einfachen Nenner zu bringen.

Zur Frage Berlin und der Ostzone werde er am Freitag vor dem Bundestag eine Erklärung abgeben. Berlin sei ein Bollwerk Deutschlands und Westeuropas gegen den Osten. Nach der Zerstörung und Ausplünderung Berlins und nach der Blockade gehe es darum, nicht immer Löcher zu stopfen, sondern Berlin in die Lage zu setzen, sich selbst wirtschaftlich zu erhalten. Darum fänden jetzt in Bonn Besprechungen mit Vertretern des Berliner Magistrats und der Berliner Wirtschaft statt. Das sei aktivste Berlinpolitik.

Obgleich die Länder der Ostzone die Bundesregierung de jure nicht anerkannt hätten, führen Eisenbahn und Post hinüber und herüber. Es bestünden also de facto Beziehungen. Meldungen, daß der Außenminister der Ostregierung Dertinger einen Besuch in Westdeutschland abstatten will, bezeichnete der Bundeskanzler als sensationelle Mache.

In bezug auf die Besetzung der Staatssekretariate verfahre er bewußt langsam, um sorgfältig zu suchen und um möglichst geeignete Persönlichkeiten dafür zu finden. Für außenpolitische Fragen werde innerhalb der Bundeskanzlei ein eigenes Staatssekretariat errichtet. Dr. Adenauer betonte ausdrücklich, daß das mit der Bildung der Ostregierung nicht das geringste zu tun hätte. Bei der Behandlung der Demontagefrage bedauerte Dr. Adenauer, daß Frankreich z.Zt. keine Regierung habe und darum keine definitiven Beschlüsse im Augenblick gefaßt werden könnten. Wünschenswert sei, wenn die Demontage zwischenzeitlich verlangsamt würde. Dr. Adenauer gab dann bekannt, daß Dr. Walter Bauer der internationalen Ruhrbehörde als deutscher Beobachter benannt worden sei. Der Bundeskanzler war der Ansicht, daß Deutschland zu gegebener Zeit die Ruhrbehörde und das Ruhrstatut anerkennen solle unter der Voraussetzung, daß dadurch der Anfang einer europäischen wirtschaftlichen Zusammenarbeit gemacht sei. Dr. Walter Bauer käme nicht aus dem Ruhrgebiet, und man habe bewußt einen solchen Mann genommen, damit man sich mit der Ruhrfrage nicht zu früh festlege. [...]

Schulze-Vorberg

Quelle: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung. Pressearchiv F 1/30.