20. April 1951: Ansprache des Bundeskanzlers auf der Pressekonferenz

Meine Damen und Herren!

Über den Inhalt des Schumanplanes zu sprechen nach der wirtschaftlichen Richtung hin, ist heute nicht die Zeit. Es handelt sich um ein sehr umfangreiches Vertragswerk, an dem die Delegationen der sechs Schumanplan-Länder ja viele Monate mit großer Hingebung gearbeitet haben, so dass man den Inhalt nicht in wenigen Sätzen wiedergeben kann.

Ich möchte, zumal der Herr Staatssekretär Hallstein auch noch nachher das Wort ergreifen wird, einige Sätze darüber sagen. Es wird ein Gebiet, das von 160 Millionen Menschen bewohnt ist, zu einer einheitlichen Wirtschaft auf dem Gebiet von Kohle, Stahl und Eisen zusammengeschlossen. Das ist ein Vorgang, meine Damen und Herren - ich spreche zunächst vom wirtschaftlichen Gebiet, in wirtschaftlicher Hinsicht -, der auch in der Geschichte unserer Zeit kein Beispiel hat. Wer darunter zu leiden haben wird in erster Linie, meine Damen und Herren, das sind die Wirtschaftsministerien der sechs verschiedenen Länder. Weder die Arbeit der Verwaltung der Unternehmungen, noch die Stellung der Arbeitnehmer wird irgendwie besonders beeinträchtigt werden. Aber da ja eine übernationale oder eine supranationale Organisation geschaffen wird, werden alle sechs Unterzeichner des Schumanplanes von ihrer Souveränität abgeben, übertragen auf diese übernationale Organisation, und dann werden in erster Linie die Leidtragenden sein die Bürokratien der verschiedenen Wirtschaftsministerien, nicht nur des deutschen Volkes, sondern aller sechs Länder. Wir rechnen zuverlässig damit, dass nach einer gewissen Anlaufszeit eine Verbilligung und Verbesserung der Produktion eintreten wird, dass eine Steigerung des Verbrauches an Eisen und Stahl die Folge sein wird und dass letzten Endes in wirtschaftlicher Beziehung - da Eisen, Stahl und Kohle ja die Grundlage des gesamten Wirtschaftsleben bilden - die Volkswirtschaften aller Schumanplan-Länder gewinnen werden. Eines möchte ich auch noch hier besonders betonen. Nach dem Zusammenschluss wird der zur Wiederherstellung und zum Ausbau absolut notwendige amerikanische Kredit sehr viel leichter zu erhalten sein, als wenn dieser Zusammenschluss nicht erfolgt wäre. Man kann wirklich mit voller Überzeugung sagen, meine Damen und Herren, dass die gesamte europäische Wirtschaft durch diesen Zusammenschluss eine starke Kräftigung und Befestigung erhalten wird. Sehr erfreulich ist es, dass es gelungen ist, wohl die letzten Bedenken, die auf deutscher Gewerkschaftsseite bestanden haben, zu zerstreuen, so dass man annehmen kann - man ist dazu vollkommen berechtigt -, dass der Deutsche Gewerkschaftsbund und dass auch die Fachgewerkschaften für Eisen und für Kohle den Schumanplan positiv beurteilen und bereit sind, bei seiner Ins-Leben-Setzung mitzuarbeiten.

Meine Damen und Herren! Wir hatten ja einige besondere Fragen dort zu erledigen. Da war vor allem die Saarfrage. In der Saarfrage ist es ja so, dass Frankreich auf dem Standpunkt steht, die gegenwärtigen Zustände an der Saar seien rechtlich legitimiert. Wir stehen auf dem Standpunkt, dass sie rechtlich nicht legitimiert sind. Die französische Regierung und die Bundesregierung sind sich aber beide darin einig, dass die endgültige Regelung der Verhältnisse an der Saar dem Friedensvertrag oder dem Vertrag, der nun die Funktion des Friedensvertrages eines Tages erfüllen wird, vorbehalten bleiben muss. Beide Regierungen und auch die Regierungen der vier anderen Schumanplan-Länder sind sich darin auch einig gewesen, dass die Produktion des Saargebietes sowohl hinsichtlich der Kohle wie hinsichtlich des Eisens vom Schumanplan erfasst werden muss. Und nun galt es, meine Damen und Herren, eine Regelung zu finden, die den beiderseitigen Standpunkten, sowohl den der französischen Regierung wie der Bundesregierung - wie ich ihn eben kurz skizziert habe - Rechnung trägt. Ich glaube, dass es uns gelungen ist, da den richtigen Weg zu finden.

Meine Damen und Herren! Wenn man Verträge schließt, muss man naturgemäß auch immer daran denken, dass der andere Kontrahent auch Opposition hat, dass nicht nur die deutsche Bundesregierung glücklicher Besitzer einer Opposition oder Nichtbesitzer einer Opposition ist. Daher müssen die Verhandlungen so geführt und der Abschluss so gemacht werden, dass beide Regierungen sowohl vor ihrer Mehrheit, vor ihrer Koalition, wie vor ihrer Opposition bestehen können, vorausgesetzt natürlich, dass die Opposition einen bestehen lassen will. Ich bin der Auffassung - ich will Ihnen nicht die Einzelheiten jetzt vorlesen, Sie werden sie noch bekommen -, aber ich bin der Auffassung, dass die Lösung sehr glücklich ist. Was zunächst die Anwendung des Schumanplans auf das Saargebiet, auf die Produktion des Saargebietes angeht, so ist darüber in den Vertrag folgender Passus aufgenommen worden:

"Der vorliegende Vertrag ist auf die europäischen Gebiete der hohen Vertragschließenden Mächte anwendbar. Er ist gleichfalls anwendbar auf die europäischen Gebiete, deren Auswärtige Beziehungen ein Vertragsstaat übernimmt. Was die Saar betrifft, so ist ein Schriftwechsel zwischen der Regierung der Bundesrepublik Deutschland und der Regierung der französischen Republik dem vorliegenden Vertrag beigefügt."

Meine Damen und Herren! Dass die französische Regierung die Auswärtigen Beziehungen sogar verschiedener Territorien wahrnimmt, ist eine Tatsache. Sie nimmt aber - das will ich nicht etwa als Begründung jetzt anführen, sondern nur auch so als eine kleine Paraphe, als einen kleinen Strich dabei -, sie nimmt z. B. auch die Auswärtigen Beziehungen des Fürstentums Monaco wahr. Sie nimmt auch wahr die Auswärtigen Beziehungen des Saargebietes, und daran können wir Deutsche leider nichts ändern. Aber in diesem Briefwechsel hat die Deutsche Bundesregierung folgendes gesagt:

"Herr Präsident! (Das ist Schuman) Die Vertreter der Bundesregierung haben bei den Verhandlungen über die europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl wiederholt die Erklärung abgegeben, dass die endgültige Regelung des Status der Saar nur durch den Friedensvertrag oder einen gleichartigen Vertrag erfolgen kann. Sie haben ferner bei den Verhandlungen die Erklärung abgegeben, dass die Bundesregierung durch die Unterzeichnung des Vertrages keine Anerkennung des gegenwärtigen Status an der Saar ausspricht. Ich wiederhole diese Erklärung und bitte, mir zu bestätigen, dass die französische Regierung mit der Bundesregierung darüber übereinstimmt, dass die endgültige Regelung des Status der Saar nur durch den Friedensvertrag oder einen gleichartigen Vertrag erfolgt und dass die französische Regierung in der Unterzeichnung des Vertrages über die europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl durch die Bundesregierung keine Anerkennung des gegenwärtigen Status an der Saar durch die Bundesregierung erblickt." Sie sind sich über die Bedeutung des letzteren Satzes klar.

Darauf hat Minister Schuman geantwortet:

"Herr Bundeskanzler! In Beantwortung Ihres Schreibens vom 18.4.1951 nimmt die französische Regierung zur Kenntnis, dass die Bundesregierung dadurch, dass sie den Vertrag über die europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl unterzeichnet, den augenblicklichen Status an der Saar nicht etwa anerkennt. Die französische Regierung erklärt gemäß ihres eigenen Standpunktes, dass sie im Namen des Saargebietes auf Grund seines augenblicklichen Status handelt, dass sie aber in der Unterschrift der Bundesregierung unter den Vertrag keine Anerkennung des augenblicklichen Status des Saargebietes durch die Bundesregierung erblickt. Sie ist nicht der Auffassung, dass der Vertrag über die europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl den Status des Saargebietes präjudiziert, dessen Regelung durch den Friedensvertrag oder einen gleichartigen Vertrag erfolgt."

Ich glaube, meine Damen und Herren, dass durch die Fassung des Artikels 81 und durch den Briefwechsel - die Briefe sind Annex des Vertrages -, dass dadurch die Einbeziehung des Saarraumes in den Schumanplan erfolgt in einer Weise, die wir von unserem Standpunkt aus durchaus mitmachen können. Ich darf nochmals wiederholen: Wir haben erklärt: Wir erkennen den gegenwärtigen Status an der Saar nicht an, und die französische Regierung hat uns geantwortet, dass auch sie in unserer Unterschrift keine Anerkennung des augenblicklichen Status des Saargebietes durch die Bundesregierung erblickt.

Die Verhandlungen, meine Damen und Herren, waren nicht ganz einfach. Aber ich freue mich, dass es gelungen ist, sie bezüglich der Saar so zu Ende zu führen. Und gestatten Sie mir noch ein Wort hinzuzufügen. Wenn jetzt, sobald der Schumanplan effektiv geworden ist, die Saarkohle und das Saareisen europäische Kohle und europäisches Eisen geworden ist, genau so gut wie die Kohlen und Eisen der anderen Schumanplan-Länder, dann entfällt für Frankreich ein ganz wesentlich und nicht ungerechtfertigter wirtschaftlicher Gesichtspunkt, den es hatte bei der Politik, die es der Saar gegenüber betrieben hat. Ich habe die feste Überzeugung, dass der Abschluss des Schumanplanes geradezu dazu beitragen wird, dass eines Tages die Verhältnisse an der Saar in einer vernünftigen und guten und, meine Damen und Herren, dem Willen der Saarbevölkerung selbst entsprechenden Weise geregelt werden.

Ein weiterer Punkt, meine Damen und Herren, der an sich schon durch die Verhandlungen der Delegationen und von Regierung zu Regierung weitgehend geklärt war, und der im letzten Augenblick plötzlich - oder nachträglich vielmehr - eine gewisse erregende Bedeutung bekam, aber das ist ja auch schon wieder vorüber, war die Frage des Ruhrstatus. Ruhrstatus, meine Damen und Herren, und Schumanplan vertragen sich einfach nicht miteinander. Es kann nicht eine Ruhrbehörde über die Produktion an der Ruhr verfügen und die hohe Autorität, die der Schumanplan vorsieht, die aus Vertretern aller Schumanplan-Länder besteht, das gleiche tun. Nun ist leider ja Großbritannien nicht Mitglied der Schumanplan-Organisation. Auf der anderen Seite ist aber Großbritannien nun mit ein tragendes Mitglied des Ruhrstatus. Wir haben schon vor einigen Tagen folgende Lösung bezüglich des Ruhrstatus gefunden:

Herr Präsident Schuman hat unter dem 18. April folgenden Brief an mich gerichtet, der bisher der Öffentlichkeit nicht mitgeteilt worden ist, der aber seinem Inhalt nach, da er schon länger besprochen worden ist, ja doch bekannter ist, als man glaubt:

"Herr Bundeskanzler! Im Augenblick der Beendigung der Besprechungen über den Schumanplan ist es mir ein Bedürfnis, Ihnen zu sagen, wie sehr die französische Regierung die besonders freundliche Atmosphäre zu schätzen weiß, in der sich die Verhandlungen abgespielt haben und zu einem glücklichen Abschluss gelangt sind.

Die heute unterzeichneten Abkommen schaffen eine europäische Gemeinschaft von übernationalem Charakter. Sie verwirklichen die Zusammenlegung der Produktionsmöglichkeiten für Kohle und Stahl in den sechs Ländern unter der Autorität der Gemeinschaft und im Interesse aller beteiligten Länder auf der Grundlage völliger Gleichberechtigung. Sie eröffnen damit eine neue Ära in den Beziehungen zwischen den beteiligten Ländern und stellen einen entscheidenden Abschnitt auf dem Wege zu der europäischen Integration dar. (Jetzt kommt der wichtigste Passus.) Die Deutschland auf dem Gebiete der Kohle und des Stahls auferlegten besonderen Verpflichtungen - und das ist das Ruhrstatut - sind nach Auffassung der französischen Regierung nicht mehr mit den gemeinsamen Regeln vereinbar, denen alle Unterzeichnerstaaten des Vertrages in gleicher Weise unterworfen sind.

Die französische Regierung ist demgemäß vorbehaltlich der Zustimmung der beteiligten Regierungen der Auffassung, dass die folgenden Maßnahmen getroffen werden müssten:

1) Die gegenwärtige von der Ruhrbehörde ausgeübten Funktionen müssen in dem Maße erlöschen, in dem die Hohe Behörde die Befugnisse zur Ausführung ihrer Zuständigkeit gemäß dem Abkommen über die Übergangsbestimmungen erhält. Die Ruhrbehörde und das Londoner Abkommen vom 28.4.1949, mit welchem sie eingesetzt wurde, müssten sodann im Einvernehmen mit den Unterzeichnerstaaten spätestens mit der Errichtung des gemeinsamen Marktes für Kohle außer Kraft treten.

2) Soweit es sich um die Stahlproduktion und die Produktionskapazität für Stahl handelt, dürfte Deutschland nur noch den auf alle Unterzeichnerstaaten gemeinsam anwendbaren Regeln unterworfen sein. Demgemäß müssten die Beschränkungen für die Produktion und die Produktionskapazität Deutschlands für Stahl bei Inkrafttreten des Vertrages aufgehoben werden.

3) Die Hohe Kommission müsste darauf verzichten, für sich selbst und für die ihr angegliederten Stellen einschließlich der Kontrollgruppen diejenigen ihrer Funktionen auf dem Gebiet von Kohle und Stahl auszuüben, für welche die Hohe Behörde die Zuständigkeit erhalten hat, und zwar in dem Maße, in dem diese ermächtigt sein wird, diese Zuständigkeit gemäß der Konvention über die Übergangsbestimmungen auszuüben.

Die Gesamtheit der in diesem Schreiben vorgesehenen Maßnahmen würde spätestens mit der Errichtung des gemeinsamen Marktes in Kraft treten. Die französische Regierung beabsichtigt außerdem, nach Unterzeichnung des Vertrages sowohl bei den Unterzeichnermächten des Londoner Abkommens als auch bei den übrigen Besatzungsmächten die Schritte zu unternehmen, die zur Erwirkung ihrer Zustimmung zu den vorstehenden Maßnahmen erforderlich sind."

Meine Damen und Herren! Dieses Schreiben konnte gestern oder vorgestern deswegen noch nicht der Öffentlichkeit mitgeteilt werden, weil die britische Regierung, die ja nicht an den Verhandlungen teilnimmt, die aber zu den Teilnehmerstaaten des Londoner Abkommens, auf dem die Beschränkungen der Stahlproduktion, auf dem die Kontrollgruppen und auf dem die Ruhrbehörde beruht, vorher ins Bild gesetzt werden musste. Das ist in der Zwischenzeit geschehen, und die britische Regierung ist damit einverstanden, wie heute von dem britischen Hohen Kommissar mitgeteilt worden ist, dass dieser Brief der französischen Regierung der Öffentlichkeit übergeben wird.

Meine Damen und Herren! Der Inhalt des Schumanplans ist wirtschaftlich sicher von größter Bedeutung, aber von noch größerer Bedeutung ist der ideelle Gedanke, der ihm zugrunde liegt, und, meine Damen und Herren, der in ihm zum Ausdruck gekommen ist. Dieser ideelle Gedanke ist der, eine wahrhafte Gemeinschaft der europäischen Länder zu schaffen auf dem Fuße völliger Gleichberechtigung. Gemeinschaft gibt es nur dann, wenn alle Glieder, alle Mitglieder der Gemeinschaft gleichberechtigt sind. Und dieser ideelle Gedanke ist von denkbar größter Tragweite für die deutsche Politik, für die französische Politik und für die europäische Politik und für die Weltpolitik. Ich glaube, jeder, dem die Sache Europa mehr ist als ein bloßes Schlagwort, mehr ist als ein Propagandawort, sondern dem die europäische Sache eine heilige Angelegenheit ist, kann die Unterzeichnung des Schumanplans nur mit tiefster innerer Befriedigung begrüßen und gutheißen.

Ich bin der Auffassung, der Überzeugung, dass die Unterzeichnung des Schumanplans sich weiter auswirken wird auf den verschiedensten politischen Gebieten und dass der Gedanke der Gemeinschaft gleichberechtigter europäischer Nationen einen Triumphzug in der Folge feiern wird und feiern kann. Er hat schon am letzten Tag der Beratungen zu einem großen Erfolg geführt, in dem von den sechs Schumanplan-Ländern ein gemeinsamer Beschluss gefasst worden ist, der von allen unterschrieben ist, in dem man sich gegenseitig zusagt, dass dieser Gedanke, der dem Schumanplan zugrunde liegt und den ich Ihnen eben kurz entwickelt habe, mit ganzer Kraft von den Ländern auch auf anderen Gebieten weiter gefördert werden soll, durch häufigere Konsultationen und persönliche Fühlungnahmen. Ich mache Sie auf das Wort "Konsultationen" sehr nachdrücklich aufmerksam. Das ist ein Wort, das einen ganz bestimmten Inhalt im Völkerrecht und in der Diplomatensprache hat. Für uns Deutsche ist diese Zusage häufigerer Konsultationen unter den Schumanplan-Ländern über wichtige politische Angelegenheiten ein ganz großer außenpolitischer Erfolg, über den das deutsche Volk sich herzlichst freuen muss.

Und nun lassen Sie mich noch einige Arabesken zeichnen. Zunächst möchte ich Ihnen sagen, dass die Atmosphäre auf der Konferenz von einem Geist erfüllt war, wie man ihn sich nur wünschen konnte. Freundschaftliche Wärme, so möchte ich diesen Geist kennzeichnen, und Sie sehen es wohl am besten daraus, dass alle Beschlüsse einstimmig gefasst worden sind. Kein einziges Land ist irgendwann einmal überstimmt worden, sondern man hat immer versucht und mit Glück und Erfolg versucht, Einstimmigkeit herbeizuführen.

Die Konferenz war durch die Arbeit der Delegationen in hervorragender Weise vorbereitet, die Atmosphäre, wenn auch auf den Tagungen der Delegationen diese politischen Fragen zurückgestellt worden waren. Wir müssen insbesondere unserer Delegation herzlich danken für die hingebende Tätigkeit, die sie in den vergangenen Monaten ausgeübt hat. Man konnte diese Tätigkeit wirklich nur dann ausüben, wenn man den ideellen Kern des Ganzen, den ideellen Gehalt sich immer vor Augen hielt, und vor allem daran dachte, dass, während Eisen und Stahl in den früheren Jahrzehnten und Jahrhunderten von den europäischen Völkern dazu gebraucht worden ist, um sich gegenseitig zu töten, jetzt Eisen und Stahl dazu gebraucht werden soll, um eine wirkliche Gemeinschaft der europäischen Völker herbeizuführen. Es liegt mir sehr am Herzen, meine Damen und Herren, herzlich zu danken dem Herrn Außenminister Schuman. Er hat die Verhandlungen geleitet in einer nicht zu übertreffenden Unparteilichkeit, mit außerordentlich großem Verantwortungsgefühl und mit Wohlwollen und mit Sympathie gegenüber allen Teilnehmerstaaten, insbesondere auch, meine Damen und Herren, gegenüber Deutschland. Ich möchte heute auch hier danken Herrn Jean Monnet. Herr Monnet hat mit der gerade ihm besonders eigenen Energie - er und seine Mitarbeiter - immer und immer wieder in den vergangenen Monaten und auch in den vergangenen Tagen dafür gesorgt, dass ein gutes Ende schließlich erreicht worden ist.

Unserer Delegation danke ich vor allem, und ich danke insbesondere auch ihrem Führer, Herrn Staatssekretär Hallstein. Vergessen wir nicht, meine Damen und Herren, dass wir Deutsche zum ersten Male mitberufen worden waren, zu einer solch großen internationalen Arbeit, und vergessen wir nicht, dass noch vor einem Jahre - und ungefähr vor einem Jahre hat die Arbeit angefangen - doch gegenüber den Deutschen eine Zurückhaltung allenthalben bestand, die begreiflich und verständlich ist nach alledem, was vorangegangen war. Damit möchte ich auch ein Wort zu der Atmosphäre sagen, wie ich sie dort angetroffen habe: In der Außenministerkonferenz von vornherein steigende Wärme und steigende Freundschaft. Und Sie wissen genau, dass gerade das persönliche Verhältnis und das persönliche Vertrauensverhältnis der Staatsmänner der verschiedenen Länder untereinander auch für politische Fragen von größter Bedeutung ist. Wenn man dem anderen traut, wenn man Sympathie für ihn hat, wenn man seine Motive, seine Bestrebungen anerkennt und billigt, dann ist die Arbeit eine ganz andere, als wenn eine schlechte Atmosphäre herrscht. Ich habe mit Leuten in Paris gesprochen, die schon mancher Konferenz beigewohnt haben in der Vergangenheit, die auch den zahlreichen Konferenzen beigewohnt haben, auf denen Deutschland nach dem Jahre 1918 vertreten war; und sie haben übereinstimmend gesagt, dass der Unterschied im Geiste der Konferenz, der Atmosphäre, gegenüber damals und heute gar nicht hoch genug eingesetzt werden könne; ein ganz anderer Geist gegenüber Deutschland und ein ganz anderes Verhältnis.

Lassen Sie mich noch einmal wiederholen, was ich in verschiedenen Interviews gesagt habe: Ich bin ja nicht viel durch Paris gekommen, aber der Herr Botschafter François-Poncet hat am ersten Tage einmal einen einstündigen Spaziergang mit mir gemacht über die Boulevards und den Champs Elyseés, und wir waren von Schutzengeln in genügender Zahl betreut und daher sofort erkenntlich für jeden. Ich habe bei keiner einzigen Person, die stehenblieb und uns betrachtete, etwas anderes gesehen als zunächst ein gewisses Gefühl der Neugierde, aber, je länger unser Aufenthalt dauerte, desto freundlicher waren die Gesichter der Leute, denen man begegnete. Und Sie wissen auch - ich darf es noch einmal wiederholen - wie rührend es gewesen ist, dass ein junges Mädchen mir in meinem Hotel das Kriegskreuz ihres verstorbenen Vaters gebracht hat, der am Kriege 1914-18 teilgenommen hat. Das junge Mädchen hatte gar keine Bitte an mich, sondern sie handelte aus einem gewissen Impuls heraus und sie hat das Kriegskreuz bei mir abgegeben im Hotel in meiner Abwesenheit, und dazu geschrieben, dass sie nur den Wunsch hätte, mir dieses Kriegskreuz ihres Vaters zu übermitteln zum Zeichen, dass die Völker sich versöhnen müssten, und sie schrieb dabei: "Friede den Menschen, die eines guten Willens sind!"

Ich habe sie nachher empfangen, einige Tage darauf, und mit ihr gesprochen, und ich habe auch da den Eindruck bekommen, dass doch in weitesten Kreisen des französischen Volkes der wirklich gute Wille vorhanden ist, mit Deutschland zusammenzuarbeiten, und nicht nur mit uns zusammenzuarbeiten, sondern alles zu tun, damit eine Gemeinschaft zwischen den beiden Völkern entsteht, die eine Wiederholung vergangener Zeiten ein für allemal unmöglich macht.

Ich glaube, man tut dem französischen Volk, man tut der französischen Regierung, man tut dem Botschafter François-Poncet - dem ich auch an dieser Stelle sehr herzlich danken muss für alles das, was er getan hat, für die sympathische Art, mit der er dafür gesorgt hat, dass die Delegation in Paris aufgenommen worden ist -, man tut all denen Unrecht, wenn man sich zu dem absurden Wort versteift - ich habe keinen anderen Ausdruck dafür -, dass der Schumanplan nichts anderes bedeutet, als eine Verewigung des französischen Besatzungsstatuts.

Meine Damen und Herren! Das stellt nicht nur die Dinge geradezu hundertprozentig auf den Kopf, sondern das ist gegenüber dem französischen Volk und gegenüber der französischen Regierung und dem französischen Außenminister eine Insinuation, die ich schärfstens hier als Bundeskanzler zurückweisen muss.

Und einen letzten Gedanken lassen Sie mich noch aussprechen: Dieser Zusammenschluss von zunächst sechs westeuropäischen Staaten ist ein Zeichen dafür, dass dieses Europa doch die gegenwärtige Weltlage erkennt und die Kraft hat, ihr durch Zusammenschluss ihrer Macht entgegenzutreten, nämlich der Bedrohung aus dem Osten. Stellen Sie sich bitte vor, und nur auf diese Weise kann man oft die wirkliche Bedeutung einer Tatsache erkennen -, stellen Sie sich bitte vor, welcher Triumph, welches Triumphgeschrei geradezu bei der SED und vor allem in Sowjetrussland ertönen würde, wenn der Schumanplan nicht zustande gekommen wäre. Und stellen Sie sich bitte weiter vor, welchen vernichtenden Eindruck von europäischer Schwäche man in den Vereinigten Staaten bekommen hätte, wenn der Schumanplan nicht zustande gekommen wäre. So glaube ich, dass das Zustandekommen des Schumanplanes nicht nur denjenigen, die vom Osten her auf Westeuropa drücken, ein klarer Beweis dafür ist, dass dieses Westeuropa noch Manns genug ist, sich zusammenzufinden. Ich glaube weiter, dass wir dadurch auch in den Vereinigten Staaten den Eindruck vertieft haben, dass Europa wert ist, gerettet zu werden gegenüber dem Osten. Daher glaube ich, dass wir der Sache des Friedens in der Welt einen großen Dienst getan haben, als wir den Schumanplan unterzeichneten.

Quelle: StBKAH 16.07.