10. Mai 1921: Protokoll der Vorstandssitzung der Reichstagsfraktion der Deutschen Zentrumspartei

Trimborn kam direkt vom Reichspräsidenten, zu dem er auf 9 Uhr gebeten gewesen war. Der Reichspräsident habe mitgeteilt, dass die Sozialdemokraten wohl eintreten würden. Im übrigen habe er es abgelehnt, die Annahme des Ultimatums durch das alte Kabinett bewirken zu lassen. Er verlange bis 13 Uhr die Entscheidung der Parteien, um das Kabinett bilden zu können, er lehne es ab, sich vor ganz Europa zu blamieren, und werde eventuell sein Amt niederlegen.

Er begrüßte sodann Oberbürgermeister Adenauer, dem er das Wort erteilte. Dieser [Adenauer] erklärte sich grundsätzlich bereit zur Annahme, er müsse aber folgende Bedingungen stellen:

1. Die Parteien müssten seinem Steuerprogramm, vor allem den indirekten Steuern, zustimmen unter Aufhebung der Novelle zum Einkommensteuergesetz.

2. Es dürfe in nächster Zeit nicht sozialisiert werden.

3. Die neunte Arbeitsstunde müsse eingeführt werden.

4. Er müsse sich seine Minister unabhängig von den Parteien wählen und später eventuell wechseln können.

Er halte nur unter solchen Bedingungen es für möglich, einen ernsten Versuch zu machen, das Wiedergutmachungsproblem zu lösen. Die Bedingungen seien nicht etwa gestellt als verklausulierte Ablehnung.

Darauf machte Spahn die kurze Bemerkung, dass wir dann wohl auf Wirth zurückgreifen müssten.

Trimborn führte aus, dass das Programm des Herrn Adenauer durchaus richtig sei, aber formell nicht durchführbar. Die Parteien würden sich nicht von vornherein darauf festlegen. Es könne wohl der Versuch gemacht werden, dieses Programm später durchzuführen und die Parteien dafür zu gewinnen. Bis 13 Uhr sei die Zeit hierfür zu kurz. Er dankte Herrn Adenauer für sein Erscheinen, und man ging zur Erörterung der Frage Wirth über.

Von ten Hompel und Stegerwald wurde geltend gemacht, dass Wirth nicht die nötigen Verbindungen nach rechts besitze. Zur Durchführung des Ultimatums sei aber eine breite Basis nötig. Wirth würde sicherlich auch nur eine neutrale Haltung der Rechtsparteien erwirken können.

Inzwischen war Wirth, der morgens schon zum Reichspräsidenten gerufen [worden] war, erschienen. Der Reichspräsident hatte sich offenbar schon ziemlich weit auf Wirth festgelegt. Merkwürdigerweise bestätigte Trimborn später, dass er bei Ebert von der Kandidatur Adenauer gar nicht gesprochen habe (es kann auch sein, dass ich dieses aus anderen Umständen festgestellt habe), so dass man den Eindruck gewann, dass auch Trimborn und Spahn sich schon sozusagen auf Wirth festgelegt hatten oder haben festlegen lassen. Hieraus wäre auch das eigenartige Verhalten Adenauer gegenüber zu erklären, demgegenüber man gar keinen weiteren Versuch machte, seine Bedingungen in der gezeigten Form abzuändern. Stegerwald und andere, die ihn gesprochen, hatten den Eindruck, dass die Kandidatur so durchaus seriös war und dass es nur eines ernstlichen Versuches bedurft hätte, um dieselbe zu verwirklichen. Stegerwald, der auch entschieden auf dem Standpunkt stand, dass nur durch Adenauer, nicht aber durch Wirth eine breite Basis für die Ausführung des Ultimatums geschaffen werden könne, war über die Behandlung Adenauers außerordentlich erregt.

Quelle: NL ten Hompel 16. Maschinenschrift. Abgedruckt in: Die Protokolle der Reichstagsfraktion der Deutschen Zentrumspartei 1920-1925. Bearb. von Rudolf Morsey und Karsten Ruppert. Mainz 1981, S. 196f.