14. November 1923: Besprechung zwischen dem westdeutschen Verhandlungsausschuss und dem Präsidenten der Interalliierten Rheinlandkommission Tirard in Koblenz

Bei der am Mittwoch, dem 14. d. Mts., stattgehabten Besprechung des soge­nannten Verhandlungsausschusses bei Herrn Tirard ist nach Darstellung von einem Teilnehmer folgendes besprochen worden:

Tirard erklärte, daß Frankreich nicht an eine Annexion denke. Das Rhein­land solle ein deutscher Staat bleiben mit voller Zugehörigkeit zum Deut­schen Reiche. Die Art und Weise, wie diese Zugehörigkeit geregelt werde, müsse dem freien Bestimmungsrecht der Rheinländer überlassen bleiben, sie wollten sich hier nicht hineinmischen. Auf die Frage eines Teilnehmers: „Also auch freie Abstimmung der Bevölkerung?", erfolgte die Antwort: „Grund­sätzlich ja, aber die legalen Formalitäten Ihrer Auffassung dauern wohl etwas lange, und es müßte vielleicht hier ein anderer Weg der Volksbefragung ge­funden werden."

Lange wurde über die Separatistenfrage gesprochen, seitens der deutschen Sprecher in dringlicher Weise auf die Minderwertigkeit der Separatistenführer und auf die ganzen unhaltbaren Zustände hingewiesen. Daraufhin erfolgte eine ziemlich ausweichende Antwort: „Es müsse etwas anderes an die Stelle der jetzigen Separatisten treten, die Gendarmerie in Mayen sei an­gewiesen, daß keine Requisitionen mehr seitens der Separatisten geduldet würden; was er, Tirard, noch mehr machen könne?", worauf, obwohl dies eine rhetorische Frage war, deutscherseits die Antwort erfolgte: „Herr Präsident, veranlassen Sie eine Ordonnanz, wonach jedem das Waffentragen ver­boten wird." Erst dann könne man zu einem friedlichen Verhältnis zu den Besatzungsmächten kommen. An und für sich sei das Rheinland bereit, eine Brücke für den Frieden zwischen Frankreich und dem unbesetzten Deutsch­land zu bilden, unter den jetzigen Verhältnissen sei dies aber ganz ausge­schlossen. Im Ganzen war Tirard ausweichend und zurückhaltend, wenn auch durchaus höflich und liebenswürdig in der Form.

Am Freitag, heute in acht Tagen, soll eine neue Besprechung stattfinden. Tirard wurde deutscherseits gebeten, zwecks Erleichterung eines deutschen Entwurfs doch die französischen Forderungen und Wünsche zu präzisieren, auch damit die Verwaltung im besetzten Gebiet Wege finde, eine Lösung her­beizuführen. Tirard griff die Ideen mit der Verwaltung auf und meinte, die endgültige Lösung würde sicher nicht durch eine verstärkte Selbstverwal­tung zu finden sein. Eine solche Lösung würde von der öffentlichen Meinung Frankreichs als „Camouflage" betrachtet werden, er könne sich natürlich nicht in Gegensatz zur öffentlichen Meinung Frankreichs setzen. Damit deu­tete Herr Tirard ohne Zweifel auf die Notwendigkeit der Bildung eines eige­nen Staatswesens hin. Im Laufe der Unterhaltung erwähnte, wie ein anderer Teilnehmer berichtet, Tirard ferner die Möglichkeit der Verminderung der Besatzungstruppen von 7 auf 5 Divisionen, falls es zu einer Verständigung komme.

Die rheinische Industrie müsse sich vorzugsweise nach dem Osten einstellen. Als ihm die Zollgrenze vorgehalten wurde, meinte er, diese könne vielleicht in eine Kontrollinie verwandelt werden. Die Zulassung der Rentenmark wurde von ihm, wenn auch anscheinend nicht bindend, in Aussicht gestellt. Am Samstag soll der Verhandlungsausschuß in der Reichskanzlei vorsprechen und am Samstag abend, soviel mir bekannt ist, der große 21er-Ausschuß. Was die gestrige Besprechung von Herrn Geheimrat Hagen bei Tirard anbe­langt, so scheint Herr Hagen der Meinung zu sein, daß ein Einverständnis mit den Franzosen, wenn auch unter Umarbeitung des bisherigen Goldbank­entwurfs, zustande kommen wird. Heute wird darüber weiter verhandelt.

Quelle: Protokoll vom 16. November 1923. AA IIa Bes. Gebiete Übergangsregelung. Abschrift. Abgedruckt in: Erdmann, Karl Dietrich: Adenauer in der Rheinlandpolitik nach dem Ersten Weltkrieg. Stuttgart 1966, S. 308f.