9. Januar 1924: Stichwortprotokoll der Besprechung in der Reichskanzlei

Reichskanzlei. (Vertrauliche Besprechung am 9.1.24.)

(Marx, Stresemann, Brauns, Luther, Jarres, Adenauer, Stinnes, Vögler, Silverberg).

Adenauer: Rheinlandkommission hat autonome Regierung Pfalz anerkannt. Gesetze registriert. (Widerspruch England). Frankreich war für direkte Anerkennung. (Widerspruch Curzon „Dampfkessel"). Weitere Separatistenschritte zu er­warten. Namentlich im Industriegebiet. Hülfe der Kommunisten. Hunsrück, Mosel, Düren. Stadt- und Landkreise in großer Not.

Politische Lage. Von England nur stärkere Worte zu erwarten. Von Amerika nur finanzielle Hülfe bei Verständigung mit Frankreich zu hoffen. Wenn nicht bald Hülfe besetztes Gebiet und Reichseinheit verloren. Einziger Weg Verständigung mit Frankreich, wenn auch zu teurem Preis. Frankreich hat 2 Forderungen: Sicherung und Reparation. Forderung auf Sicherung berech­tigt und ernst zu nehmen.

Zwei Strömungen in Frankreich: a) Zerstückelung Deutschlands mit Rhein­land als Pufferstaat, b) Westdeutscher Bundesstaat. Lösung b) für Frankreich von großem Vorteil (großer Einfluß auf innerdeutsche Politik; friedliebendes Gebiet, Verflechtung der deutschen und französischen Industrie im Wege der Gegenseitigkeit).

Vom deutschen Standpunkt aus zunächst unerwünscht: Viele hängen an Preu­ßen, Durcheinander würde vermehrt werden und Preußen geschwächt. Aber schwerer Schaden für Deutschland kaum; auch bei Änderung der Weimarer Verfassung wäre Präsidialmacht Preußens im alten Sinne kaum denkbar. Dieser Weg muß gegangen werden, wenn andere Möglichkeit nicht mehr besteht.

21/10: Separatistenputsch Aachen.

24/10: Vers. Barmen.

25/10: Versammlung Hagen.

28/10: Fühlung mit Tirard (Hagen, Mönnig und Meerfeld).

14/11: 15er-Ausschuß bei Tirard.

23/11: Zwei Besprechungen bei Tirard (Moldenhauer: Zweckverband).

29/11: Adenauer bei Tirard (Gemeinschaftliche wirtschaftliche Interessen müssen erstrebt werden. Ausführungen wie oben skizziert (Adenauer) Vorschlag: Tirard soll Vorschläge machen.

29/11: Vorschlag Tirard: Etat autonome confédératif (Principes).

5/12: Sitzung Berlin (Keine weiteren Verhandlungen mit Frankreich!)

6/12: Marx stimmte zu, mit Diskretion Einladung Tirards folgen. Marx: Vorschlag Adenauer theoretisch richtig, praktisch unmöglich. - Früherer Botschafter Laurent, Attaché Arnaud, Hamspohn (AEG).

4/12: Arnaud in Köln bei Adenauer.

A. vollkommen einverstanden mit Adenauers Ansicht. Überzeugt, daß auch Poincaré einverstanden. Poincaré nachher auch Arnaud aus­drücklich ermächtigt. Mitgeteilt, daß Stinnes und Vögler einverstan­den. Wirtschaftsausschuß und Stadt- und Landkreise einverstanden. Gedanken an Arnaud mitgeteilt (schriftlich). (Gleichberechtigter Bundesstaat unter internationaler Garantie, frei von Besatzung und Rhein­landkommission; event. internationale Gendarmerie.) Vögler für Stinnes. Allgemeine Gedanken über Reparation; an Arnaud weitergegeben.

Arnaud an Adenauer, daß Poincaré am 12/12 grundsätzlich einver­standen.

12/12: Adenauer bei Tirard. Einwendungen gegen Vorschlag Tirard (Prin­cipes). Dagegen Adenauer Vorschlag neu begründet. Tirard lehnt Adenauers Vorschlag als undiskutabel ab und will Gegenvorschläge machen. - Einwendungen Poincaré's gegen Laurent:

a) je mehr Rechtsrheinländer, desto gefährlicher für Frankreich.

b) Deutschland ist nie Einheitsstaat gewesen; Pfalz macht Staat nicht mit.

c) Reparation: selbst bei neuem Staat werden wir uns nicht begnü­gen. Okkupation (freundschaftlich!) muß bleiben.

d) Benesch hat gesagt, Deutschland geht in zwei Monaten aus den Fugen. Adenauers Auffassung hat tiefen Eindruck auf Poincaré gemacht.

27/12: Adenauer bei Tirard. Andere Haltung Tirards, offenbar auf Einfluß Poincaré's. Ob mehrere Staaten Sache Deutschlands. Auswärtige Ver­tretung, keine Rekrutierung Reichswehr, rheinische Beamte, aber Bundesstaat. Rheinlandkommission nicht erwähnt, Besatzung nur als Garnison. Reparation: Plan Stinnes mit Frankreich zu erörtern.

31/12: Hamspohn bei Marx (Korrespondenz vorgelegt).

2/1: Adenauer mit Stinnes und Vöogler.

Frage: Sieht Reichsregierung Weg aus Schwierigkeiten?

Marx: Frankreich wird sich der Anfänge bemächtigen und nachher selbst be­stimmen. Bin mißtrauisch wegen Erfolg.

Stresemann: Frage schneidet Wahlfrage an. In Frankreich Auffassung, daß Poincaré Wahl nicht gewinnen wird. Frankensturz. Produktivität des Ruhr­gebiets: Lüge. Einnahme 500.000 Franken, Ausgabe 600.000 Franken. Ver­längerung der Micumverträge ausschlaggebend. Verständigungsneigung in Frankreich allerdings größer. Einengung Poincarés von innen und außen. Cooperation der französischen und deutschen Wirtschaft. Jedenfalls warten, bis nach französischen Wahlen am 5/4. Rheinlandidee würde Poincaré stützen.

Jarres: spricht sich grundsätzlich gegen den Gedankengang Adenauers aus, den er für verhängnisvoll hält.

Stinnes: Jetzt ist Industrie an der Reihe zu verhandeln, aber nicht ohne Auf­trag. Beurteile Sachlage ungefähr wie Adenauer. Bei Abstimmung Mehrheit für Abtrennung jeder Art. Die Erleichterung sichert den Mittelrhein. Gesindel im Industriegebiet (Radek). Es muß mit Poincaré verhandelt werden. Er fällt wie Clemenceau nach dem Friedensvertrage. Regierung darf sich mit Bundesstaat nicht einverstanden erklären. Reparation ist zuerst zu lösen (Standpunkt Poincaré).

1. Reparationsfrage lösen;

2. dann politische Frage lösen.

Deutsche Regierung muß Auftrag nicht verbindlicher Art erteilen.

Die Auffassung der Herren wurde in einer Niederschrift gezeichnet und dem Reichskanzler zu streng vertraulicher Aufbewahrung übergeben.

Quelle: Verfasser vermutlich Jarres. BArch, Nachlass Jarres. Erstschrift. Eigenh. Vermerk von Jarres: „Abschriften aus den Akten der Reichskanzlei". Abgedruckt in: Erdmann, Karl Dietrich: Adenauer in der Rheinlandpolitik nach dem Ersten Weltkrieg. Stuttgart 1966, S. 351-353.

Verhandlungsniederschrift der Besprechung in der Reichskanzlei