30. Oktober 1919: Rede Adenauers anlässlich der Einführung der Kölner Stadtverordneten (Auszug)

[Eingangs betonte Adenauer die Bedeutung der praktischen Arbeit in der Kom­munalverwaltung. Durch den Ersten Weltkrieg stehe diese vor gravierenden Pro­blemen. Der Verwaltungsapparat sei durch den Krieg geschwächt und müsse neu aufgebaut werden. Als kurzfristiges Problem sah er besonders die Versorgung der Bevölkerung im kommenden Winter. Trotz der Bedeutung dieser Fragen für die Bürgerschaft dürfe man die Entscheidungen über langfristig angelegte Pro­jekte nicht vergessen, die für die Entwicklung Kölns von höchster Bedeutung seien.]

Drei Angelegenheiten von allergrößter Tragweite sind im Werden und unterlie­gen schon in Bälde ihrer weiteren Beschlussfassung. Die eine ist die Gestaltung des zwischen der Altstadt und den Vororten sich in einer Größe von 360 Hekt­ar erstreckenden noch unbebauten Geländes. Die Festungseigenschaft Kölns hat die in der Geschichte der Städteentwicklung und des Städtebaues wohl einzig dastehende Tatsache zur Folge gehabt, dass eine riesige Fläche mitten in der Stadt noch unerschlossen daliegt. Das ist eine Gelegenheit, die für den Städtebauer niemals wiederkehrende Möglichkeiten schafft; eine solche Fläche in solcher Lage ruft geradezu nach einer Höchstleistung auf städtebaulichem Gebiet. Der Bebauungsplan, der vor mehreren Jahren für das Gebiet von der Stadtverordneten-Versammlung beschlossen worden ist, wird meines Erachtens der Sache nicht gerecht. Ich habe deshalb der Stadtverordneten-Versammlung vorgeschlagen, diese Pläne wieder aufzuheben, und auf Grund eines von uns erwirkten Spezialgesetzes zu beschließen, die Umlegung des ganzen Gebiets von ungefähr 1100 Besitzstücken und ferner die unentgeltliche Abtretung der Grundflächen, die zur Anlage von etwa 400 Morgen zusammenhängender Grün­anlagen und Wasserflächen nötig sind, durch die Grundstückseigentümer herbeizuführen. Finanzielle Lasten werden hierdurch der Stadt nicht entstehen. Sowohl für die Abtretung der Grundflächen wie für die Kosten der Anlage sollen die Grundstückseigentümer durch Änderung der Bauklassen entschädigt werden. Die Stadtverordneten-Versammlung hat zu meiner lebhaften Genugtuung diesem Antrag stattgegeben. Drei ausgezeichnete Städtebauer, Professor Jansen in Berlin, Professor Schumacher in Hamburg, Bauinspektor Stooß in Köln sind mit der Ausarbeitung von Plänen beauftragt, welche in künstlerischer und sozialer Beziehung den höchsten Ansprüchen genügen sollen, Ansprüchen, die diesen in der Geschichte des Städtebaues einzig dastehenden Möglichkeiten gerecht werden. Mitte November sollen diese Pläne fertig werden; ich hoffe, dass Sie noch im Laufe des Jahres über sie Beschluss fassen können. Sie werden dann Beschluss zu fassen haben über ein Werk, das bestimmt ist - ich übertreibe nicht -, für die nächsten Jahrhunderte dem Angesicht der Stadt Köln sein künstlerisches Gepräge zu geben.

Der Förderung durch Sie harrt dann ein zweites Werk, in seinen Ausmaßen noch größer, in seiner Bedeutung für die kommenden Generationen nicht gerin­ger. Sie wissen, dass die landschaftliche Schönheit der nähern Umgebung Kölns auf der linken Rheinseite nicht groß ist. Vielleicht ist Ihnen aber noch nicht allen bekannt, dass die vorhandenen landschaftlichen Reize in 50 bis 100 Jahren noch weiter stark gemindert werden. Dann sind die Braunkohlenwerke auf dem Vorge­birge erschöpft, und sie werden hernieder steigen in die jetzt noch still daliegende Ebene, um die in dieser liegende Braunkohle im Tiefbau zu gewinnen. In einigen Jahrzehnten werden in dieser nächsten Umgebung Kölns Schlote rauchen und Schachttürme sich emporrecken.

Gegen Schädigung und Beeinträchtigung hierdurch Köln soweit als möglich zu sichern, ist eine absolute Lebensfrage für uns. Das lässt sich noch erreichen ohne uns erdrückende Lasten, wenn wir entschlossen die sich uns bietende Gelegenheit nützen. Rund um Köln zieht sich im Zuge der Militärringstraße der Rayon, zusammen eine Fläche von 16.000 Morgen ausmachend. Sie steht im Werte dem benachbarten Gelände erheblich nach, weil sie durch die Rayonbe­legung der Bebauung und der mit ihr zusammenhängenden Spekulation gegen entsprechende Entschädigung der Grundstückseigentümer bisher entzogen ist. Das Gelände muss dauernd für die Stadt gewonnen werden, auf der rechten Rheinseite zur Anlage von Grünflächen und Siedlungen, und auf der linken Seite eines durchschnittlich 1 Kilometer breiten und 25 Kilometer langen Wald- und Wiesenstreifens. Dieser Wald- und Wiesenstreifen wird die linksrheinische Stadt vor den Braunkohlenbergwerken decken. Er wird ferner in Verbindung gebracht mit dem Vorgebirgs- und Blücherpark, dem Stadtwald, und den an diesen sich anschließenden eben erwähnten, zwischen Köln und den Vororten neu geplanten Grünflächen, die den Bewohnern der linken Rheinseite eine wundervolle Gelegenheit zum Wandern und Spielen geben. Dieser Waldgürtel wird den weitesten Schichten der Bevölkerung zugute kommen, da er zu Fuß durch die eben erwähnten strahlenförmig vom Stadtkern auslaufenden Anlagen mit der Straßenbahn auf den zahlreich schon über die Dorfstraßen laufenden Linien überall leicht erreichbar ist. Wohl war ich mir bewusst, dass es sich hier um ein Projekt auch von großer finanzieller Tragweite handle, als ich Anfang Dezember 1918 bei der Stadtverordneten-Versammlung unter Darlegung obiger Gesichtspunkte beantragte, von der preußischen Landesregierung das Enteignungsrecht für diese Riesenfläche zu verlangen. Die Stadtverordneten-Versammlung hat sich trotz mancher in der Sache liegenden, und von mir nicht verkannten Schwierigkeiten doch der Überzeugung, dass es sich um eine Lebensnotwendigkeit für Köln handle, nicht verschlossen, und meinem Antrag zugestimmt. Das Enteignungsrecht ist uns am 3. Dezember 1918 verliehen worden; die Planoffenlegung ist bereits erfolgt, das Enteignungsverfahren ist eingeleitet.

Inzwischen hat aber die Reichsregierung der Nationalversammlung ein Rayonsteuergesetz vorgelegt, das den Interessen der Festungsstädte nicht gerecht wurde und uns besonders die Verwirklichung unserer Pläne unmöglich gemacht hätte. Durch Vermittlung unsrer Abgeordneten haben wir in Weimar erreicht, dass die Beschlussfassung über dies Gesetz ausgesetzt worden ist, bis ein von uns vorgeschlagenes bodenpolitisches Entfestigungsgesetz, das den besonderen bodenpolitischen Interessen der Festungsstädte Rechnung tragen soll, von der Reichsregierung vorgelegt ist. Die Vorlage dieses Gesetzes ist bald zu erwarten. Es wird den Festungsstädten im allgemeinen und damit auch der Stadt Köln den für ihre Lebensinteressen notwendigen Erwerb des Rayongeländes rechtlich und finanziell ermöglichen. Es wird nicht zulassen, dass die Grundstückseigentümer bei der Enteignung aus der infolge des Krieges bevorstehenden Auflassung der Festungen und Aufhebung der Rayons Gewinn ziehen - das würde ein durch nichts begründeter Kriegsgewinn sein,

(Sehr richtig!)

anderseits wird es Schädigungen der landwirtschaftlichen Betriebe möglichst zu vermeiden und zu mildern suchen, indem dem Kleinbesitz auf Antrag Entschädigung in Land statt in Geld, den Landwirten auch ein Vorpachtrecht auf die enteigneten Grundstücke eingeräumt wird. In Köln wird die Umwandlung des Landes in öffentliche Anlagen ganz allmählich und langsam erfolgen und auch so die Beeinträchtigung der landwirtschaftlichen Betriebe möglichst erträglich gestaltet werden. Von den 16.000 Morgen des Kölner Rayons entfallen auf städtischen, staatlichen und Großgrundbesitz 75 Prozent, auf kleinere Besitzer nur 25 Prozent. In den Kreisen der beteiligten Grundbesitzer hat eine starke Gegnerschaft gegen den Plan eingesetzt. Er darf aber nie und nimmer und unter keinen Umständen zum Scheitern kommen; es ist das für Köln eine Lebensfrage.

Handelt es sich bei diesen beiden, von mir kurz gekennzeichneten Projekten um Angelegenheiten von höchster künstlerischer und sozialer Bedeutung, so komme ich nunmehr zum Schluss zu einer Vorlage, die, wenn nicht alle Zeichen trügen, einem neuen Emporstieg des wirtschaftlichen Lebens unsrer Stadt die Wege ebnen wird. Unsre alte Stadt Köln war im Mittelalter eine der stolzesten und reichsten Hansastädte; ihr Import- und Exporthandel hatte weithin Gel­tung und Bedeutung. Dann schlug der Welthandel andre Wege ein, und unsre Stadt sank langsam herab von ihrer stolzen Höhe; ihre Bewohner verarmten, ihre Häuser und Speicher verödeten. Das 19. Jahrhundert brachte neuen Auf­schwung; mit dem wirtschaftlichen und politischen Emporstieg des Deutschen Reichs wuchsen Handel und Industrie in Köln wiederum mächtig empor. Der Friedensvertrag von Versailles bringt für Deutschland und Europa eine neue wirtschaftliche Epoche und für Köln allem Ermessen nach die Möglichkeit einer besondern wirtschaftlichen Blüte. Ich meine hier nicht die Zustände, die sich infolge der besondern Verhältnisse vor der Ratifikation des Friedens ergeben haben und die in der Hauptsache vorübergehender Natur sind; nein, es handelt sich um eine Entwicklung, die tiefer wurzelt, die von bleibenden wirtschaftlichen Faktoren getragen wird.

Der Friedensvertrag enthält wesentliche Eingriffe in die deutsche Eisenbahn­tarifpolitik. Für den überseeischen Verkehr eines großen Teils von Deutschland liegen an sich nichtdeutsche Seehäfen wie Rotterdam, Amsterdam, Antwerpen und vielleicht Le Havre günstiger als die deutschen Häfen Bremen und Hamburg. Durch entsprechende Tarife der deutschen Eisenbahnen ist der überseeische Verkehr für diese Gebietsteile Deutschlands von den ausländischen Seehäfen ab und auf die deutschen Seehäfen hingelenkt worden. Das ist in Zukunft nach den Bestimmungen des Friedensvertrags nicht mehr möglich, und so wird ein großer Teil des Güterverkehrs, der bisher über die deutschen Seehäfen nach West-, Mittel- und Süddeutschland ging, in der Folge über die westlichen aus­ländischen Seehäfen gehen. Damit gewinnt die Wasserstraße des Rheines ganz außerordentlich an Bedeutung. Es erscheint aber ferner für die obengenannten Teile Deutschlands die Entstehung eines großen deutschen Markt- und Handels­platzes nötig. Dieser Platz zu werden, hat Köln alle Aussichten: es hat eine hervor­ragende Verkehrslage, ist Endpunkt der Rhein-Seefahrt, besitzt ausgezeichnete Eisenbahnverbindungen, große Bank- und Handelshäuser, und endlich ist es für eine Reihe von Jahren infolge der feindlichen Besatzung die beste Gelegenheit zum Handel mit den westlichen Staaten. Diese Entwicklung hat auch bereits in Köln eingesetzt: Eine außerordentlich große Reihe von Firmen hat sich hier niedergelassen, mehrere Hamburger Import- und Exporthäuser haben bereits Filialen errichtet; dasselbe haben ausländische Banken, erste Finanzinstitute und Firmen getan. Diese Entwicklung, meine Damen und Herren, kann nur voranschreiten, nur dann zu einem dauernden Erfolg führen,

(Zuruf Falk: Wenn Deutschland wieder in die Höhe kommt!)

wenn wir ihr die Möglichkeit dazu geben durch Schaffung der Verhältnisse, die sie braucht.

Die hat sie jetzt nicht: unsre Häfen reichen bei weitem nicht mehr, unsre Lagerhäuser sind überfüllt, Kontorräume sind nicht mehr zu haben, daher müs­sen wir unsre Häfen vergrößern, unsre sonstigen Verkehrseinrichtungen ver­bessern, Lager- und Kühlhäuser errichten, Kontorgebäude und Hotels bauen, und zwar sobald wie möglich. Ich beabsichtige für diese Zwecke von Ihnen eine Summe von rund 100 Millionen Mark zu erbitten. Ich weiß, dass damit ein gewis­ses Risiko verbunden ist. Aber trotzdem! Wir werden die Gelegenheit benutzen, wir werden es wagen müssen, und ich hoffe, dass die Zukunft unserm Vertrauen in sie recht geben wird, dass wir einer neuen größeren wirtschaftlichen Blüte unsrer geliebten Vaterstadt damit den Weg bereiten werden!


Quelle: Stenographische Berichte über die Verhandlungen der Stadtverordnetenversammlung zu Köln, Köln 1919, S. 332ff. Abgedruckt in: Konrad Adenauer 1917-1933. Dokumente aus den Kölner Jahren. Hrsg. v. Günther Schulz. Köln 2007, S. 103-107.