20. November 1927: Rede auf dem Bankett des Deutschen Fußball-Bundes anlässlich des Länderspiels Deutschland-Niederlande in Köln

Wir haben einen Krieg verloren und einen Zusammenbruch erlebt, wie ihn die Welt seit Jahrhunderten nicht gesehen hat. Wir haben eine fürchterliche Inflation mit all ihren körperlichen und geistigen Schrecken durchgemacht. Ich bin über­zeugt, dass, wenn das deutsche Volk nicht in seiner Turn- und Sportbewegung eine so ausgezeichnete Schulung in eiserner Disziplin gehabt hätte, es noch nicht da stände, wo es heute schon steht. Der Deutsche Fußball-Bund mit seiner Million Mitglieder (Herr Direktor Klose, vielleicht machen Sie den Herren in Berlin einmal klar, dass das alles Wähler sind!), der 300.000 Jugendliche schult, soll mit den großen Verbänden in der Öffentlichkeit seine Stimme erheben und soll in der ausgezeichneten klaren und von Übertreibung freien Weise, wie sie eben Herr Linnemann vorgetragen hat, der Öffentlichkeit und Herrn Dr. Schacht sagen, wie die Dinge liegen. Ich habe die Überzeugung (ich kenne Herrn Dr. Schacht seit vielen Jahren), dass, wenn Sie zu ihm gehen und ihm Ihre Gründe dartun, dies von großem Erfolg begleitet sein wird. Ich bitte Sie, das zu tun.

Herr Linnemann hat eben gesagt, dass in Bochum gerade die Schwerindustrie so reichen Beifall zollte. Ich kann Ihnen verraten, dass ich vor einigen Tagen einem Gespräch zwischen zwei Schwerindustriellen beigewohnt habe; einer der Herren griff in der Unterhaltung etwas abweisend auf die Sportbewegung über. Da hat ihm der andere erwidert: „Sie haben nicht recht; früher sahen Sie unsere Arbeiter an den Feierabenden fast nur mit der Schnapsflasche; die hat ihnen die Sportbewegung aus der Hand genommen. Heute sehen Sie sie auf dem Sport­platz." Wir haben heute im Stadion und heute Abend hier den Sport von einer andern Seite kennengelernt, nämlich von der völkerverbindenden. Die Herren aus Holland sind uns hier in Köln schon seit Jahrhunderten liebe Freunde, und diese Nachbarn sind uns immer herzlich willkommen. Dass heute die beiden Mannschaften so fair gekämpft haben, war für alle Zuschauer ein ausgezeichne­tes Bild und machte einen hervorragenden Eindruck. Freuen wir uns, dass durch solche Spiele die Völker in unserm armen Europa näher gebracht werden. Ich bitte Sie, ihr Glas zu erheben und mit mir zu trinken auf den völkerverbindenden und völkererziehenden Sport.

Quelle: „Kicker", Nr. 48, 29. November 1927. Abgedruckt in: Konrad Adenauer 1917-1933. Dokumente aus den Kölner Jahren. Hrsg. v. Günther Schulz. Köln 2007, S. 296f.