22. September 1930: Ansprache auf der Generalversammlung der Görres-Gesellschaft in Köln (Auszug)

[Eingangs wies Adenauer eindringlich auf die Notwendigkeit der Bestrebungen der Görres-Gesellschaft hin, die Wissenschaft im katholischen Deutschland zu fördern. Er betonte, dass der Staat die deutsche Wissenschaft seit Kriegsende tatkräftig unterstützt habe.]

Trotzdem erfüllt mich Sorge für die deutsche Wissenschaft. Nicht wegen gewis­ser Erscheinungsformen, nicht wegen der Zersplitterung im Spezialistentum. Ich denke an den wissenschaftlichen Nachwuchs. Ich darf mir ein Urteil erlau­ben, weil an der neuen Universität Köln das Kuratorium, dessen Vorsitzender der jeweilige Oberbürgermeister ist, das Recht hat, zu den Vorschlägen der Fakultäten Bemerkungen zu machen. Dieses Recht gibt Möglichkeiten und legt Verpflichtungen auf, die mich zu eingehender Beschäftigung mit diesen Fragen gezwungen haben. Die Aussichten sind erschreckend. Wenn man sich bemüht, einen hervorragenden Mann aus der jüngeren Generation zu finden, so muss man häufig bekennen: vacat! Ich kenne die Gründe, die darin liegen, dass zum akademischen Beruf eine hohe ideale Gesinnung und Liebe zur Sache gehört und anderseits der Materialismus und die Not der Zeit den jungen Mann zwingt, daran zu denken, schnell ins Verdienst zu kommen. Die Lage ist erschreckend, wenn ich an die Qualität und Quantität des wissenschaftlichen Nachwuchses denke. Das trifft in besonderem Maße für den katholischen Nachwuchs zu. Die Gründe liegen auch hier auf der Hand. Die Krise ist dadurch verstärkt, dass die Katholiken in Deutschland bis vor wenigen Jahren in der Universitätslaufbahn nichts zu suchen hatten, und die Erinnerung daran geht nicht von heute auf morgen verloren. Der katholische Volksteil ist ja auch mit Glücksgütern weniger gesegnet.

Diese Feststellungen haben nichts Beschämendes und Beschimpfendes. Wir müssen ihnen in die Augen sehen, und doch hat der deutsche Katholizismus eine große Aufgabe für das deutsche Land auf lange, lange Jahre hinaus zu erfüllen. Das setzt voraus, dass unsere jungen Katholiken sich mit den geistigen Proble­men unserer Zeit in erheblich steigendem Maße beschäftigen, wie das letzten Endes heute der Fall ist. Man muss feststellen, dass in manchen Gelehrtenkreisen derjenige Wissenschaftler, der nicht von vornherein zur Zunft gehört, durch das Mikroskop besichtigt wird. Aber die Tatsache bleibt wahr, dass wir Katholiken weniger Nachwuchs haben als die anderen. Das Bestreben, das zu ändern, muss vom Klerus in der stärksten und intensivsten Weise unterstützt werden. Das protestantische Pfarrhaus sendet von Jahr zu Jahr viele Gelehrte auf die deut­schen Universitäten. Das katholische Pfarrhaus muss die vorhandene Lücke mit ausfüllen helfen. Das ist eine Karitas, die auf die Zeit nach fünf Jahren wirkt und geeignet ist, uns dann wieder reichere Gaben zuzutragen. Man darf nicht so kurzsichtig sein, nur an die Not der Gegenwart zu denken.

Quelle: Jahresbericht der Görres-Gesellschaft 1929/30, Köln 1931, S. 57. Abgedruckt in: Konrad Adenauer 1917-1933. Dokumente aus den Kölner Jahren. Hrsg. v. Günther Schulz. Köln 2007, S. 257f.